mini|1972: Blick vom Michel über den Hafen auf die Werftanlagen von Blohm + Voss zu beiden Seiten der Mündung des Fährkanals (Bildmitte). Rechts das Trockendock Elbe 17, links die ehemalige Stülckenwerft mit dem Kabelkran, davor ein Schwimmdock von B + V mini|Sonnenuntergang hinter dem Werftgelände von Blohm + Voss mini|Hamburg vor 1600: 1. Brooktor und Brooksbrücke zum Großen Grasbrook; 2. Schiffbauerbrook; 3. Hafeneinfahrt mit Baumwall und Kehrwiederspitze Werften in Hamburg haben das Bild des Hamburger Hafens von jeher mitgeprägt, von den zeittypischen Anlagen der Schiffbauer, von den Stapeln und Hellingen bis hin zu den Docks, Kabelkrananlagen und Helgengerüsten. Um 1900 gab es in Hamburg acht große Werften, die sich auf den Eisenschiffbau spezialisiert hatten und eine ungezählte Vielfalt an Kleinwerften, Yachtwerften, Reparaturwerften, Abwrackwerften, Bergungsunternehmen und einige mehr.Arnold Kludas, Dieter Maass, Susanne Sabisch: Hafen Hamburg. Die Geschichte des Hamburger Freihafens von den Anfängen bis zur Gegenwart. Hamburg 1988, ISBN 3-8225-0089-5, S. 348. Im Laufe des 20. Jahrhunderts haben mehrere große Werftenkrisen mit Konkursen und Fusionen die Bedeutung Hamburgs als ehemaliges Schiffbauzentrum schwinden lassen. Seit Mitte der 1980er Jahre verblieb mit Blohm + Voss die letzte Großwerft am Südufer der Norderelbe. Vom Altonaer Fischmarkt bis zu den St. Pauli Landungsbrücken aus gesehen, bestimmt sie deutlich den Blick auf den Hafen. Zur touristischen Attraktion gerät regelmäßig, wenn im Trockendock Elbe 17 große Kreuzfahrtschiffe wie die Queen Mary 2 oder die Freedom of the Seas zur Wartung und Reparatur passgenau eindocken.siehe hierzu zum Beispiel NDR online vom 24. Oktober 2008: , abgerufen am 7. Juni 2009.
Geschichte des Schiffbaus in Hamburg Die Hamburger Werften haben ihre Tradition im handwerklichen Schiffbau, der bis in das Mittelalter zurückreicht und über die Jahrhunderte sowohl den technischen Veränderungen wie den jeweiligen strukturellen Wandlungen in der Wirtschaft, der Politik und der Stadtentwicklung unterzogen war. Im 20. Jahrhundert hat die Werftarbeit neben der Hafenarbeit das soziale Gefüge in der Stadt entscheidend mitgeprägt und war für jedes der politischen Systeme – Kaiserreich, Weimarer Republik, Nationalsozialismus und Bundesrepublik – eine zu beachtende Größe.
Schiffbauerbrook mini|Schiffbauerbrook vor 1600, Ausschnitt aus einem Kupferstich von Braun und Hogenberg 1578/1592 Karte mini|Großer Grasbrook um 1790; Ausschnitt aus einer Karte von Gustav Adolf von Varendorf; rot (1) bezeichnet den Schiffbauerplatz Der erste schriftliche Nachweis über den Schiffbau in Hamburg ist eine Kämmereirechnung aus dem Jahr 1380, die bestätigt, dass auf dem östlichen Teil der Kehrwieder-Insel, zwischen Stadt und der Insel Grasbrook gelegen, der Ort war, „wo die Schiffe gebaut wurden“.Jörgen Bracker: Hamburg. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Hamburg 1988, S. 91. Entsprechend erhielt diese Straße in den folgenden Jahrhunderten den Namen Schiffbauerbrook. Sie entspricht in etwa der heutigen Straße Brook. die in der Speicherstadt am Zollkanal verläuft. Auch der Name der benachbarten Straße Pickhuben verweist auf den Schiffbau: Er bezeichnet die Pechhauben, die hier zum Kalfatern vorbereitet wurden. Der Bedarf an Schiffen war in der Zeit der aufstrebenden Hanse groß, man baute nicht nur Koggen für die Kauffahrtei, auch Barsen und Kriegsschiffe für den Schutz der Handelsschifffahrt wurden in Auftrag gegeben. Zahlreiche Verordnungen, sogenannte Burspraken, regelten das Handwerk: Sobald die Schiffsneubauten bis zur Wasserlinie beplankt waren und eben schwimmen konnten, mussten sie zur weiteren Bearbeitung zu Wasser gelassen werden, um die Brandgefahr zu beschränken. In der Regel konnten Schiffe mit einem Tiefgang bis etwa 1,75 Metern gebaut werden, das Hamburger Fahrwasser von Dat Deep, dem Fleet, der heute noch von Oberhafen, Zollkanal und Binnenhafen nachvollzogen wird, ließ mehr nicht zu. Entwickelt hat sich daraus der sogenannte Hamburger Bojer, ein flachliegendes Segelschiff, das 1524 erstmals als seegehend bis Holland und England erwähnt wird.Jörgen Bracker: Hamburg. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Hamburg 1988, S. 92. Ab 1540 wurde der Schiffbau in Hamburg genehmigungspflichtig, vor allem um die Preise für das begehrte Schiffbauholz stabil zu halten.
