mini|hochkant=1.25|Titelblatt der Erstausgabe von 1751 mini|hochkant=1.25|Titelseite zu Bachs Autograph. Der Titel lautet hier Die Kunst der Fuga. Die Titelseite wurde von Johann Christoph Altnikol geschrieben.

Die Kunst der Fuge (BWV 1080) ist ein von Johann Sebastian Bach komponierter, unvollendeter Zyklus von vierzehn Fugen und vier Kanons. Die meisten Fugen werden in diesem Werk Contrapunctus genannt. Die Erstausgabe erschien 1751, ein Jahr nach Bachs Tod.

Die Stücke demonstrieren Bachs Kompositionskunst als Variationen zu einem einzigen Hauptthema. Eine Ausnahme ist die einzige unvollendete Fuge. In der vorliegenden Form verarbeitet sie drei Themen (Tripelfuge), jedoch nicht das Hauptthema, das den anderen Stücken zugrunde liegt. Möglicherweise war sie als eine Fuge über vier Themen konzipiert (Quadrupelfuge).

Die Kunst der Fuge ist Gegenstand werkanalytischer, musikgeschichtlicher und quellenkritischer Untersuchungen. Insbesondere die unvollendete Fuge bietet bis heute Anlass zu vielfältigen Spekulationen. Die fachliche Diskussion thematisiert unter anderem Fragen zur Unabgeschlossenheit des Werks, die Abfolge der einzelnen Sätze und die von Bach vorgesehene Instrumentierung.

Allgemeines zum Werk Titel Der übliche Titel Die Kunst der Fuge stammt aus dem Erstdruck. Auf der Titelseite des Erstdrucks steht: „Die / Kunst der Fuge / durch / Herrn Johann Sebastian Bach / ehemahligen Capellmeister und Musikdirector zu Leipzig.“

Auf der Titelseite zu Bachs Autograph schrieb dessen Schwiegersohn Johann Christoph Altnikol: „Die / Kunst der Fuga / d. Sig[nore] Joh. Seb. Bach.“ Er schrieb also Fuga. Welche Titelvariante Bach selbst bevorzugt hätte, kann nur vermutet werden. Für den Titel Die Kunst der Fuga spricht, dass Altnikols Titelblatt älter ist als der ErstdruckHans-Jörg Rechtsteiner: Alles geordnet mit Maß, Zahl und Gewicht. Der Idealplan von Johann Sebastian Bachs Kunst der Fuge. 4., erweiterte und verbesserte Auflage, 2024 (PDF; 3,5 MB), S. 105 f. und dass Bach in seinen zahlreichen Überschriften zu Fugen in anderen Werken immer Fuga schrieb.Hans-Jörg Rechtsteiner: Alles geordnet mit Maß, Zahl und Gewicht. Der Idealplan von Johann Sebastian Bachs Kunst der Fuge. 4., erweiterte und verbesserte Auflage, 2024 (PDF; 3,5 MB), S. 107.

mini|Bach schrieb jede Stimme in einem eigenen Notensystem (Ausschnitt aus Contrapunctus 1 im Autograph)

Notation Bach schrieb in seinem Autograph jede Stimme der Fugen – die meisten Fugen sind vierstimmig – auf einem eigenen Notensystem. Er wählte die Partiturform, um die kontrapunktische Struktur des Werkes zu verdeutlichen.So schon Carl Philipp Emanuel Bach 1751 in einem Aufruf zur Subskription: „Da darinnen [= in der Kunst der Fuge] alle Stimmen durchgehends singen, und die eine mit so vieler Stärcke, als die andere ausgearbeitet ist: So ist iede Stimme besonders auf ihr eigenes Systema gebracht, und mit ihrem gehörigen Schlüssel in der Partitur versehen worden.“ Carl Philipp Emanuel Bach fügte hinzu, die Partitur ermögliche „besondere Einsichten in die Setz-Kunst“, also in die kunstvolle Komposition. Zitiert nach Thomas Wilhelmi: Carl Philipp Emanuel Bachs Avertissement über den Druck der »Kunst der Fuge«. In: Bach-Jahrbuch 1992, S. 101–105. Zugleich folgte er der alten Tradition, polyphone Tastenmusik in Partitur zu notieren, die ihre Blüte im 17. Jahrhundert erlebt hatte.Christoph Wolff (Hrsg.): Bach, Johann Sebastian: Die Kunst der Fuge (Klavierausgabe), 1987, S. 4. Zitat: „Partiturnotation polyphoner Tastenmusik galt seit Scheidt und Frescobaldi als Konvention“. Dafür stehen Werke namhafter Komponisten wie Frescobaldi, Scheidt, Froberger, Buxtehude und Kerll. In dem nach Bachs Tod fertiggestellten Erstdruck sind die Fugen ebenfalls in Partiturform gesetzt.

