King Records war ein 1944 von Sydney Nathan gegründetes US-amerikanisches Independent-Label, dessen Katalog sich anfangs insbesondere auf Country- und Hillbilly-Musik spezialisiert hatte, aber auch die Musikgenres des Rhythm & Blues und Doo-Wop ins Repertoire aufnahm.
Geschichte Gründer Sydney „Syd“ Nathan litt früh unter Asthma und starker Sehschwäche. Während der Depression arbeitete er in den unterschiedlichsten Jobs, etwa als Schmuckverkäufer, Konzessionär eines Vergnügungsparks oder Wrestling-Promoter. Als er schließlich einen Plattenladen führte, kam er auf die Idee, ein Plattenlabel zu gründen.
Mit Hilfe der Familie kam ein Startkapital von 25.000 $ zusammen, mit dem er im August 1944 im eher Country-orientierten Cincinnati ein Plattenlabel unter dem Namen King Records gründete. Als die ersten Platten eine mindere Materialqualität aufwiesen, entschloss er sich zur zusätzlichen Gründung eines eigenen Presswerks. Um die Wertschöpfungskette weiter abzugreifen, gründete er den später sehr erfolgreichen Musikverlag Lois Music, bei dem er auch eigene Kompositionen unter dem Pseudonym Lois Mann registrieren ließ. Das von den großen Plattenlabels unabhängige King-Label musste sich deshalb nicht den Problemen stellen, denen sich ansonsten kleine Labels gegenübersahen: Sie waren abhängig von fremden Presswerken, Vertriebsnetzen und Zahlungseingängen. Nathan sagte hierüber spöttisch: „Um eine Plattenfirma zu gründen, braucht man einen Schreibtisch, ein Telefon und einen Rechtsanwalt.“Rick Kennedy und Randy McNutt: Little Labels – Big Sound. 1999, S. 60. Der Verwaltungsaufwand bei King Records wurde gering gehalten, weil fast alles im Hause ohne Fremdfirmen produziert wurde: Man hatte bald ein eigenes Aufnahmestudio mit eigener Sessionband, die Masterbänder wurden hier erstellt; selbst Plattencovers, -verpackung und -versand wurden übernommen. Es gab auch nicht das sonst übliche pauschale Pressen von Mindeststückzahlen, sodass bei weiterem Bedarf sofort nachgepresst werden musste.das ist allerdings auch der Grund, warum heute manche Platten von King Records zu den Raritäten unter Sammlern gehören Zunächst hatten die meisten Platten keine Chance, auf den umsatzstärkeren Pop-Markt als Crossover zu gelangen, weil ihre Texte zu riskant waren und deshalb von weißen Radiostationen nicht gespielt wurden.Beispiele sind Hank Ballard and the Midnighters (Work With Me Annie, Annie Had A Baby und Annie's Aunt Fanny) oder die Dominoes (Sixty Minute Man)
Weitere Plattenlabels Nathan begnügte sich nicht mit nur einem Label, obwohl er nicht übersehen konnte, ob er für weitere Labels genügend Interpreten akquirieren würde. Im August 1945 gründete er das Tochterlabel Queen Records, das sich ausschließlich der schwarzen Musik widmen sollte. Bereits im September 1945 erschien hier die erste Platte The Honeydripper von Bull Moose Jackson. Aber schon im August 1947 wurde Queen eingestellt und sein Katalog von 75 Platten etwa von Slim Gaillard, Annisteen Allen, Tab Smith und etablierten Gospel-Interpreten wie The Southern Harps, Wings Over Jordan und The Harmoneers wurden zu King Records übertragen („King Race Series“). Die Fusion mit King Records fand am 1. September 1947 statt.
Im selben Jahr erwarb Nathan die Mehrheit an der Deluxe Records in Linden, New Jersey. Das vielseitige Label hatte Pop, Rhythm and Blues, Jazz, Gospel und Country & Western im Repertoire. Im März 1949 wurde dessen Sitz ebenfalls nach Cincinnati verlegt. Im Februar 1951 gehörte schließlich DeLuxe komplett zu Syd Nathans Firmen. Viele DeLuxe-Aufnahmen wurden auf King-Singles und Albums veröffentlicht, sodass eine klare Abgrenzung nicht mehr stattfand.
