mini|Die Lorettokapelle: links der Eingang zur Hauptkapelle, rechts der Eingang mit Stufen zur Josephskapelle mini|Links vom Haupteingang befindet sich eine Gedenktafel zur Schlacht bei Freiburg 1644
Die Lorettokapelle auf dem Freiburger Lorettoberg ist eine von vielen Nachbildungen der Santa Casa („Heiliges Haus“) innerhalb der Basilika vom Heiligen Haus in Loreto in dem italienischen Wallfahrtsort Loreto. (Im Italienischen wird Loreto nur mit einem „t“ geschrieben.) Zu dem Ensemble gehören das Brüderhaus neben der Kapelle, der ursprünglich von der Lorettostraße heraufführende Kreuzweg und der oberhalb der Kapelle stehende Hildaturm, der 1886 erbaut und nach der letzten Großherzogin von Baden, Hilda von Nassau benannt ist.
Geschichte der Freiburger Kapelle mini|hochkant|Haupteingang der Marienkapelle mit der Kanonenkugel von 1744 neben dem Rundfenster
Der Anlass für den Kapellenbau waren die schweren Kämpfe während der Schlacht bei Freiburg zwischen einer bairischen Reichsarmada unter Franz von Mercy und einer französischen Armee unter dem Duc d’Enghien gegen Ende des Dreißigjährigen Krieges. Die erbitterten Auseinandersetzungen mit hohen Verlusten auf beiden Seiten und schwankendem Kriegsglück fanden am 5. August 1644 an den Hängen des Schlierbergs statt. Die Freiburger Bürger gelobten im Falle eines Sieges, dort an Stelle einer in den Kämpfen zerstörten Josephskapelle für die heilige Jungfrau Maria ein Lauretanisches Haißlein nach dem Muster der Santa Casa in Loreto zu bauen. Tatsächlich zogen sich die Franzosen nach dem Verlust von 6000 Mann nachts in Richtung Breisach zurück.
Erst 13 Jahre später stifteten Christoph Mang, der Zunftmeister der Kaufleute, und sein Sohn Franz Xaver die Lorettokapelle, die dann im Oktober 1657 vollendet war. 1660 wurde die von Freiherr Heinrich von Garnier gestiftete Anna-Kapelle angebautl.Hermann Kopf: Christoph Anton Graf von Schauenburg (1717–1787). Aufstieg und Sturz des breisgauischen Kreishauptmanns. Rombach, Freiburg im Breisgau 2000, ISBN 3-7930-0343-4, S. 11. Nach dem Willen der Stifter unterstand die neue Kapelle der Münsterpfarrei (Unserer Lieben Frauen Hütten); die Seelsorge oblag dem Vetter des Stifters, nämlich dem Guardian des Kapuzinerklosters und seinen Nachfolgern.Lorettokapelle auf dem Lorettoberg Freiburg-Dreisamtal.de, abgerufen am 17. Juni 2017. In den folgenden Jahren nahmen die Wallfahrten zur Lorettokapelle dermaßen zu, dass der Freiburger Stadtrat 1785 dort Gottesdienste an Sonn- und Feiertagen untersagte, damit die Gläubigen stattdessen den Gottesdienst in ihren Ortspfarreien besuchten.
Im österreichischen Erbfolgekrieg kam es 1744 zu einer weiteren Auseinandersetzung zwischen Österreich und Frankreich. Der französische König Louis XV. wählte den Platz vor der Kapelle, um die Beschießung Freiburgs zu beobachten. Trotz einer Absprache der kriegsführenden Parteien, den Feldherrnhügel Louis’ XV. nicht zu beschießen, der dafür versprach, bei der Kanonade das Freiburger Münster zu schonen, schlug eine Kanonenkugel in die Kapelle ein, verfehlte jedoch den König. Die Kugel ist noch heute über der seitlichen Kapellentür zu sehen.
Obwohl 1788 durch ein Dekret Kaiser Josephs II. alle Nebenkapellen aufgehoben wurden, blieben auf Grund des Protestes der Freiburger Bürger, deren Magistrat 1788 eine Denkschrift, die auf den Willen der Stifter verwies, nach Wien schickte sowohl die Lorettokapelle als auch St. Ottilien erhalten. Auch ein weiterer Aufhebungsbeschluss von 1807 durch die badische Regierung konnte abgewehrt werden.
Bei den Renovierungsarbeiten Ende des 18. Jahrhunderts, durch die das Innere der Kapelle dem Stil der Zeit angepasst werden sollte, wurden die bestehenden Malereien übertüncht, die nach originalen Loreto-Kupferstichen von Johann Caspar Brenzinger (1651–1737) gefertigt worden waren. Im Jahre 1902 stellte dann der Kunstmaler Josef Schultis die ursprünglichen Wandgemälde so gut wie möglich wieder her.
