Theophilos von Edessa (* 695; † Mitte Juli 785)Wahrscheinlich am 15. Juli 785, siehe Herman G. B. Teule: Theophilus of Edessa. In: David Thomas, Barbara Roggema (Hrsg.): Christian-Muslim Relations. A Bibliographical History. Volume 1 (600–900). Leiden 2009, S. 305. war ein syrischer Gelehrter. Wenngleich überzeugter Christ, war er am Hof des Kalifen al-Mahdi in Bagdad als Hofastrologe und bedeutender Gelehrter tätig. Theophilos war vielfältig gebildet und verfügte über gute Kenntnisse der griechischen Literatur. Er war anscheinend mit einigen persischen und vielleicht auch indischen astrologischen Schriften vertraut. Theophilos schrieb zahlreiche Werke, unter anderem Übersetzungen griechischer Schriften ins Syrische, astrologische Abhandlungen und eine Chronik, die bis zur Mitte des 8. Jahrhunderts reichte. Seine Tätigkeit deutet auf das lebendige intellektuelle Milieu syrischer Christen auch unter der islamischen Herrschaft hin. Seine Werke wurden von mehreren späteren Autoren herangezogen, doch sind sie nicht vollständig erhalten.
Es ist gesichert, dass seine heute verlorene Chronik vom syrischen Bischof Dionysius von Tell Mahre und anderen Geschichtsschreibern benutzt wurde und eine wichtige Quelle für die Geschichte des 7. und frühen 8. Jahrhunderts im Vorderen Orient war. Sehr wahrscheinlich stand ein Teil ihres Materials – vermittelt durch eine Zwischenquelle – auch dem byzantinischen Chronisten Theophanes zur Verfügung.
Leben miniatur|250px|Die islamische Expansion bis 945 (nach Gustav Droysens Handatlas, 1886)
Über das Leben des Theophilos ist nur sehr wenig bekannt.Siehe allgemein die aufgeführte Literatur mit weiteren Hinweisen. Knapper Überblick zur Vita mit Literatur in: Robert Hoyland (Hrsg.): Theophilus of Edessa’s Chronicle and the Circulation of Historical Knowledge in Late Antiquity and Early Islam. Liverpool 2011, S. 6f.; Prosopographie der mittelbyzantinischen Zeit. 1. Abteilung. Band 4, 2001, S. 640. Er war der Sohn eines gewissen Thomas (daher auch die arabische Bezeichnung Thawafil ibn Tuma) und stammte aus der bedeutenden syrischen Stadt Edessa, die im Machtbereich des Kalifats lag. Bereits in den 30er und 40er Jahren des 7. Jahrhunderts hatten die muslimischen Araber die Ostprovinzen des Byzantinischen Reichs erobert und die zweite spätantike Großmacht, das neupersische Sāsānidenreich, sogar zerschlagen. Bis ins frühe 8. Jahrhundert kamen Nordafrika und die Iberische Halbinsel im Westen hinzu, während im Osten die Grenze Indiens erreicht wurde (zu Details siehe Islamische Expansion). Byzanz, das zugleich von Awaren, Slawen und Bulgaren von Norden und Arabern von Südosten und über das Meer bedrängt wurde, zog sich auf dem Balkan an die Küstensäume zurück und verteidigte Kleinasien. 674 bis 678 und noch einmal 717 bis 718 wurde die Hauptstadt Konstantinopel von den Arabern belagert, bevor sich die Lage zwischen dem Reich und dem Kalifat, wo ab Mitte des 8. Jahrhunderts die Abbasiden regierten, stabilisierte.Historischer Überblick für die Entwicklung im Vorderen Orient ab dem 7. Jahrhundert unter anderem bei: Judith Herrin: The Formation of Christendom. Princeton 1987, S. 183–219; Ralph-Johannes Lilie: Byzanz. Das zweite Rom. Berlin 2003, S. 75–94; Chris Wickham: The Inheritance of Rome: A History of Europe from 400 to 1000. London 2009, S. 279–297. Vgl. allgemein auch James Howard-Johnston: Witnesses to a World Crisis. Oxford 2010.
