Die Marburger Burschenschaft Rheinfranken ist eine pflichtschlagende und farbentragende Studentenverbindung in der hessischen Universitätsstadt Marburg. Die Burschenschaft ist Mitglied im Korporationsverband Deutsche Burschenschaft (DB).
Sie wurde 1880 als „Akademischer Verein für Studierende der neueren Philologie zu Marburg“ gegründet und erhielt 1925 mit der Aufnahme in die DB ihren heutigen Namen.
Die Burschenschaft Rheinfranken trat wiederholt durch nationalistische und geschichtspolitisch revisionistische Bezüge in Erscheinung. Die Aktivitas der Burschenschaft wird vom Verfassungsschutz Hessen als rechtsextrem eingestuft (Stand: 2024).
Allgemeines In die Burschenschaft aufgenommen werden nur männliche deutsche Studenten, wobei „deutsch“ nicht über die Staatsangehörigkeit, sondern entsprechend der völkischen Kriterien der Deutschen Burschenschaft über einen volkstumsbezogenen Vaterlandsbegriff definiert wird. Bis zur Aussetzung der Wehrpflicht 2011 wurden keine Wehrdienstverweigerer aufgenommen.
Die Mitglieder der Marburger Burschenschaft Rheinfranken müssen mindestens zwei gültige bzw. ziehende Schlägerpartien gefochten haben. Der Wahlspruch der Burschenschaft lautet „Vaterland – Freundschaft – Ehre“. Im Jahre 2009 bestand sie aus 195 Mitgliedern sowie dem Freundeskreis, wobei sich die Mitglieder zum einen in die Aktivitas (Studierende vor Ort) und zum anderen in den Altherrenverband aufteilen. Im Freundeskreis kommen Mäzene, Förderer und Wegbegleiter zusammen.
Geschichte Gründungsphase mini|Zeit-, Namens- und Geschichtstafel der heutigen Marburger Burschenschaft Rheinfranken
Die Marburger Rheinfranken gehen auf den 1878 gegründeten Philologisch-Historischen Verein zurück. Daraus ging am 13. Mai 1880Ernst Hans Eberhard: Handbuch des studentischen Verbindungswesens. Leipzig, 1924/25, S. 94. der Akademische Verein für Studierende der neueren Philologie zu Marburg hervor, aus dem die heutige Marburger Burschenschaft Rheinfranken entstand. Zu den Gründungsmitgliedern zählten einige Schüler des Marburger Professors für romanische Philologie, Edmund Max Stengel, der Ehrenmitglied wurde. Unter den Stiftern waren Ludwig Römer (erster Sprecher), Otto Klein, Wilhelm Maus und August Vordieck zuvor bereits an der Kaiser-Wilhelm-Universität Straßburg beim dortigen (neu-)philologischen Verein aktiv gewesen. Einige andere Stifter gehörten gleichzeitig auch dem im selben Semester gestifteten Akademischen Turnverein Philippina an. Nach kurzer Zeit wurde von diesen aber verlangt, sich für einen der beiden Vereine zu entscheiden und eine klare Trennung herbeigeführt.Wilhelm Henkel: Zur Geschichte der Rheinfranken. In: Rheinfranken-Zeitung, 2. Jg. (1924), Nr. 3, S. 2.
Zweck des Marburger Vereins war die Hebung des wissenschaftlichen Interesses und der Pflege der Geselligkeit unter den Studierenden der neueren Philologie. Zu den Aktivitäten gehörten Vortragsabende und die Studentenkneipe. Wenige Monate nach seiner Gründung wurde der Verein Mitglied im Cartellverband neuphilologischer Vereine an deutschen Hochschulen, dem späteren Weimarer Kartellverband.Paulgerhard Gladen: Die deutschsprachigen Korporationsverbände. 4. aktualisierte und erweiterte Auflage. WJK-Verlag, Hilden 2014, ISBN 978-3-933892-28-7. S. 306.