Seit November 2008 sind die Kapelle und das benachbarte Gebäude sowie der Kreuzweg vom Regierungspräsidium Freiburg als „Sachgesamtheit Lorettokapelle“ im örtlichen Denkmalbuch eingetragen.Schloss-Café und Kapelle werden Denkmal, Badische Zeitung vom 26. November 2008, abgerufen am 17. Juni 2017. In dem Eintragungsbescheid wird festgestellt, dass diese denkmalrechtliche Einheit auf Grund ihres hohen wissenschaftlichen, baukünstlerischen und heimatgeschichtlichen Ranges und ihrer beeindruckenden originalen Überlieferung ein Kulturdenkmal von besonderer Bedeutung ist, an dessen Erhaltung ein gesteigertes öffentliches Interesse besteht.
Überlieferung und Legende der Santa Casa in Loreto/Italien mini|Das „Heilige Haus“ innerhalb der Basilika von Loreto, außen verkleidet mit Marmorreliefs des 15. Jahrhunderts mini|Basilika vom „Heiligen Haus“ in Loreto (16. Jh.) mini|Meisner-Kieser: Politisches Schatzkästlein, „Laureto in Italia“, 1625
Das Gelöbnis der Freiburger Bürger und die folgenden Stiftungen zum Bau der Lorettokapelle nach dem Sieg über die französischen Truppen am 5. August 1644 sind nur zu verstehen vor dem historischen und zum Teil auch legendären Hintergrund der seit dem 16. und 17. Jahrhundert auch in deutschen Landen zunehmenden Marienverehrung in Nachbauten der Santa Casa von Loreto.
Nach einer im 15. Jahrhundert entstandenen Legende sollen Engel das kleine Haus in Nazareth, in dem Maria gewohnt hat, im Jahr 1291 von Nazareth zunächst nach Trsat/Tersatto (heute Kroatien) und dann 1294 in der Nähe von Recanati bei Ancona/Italien gebracht haben. Dieser Bericht ist eine für die Zeit typische Wundererzählung, etwa 170 Jahre nach dieser Übertragung aufgeschrieben von dem damaligen Propst in Loreto, Pietro di Giorgio Tolomei aus Teramo (gest. 1473).Karl Suso Frank in: Lexikon für Theologie und Kirche (LThK), Band 6, Freiburg 2006, Sp. 1052f. Die Überlieferung besagt auch, dass es sich dabei um das Haus in Nazareth handelt, in dem die Jungfrau Maria gelebt hat, als sie die Botschaft des Engels Gabriel empfangen hat.
Das kleine Haus bei Recanati mit einem Grundriss von etwa 9 m × 4 m, nannte man „Santa Casa“ von Loreto nach dem dortigen Lorbeerhain. Das Heiligtum wurde bereits sehr früh durch Mauern und Türme geschützt und ab 1468 mit einer Basilika überbaut. Der Marmorschrein mit der Santa Casa fand seinen Platz unter der mächtigen Kuppel im Zentrum der Basilika, umgeben von dreizehn Kapellen, die von verschiedenen Nationen gestiftet und ausgestaltet wurden, darunter auch eine deutsche Kapelle.
In dieser Zeit war Loreto der nach Rom wichtigste Wallfahrtsort in Italien. Zu den Besuchern gehörten Regenten, Päpste, Geistliche, Gelehrte, Künstler, Schriftsteller, Heerführer usw., darunter Kaiser Karl IV., und Ferdinand II., Christoph Kolumbus, Galileo Galilei, Miguel de Cervantes, Giambattista Tiepolo, Michel de Montaigne, Torquato Tasso, René Descartes, Wolfgang Amadeus Mozart, Napoleon Bonaparte, aber auch zahlreiche Heilige wie Karl Borromäus, Ignatius von Loyola, Franz Xaver, Petrus Canisius, Franz von Sales, Therese von Lisieux sowie viele Päpste, zuletzt Johannes XXIII., Paul VI., Johannes Paul II. und Benedikt XVI.
