mini|Karte der ersten Sträflingskolonie Australiens am Port Jackson, dem natürlichen Hafen des späteren Sydney, aus dem Jahre 1789, gezeichnet von einem Sträfling. In dieser Karte sind auch sieben Schiffe der First Fleet eingezeichnet.

Der Begriff Sträflingskolonie Australien ist als Bezeichnung des frühen Australien üblich. In der ehemaligen Kolonie Australien gab es mehrere Sträflingskolonien, zuerst in Sydney und dem daraus später entstehenden New South Wales, eine „Zweigstelle“ von Sydney auf Norfolk Island, ferner in Tasmanien, damals „Van Diemen’s Land“, und gegen Ende der Sträflingsverschiffung von 1851 bis 1868 in Western Australia. Die Deportation von Sträflingen nach Australien, auf Englisch „Transportation“ genannt, begann im Jahr 1787 mit dem Ablegen der elf Schiffe der First Fleet und endete am 26. Juni 1857 gesetzlich.Arthur Phillip, Rudolf Plischke (Bearbeitung): Australien. Die Gründung der Strafkolonie. S. 24. De facto endete sie allerdings erst am 9. Januar 1868 mit der Anlandung des Schiffs Hougoumont in Fremantle in Western Australia.Convicts to Australia. Abgerufen am 2. Juli 2010.

Die australische Regierung geht in einer offiziellen Stellungnahme von insgesamt ca. 162.000 Sträflingen aus, die auf 806 Schiffen transportiert wurden. In: Australian Government. Abgerufen am 7. März 2015. (englisch)

Vorgeschichte Strafrecht Im englischen Strafrecht wurde bis zum Anfang des 18. Jahrhunderts die Todesstrafe für Hochverrat, Mord, Totschlag, Körperverletzung, Raub, Notzucht und Diebstahl verhängt, darunter fielen auch Urkundenfälschung und Falschmünzerei. Die Verschickung in Strafkolonien wurde als Ersatz für die Todesstrafe betrachtet. Sie blieb als Ersatz für die Todesstrafe bis zum 26. Juni 1857 in Gesetzeskraft.

Ein Gesetz aus dem Jahre 1718 erlaubte die Deportation bei Vergehen mit einer Strafe von sieben Jahren, also auch für den kleinen Diebstahl. Dies bedeutete, dass nahezu alle Straftaten mit gleichem Strafmaß belegt werden konnten.Arthur Phillip, Rudolf Plischke (Bearbeitung): Australien. Die Gründung der Strafkolonie. S. 28.

1784 wurde König Georg III. durch eine Parlamentsakte ermächtigt, geeignete Verschickungsorte zu bestimmen. Er und der Staatsrat beschlossen am 6. Dezember 1786, an der Ostküste Australiens einen Gefängnisort zu errichten.Arthur Phillip, Rudolf Plischke (Bearbeitung): Australien. Die Gründung der Strafkolonie. Lamuv, Göttingen 2001, ISBN 3-88977-593-4, S. 33. Captain Arthur Phillip wurde zum ersten Führer des Transports ernannt und zugleich zum ersten Gouverneur von New South Wales.

Soziale Verhältnisse mini|Britische Gefängnisschiffe in Portsmouth Nicht erst mit dem Verlust der amerikanischen Kolonien im Unabhängigkeitskrieg von 1783 war die soziale Lage der englischen Bevölkerung schlecht, sondern infolge der Mechanisierung der Arbeit in Manufakturen mit niedrigen Löhnen, Kinderarbeit und langen Arbeitszeiten ohne Erholungsmöglichkeiten setzte eine Verelendung ein.

Mit dem Verlust der amerikanischen Kolonien verschärfte sich die soziale Lage weiter, und die Kriminalitätsrate stieg weiter an. Zuvor waren Verbrecher in die amerikanischen Kolonien zur Strafarbeit verbannt worden. Die Kapazitäten der Gefängnisse und die alternative Unterbringung in Gefängnisschiffen waren erschöpft, um die zahlreichen Gefangenen aufzunehmen. Es bedurfte neuer Alternativen zur Unterbringung. Diese Faktoren führten zu der Entscheidung der britischen Regierung im Jahre 1787, in Neu-Holland, so die damalige Bezeichnung Australiens, eine Sträflingskolonie zu errichten.