1881 nahm der Verein die heutigen Farben mit Wappen und Zirkel an. Die Farben schwarz-silber-blau lehnen sich an die Amtstracht der damaligen Professoren der Fakultät an, welche schwarze Talare mit blauen Aufschlägen und silbernen Knöpfen trugen. Der Zirkel zeigt die in sich verschlungenen Buchstaben S–P–R, die als Abkürzung für die lateinische Vereinsbezeichnung „Societas Philologorum Recentium“ stehen. Der Verein war zunächst nichtschlagend. Im Jahre 1890 wurde er in Akademisch-Neuphilologischer Verein umbenannt. Nach und nach entwickelten sich korporative Tendenzen, so bis zur Jahrhundertwende die Einteilung in Füxe, aktive und inaktive Burschen und Alte Herren. Seit dem Jahr 1890 war das Tragen von Bier- und Weinzipfeln in den Vereinsfarben gestattet. Ab 1896 wurde es zur Pflicht. Der Verein wurde nun politischer. Seit 1893 bestand die Pflicht, Schlägerkurse zu besuchen. Ab 1910 wurden Säbelkurse obligatorisch. Der Verein folgte dem damals üblichen Prinzip unbedingter Satisfaktion. Der Säbel wurde als studentische Ehrenwaffe anerkannt.
Zusehends wurden Germanisten, Historiker und Altphilologen in den Verein aufgenommen, weshalb 1908 der Name in Akademisch-Philologischer Verein geändert wurde. Bis 1908 gastierte der Verein im Turnergarten, später dienten die Marburger Stadtsäle als neues Verkehrslokal. 1913 wurde ein eigenes Grundstück im heutigen Kaffweg erworben.
Weimarer Republik 1920 gab sich der Verein den Namen „Wissenschaftliche Verbindung Rheinfranken“ und vollzog damit endgültig den Schritt vom akademischen Verein zur farbentragenden Studentenverbindung.
Im selben Jahr trat die Mehrheit der korporierten Studenten Marburgs dem Studentenkorps Marburg (StuKoMa) bei, einem Zeitfreiwilligenverband zur Unterstützung der Reichswehr anlässlich der bürgerkriegsartigen Zustände im Deutschen Reich. An den Ereignissen von Mechterstädt war die Wissenschaftliche Verbindung Rheinfranken im Gegensatz zu den Marburger Corps und Burschenschaften nicht beteiligt. Ihre Aktiven gehörten nicht zum von Bogislav von Selchow kommandierten ersten Bataillon des StuKoMa, sondern wie die der anderen wissenschaftlichen Vereine und Verbindungen Marburgs zur 8. Kompanie im zweiten Bataillon unter Hauptmann a. D. Karl-Ludwig von Buttlar. Das zweite Bataillon wurde einige Tage nach dem ersten aufgestellt und griff erst in die Kämpfe in Thüringen ein, nachdem es bereits zu den dortigen Gefangenenerschießungen gekommen war.Bernhard Schroeter: Marburger Studenten im Freikorps-Einsatz in Thüringen und die Ereignisse von Mechterstädt. WJK-Verlag, Hilden 2023, ISBN 978-3-910672-01-7, S. 174–175.
Im Jahr 1921 nahm Rheinfranken die Verbindung auf, aus der sie ursprünglich hervorgegangen war, den vormaligen „Philologisch-Historischen Verein“. 1910 war der PhHV nach langer Vertagung wieder reaktiviert worden, als man die korporative „Altphilologische Gesellschaft“ (gegr. 1902 als Lesezirkel von Studenten der alten Sprachen, die sich keiner Korporation anschließen wollten) als neue Aktivitas in den Verein integrieren konnte. In den folgenden Semestern wurden eine Prunkfahne, Chargenwichs und Paukzeug angeschafft und der Kontraboden obligatorisch. Seit 1910 tagte man dauerhaft im Gasthaus Schützenpfuhl, dem historischen Wirtshaus an der Lahn. 1919 wurde der Verein schließlich in „Wissenschaftliche Verbindung Hercynia“ umbenannt, grün-gold-rote Bänder und grüne Mützen angelegt und sich zur unbedingten Satisfaktion bekannt.