Die große Mehrheit der Bevölkerung im Vorderen Orient und Nordafrika war zu diesem Zeitpunkt noch immer christlich. Wie viele andere Christen im Kalifenreich scheint sich auch Theophilos mit den politischen Verhältnissen arrangiert zu haben, zumal bereits bei seiner Geburt Byzanz längst die Kontrolle über den syrisch-nordmesopotamischen Raum verloren hatte.Zum politischen Milieu in dieser Zeit siehe Chase Robinson: Empire and Elites after the Muslim Conquest. The Transformation of Northern Mesopotamia. Cambridge 2000. Vgl. auch Milka Levy-Rubin: Non-Muslims in the Early Islamic Empire: From Surrender to Coexistence. Cambridge 2011. Theophilos war ein umfassend gebildeter Gelehrter und sprach neben seiner syrischen Muttersprache fließend Griechisch. Er galt als hervorragender Astronom, womit aber eher seine astrologische Tätigkeit gemeint war. Er war, wie aus seinen Werken hervorgeht, überzeugter Christ; späteren Berichten zufolge soll er Maronit gewesen sein, doch es ist unklar, ob dies zutrifft. Aufgrund seines guten Rufs war er vielleicht bereits in der Zeit al-Mansurs (754–775) am Kalifenhof in Bagdad tätig. Offensichtlich betrachtete Theophilos seine Tätigkeit für einen muslimischen Herrscher nicht als Widerspruch zu seinem persönlichen Glauben, zumal christliche Gelehrte keine Seltenheit am Kalifenhof waren und sogar christliche Bischöfe gute Kontakte zu den muslimischen Behörden pflegten. Unter Kalif al-Mahdi (775–785) wurde Theophilos schließlich Hofastrologe und stand in der besonderen Gunst des Kalifen. Aus einem Brief an seinen Sohn Deukalion, der ursprünglich wohl Noah hieß, geht hervor, dass er den Kalifen sogar auf einem Feldzug in den Osten nach Persien begleitete.Englische Übersetzung des Briefes bei Robert Hoyland (Hrsg.): Theophilus of Edessa’s Chronicle. Liverpool 2011, S. 6. Im hohen Alter von 90 Jahren ist Theophilos wohl Mitte Juli 785 verstorben.
Werke Übersetzungen Theophilos übte eine Übersetzungstätigkeit aus, womit er sich in die schon in der Spätantike beginnende Tradition der Beschäftigung syrischer Gelehrter mit griechischer Kultur und Wissenschaft einordnete. Syrische Werke spielten eine wichtige Rolle bei der Rezeption griechischen Wissens durch die Araber.Siehe allgemein beispielsweise Gotthard Strohmaier: Hellas im Islam. Wiesbaden 2003, S. 85ff. Die Übersetzungen des Theophilos sind nicht erhalten, sie sind nur durch Erwähnungen bei anderen Autoren bekannt. Theophilos beschäftigte sich demnach unter anderem mit Aristoteles, dessen Sophistische Widerlegungen er ins Syrische übersetzte. Seine syrische Fassung dieser Schrift bildete die Grundlage für eine spätere arabische Übersetzung. Zu den griechischen Werken, die er ins Syrische übertrug, gehörte auch die hygienische Schrift De tuenda sanitate („Über die Bewahrung der Gesundheit“) des berühmten griechischen Arztes Galenos. Galenos scheint bei syrischen Gelehrten in diesem Zeitraum besonderes Interesse erregt zu haben.Gotthard Strohmaier: Hellas im Islam. Wiesbaden 2003, S. 94f. Der im 9. Jahrhundert tätige christliche arabische Gelehrte und Übersetzer Hunayn ibn Ishaq (Johannitius) urteilte allerdings hart über Theophilos: „Übersetzt hatte dieses Buch ins Syrische Theophilos ar-Ruhawi, und zwar jämmerlich und schlecht.“Deutsche Übersetzung nach Gotthelf Bergsträsser (Hrsg.): Hunain b. Ishäq. Über die syrischen und arabischen Galenübersetzungen. Leipzig 1925, S. 32 (dort auch der arabische Originaltext).