Die heute älteste Werft auf Hamburger Gebiet, die 1635 von Carsten Sietasch gegründete Sietas-Werft, war damals wie heute weiter elbab in Neuenfelde an der Estemündung gelegen. Sie befand sich bis 2014 im Eigentum der Familie, bis in die neunte Generation. Danach wurde die Werft durch die Pella Shipyard aus St. Petersburg übernommen und in Pella Sietas umbenannt.
Großer Grasbrook mini|Schiffswerft auf dem Grasbrook, Lithografie der Gebrüder Suhr um 1835 mini|Die zunftfreie Werft von Johann Marbs am Hamburger Berg (St. Pauli, Hafenstraße), Lithografie um 1850 Nach der Befestigung der Stadt durch Bau der Wallanlage am Anfang des 17. Jahrhunderts wurde der Platz am Brook endgültig zu eng, die Schiffbauer verlagerten ihre Bootsplätze und Werften an die Westseite des Grasbrook, außerhalb der Stadtmauern, gegenüber der Bastion Georgius. Dieser Strand an der Norderelbe hatte zudem den Vorteil, dem wachsenden Bedarf an größeren Schiffen für den Überseehandel nachkommen zu können. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich hier der Schiffbau parallel zur aufstrebenden Kaufmannstadt. Bekannte Werften waren die Somm’sche Werft, von der heute ein Modell im Museum für Hamburgische Geschichte ausgestellt ist, Gleichmann & Busse, wo 1838 der erste eiserne Seedampfer in Deutschland – Willem I für einen holländischen Auftraggeber – konstruiert wurdeArnold Kludas u. a.: Hafen Hamburg. Die Geschichte des Hamburger Freihafens von den Anfängen bis zur Gegenwart. Hamburg 1988, S. 238. und Johns Werft, die ihren Standort direkt am Höft des Grasbrooks hatte, der nach ihr benannt den Namen Johns’sche Ecke bekam. Heute befindet sich dort die Elbphilharmonie.
Ein Problem am Anfang des 19. Jahrhunderts war die Auseinandersetzung zwischen der Schiffszimmererzunft und den freien Schiffbaumeistern, die außerhalb des städtischen Einflussgebietes, zum Beispiel in Altona oder auf dem Hamburger Berg, ihre Schiffbauplätze betrieben. Auf Veranlassung der Reeder und Werfteigner schafften Rat und Bürgerschaft gegen den Widerstand der Meister und Gesellen im Dezember 1838 das Schiffbaueramt als das erste der Hamburger Zünfte ab. Damals wurden in Hamburg 60 Werkstätten mit Meistern und 502 Schiffszimmerergesellen gezählt.Ernst Christian Schütt u. a.: Chronik Hamburg. 2., aktualisierte Auflage. Bertelsmann Lexikon Verlag, Gütersloh/München 1997, ISBN 3-577-14443-2, S. 206.
Mit der Hafenerweiterung ab 1865 mussten die Werften vom Großen Grasbrook auf die Südseite der Norderelbe, vornehmlich nach Steinwerder und zum Kleinen Grasbrook, weichen. Am Schiffbauerstrand wurde das Becken des Grasbrookhafen angelegt, die Westseite des Dalmannkais hieß dennoch bis zum Bau der HafenCity Schiffbauerhafen.
