Der Brawn BGP 001 war der Formel-1-Rennwagen des Brawn GP Formula One Teams in der Saison 2009. Davon wurden drei Exemplare gebautracecar-engineering.com, F1 2009: Chassis listing (abgerufen am 5. Februar 2011) und mit den Fahrern Jenson Button und Rubens Barrichello eingesetzt. Der Monoposto, ursprünglich von Honda Racing F1 unter der Bezeichnung Honda RA109 entwickelt, zeichnete sich in der ersten Saisonhälfte durch einen deutlichen Wettbewerbsvorteil aus: Er war mit einem sogenannten Doppeldiffusor ausgestattet, der einen Zeitvorteil von drei bis fünf Zehntelsekunden pro Rennrunde erbrachte.„Fortschritte im Graubereich“ (Motorsport-Magazin.com am 21. Dezember 2009)
Der Brite Button wurde mit dem Wagen Weltmeister, der Brasilianer Barrichello belegte am Ende der Saison den dritten Platz. Außerdem gewann das Brawn-Team die Konstrukteursweltmeisterschaft, als erstes Formel-1-Team im ersten Jahr seines Bestehens.Zwar konnte das Mercedes-Werksteam 1954 als Neuling mit Juan Manuel Fangio den Gewinn der Fahrerweltmeisterschaft feiern, der Rennfahrer trat in der Saison jedoch nicht ausschließlich für Mercedes an. Die Konstrukteursweltmeisterschaft wurde erst 1958 eingeführt. Button und Barrichello gewannen insgesamt acht von siebzehn Rennen. Bei vier Rennen erzielte der Rennstall einen Doppelsieg.
Entwicklung und Testfahrten Der Brawn BGP 001 wurde ab April 2008 als Honda RA109 in Brackley entwickelt und war der erste Honda-Rennwagen, der unter der Leitung von Teamchef Ross Brawn entstand.„Honda: Das offizielle Statement des Teams“ (Motorsport-Total.com am 5. Dezember 2008) Die Form des Autos wurde von drei Aerodynamikteams – Ross Brawn integrierte den Chefaerodynamiker des aufgelösten Super-Aguri-F1-Rennstalls, Ben Wood, in sein Team – mit Hilfe von vier Windkanälen entworfen; insgesamt 450 Mitarbeiter arbeiteten an der Fahrzeugentwicklung.Giorgio Piola, Seite 44 Leitende Konstrukteure waren Jörg Zander als technischer Direktor„Technischer Direktor verlässt Brawn“ (Motorsport-Total.com am 25. Juni 2009) und Loïc Bigois als Aerodynamiker.„Brawn stellt den besten Aerodynamiker“ (Motorsport-Total.com am 25. November 2009) Die Konstruktion hatte exakt die Abmessungen des Vorgängermodells: 470 cm lang, 180 cm breit und 95 cm hoch.racecar-engineering.com, F1 mid season report: Brawn GP (abgerufen am 6. Februar 2010) (abgerufen am 6. Februar 2011)
Als das Honda-Team erkannt hatte, dass die Piloten mit dem Honda RA108, dem Rennauto der Saison 2008, nicht in der Lage waren, um vordere Platzierungen zu fahren, legte es ab der Saisonmitte„Neuer Honda debütiert im Januar“ (Motorsport-Total.com am 11. Oktober 2008) den Schwerpunkt auf die Entwicklung des Rennwagens für die Saison 2009.„Das war 2008: Honda“ (Motorsport-Total.com am 18. Dezember 2008) Nachdem Honda am 5. Dezember 2008 seinen Rückzug aus der Formel 1 bekannt gegeben hatte, wurde der Honda RA109 dennoch weiterentwickelt, um einem Käufer ein fertiges Fahrzeug anbieten zu können.„Honda-Team: Business as usual?“ (Motorsport-Total.com am 12. Dezember 2008) Schließlich kaufte das Management um Ross Brawn am 3. März 2009 selbst das Team und benannte es in Brawn GP um. Jenson Button und Rubens Barrichello bildeten erneut das Fahrerduo.„Endlich offiziell: Brawn GP startet in Melbourne!“ (Motorsport-Total.com am 6. März 2009)
mini|links|hochkant=1.2|Barrichello im Brawn BGP 001 bei Testfahrten am 10. März auf dem Circuit de Catalunya Am 6. März 2009 stellte Button den Brawn BGP 001 auf dem Silverstone Circuit in Großbritannien vor. Er fuhr den Wagen auf der Streckenvariante Stowe Circuit, die sich im Inneren des Bridge Grand Prix Circuits befindet.silverstone.co.uk: Während die anderen Teams schon mehrere Testfahrten absolviert hatten, stieg Brawn erst zu den Testfahrten vom 9. bis 12. März auf dem Circuit de Catalunya nördlich von Barcelona ein. Bis auf Toro Rosso„Toro Rosso präsentiert STR-04“ (Motorsport-Total.com am 9. März 2009) und Brawn hatten alle Teams schon mehrere Testtage mit den neuen Rennwagen hinter sich. Die beiden Brawn-Piloten wechselten sich täglich ab. Am dritten Testtag erzielte Button seine erste Bestzeit mit mehr als einer Sekunde Vorsprung gegenüber dem zweitplatzierten Felipe Massa im Ferrari F60.„Barcelona: Button mit perfektem ‚Rennwochenende‘“ (Motorsport-Total.com am 11. März 2009) Einen Tag später fuhr Barrichello die beste Rundenzeit dieser Testwoche mit einer Zeit von 1:18,926 Minuten vor Nico Rosberg im Williams FW31 mit 1:19,774 Minuten.„Barcelona: Die Brawn-Show geht weiter“ (Motorsport-Total.com am 12. März 2009)