Das „Heilige Haus“ in Loreto besteht aus drei Originalwänden, im unteren Teil aus Natursteinen gemauert, die in dieser Gegend nicht vorkommen, während das restliche Mauerwerk und die Vorderwand durch Ziegelsteine ergänzt sind. Das Haus hat kein Fundament und entspricht auch im Übrigen nicht der örtlichen italienischen Bautradition. Im Innern waren die aus Ziegelstein bestehenden Wandteile im 14. und 15. Jahrhundert mit Fresken der umbrischen Schule geschmückt worden, von denen heute nur noch Fragmente erhalten sind, u. a. Maria mit Kind, Bartholomäus, Antonius der Einsiedler, Georg und Katharina.Foto der Grotte von Betlehem auf lastampa.it, abgerufen am 15. Januar 2018. Um das Marienhaus herum wurden 1507 nach Plänen von Bramante monumentale Marmorverkleidungen errichtet. 1536 erhielt die Kapelle ein Gewölbe. Die großartige Gesamtanlage von Basilika und Klostergebäuden auf dem Hügel zeigt der Kupferstich „Laureto in Italia“ von Daniel Meisner aus dem Jahr 1625.Daniel Meisner / Eberhard Kieser: Thesaurus philopoliticus oder Politisches Schatzkästlein, Faksimile Neudruck der Ausgaben Frankfurt a. M. 1625–1626 und 1627–1631 von Klaus Eymann, Unterschneidheim 1972, Band 1, IV, 28.
Historischer Hintergrund und neue Forschungen Archäologen und Kunsthistoriker haben sich mit den überlieferten Halbwahrheiten und der Legendenbildung nicht zufriedengegeben, sondern sowohl die Geschichte des „Heiligen Hauses“ in Nazareth als auch die fromme Legende von der Übertragung des Hauses nach Loreto durch Engel näher untersucht. Zu den wichtigsten Quellen gehören die archäologischen Forschungen von 1954 bis 1960 in Nazareth sowie von 1962 bis 1965 in Loreto. Für den Bau in Loreto wurde festgestellt, dass er entgegen der örtlichen Bautradition kein Fundament hat und wegen seiner Baustruktur in der Provinz Marken unüblich ist. Die Orientierung der Kapelle mit der Tür im Norden und dem Fenster im Westen passt nicht in die Marken, lässt sich aber durch den früheren Standort in Nazareth erklären. Die vierte Wand im Osten war in Nazareth nicht erforderlich, weil das kleine Haus zur Grotte hin offen war, wurde aber in Loreto durch eine Apsis geschlossen.
Von besonderer Bedeutung ist außerdem ein 1900 in den Archiven des Vatikans gefundenes Dokument über die Schenkung der „heiligen Steine“ im Jahr 1294, ergänzt durch das im Jahr 1985 publizierte Chartularium culisanense, einer Sammlung von Urkunden der Adelsfamilie der Angeloi.Michael Hesemann: Maria von Nazareth – Geschichte, Archäologie, Legenden, Augsburg 2012, S. 108 ff. Diese Dokumente sprechen von einem Nikephoros Angeloi, der „heilige Steine, die aus dem Haus Unserer Lieben Frau … weggenommen worden sind“, seiner Tochter Thamar im Jahr 1294 zur Hochzeit geschenkt hat.
Älter als die Legende von den Engeln, die das „Heilige Haus“ durch die Lüfte über das Mittelmeer getragen haben sollen, sind vereinzelte Berichte, nach denen die Übertragung durch Menschen auf einem Schiff erfolgt sei, was durch Holzschnitte und Fresken aus dem 15. und 16. Jahrhundert belegt werde. Diese Abbildungen zeigen das „Heilige Haus“ auf einem Schiff, das von Engeln begleitet wird.
Die Ausgrabungen in Nazareth haben ergeben, dass vor der heute noch vorhandenen, in den Felsen gehauenen Grotte ein einfaches Steinhaus – ohne Fundament – gestanden hatte, dessen Maße mit denen der Santa Casa in Loreto übereinstimmen. Es liegen Hinweise vor, dass Judenchristen bereits im 2. Jahrhundert dieses Haus und die dahinter liegende Grotte zu einem Ort der Verehrung gestaltet und darüber eine Kirche im Synagogenstil errichtet hatten. Auf diesen einfachen Bau folgte im 5. Jahrhundert eine byzantinische Basilika. Im 11./12. Jahrhundert ließen französische Kreuzritter eine noch größere kreuzförmige Basilika errichten, deren Krypta das Haus Mariens umhüllte. Diese Kirche wurde 1263 durch den Statthalter von Sultan Baibars I. zerstört. Es fanden sich Pilgerinschriften in griechischer Sprache bis zum Jahr 1289, die dies bestätigen. In diesem Zusammenhang fällt auf, dass die Pilger nach 1291 nicht mehr von dem „Haus Mariens“, sondern nur noch von der – ursprünglich – dahinter liegenden Grotte gesprochen haben. Diese in den Fels gehauene Grotte wird heute noch in der modernen Verkündigungsbasilika in Nazareth als „Herberge Mariens“ verehrt.