Die letzte, unvollendete Fuge schrieb Bach ausnahmsweise auf nur zwei Notensystemen (Klaviernotation), was die Frage nach dem Grund aufwirft. Im Erstdruck wird auch diese Fuge in Partiturform präsentiert, also mit vier Notensystemen für die vier Stimmen.

Musikalische Merkmale mini|Das Hauptthema der Kunst der Fuge

Wie die Goldbergvariationen und das Musikalische Opfer ist Die Kunst der Fuge eine Sammlung von Kompositionen über ein Thema, dessen Möglichkeiten systematisch erforscht werden. Albert Schweitzer merkte zu diesem Thema in d-Moll an:

Das Werk besteht aus 14 drei- und vierstimmigen Fugen und vier zweistimmigen Kanons. Bach verwendet zum einen verschiedene Fugenarten (einfache Fuge, Gegenfuge, Doppelfuge, Tripelfuge, Spiegelfuge, Kanon). Zum anderen ist das Fugenthema etlichen Veränderungen unterworfen: Umkehrung, Vergrößerung (Augmentation) und Verkleinerung (Diminution), rhythmische Umgruppierungen, eingefügte bzw. weggelassene Noten. Bei einigen Fugen (vor allem Contrapunctus 3, 8 und 11) fällt die massive Verwendung von Chromatik auf. In einzelnen Stücken kommen weitere Gestaltungsmittel hinzu, zum Beispiel Achtel- und Sechzehntel-Bewegungen, Überbindung, Punktierung, Triolen oder Sprungfiguren mit bevorzugten Intervallen. Mithilfe all dieser Kompositionstechniken erreicht Bach in der Kunst der Fuge eine große Formen- und Ausdrucksvielfalt.

Laut dem Pianisten Glenn Gould schuf Bach mit der Kunst der Fuge eine ganz neue Musik. Manche Passagen erinnerten ihn stilistisch an den flämisch-deutschen hymnischen Choral des 17. Jahrhunderts – mindestens 100 Jahre vor Bachs Zeit. Zugleich reicht die Chromatik des Werks laut Gould mindestens 100 Jahre, mindestens bis zu Wagners Zeit, in die Zukunft.Bach – Glenn Gould talks about the Art of fugue. Gould im Gespräch mit Bruno Monsaingeon, YouTube-Video (5:10 Min.). Hier 2:13 bis 4:10: „The interesting thing about that final fugue and to some extent about all of the Art of Fugue is that in it he literally turns his back on every kind of music of his time […] he reaches back at least a hundred years […] But the other side of the coin is that Bach introduces […] a degree of chromaticism that in many respects reaches out I think at least into the time of Wagner, at least for a hundred years […] it leaves the extrordinary impression of an infinitely expanding Universe.“Übersetzt: „Das Interessante an dieser letzten Fuge und zum Teil an der ganzen Kunst der Fuge ist, dass sich Bach in ihr buchstäblich von der gesamten Musik seiner Zeit abwendet […] er greift mindestens hundert Jahre zurück […] Aber die andere Seite der Medaille ist die, dass Bach […] einen Grad von Chromatik einführt, der in vieler Hinsicht mindestens in die Zeit Wagners hinausreicht, mindestens hundert Jahre voraus … es vermittelt den außerordentlichen Eindruck eines immer weiter expandierenden Universums.“ Die unvollendete Schlussfuge war für Gould das emotional bewegendste Werk der ganzen Musikgeschichte.Bach – Glenn Gould talks about the Art of fugue. Gould im Gespräch mit Bruno Monsaingeon, YouTube-Video (5:10 Min.), hier 1:41 bis 2:13: „There are moments in the Art of Fugue that are much more valuable than its virtuosity, I think; moments that for me absolutely surpass everything else that Bach wrote. I really can’t think of any music that moved me more deeply than that last fugue […] It really is because that final fugue has a sense of peace, a devotional quality that I think even for Bach is really overwhelming.“Übersetzt: „Ich glaube, es gibt Momente in der Kunst der Fuge, die viel wertvoller sind als ihre Virtuosität; Momente, die für mich alles andere, das Bach schrieb, absolut übertreffen. Ich kenne keine andere Musik, die mich mehr bewegt hat als diese letzte Fuge […] Es ist wirklich deshalb, weil diese letzte Fuge eine Atmosphäre des Friedens und eine andächtige Qualität vermittelt, die sogar für Bach wirklich überwältigend ist.“

Bezeichnungen der Stücke In Bachs Autograph werden die Stücke, wenn überhaupt, anders bezeichnet als im Erstdruck. Siehe dazu unten die Vergleichstabelle.