Politische Verhältnisse Als weiterer möglicher Grund zur Errichtung der australischen Kolonie gilt, dass England nach dem Verlust der nordamerikanischen Kolonien in eine politisch defensive Position gegenüber Frankreich geraten war und durch die Einrichtung einer befestigten Sträflingskolonie seine militärische Präsenz im pazifischen Raum verstärken wollte.Albrecht Hagemann: Kleine Geschichte Australiens. C. H. Beck Verlag, München 2004, ISBN 3-406-51101-5 (online in Teilen auf Google Books)

Gründungsphase Erste Gefangenentransporte mini|Ankunft von Sträflingen in der Botany Bay Am 9. Mai traf Captain Arthur Phillip, der erste Gouverneur von New South Wales, in Portsmouth ein, und am 13. Mai 1787 legte die aus elf Schiffen bestehende Flotte der First Fleet an der Mother Bank in der Nähe der Isle of Wight ab. Es waren zwei Kriegsschiffe, drei Schiffe mit Lebensmitteln, Gerätschaften und Vorräten und sechs Schiffe für den Transport der Sträflinge. Die Kriegsschiffe, die Sirius und die Supply, standen unter dem Kommando von Captain John Hunter. Die Sirius war das Flaggschiff des Gouverneurs Phillip. Die Anzahl der Soldaten einschließlich der Offiziere der Royal Navy betrug 212 (davon durften 28 Offiziere ihre Ehefrauen und Kinder mitnehmen), und die Anzahl der Sträflinge betrug 778; 13 Kinder der Sträflinge wurden auf die Schiffe verteilt.Arthur Phillip, Rudolf Plischke (Bearbeitung): Australien. Die Gründung der Strafkolonie. S. 37 f. Als die Flotte bei Santa Cruz am 2. Juni vor Teneriffa ankerte, waren neun Seesoldaten und 72 Sträflinge krank und 21 Sträflinge tot, darunter drei Kinder der Sträflinge.Arthur Phillip, Rudolf Plischke (Bearbeitung): Australien. Die Gründung der Strafkolonie. S. 44. Auf diesen Schiffen wurde auf den Ausbruch gefährlicher Krankheiten geachtet, und deshalb starben auf dieser Fahrt nur insgesamt 45 Personen, 36 Männer, vier Frauen und fünf Kinder.Arthur Phillip, Rudolf Plischke (Bearbeitung): Australien. Die Gründung der Strafkolonie. S. 101.

Am 18. Januar 1788 erreichte die HMS Supply als erstes der insgesamt elf Schiffe der First Fleet die australische Botany Bay. Da sich Botany Bay als ungeeignet für eine Siedlung erwies, wurde schließlich Port Jackson dafür ausgewählt und erhielt den Namen Sydney.

Am 7. Februar 1788 wurde an der Küste die erste gesetzliche Regierung installiert, in deren feierlichem Rahmen 14 Sträflinge heirateten. Allerdings wurden gegen Ende Februar sechs Sträflinge wegen Diebstahls vor Gericht gestellt und zum Tode verurteilt. Der Rädelsführer wurde sofort hingerichtet, einer wurde begnadigt, und vier wurden auf einer Insel bei trocken Brot und Wasser ausgesetzt.Arthur Phillip, Rudolf Plischke (Bearbeitung): Australien. Die Gründung der Strafkolonie. S. 63 u. 73

