mini|290px|Ostfriesland um 1600, gezeichnet von Ubbo Emmius Während des Dreißigjährigen Krieges fanden in Ostfriesland keine militärischen Auseinandersetzungen zwischen den Hauptkriegsgegnern statt. Die Grafschaft selbst blieb in diesem europäischen Konflikt neutral. Allerdings nutzten Truppen der Kriegsgegner sie wiederholt als Ruheraum, wobei die Einwohner durch Kontributionen und Einquartierung ausgebeutet wurden. Von 1622 bis 1624 besetzten Truppen des protestantischen Heerführers Ernst von Mansfeld, von 1627 bis 1631 katholische Truppen der ligistischen Armee Tillys und schließlich von 1637 bis 1651 hessische Truppen das Land.
Die benachbarten Niederlande übten bereits vor dem Krieg politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Einfluss auf die Grafschaft Ostfriesland aus. Während des Krieges stationierten sie an zentralen und strategisch wichtigen Orten Truppen, darunter in der Festung Leerort bei Leer und in Emden.Harm Wiemann: Ostfriesland in der Zeit des 30jährigen Krieges. Mobile, Aurich 1981 (Vortrag vom 6. November 1979).
Auch nach Abschluss des Westfälischen Friedens blieben bis 1651 fremde Truppenteile in einem zu erheblichen Teilen entvölkerten Land. Nur relativ stark befestigte Orte wie Emden waren fähig, sich dem Zugriff der Besatzer zu entziehen und so ihre wirtschaftliche Infrastruktur, wenn auch unter immensen Einbußen, zu erhalten.
Infolge des Krieges konnten die Stände vom Landesherrn eine weitgehende Autonomie erringen. So waren es die Stände und nicht der Graf, die mit Ernst von Mansfeld über einen Abzug verhandelten und diesen Vertrag dann als Vertreter Ostfrieslands unterzeichneten. Auf die Vertretung der Stände geht die Ostfriesische Landschaft zurück, die sich heute der Kulturpflege widmet.
Stände und Konfessionspolitik vor dem Krieg mini|links|Die Konfessionen in Ostfriesland um 1618 mini|Die Schlacht von Jemgum, dargestellt von Frans Hogenberg Die Grafschaft Ostfriesland war zu Beginn des 17. Jahrhunderts zutiefst gespalten. Die Grafen handelten ungeschickt und sahen sich starken Ständen gegenüber, innerhalb derer die Stadt Emden weitgehend selbstständig handelte. Seit dem Osterhusischen Akkord von 1611 hatten die Stände zudem die Hoheit in Gesetzgebung, Steuererhebung und Rechtsprechung.
Emden und die Landstände wurden von den Niederlanden gestärkt, die das Land wie einen Vasallenstaat und als strategisch günstig gelegenen Rückzugsraum behandelten. Bereits 1568 wichen niederländische Truppen dorthin aus, als sie im beginnenden Achtzigjährigen Krieg von spanischen Truppen verfolgt wurden. Nach der Schlacht von Jemgum zogen die Spanier anschließend drei Tage lang plündernd, brandschatzend und vergewaltigend durch das Rheiderland.
Der Augsburger Religionsfrieden von 1555 bestimmte, dass der Landesherr die Religion der Einwohner wählen durfte. Die ostfriesischen Landesherren waren zu schwach, diese Bestimmung durchzusetzen. So bestand weiterhin ein calvinistischer Westen und ein lutherischer Osten. Die Emder Konkordate von 1599 besiegelten schließlich das Nebeneinander der Konfessionen. Beim Reichsdeputationshauptschluss 1803 war Ostfriesland das einzige Reichsland neben dem Hochstift Osnabrück, in dem zwei Konfessionen zugelassen waren.Alfred Rauhaus, Arbeitsgruppe der Ortschronisten der Ostfriesischen Landschaft: Die Geschichte der Reformierten in Ostfriesland (PDF; 65 kB). Katholische Kirchen gab es in Ostfriesland nicht mehr, katholische Christen kaum noch.Aurich.de: , abgerufen am 30. August 2024.