Im November 1950 schließlich gründete Nathan das Tochterlabel Federal Records. Es war ausschließlich für R&B-Interpreten geplant. Billy Ward & the Dominoes, Hank Ballard & The Midnighters und James Brown and His Famous Flames kamen hier unter Vertrag. Im August 1953 wurde Glory Records in Miami, Florida, erworben, hier wurde vorwiegend Country produziert.
Die Gründerjahre rechts|180px|Delmore Brothers – Hillbilly Boogie rechts|180px|J.E. Mainer – What’ll I Do With the Baby-O Im benachbarten Dayton produzierte Nathan bereits im September 1943 die zum Country & Western gehörenden Sheppard Brothers (Merle Travis und Grandpa Jones). Mit der Katalognummer King 500 erschien als erste Platte des neuen Labels von ihnen You’ll Be Lonesome Too / The Stepping Out Kind sowie mit #501 When Mussolini Laid His Pistol Down / Two Time Annie, obwohl das King-Label erst im August 1944 formal offiziell gegründet wurde. Der erste frühe Hitparadenerfolg kam dann bereits mit #505, Cowboy Copas mit Filipino Baby / I Don’t Blame You, das bereits im labeleigenen neuen Aufnahmestudio („King Recording Studio“) im April 1945 in der 1540 Brewster Avenue, Cincinnati, entstand (Produzent war Nathan selbst). Die Single wurde erst im August 1946 veröffentlicht und drang bis Platz vier der C&W-Charts vor. Ein Instrumental von Hank Penny, der Steel Guitar Stomp (mit Merle Travis; #528), folgte im Juni 1946 ebenfalls bis auf Platz vier. Im Oktober 1946 kam eine Mischung von Country, Boogie Woogie und Blues in die Tonstudios, als der Country-Pianist Moon Mullican mit dem Cajun-Stück New Pretty Blonde (New Jole Blon) / When A Soldier Knocks and Finds Nobody Home aufnahm und im Februar 1947 bis auf Platz zwei in den C&W-Charts emporkletterte. Der Song für den wachsenden Country-Boogie-Markt sollte innerhalb der nächsten drei Jahre zum ersten Millionenseller des noch jungen King-Labels werden.
Nun begann die Phase der Race Music, wie Rhythm and Blues damals noch genannt wurde. Aber nicht immer wurden dafür die labeleigenen Studios genutzt. Als der Boogie-Pianist Ivory Joe Hunter die Ballade Don't Be No Fool-Fool am 6. September 1947 aufnahm, wurde ein Tonstudio in New York City genutzt. Danach ging man am 18. November 1947 nach Nashville, um mit Owen Bradleys Gitarrenarbeit In Time aufzunehmen. The Code Song beinhaltete Morsezeichen, die in den Text eingearbeitet wurden. Die Session vom 5. Dezember 1947 fand wiederum in Cincinnati statt. Hier wurde Ivory Joe von fünf Musikern aus Duke Ellingtons Orchester begleitet.
Für den 28. Dezember 1947 war eine denkwürdige Session in den King-Studios geplant. Der gerade akquirierte Wynonie Harris spielte Good Rockin’ Tonight mit einer talentierten BandWilliam Cat Anderson, Frank „Floorshow“ Culley (Altsaxophon); Hal Singer (Tenorsaxophon); Elmer Alexander (Baritonsaxophon); Albert "Birdie" Wallace (Piano); Jimmy Butts (Bass); Connie Kay (Schlagzeug) ein, mit der B-Seite Good Morning Mr. Blues (am 23. Dezember 1947 in Cincinnati aufgenommen). Das Original stammte von Roy Brown, der es mit Begleitung durch Bob Ogdens Orchestra in Cosimo Matassas New Orleans-Studio im Juli 1947 unter DeLuxe #1093 (mittlerweile Teil von King) aufgenommen hatte. So gehörten dann beide Platten zum selben Plattenkonzern. Auch Roy Browns berühmter Hard Luck Blues wurde später hier am 19. April 1950 eingespielt (# 1 R&B).