Der zweite Gefangenentransport, die Second Fleet, wurde von einer Transportfirma durchgeführt, die früher Sklaventransporte nach Amerika ausgeführt hatte. Es war ein fester Transportpreis für jeden Sträfling ausgehandelt worden, der unabhängig davon zu zahlen war, ob die Person ihr Ziel lebend oder tot erreichte. Die Flotte verließ England am 19. Januar 1790 mit 1006 Sträflingen, davon 928 Männer und 78 Frauen, und kam im Juni in Sydney an. Die Todesrate war die höchste aller Transporte nach Australien, denn von den Sträflingen starben 267 auf den Schiffen, davon 256 Männer und 11 Frauen. Weitere 150 starben nach der Landung im Hafen.Robert Hughes: The Fatal Shore. The epic of Australia's founding. Knopf, New York 1987, ISBN 0-394-50668-5, S. 145. Jeder Vierte auf See erreichte Sydney nicht. Informationen auf www.historyaustralia.org.au Die neu ankommenden Sträflinge, von denen die meisten krank waren oder sich in einem schlechten Gesundheitszustand befanden, trafen auf die halb verhungerten Sträflinge der First Fleet. Als erste Maßnahme verkauften die Verantwortlichen der Second Fleet überzählige Lebensmittel und Bekleidung. Der Gesundheitszustand der Menschen der Second Fleet war derart schlecht, dass sich beispielsweise von 499 Sträflingen des Transportschiffs Neptune lediglich 72 in einem als normal zu bezeichnenden Gesundheitszustand befanden.Robert Hughes: The Fatal Shore. The epic of Australia's founding. Knopf, New York 1987, ISBN 0-394-50668-5, S. 96–108.

Auf der Surprize, einem Schiff der Second Fleet, kamen Thomas Muir of Huntershill, Thomas Fyshe Palmer, William Skirving und Maurice Margarot an. Sie waren die ersten politischen Sträflinge, die sich für bürgerliche Rechte eingesetzt und damit gegen die britische Obrigkeit gewendet hatten und zur Strafe nach Australien deportiert wurden.

Der dritte Schiffstransport, die Third Fleet, fand im Jahr 1791 mit elf Schiffen und 2.000 Passagieren statt, auf denen 194 männliche und vier weibliche Sträflinge starben. Als die Nachricht von der hohen Todesrate in London ankam, war die Third Fleet bereits unterwegs. Der für die Transportation zuständigen Reederei wurde kein weiterer Auftrag erteilt.

Überlebenskampf mini|Bewachte Sträflinge beim Gang zur Arbeit (vermutl. 1808) Nachdem die First Fleet angekommen war, bestand die Verpflegung für je eine Woche aus 4 engl. Pfund salzigem Rind- und 2 Pfund Schweinefleisch, 2 Pints getrockneten Erbsen, 3 Pints Weizenmehl, 7 Pfund Schiffszwieback, 12 Oz Hartkäse, 6 Oz Butter und ½ Pint Essig. Die Ausgabe der Lebensmittel, die für zwei Jahre reichen sollte, erfolgte wöchentlich rationiert an die Seeleute, Offiziere, Marinesoldaten und Sträflinge. Die männlichen Sträflinge erhielten lediglich 2/3 der vorgenannten Rationen und die weiblichen 2/3 der männlichen Sträflinge. Die Flotte brachte auch 2 Bullen und 5 Rinder, 29 Schafe, 19 Ziegen, 74 Hunde und Schweine, 5 Hasen, 18 Truthähne, 35 Enten, 35 Gänse und 209 Hühner mit nach Australien, doch die Weiterzucht misslang.

mini|links|Sträflinge, die vor einen Pflug eingespannt wurden

Um erfolgreich Landwirtschaft zu betreiben, fehlten 1788 alle Zugtiere. Erst im Jahr 1803 kam der erste Pflug in Australien an. Nur Offiziere durften einen Gemüsegarten anlegen, den Sträflinge bewirtschaften mussten. Der Ertrag blieb bescheiden und Eintönigkeit des Essens wie auch Hunger bestimmten in den ersten Jahren das Leben der neugegründeten Sträflingskolonie. Die Kolonisten lebten in den ersten Jahren weitestgehend friedlich neben der indigenen Bevölkerung und konnten daher sicherlich erkennen, dass diese nicht unter schwerer Unterernährung litt, da sie sich u. a. auch von lokalen Pflanzen ernährte. Daher bleibt es unverständlich, warum sie dieses Wissen nicht übernahmen und anwendeten. Eine mögliche Erklärung hierfür ist, dass sie in ihrer kolonialen Überheblichkeit lieber verhungerten als „Blackfella-Essen“ zu sich zu nehmen.The final gastronomic frontier. In: The Age. 16. Juli 2002. Die Kolonisten ernteten wenig lokale Pflanzen wie smilax glycophylla, eine Stechwinde, genannt sweet tea (süßer Tee), und wild wachsenden Spinat.