In der nächsten Woche, bei den Testläufen auf dem Circuito de Jerez vom 15. bis 17. März, knüpfte der Rennstall an die Form der ersten Testwoche an. Am ersten Tag erzielte Barrichello mit einem Vorsprung von sechs Zehntelsekunden die schnellste Rundenzeit vor Fernando Alonso im Renault R29.„Testauftakt: Brawn auch in Jerez dominant“ (Motorsport-Total.com am 15. März 2009) Am zweiten Tag fuhr Alonso die Bestzeit vor Barrichello.„Jerez: Alonso knackt die Brawn-Bastion!“ (Motorsport-Total.com am 16. März 2009) Am dritten Testtag, dem letzten vor der Saison, setzte sich Button mit der schnellsten Zeit der drei Testtage an die Spitze des Feldes.„Jerez: Bestzeit für Button – Unfall von Rosberg“ (Motorsport-Total.com am 17. März 2009)
Bereits nach dem ersten Testtag auf dem Circuit de Catalunya wurde im Fahrerlager über das Potential des Brawn BGP 001 diskutiert. Ross Brawn bestritt, dass die schnellen Rundenzeiten mit wenig Benzin erzielt wurden.„Wie schnell ist der Brawn-Mercedes wirklich?“ (Motorsport-Total.com am 10. März 2009) Nach den ersten Testfahrten nahe Barcelona äußerten die Konkurrenten Verwunderung wegen der Rundenzeiten, die mit dem Brawn BGP 001 möglich waren. Der technische Direktor von Williams, Sam Michael, äußerte sogar die Befürchtung, dass Button und Barrichello den ersten Grand Prix mit über einer Runde Vorsprung gewinnen würden.„Brawn-Mercedes: Der Favorit, der aus der Pleite kam?“ (Motorsport-Total.com am 12. März 2009) Ferrari-Pilot Massa schätzte die Situation folgendermaßen ein: „Wir sind konkurrenzfähig – aber nur in der Liga hinter Brawn.“„Brawn trotz Hammerzeiten zurückhaltend“ (Motorsport-Total.com am 12. März 2009) Jenson Button beschrieb die Zuversicht, die die guten Ergebnisse der Testfahrten im Team auslösten, später so: „Die Daten haben uns früh gezeigt, dass wir einen Volltreffer gelandet haben. Schon als wir noch um die Rettung des Teams kämpften, wussten wir, dass wir ein Siegerauto hatten.“Michael Schmidt: Formel 1 Jahrbuch 2009, Das BrawnGP-Wunder, Seite 10
Technik Monocoque und Radträger Die Konstruktion bestand wie bei anderen Formel-1-Fahrzeugen, aus einer ca. 45 kg schweren Monocoque-Grundstruktur aus kohlenstofffaserverstärktem Kunststoff. Daran wurden die Baugruppen Fahrwerk, Motor und Flügel angebracht. Der Anbau für den Frontflügel war die Knautschzone, um die Normen der vorgeschriebenen Crashtests zu bestehen.Michael Trzesniowski, Seite 793formula1.com cockpit_and_crash_tests (abgerufen am 6. Februar 2011) Der Radstand betrug 3180 mm, die Spurweite vorne 1470 mm und hinten 1405 mm.Giorgio Piola, Seite 10 Die Radaufhängungen, doppelte Querlenker an Vorder- und Hinterrädern, bestanden aus Titan und kohlenstofffaserverstärktem Kunststoff. Über Druckstangen und Kniehebel (sogenannte „Pushrods“) wurden die innen – also nicht am Radträger, sondern im Monocoque – liegenden Feder- und Dämpfereinheiten von Sachs betätigt. Aktive Radaufhängungen waren verboten.formula1.com Suspension (abgerufen am 6. Februar 2011) Während Button mit nur einem Chassis die komplette Saison absolvierte, wechselte Barrichello für den Großen Preis von Singapur das Chassis.Giorgio Piola, Seite 7
Aerodynamik mini|hochkant=1.2|Der Doppeldiffusor des Brawn BGP 001 Zur Saison 2009 wurde das Reglement hinsichtlich der Flügel stark verändert. Der Frontflügel wurde in der Breite auf 180 cm (statt 140 cm) vergrößert, der Heckflügel in der maximalen Breite auf 75 cm (statt 100 cm) reduziert. Gleichzeitig musste der Heckflügel höher (95 cm statt 80 cm über der Fahrbahn) und der Frontflügel tiefer (5 cm statt 15 cm Mindestabstand zur Fahrbahn) angebracht werden. Das Reglement für den Diffusor wurde ebenfalls überarbeitet.formula1.com, 30. Januar 2009 2009 regulation changes – rear diffuser (abgerufen am 6. Februar 2011) Der Diffusor, ein 350 mm nach der Hinterachse beginnendes und bis auf maximal 175 mm Fahrzeughöhe ansteigendes Leitwerk am Ende des Unterbodens, vergrößert die Sogwirkung unter dem Rennwagen und erzeugt dadurch einen Ansaugeffekt. Er war bislang mit etwa 40 % am Anpressdruck eines Formel-1-Rennwagens beteiligt.Michael Trzesniowski, Seite 156 Mit diesen technischen Änderungen sollten die Luftverwirbelungen für nachfolgende Fahrzeuge reduziert und damit Überholvorgänge erleichtert werden.