Anders als im Luthertum üblich konnten die Landesherren nicht einmal die Pastoren wählen; das war der Emder Konkordate zufolge das Recht der Gemeinden selbst. Die vom Landesherrn ausgeübte Kirchenleitung war auf ein Minimum beschränkt. Im Konkordat war vorgesehen, dass beide Konfessionen ein Konsistorium (als oberste Kirchenleitung) besetzen sollten. Dieses wurde allerdings erst 1643 in Aurich eingerichtet und übte erst ab 1744 tatsächliche Macht aus (als Ostfriesland zu Preußen kam)..
Besetzung durch protestantische Truppen unter Ernst von Mansfeld (1622–1624) mini|Peter Ernst II. von Mansfeld
Vorgeschichte Im Dreißigjährigen Krieg standen sich die Protestantische Union und die Katholische Liga gegenüber. Einer der Heerführer der Protestanten war Ernst von Mansfeld. Er befand sich ab 1611 im Dienst der Union und zog 1618 zur Unterstützung der protestantischen Stände nach Böhmen, wo er bis Mai 1621 blieb. Anschließend diente er dem geächteten Pfalzgrafen Friedrich (dem vertriebenen Winterkönig von Böhmen) als Heerführer im Kampf um die Kurpfälzer Stammlande. Schwere Niederlagen zwangen Mansfeld zum schrittweisen Rückzug, und im Juli 1622 wurde er mitsamt dem Söldnerheer vom Pfalzgrafen entlassen, nachdem dieser mit dem Kaiser einen Waffenstillstand vereinbart hatte. Bereits seit 1621 hatte er Verbindungen zu den Generalstaaten und gewann ihre finanzielle Hilfe für den Unterhalt seines Heeres; 1622 stand er schließlich für einige Monate ganz in niederländischen Diensten.Heinrich Schmidt: Politische Geschichte Ostfrieslands (= Ostfriesland im Schutze des Deiches. Band 5). Rautenberg, Leer 1975, S. 272.
Auf der Suche nach einem Winterquartier wurden die Mansfeldschen Truppen im November 1622, nach der Verabschiedung aus niederländischen Diensten, von ihren ehemaligen Dienstherren nach Ostfriesland geleitet. Die Niederlande konnten die Verlegung der Truppen als positive Reaktion auf Bitten des Emder Rats nach Unterstützung und zum Schutz gegen den Grafen begründen. Tatsächlich befanden sich die Generalstaaten bereits seit 1568 im Unabhängigkeitskrieg mit Spanien. Obschon seit 1609 ein Waffenstillstand galt, flammten die Kämpfe ab 1621 wieder auf. So geriet Ostfriesland in den Sog europäischer Auseinandersetzungen. Für die Niederländer war die Region vor dem Zugriff der Spanier geschützt und die Truppen Mansfelds waren verfügbar, um sie im Ernstfall einsetzen zu können, ohne dabei eigenes Gebiet mit der Einquartierung und Versorgung belasten zu müssen.Heinrich Schmidt: Politische Geschichte Ostfrieslands (= Ostfriesland im Schutze des Deiches. Band 5). Rautenberg, Leer 1975, S. 273.
Einquartierung der Truppen mini|Emden um 1640Gut erkennbar die 1606 bis 1616 errichteten Festungsanlagen mini|links|Festung Friedeburg. Seitenverkehrter Stich von Merian aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts Die Verlegung des Mansfeldschen Heeres verlief zügig und ohne geschlossene Gegenwehr Ostfrieslands. Schnell waren die wichtigsten gräflichen Burgen besetzt. Bereits am 3. November 1621 hatten seine Truppen Meppen besetzt, um den Nachschub über die Ems zu sichern. Von hier eroberte er schnell das Rheiderland mit Leer. Dabei zog er 6000 Taler an Kontributionen ein. Die chronisch unterbesetzten Festungen Stickhausen, Greetsiel und Friedeburg ergaben sich kampflos. Der Obrist Joachim von Carpzov wurde in Jemgum einquartiert. Der machtlose Graf Enno III. gab seine Residenz Aurich preis und zog sich nach Esens zurück, wo er wie ein Gefangener lebte, da Truppen Ernst von Mansfelds ihm folgten und ihn festsetzten.Enno III. im Biographischen Lexikon für Ostfriesland (PDF; 66 kB) Dabei erbeuteten sie 300.000 in Fässer abgepackte Reichstaler. Diese waren laut den Bestimmungen des Berumer Vergleichs als Abfindung für die Abtretung des zunächst nicht zu Ostfriesland gehörenden Harlingerlandes durch die Grafen von Rietberg gedacht.
