mini|Margarete von Anjou um 1445 (Darstellung von Talbot Master) mini|Jean de Meung überreicht Margarete seine französische Übersetzung von Boethius’ Werk Consolatio philosophiae. Buchmalerei in der Handschrift Jena, Bibliothek der Friedrich-Schiller-Universität, Ms. fol. 85, fol. 13v (spätes 15. Jahrhundert) Margarete von Anjou (* 23. März oder 24. März 1430 in Pont-à-Mousson oder Nancy; † 25. August 1482 in Dampierre-sur-Loire bei SaumurDiana E. S. Dunn: Margaret of Anjou. In: Oxford Dictionary of National Biography (ODNB). Bd. 36 (2004), S. 638–646, hier: S. 638 und 645.) war von 1445 bis 1461 und von 1470 bis 1471 Königin von England. Sie war das vierte das Kleinkindalter überlebende Kind und die zweite Tochter von René von Anjou, dem späteren König von Neapel und Titularkönig von Jerusalem, und von Isabella von Lothringen. 1445 wurde sie mit Heinrich VI., König von England verheiratet. Die französische Rückeroberung der Normandie (1450) in der Spätphase des Hundertjährigen Kriegs kostete sie in England viele Sympathien. Entgegen ihrem Wunsch, der 1453 ausgebrochenen Geisteskrankheit ihres Gatten wegen, die Regentschaft zu übernehmen, wurde Richard Plantagenet, 3. Duke of York Protektor des Reichs. Nach dem Ausbruch der Rosenkriege (1455) spielte sie als führende Vertreterin des Hauses Lancaster eine wichtige Rolle in den von 1459 bis 1461 andauernden Kämpfen. In der Schlacht von Towton (29. März 1461) erlitt ihre Partei eine schwere Niederlage. Mit Unterstützung von Richard Neville, 16. Earl of Warwick gelangte Eduard IV. auf den Thron. Margarete floh nach Frankreich, konnte aber nach ihrer Aussöhnung mit Warwick, der sich mit Eduard IV. entzweit und diesen gestürzt hatte, im April 1471 mit einem Invasionsheer nach England zurückkehren. Bereits einen Monat später wurde ihre Armee jedoch in der Schlacht von Tewkesbury schwer geschlagen. Ihr Sohn Edward fand dabei den Tod, ihr Gatte wurde im Tower of London ermordet und sie selbst geriet in Gefangenschaft. Erst 1476 durfte sie sich in ihre Heimat Frankreich begeben, wo sie sechs Jahre später starb.

Margarete gehört zu den meistkritisierten englischen Königinnen, die im Mittelalter lebten. Diesen Tadel übten bereits Zeitgenossen, aber auch spätere Historiker. Im Zuge der Machtkämpfe am englischen Königshof verbreiteten politische Gegner bereits bösartige Gerüchte über sie, als sie noch eine junge Königin war. So wurde behauptet, dass ihr Sohn, der kleine Prinz Edward, nicht der Sohn Heinrichs VI. sei. Zur Legitimierung seiner Dynastie ließ König Eduard IV. seine Vorgänger aus der Lancaster-Dynastie in düsteren Farben malen; dabei wurde Margarete als die eigentliche Triebfeder für den Ausbruch der Rosenkriege hingestellt. Nach dieser Propaganda sei sie eine skrupellose, machthungrige und rachsüchtige Königin gewesen. Dieses Bild verfestigte Shakespeare für die folgenden Jahrhunderte; es wirkte bis ins 20. Jahrhundert auf Historiker und Biographen Margaretes ein. Dagegen stellten sie viele französische Autoren als tragische Heldin dar.Diana E. S. Dunn, in: Oxford Dictionary of National Biography, Bd. 36 (2004), S. 645.