Das besondere aerodynamische Merkmal des Brawn BGP 001 war der Doppeldiffusor mit Zentralkanal. Der Doppeldiffusor, am Brawn BGP 001 sowie am Williams FW31 und dem Toyota TF109 in der Saison 2009 zuerst angebracht, verstärkte den Ansaugeffekt durch eine zweite kürzere Platte über dem eigentlichen Diffusor. Der Doppeldiffusor des BGP 001 hatte darüber hinaus einen von unten nicht sichtbaren Zentralkanal, der gegenüber einfachen Diffusoren einen höheren Abtrieb und damit mehr Bodenhaftung erbrachte.
Die Teams Ferrari, BMW Sauber, Renault und Red Bull legten vor dem ersten Rennen in Australien Protest gegen die am Brawn BGP 001 sowie am Williams FW31 und dem Toyota TF109 angebrachten Doppeldiffusoren ein. Die zuständigen Rennkommissare wiesen den Protest jedoch zurück und erklärten die Diffusoren für regelkonform.„Protest gegen Diffusoren abgewiesen!“ (Motorsport-Total.com am 26. März 2009) Im Berufungsverfahren erklärte das FIA-Sportgericht am 15. April 2009 die Doppeldiffusoren abschließend für zulässig.„FIA entscheidet: Diffusoren sind legal!“ (Motorsport-Total.com am 15. April 2009) Ab der Saison 2011 ist der Doppeldiffusor verboten.„Technische Arbeitsgruppe stimmt zu“ (Motorsport-Magazin.com am 22. Januar 2010)
Ende November erhielt Loïc Bigois den Dino Toso Racecar Aerodynamicist of the Year Award, eine Auszeichnung für den besten Aerodynamiker in der Formel 1.
Motor Der Brawn GP 001 nutzte einen laut FIA-Reglement mindestens 95 kg schweren FO108W-Motor von Mercedes-Benz HighPerformanceEngines, der über einen Liefervertrag zur Verfügung gestellt wurde. Deshalb befanden sich keine Mercedes-Aufkleber auf dem Rennwagen. Entsprechend dem Reglement für die Saison 2009 handelte es sich um einen selbstansaugenden 2,4-Liter-V-Motor mit acht Zylindern (90° Bankwinkel, 98 mm Bohrung) mit Drehzahlbegrenzung auf 18.000 min−1 (Umdrehungen pro Minute). Der geschätzte Verbrauch betrug 75 l/100 km Superbenzin (maximal 102 ROZ)formula1.com, Engine/gearbox (abgerufen am 6. Februar 2011) bei einer ebenso geschätzten Leistung von 755 PS.James Allen: Analysis of F1 engine performance in 2009 In der Erstversion wurde das Fahrzeug in seiner Konstruktion einem Honda-Motor angepasst. Durch den Umbau auf den Mercedes-Benz-Motor musste das Getriebe um 6 mm höher gesetzt werden; dabei gerieten die hinteren Federwege zu kurz. Durch einen zusätzlichen Ölkühler verlagerte sich der Schwerpunkt nach oben.Michael Schmidt: Formel 1 Jahrbuch 2009, Das BrawnGP-Wunder, Seite 12 Der Kaufvertrag mit Mercedes-Benz wurde nach der Übernahme durch Brawn abgeschlossen. Alternativ wäre ein Kauf des Motors bei Ferrari möglich gewesen.„Ferrari würde dem Ex-Honda-Team helfen“ (Motorsport-Total.com am 7. Januar 2009)
Getriebe Das halbautomatische Getriebe, hydraulisch angesteuert ohne Zugkraftunterbrechung, wurde von Honda entwickelt. Es hatte entsprechend dem Reglement sieben sequentiell zu schaltende Vorwärtsgänge bei 30 möglichen Übersetzungen sowie einen Rückwärtsgang und wurde mit zwei Schaltwippen am Lenkrad geschaltet.
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