Ostfriesland litt in der Folgezeit große Not. Die auswärtigen Truppen ernährten sich aus dem Lande und wurden durch Anwerbungen noch verstärkt. Einzig die Stadt Emden konnte sich, geschützt durch den kurz zuvor fertiggestellten Emder Wall, Mansfeld widersetzen. Als dieser einige Dörfer der Umgebung besetzte, verlangten die Emder von den Generalstaaten vergeblich Hilfe. Eine der Folgen war der Ausbruch der Pest. So starb am 30. September 1623 in Aurich der Mansfelder Kommandeur Graf Hugo von SchlickSohn des Abundus (Stammreihe Schlick), oder dessen Enkel Vgl.:Johann Hübner, Genealogische Tabellen, Band 3, Tabelle 670 - Die Grafen Schlick zusammen mit 18 anderen an der Pest, später starben noch weitere 800 Einwohner und Soldaten.Tileman Dothias Wiarda, Ostfriesische Geschichte Von 1611 bis 1648, S. 201Christian Funck, Des weil. ältesten Stadts-Predigers zu Aurich Christian Funcks Ost-Friesische Chronick, Band 5, S. 257
Die Stadt war aber gut gerüstet und in der Lage, eine ausreichende Verteidigungsanlage zu errichten. Der Festungsbaumeister Johann von Falkenburg hatte die Stadt von 1606 bis 1616 auf den neuesten Stand der Verteidigungstechnik gebracht. So konnte sie ihre Umgebung gezielt unter Wasser setzen, was sie zur Demonstration auch tat. Ferner riss sie den Vorort Barenburg ab, um freies Schussfeld zu haben. Mansfeld unterließ es daraufhin, die Stadt anzugreifen.
Ernst von Mansfelds Pläne für Ostfriesland mini|Johann T’Serclaes von Tilly, Stich von Pieter de Jode d. Ä. Er nahm zunächst Quartier in Greetsiel. Von hier aus verhandelte er erst mit Spanien und später mit Dänemark. Auch versuchte er, sich eine legitime Stellung im Hochadel Ostfrieslands zu verschaffen. Er bat Graf Enno III. um die Hand seiner Tochter Christine Sophia, die sich jedoch verweigerte.Ernst von Mansfeld. (PDF; 61 kB). In: Biographisches Lexikon für Ostfriesland.
Ende November 1622 schlug Mansfeld der Stadt Emden und der Ritterschaft ein festes Bündnis mit den Niederlanden vor. Er sah für sich die Position des Gubernators vor, dem die Organisation der Landesverteidigung obliegen sollte. Seine Pläne sahen weiterhin vor, dass die münsterschen Ämter Cloppenburg, Meppen, Vechta und Wildeshausen der Grafschaft angeschlossen werden. Die gräfliche Zentralgewalt sollte dabei auf ihre althergebrachten Einkünfte mit Ausnahme der Klostergüter – die neben weiteren Steuern zur Finanzierung der Landesverteidigung gedacht waren – beschränkt werden. Deutlich zeigte Mansfeld hier sein Interesse, sich als eigentlicher Herr im Lande anerkennen zu lassen. Die Stände lehnten sein Ansinnen ab und suchten in der Folgezeit nach Mitteln und Wegen, sich von den landfremden Truppen zu befreien und diese zum Abzug zu bewegen. Die Generalstaaten hingegen, von den Ostfriesen als einflussreichster Helfer Mansfelds angesprochen, reagierten kühl. So blieb Mansfeld auch 1623 im Lande.
Inzwischen rückte von Süden das Heer des kaiserlichen Feldherrn Tilly auf Ostfriesland zu, um den Ausbau der Region zur Festung zu verhindern. Damit drohte das Land zum Kriegsschauplatz zu werden. Anfang September stand Tilly südlich von Oldenburg, verzichtete aber auf eine Offensive gegen Mansfeld, weil ihm das Risiko eines Angriffs auf das Land zu hoch war. Das Geestgebiet im Innern Ostfrieslands war aufgrund der zahlreichen Moore schwer zugänglich. Die Fernstraßen des Mittelalters umgingen das Gebiet, und noch heute verlaufen die Eisenbahnstrecken am Geestrand entlang.Kulturportal Weser-Ems: Ostfriesland.
Offene Auseinandersetzungen und Verhandlungen über den Abzug