Der bedeutende syrische Gelehrte Gregorius Bar-Hebraeus berichtete im 13. Jahrhundert, Theophilos, den er als berühmten Gelehrten beschrieb, habe „die zwei Bücher Homers über die Eroberung der Stadt Ilion“ übersetzt.Siehe Paul Bedjan (Hrsg.): Gregorii Barhebraei Chronicon Syriacum. Paris 1890, S. 126f. Demzufolge scheint Theophilos zumindest Teile der Ilias und vielleicht auch der Odyssee ins Syrische übertragen zu haben, doch ist heute nichts davon erhalten. Einige Forscher weisen außerdem darauf hin, dass die Deutung der Angabe von Bar-Hebraeus unklar ist: Hat Theophilos die vollständige Ilias, nur die ersten zwei Gesänge oder vielleicht eine obskure, nur unter Homers Namen zirkulierende Schrift bearbeitet? All dies bleibt offen, zumindest scheint diese Schrift nicht rezipiert worden zu sein.Vgl. dazu Jörg Kraemer: Arabische Homerverse. In: Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft 106, 1956, S. 259–316, hier speziell S. 261f.
Astrologische Werke Theophilos verdankte viel seinem Ruf als gelehrter Astronom, wenngleich er seine astronomischen Kenntnisse anscheinend in erster Linie für seine astrologische Tätigkeit nutzte. Er verfasste vier astrologische Abhandlungen, von denen ein beachtlicher Teil erhalten geblieben ist.Die Fragmente sind ediert im Catalogus Codicum Astrologorum Graecorum, Brüssel 1898ff. (Bd. 1 (Codices Florentini); PDF, 8,2 MB, S. 129–131; Bd. 4 (Codices Italici); PDF, 7,9 MB, S. 93f. und S. 122f.; Bd. 5.1 (Codices Romani); PDF, 11,5 MB, S. 212ff.; Bd. 8.1 (Codices Parisini); PDF, 13,7 MB, S. 266–270; Bd. 11.1 (Codices Britannici), S. 204ff.). Dazu gehörte eine Abhandlung in 30 Kapiteln über „astrologische Effekte“, die seinem Sohn Deukalion gewidmet war und in der er sich anscheinend unter anderem auf Überlegungen indischer Astrologen stützte. Ein anderes Werk schilderte Regeln, nach denen man unter Berücksichtigung der zwölf astrologischen Häuser handeln sollte; als wichtige Quelle dienten ihm hierbei Dorotheos von Sidon sowie Hephaistion von Theben (4. Jahrhundert).Vgl. dazu David Pingree: From Alexandria to Baghdad to Byzantium. The Transmission of Astrology. In: International Journal of the Classical Tradition 8, 2001, S. 3–37, hier S. 14; Viktor Stegemann: Dorotheos von Sidon. In: Rheinisches Museum für Philologie 91, 1942, S. 326–349, hier S. 338f. Dieses Werk wurde im 9. Jahrhundert von Gelehrten in Harran rezipiert.David Pingree: The Sabians of Harran and the Classical Tradition. In: International Journal of the Classical Tradition 9, 2002, S. 8–35. Theophilos verfasste außerdem eine Schrift über monatliche und jährliche Voraussagen sowie die unterschiedlichen Definitionen zum Thema Jahresbeginn bei Ägyptern, Griechen, Persern und Arabern.Siehe allgemein den Werksüberblick bei David Pingree: From Alexandria to Baghdad to Byzantium. The Transmission of Astrology. In: International Journal of the Classical Tradition 8, 2001, S. 3–37, hier S. 14.