Reiherstieg mini|links|Reiherstieg um 1790; Ausschnitt aus einer Karte von Gustav Adolf von Varendorf Neben dem Hamburger Schiffbau entwickelte sich im 18. Jahrhundert in Wilhelmsburg, damals eigenständige Ländereien des Herzog Georg Wilhelm von Braunschweig-Lüneburg ein reger Schiffbau. Am bekanntesten wurde die 1706 neben einer Sägemühle am Mühlenbrack gegründete Reiherstiegwerft, die 1861 zum Kleinen Grasbrook verlegt wurde. Etwa zwanzig Werften hatten innerhalb 300 Jahren ihren Standort am Reiherstieg, viele davon auf der westlich gelegenen Insel Neuhof. So ist aus dem 1835 von Johann Beenck gegründeten und ab 1840 von Ernst Dreyer weitergeführten Schiffbauunternehmen der Dreyer-Werft 1895 die Werft Oertz & Harder des Yachtkonstrukteurs Max Oertz am Neuhöferdamm hervorgegangen (bis 1929).Zur Dreyer-Werft auf der Homepage Alt-Wilhelmsburg: alt-wilhelmsburg.de, abgerufen am 7. Juni 2009. Lange Traditionen hatten auch die Werft August Wolkau (1860–1959), die Frank-Werft (1864–1954) und die Oelckers-Werft (1876–1987), die 1888 ihren Standort von Steinwerder nach Neuhof verlegte.Ernst Reinstorf: Geschichte der Elbinsel Wilhelmsburg. Verlag: Zukunft Elbinsel Wilhelmsburg e. V., Hamburg 2003, ISBN 3-8334-0282-2, S. 362 f.; siehe auch zur Geschichte der Oelkers-Werft auf der Homepage Alt-Wilhelmsburg: alt-wilhelmsburg.de, abgerufen am 6. Juni 2009. Im Jahr 1987 ging sie in Insolvenz, während des über fünfzehn Jahre dauernden Verfahrens lag das Gelände brach, bis es im Jahr 2004 von der Otto Dörner KG gekauft und saniert wurde.
Als letztes Schiffbauunternehmen in Wilhelmsburg ist die Theodor-Buschmann-Werft am Reiherstiegdeich verblieben,Schiffbau am Reiherstieg. Museum Elbinsel Wilhelmsburg e. V. seit 1958 im Eigentum der Fairplay Reederei, die sich auf den Bau von Typschiffen für die HADAG Seetouristik und Fährdienst spezialisiert hat.
Steinwerder und Kleiner Grasbrook mini|Blick über die Slipanlage der Werft J.H.N. Wichhorst auf dem Kleinen Grasbrook, um 1855. Jenseits der Elbe ist der noch unbebaute Große Grasbrook mit den Schiffbauerplätzen zu sehen. Im Hintergrund, mittig, die Hauptkirche St. Katharinen Mit der Ausweitung des Hafens begann die Stadt Hamburg ab 1840 die Gelände der Elbinseln Steinwerder und Kleiner Grasbrook aufzuschütten und für die Werften bereitzustellen. Nicht nur der Hafen, auch die Werften selbst hatten mit zunehmender Technisierung einen größeren Platzbedarf. Die Entwicklung des Dampfantriebs und der Übergang zum Eisen- und Stahlschiffbau veränderten die Anforderungen an die Betriebe, der Übergang von der handwerklichen zur industriellen Fertigung vollzog sich binnen weniger Jahrzehnte. Die Neugründungen auf Steinwerder waren zum Beispiel die Werft von H. C. Stülcken 1846 an der Norderelbstraße, Heinrich Brandenburg 1845 am Fährkanal, Janssen & Schmilinsky 1858 am Schanzenweg oder die Werft von Robert Miles Sloman und dem Ingenieur Bernhard Wenke, der 1851 an der Reiherstiegmündung das erste gemauerte Trockendock in Hamburg baute. Überliefert ist, dass es spöttisch „Quellental“ genannt wurde, da ständig Wasser einlief.Arnold Kludas, Dieter Maass, Susanne Sabisch: Hafen Hamburg. Die Geschichte des Hamburger Freihafens von den Anfängen bis zur Gegenwart. Hamburg 1988, S. 348. 1861 wurde der Standort der Reiherstiegwerft von Wilhelmsburg auf den Kleinen Grasbrook an die Reiherstiegmündung verlegt, 1850 kam die Werft J.H.N. Wichhorst von Altona ebenfalls auf den Kleinen Grasbrook. Ab 1852 mussten zudem alle Werften, die bis dahin auf dem Großen Grasbrook ihren Standort hatten, aufgrund des Baus der neuen Hafenanlagen und der Speicherstadt von dort wegziehen. Viele, wie die Werft Johns, zogen unmittelbar über die Elbe auf den Kleinen Grasbrook. 1875 zog die Reparaturwerft M. A. Flint vom innerstädtischen Stadtdeich an den inzwischen kanalisierten Reiherstieg im südlichen Steinwerder. Auf Kuhwerder, dem westlichen Teil von Steinwerder gründeten Johann Oelkers 1876 und Hermann Blohm und Ernst Voss 1877 schließlich ihre Werften.