Da die Hercynia weniger Neueintritte verzeichnete und wie Rheinfranken Mitglied im Göttinger Kartell war, entschlossen sich beide Schwesterbünde zum Aufgehen der Hercynia in Rheinfranken. Letztere Verbindung wurde so zu einer der stärksten Marburgs.Ludwig Kleeberg: VIII. Abschnitt 1878–1921. Zur Geschichte der Verbindung Hercynia. Unter Mitwirkung von Friedrich Busch und Hans Kothe, in: Altherrenverband der Burschenschaft Rheinfranken (Hrsg.): Zur Geschichte der Marburger Burschenschaft Rheinfranken 1880–1930, Marburg 1932, S. 83–94
Am 1. Januar 1922 änderte der Bund seinen Namen in „Verbindung Rheinfranken Marburg“ und trat aus dem Göttinger Kartell aus. Fortan wurde sich um den Anschluss an einen der großen waffenstudentischen Korporationsverbände bemüht.
Die Vereinsmitglieder, die sich untereinander Bundesbruder nannten (und bis heute nennen), reichten 1924 ein Aufnahmegesuch bei der Deutschen Burschenschaft ein. Das wurde auf dem Burschentag in Danzig zunächst abgelehnt. Einerseits, weil die Rheinfranken noch über kein Korporationshaus verfügten, andererseits, weil man mit Arminia, Alemannia, Germania sowie der aus Bonn vertriebenen Burschenschaft der Norddeutschen bereits vier Burschenschaften an der Philipps-Universität Marburg vertreten hatte.
Mit dem Erwerb eines Baugrundstücks in der Lutherstraße 1925 durch den Altherrenverband begann der Bau eines Korporationshauses. Auf dem Burschentag in Eisenach am 31. Mai 1925 wurden die Rheinfranken als vorerst probendes Mitglied in die Deutsche Burschenschaft aufgenommen. Der Verein änderte nun seinen Namen in „Marburger Burschenschaft Rheinfranken“. 1927 wurde die Burschenschaft als ordentliches Mitglied in die Deutschen Burschenschaft aufgenommen.
1927 konnte auch das „Rheinfrankenhaus“ bezogen werden. Mit der ansteigenden Zahl von Studenten infolge der Weltwirtschaftskrise wuchs die Burschenschaft. In dieser Zeit wurden durchschnittlich 40 bis 50 Mitglieder pro Semester bzw. pro Trimester aufgenommen.
Nationalsozialismus Seit dem Sommersemester 1934 verschärfte der nationalsozialistische Studentenfunktionär Gerhard Todenhöfer, selbst Bruder eines Marburger Arminen, den Druck auf die bestehenden Korporationen. Die Burschenschaft Rheinfranken wurde am 6. November 1935 zeitgleich mit sechs weiteren Verbindungen (Burschenschaft Arminia, Burschenschaft Germania, Landsmannschaft Hasso-Borussia, Turnerschaft Philippina, AMV Fridericiana und ATV Marburg) auf dem Marburger Marktplatz im Rahmen einer öffentlichen Feierstunde in je eine Kameradschaft des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund (NSDStB) überführt.Anne Christine Nagel: Die Philipps-Universität Marburg im Nationalsozialismus: Dokumente zu ihrer Geschichte. Franz Steiner Verlag, 2000, S. 281. Da der NSDStB den neuen Kameradschaften aber willkürlich Studienanfänger als Anwärter sowie zur Kontrolle jeweils zwei Studentenbundsmitglieder zuwies, regte sich Widerspruch. Mit Schreiben vom 2. Februar 1936 beantragten die Kameradschaften ihre Beurlaubung, die von der Studentenschaftsleitung zum Semesterende in eine Auflösung umgewandelt wurde. Am 14. Mai untersagte Rudolf Heß allen Angehörigen der NSDAP und ihrer Formationen die gleichzeitige Mitgliedschaft in einer studentischen Korporation, womit das Ende der aktiven Verbindungen besiegelt wurde. Auf dem Rheinfrankenhaus wurde fortan ein inoffizieller Aktivenbetrieb fortgesetzt, wobei der Altherrenverband gleichzeitig weiter mit Gaustudentenführer Todenhöfer über die Bildung einer neuen Kameradschaft verhandelte.Bernhard Grün: Zwischen Fronteinsatz und Freiheitsklang – Studententum und Kameradschaftswesen im Nationalsozialismus (Historia academica Bd. 57), Würzburg 2019, ISBN 978-3-930877-52-2, S. 371 ff.