Leben Abstammung; frühes Leben René von Anjou, der Vater Margaretes von Anjou, war als Urenkel des Königs Johann II., des Guten sowie Bruder von Marie, der Gattin König Karls VII., direkt mit dem französischen Königshaus verwandt. Margaretes Mutter Isabella war die älteste Tochter und Erbin des Herzogs Karl II. von Lothringen. Nach dem am 25. Januar 1431 erfolgten Tod seines Schwiegervaters Karl II. wurde René von Anjou aus dem Recht seiner Gemahlin neuer Herzog von Lothringen. Dies verwickelte ihn in einen Krieg mit dem von Philipp dem Guten unterstützten Grafen Antoine von Vaudemont. René wurde nach der Schlacht von Bulgnéville (2. Juli 1431) von Antoine gefangen genommen und bis 1437 in Dijon interniert. Nun übernahm Isabella von Lothringen die Herrschaft über Lothringen und das Herzogtum Bar sowie die alleinige Fürsorge für ihre kleine Tochter Margarete, die in ihren ersten Lebensjahren in Nancy aufwuchs. Während seiner Gefangenschaft erbte René im November 1434 auch noch von seinem verstorbenen Bruder Ludwig III. das Herzogtum Anjou sowie die Grafschaft Provence und im Februar 1435 von Johanna II. die Throne von Neapel, Sizilien sowie Aragón. Diese letztgenannten Ansprüche machte ihm aber Alfons V. von Aragón streitig. Isabella von Lothringen begab sich daraufhin nach Neapel, um dort ihrem Gemahl die Anerkennung als König zu verschaffen. Margarete wurde derweilen nach Anjou geschickt, wo ihre Großmutter Jolanthe von Aragón im Namen Renés regierte und die Obsorge für sie übernahm. Jolanthe hatte einen ähnlich starken Einfluss auf die junge Margarete wie deren willensstarke Mutter. Nun wohnte Margarete hauptsächlich in Saumur und Angers und lernte die illustre Hofkultur von Anjou kennen.Diana E. S. Dunn, in: Oxford Dictionary of National Biography, Bd. 36 (2004), S. 638; Thomas Frederick Tout, in: Dictionary of National Biography, Bd. 36 (1893), S. 138 f. Sie erhielt eine gediegene Ausbildung, auch in den von adligen Frauen erwarteten Fertigkeiten wie Tanzen, Musik und Sticken. Ferner erlernte sie durch das Beispiel ihrer politischen aktiven Mutter und Großmutter das politische Geschäft.Laura York, in: Women in World History, Bd. 10 (2001), S. 252.

Nach seiner Freilassung begab sich René von Anjou 1437 rasch nach Italien, um den Kampf um den neapolitanischen Thron zu führen. Fünf Jahre später gab er aber seine diesbezüglichen Bemühungen auf und kehrte nach Frankreich zurück, damit er sich um seine unmittelbaren Territorialinteressen kümmern konnte. Nach dem Tod seiner Mutter ging er im Juni 1443 nach Anjou und residierte mit seiner Gattin und seinen Töchtern während der nächsten Jahre meist auf Schloss Angers. Daher blieb Margarete bis zu ihrem 14. Lebensjahr in Anjou.Diana E. S. Dunn, in: Oxford Dictionary of National Biography, Bd. 36 (2004), S. 638; Thomas Frederick Tout, in: Dictionary of National Biography, Bd. 36 (1893), S. 139.

Heiratsverhandlungen Bereits im Februar 1433 hatte René von Anjou, als er vorübergehend unter Auflagen in Freiheit gesetzt worden war, in Bohain der Heirat seiner Tochter Margarete mit einem Sohn des Grafen von Saint-Pol zugestimmt; doch diese Vereinbarung zerschlug sich wieder. 1435 drängte Philipp der Gute von Burgund, der René gefangen hielt, dass Margarete mit seinem einjährigen Sohn, dem nachmaligen Herzog Karl den Kühnen, vermählt wurde. Sie sollte das Herzogtum Bar und Pont-à-Mousson als Mitgift in die Ehe einbringen und damit die direkte Verbindung zwischen den Niederlanden und Burgund sichern, was für die burgundische Politik ein wichtiges Ziel darstellte. René zog es aber vor, eher Gefangener zu bleiben als sein Erbe aufzugeben. Dennoch machte Philipp weiterhin für ein angevinisch-burgundisches Bündnis Druck und verhandelte im Sommer 1443 mit Isabella von Lothringen über eine Verheiratung Margaretes mit seinem Verwandten Karl, Graf von Nevers. Am 4. Februar 1443 wurde ein Heiratsvertrag in Tarascon unterschrieben, doch König Karl VII. lehnte diese Verbindung ab. So kam auch dieses Heiratsprojekt nicht zustande.Thomas Frederick Tout, in: Dictionary of National Biography, Bd. 36 (1893), S. 139.