Die Kanons haben in Bachs Autograph eine Überschrift, aber eine andere als im Erstdruck. In beiden Quellen wurden die Kanons nicht nummeriert.

Die Fugen haben im Autograph keine Überschrift. Im Erstdruck werden die ersten 13 Fugen Contrapunctus genannt – ab Contrapunctus 6 mit Zusätzen wie a 4 (= „für vier Stimmen“) oder inversus (Contrapunctus inversus = Spiegelfuge).

Die Nummerierung der Contrapuncti reicht im Erstdruck bis 12 – bei der ersten Spiegelfuge: Contrapunctus inversus 12 a 4. Analog dazu bezeichnet man die zweite Spiegelfuge als Contrapunctus 13 – und schließlich die unvollendete Fuge häufig als Contrapunctus 14, obwohl diese im Erstdruck nicht Contrapunctus genannt wird, sondern Fuga a 3 Soggetti (im Erstdruck werden außerdem zwei vierstimmige Fassungen von Contrapunctus 13 als Fuga bezeichnet). Somit ist Contrapunctus mit einer nachfolgenden Nummer insgesamt die üblichste Bezeichnung für die einzelnen Fugen in diesem Werk. In der Literatur wird für Contrapunctus auch die Abkürzung Cp. verwendet.

Im Autograph taucht bei zwei Kanons ein heute ungebräuchlicher griechischer Begriff auf: Hypodiapason (d. h. „Unteroktave“, eine Oktave nach unten) bzw. Hypodiatessaron (d. h. „Unterquarte“, eine Quarte nach unten). Ansonsten ist das Wortmaterial teils lateinisch, teils italienisch. Im Erstdruck wurde viel Italienisch beigemischt. Dies ist unter anderem kenntlich an vielfach a und alla sowie bei Wörtern wie Francese, Ottava, Terza, Contrapunto und Soggetti. Außerdem kommt das deutsche Wort Clav[ier] zweimal vor.

Zählung der Fugen Die 14 Fugen verteilen sich auf 19 einzelne Stücke im Erstdruck. Dies liegt vor allem an den Spiegelfugen, denen jeweils zwei Stücke entsprechen: die Version in der Urform und die Version in der gespiegelten Form. Die zweite Spiegelfuge (Contrapunctus 13) ist zudem sowohl dreistimmig als auch in einer vierstimmigen Fassung für zwei Tasteninstrumente vertreten, so dass noch einmal zwei Stücke hinzukommen. Ferner enthält der Erstdruck zusätzlich zu Contrapunctus 10 auch eine Frühfassung dieser Fuge, somit ist auch Contrapunctus 10 mit zwei Stücken vertreten. Wenn man nach Stücken zählt, enthält der Erstdruck insgesamt 19 Fugen.

In der Literatur, in Noten und auf Tonträgern werden die Nummern der Contrapuncti teils mit römischen Ziffern geschrieben (z. B. Contrapunctus VIII), teils wie im Erstdruck (z. B. Contrapunctus 8). Wegen der besseren Lesbarkeit wird in diesem Artikel die letztere Schreibweise verwendet.

Die Schreibweise mit römischen Ziffern wird teilweise im Zusammenhang mit der Zählung von 19 Fugen verwendet (oder allgemeiner: wenn mehr als 14 Fugen nummeriert werden). Beispielsweise ist die Schreibweise Contrapunctus XIX wesentlich häufiger als die Schreibweise Contrapunctus 19. Die Schreibweise mit römischen Ziffern kommt aber auch bei der Zählung von nur 14 Contrapuncti vor.

Die Fugen und Kanons Nachfolgend werden die einzelnen Stücke genauer beschrieben – gemäß der Zählung von insgesamt 14 Fugen (Contrapuncti) und in der Reihenfolge des Erstdrucks.

Einfache Fugen Das Werk beginnt mit vier „einfachen“ vierstimmigen Fugen, bei denen das Fugenthema in seiner Urgestalt verwendet wird (also ohne Umspielungen oder Varianten). Die dritte und die vierte Fuge sind über die Umkehrung des Themas gearbeitet.

mini|hochkant=1.7|Überbindung in Contrapunctus 1