Aussichtsreicher verliefen die Unterhandlungen zur Vermählung Margaretes mit dem englischen König Heinrich VI. Mit dieser geplanten Eheschließung verband sich die Hoffnung zur Beendigung des Hundertjährigen Kriegs. Seit 1439 hatte die von Kardinal Henry Beaufort angeführte Friedenspartei am englischen Hof die Oberhand gewonnen und verfolgte deshalb den Plan zur Verheiratung Heinrichs VI. mit einer französischen Prinzessin. Ihre ersten diesbezüglichen Versuche blieben erfolglos. Der 1440 aus englischer Gefangenschaft entlassene Herzog Karl von Orléans, der dieses Projekt fördern sollte, dürfte aber nach der Ablehnung König Karls VII., eine seiner Töchter Heinrich VI. zur Gemahlin zu geben, die Verheiratung des englischen Königs mit Margarete von Anjou vorgeschlagen haben. Heinrich VI. und die Hofpartei um Beaufort griffen diese Idee enthusiastisch auf, obwohl sie u. a. von Humphrey, Duke of Gloucester heftig bekämpft wurde. Im Februar 1444 reiste William de la Pole, 1. Duke of Suffolk als Leiter einer englischen Gesandtschaft nach Tours an den Hof Karls VII., um einen Waffenstillstand und eine Ehe Margaretes mit Heinrich VI. auszuhandeln. Auch René von Anjou kam nach Tours und stimmte dieser Heirat im Interesse Frankreichs zu. Die Verhandlungen verliefen rasch erfolgreich. Karl VII. hatte nichts gegen das Eheprojekt einzuwenden, da er bei René weniger als bei anderen Hochadligen fürchtete, dass dieser seine Allianz mit England zur Vergrößerung seines Territoriums ausnützen würde.Diana E. S. Dunn, in: Oxford Dictionary of National Biography, Bd. 36 (2004), S. 639; Thomas Frederick Tout, in: Dictionary of National Biography, Bd. 36 (1893), S. 139.

Anfang Mai 1444 wurde Margarete, die bis dahin in Angers geblieben war, von ihrer Mutter Isabella zum Treffen mit den englischen Gesandten geleitet. Sie wohnte mit ihren Eltern in der Abtei von Beaumont-lès-Tours. Am 22. Mai wurde ein Heiratsvertrag für Margarete vereinbart. Zwei Tage später fand ihre vom päpstlichen Legaten Pietro del Monte, Bischof von Brescia, geleitete Verlobung mit Heinrich VI. in der Basilika Saint-Martin de Tours statt, wobei der Herzog von Suffolk den abwesenden Bräutigam vertrat. Auch der französische König nahm an dieser prunkvollen Zeremonie teil, die mit einem großen Fest in der Abtei Saint-Julien endete. Dabei wurden seltsame Darbietungen aufgeführt, darunter Riesen, die Bäumen in ihren Händen hielten, sowie auf Kamelen reitende Bewaffnete, die sich Gefechte mit Lanzen lieferten. Nach der Veranstaltung eines großen Balls kehrte Margarete schließlich nach Angers zurück. Am 28. Mai 1444 wurde in Tours auch ein zwanzigmonatiger Waffenstillstand zwischen England und Frankreich sowie deren jeweiligen Verbündeten unterzeichnet. Da aber England weiterhin die Herrschaft über die Normandie und Gascogne forderte, waren nicht alle Hindernisse für einen endgültigen Frieden ausgeräumt.Diana E. S. Dunn, in: Oxford Dictionary of National Biography, Bd. 36 (2004), S. 639; Thomas Frederick Tout, in: Dictionary of National Biography, Bd. 36 (1893), S. 139–140.

Margaretes Heiratsvertrag sah u. a. vor, dass sie nur eine Mitgift von 20.000 Francs in die Ehe mit Heinrich VI. einbringen würde, da René von Anjou nach den jahrelangen Kriegen ziemlich verarmt war. Ferner brachte die Braut die Ansprüche ihrer Mutter auf Mallorca und Menorca mit, die aber praktisch kaum realisierbar waren. Diese Inseln gehörten nämlich seit Jahrhunderten zur Krone Aragon. Dagegen verzichtete Margarete auf ihre Ansprüche auf die von ihrem Vater regierten Territorien. Immerhin erhielten die Engländer durch sie Beziehungen zu wichtigen französischen Herzogtümern wie Lothringen und Bar. Heinrich VI. und seine Minister schätzten wohl den politischen Nutzen dieser Heirat höher ein als den finanziellen Verlust. König Karl VII. konnte seinerseits durch Margaretes neuen Status als englische Königin seinen Einfluss auf den Londoner Hof stärken.Diana E. S. Dunn, in: Oxford Dictionary of National Biography, Bd. 36 (2004), S. 639; Laura York, in: Women in World History, Bd. 10 (2001), S. 253.

Heirat mit Heinrich VI. von England