mini|Delmore Brothers – Freight Train Boogie (Reissue von 1964) Dann kam eine schwere Zeit für die gesamte amerikanische Schallplattenindustrie, da am 1. Januar 1948 alle US-amerikanischen Tonstudios durch den „Petrillo Recording Ban“ mit einem bis Dezember 1948 andauernden faktischen Aufnahmeverbot belegt wurden.James Petrillo, Präsident der amerikanischen Musikergewerkschaft (American Federation of Musicians; AFL), verhängt eine Art Streik wegen der Bezahlung der Musiker Deshalb nahm Wynonie Harris auch erst am 19. Dezember 1948 wieder weitere Platten auf. Um zu überleben, waren US-weit die Plattenfirmen darauf angewiesen, aus ihren Archiven die noch unveröffentlichten Aufnahmen herauszubringen.
Am 6. Mai 1949 wurde in Cincinnati von den im Jahre 1946 zu King gekommenen Delmore Brothers ein Stück aufgenommen, das von vielen Fachleuten als eines der ersten Rock & Roll-Stücke angesehen wird. Der Song Blues Stay Away from Me kam im September 1949 in die C&W-Charts und erreichte als erster Hit des Labels dort die Nummer eins. Zehn Tage später standen Wayne Rainey und Lonnie Glosson im selben Studio und nahm Why Don’t You Haul Off and Love Me auf, eine weitere C&W-Nummer-Eins und der erste Crossover-Hit des Labels mit einem Platz 25 in den Pop-Charts.
Produzenten und Plattenverantwortliche in den 1950er Jahren rechts|mini|Little Willie Littlefield – K.C. Loving Syd Nathan war stark beschäftigt und delegierte deshalb die Produktionsarbeit ab Juni 1945 an Henry Glover, einem Trompeter aus Lucky Millinders Band, der auch komponierte. Im Dezember 1950 holte Nathan für sein Federal-Label Ralph Bass als Produzenten. Beide machten sich schnell an die Arbeit. Am 30. Dezember 1950 produzierte Bass für die Dominoes mit Sixty Minute Man (Federal #12022) einen textlich extrem sexuell orientierten Song, der es zur Nummer eins der R&B- und Nummer 17 der Pop-Charts schaffte und nach seiner Veröffentlichung im März 1951 insgesamt 500.000-mal verkauft wurde. Nach einem Jahr überstieg er sogar die Millionengrenze. Für den 10. Januar 1951 war wieder das Earl Bostic Orchestra im Studio, um das Instrumental Flamingo einzuspielen, ein weiterer Nummer-Eins-R&B-Hit. Bass nahm im August 1952 den obskuren Boogie Woogie-Pianisten Little Willie Littlefield auf, der mit K.C. Loving (Federal #12110) eine der ersten Kompositionen von Jerry Leiber und Mike Stoller aufgriff. Der Song wurde chartmäßig nicht wahrgenommen, aber unter dem Titel Kansas City später zu einem der am meisten gecoverten Rock-’n’-Roll-Songs.
Einen weiteren sexuell riskanten Text enthielt Work With Me, Annie von Hank Ballard & the Midnighters, am 14. Januar 1954 aufgenommen. Die schwarzen Käufer störte das nicht und machten den Song zum Millionenseller, der 7 Wochen an der Spitze der R&B-Charts verharrt. Bei John Watson, später als Johnny Guitar Watson bekannt, leistete Bass futuristische Pionierarbeit. Space Guitar (Federal #12175) wurde am 1. Februar 1954 mit Hall- und Feedback-Effekten von der Gitarre aufgenommen – die Vorwegnahme späterer Standardeffekte in der Pop- und Rockmusik.
Dann kam der wohl denkwürdigste Tag des Label-Konzerns. Am 4. Februar 1956 war der Boss Syd Nathan im Kontrollraum des Hauptstudios anwesend, als Producer Ralph Bass seine neueste Entdeckung präsentierte: James Brown and The Famous Flames. Sie begannen mit ihrem oft zuvor geprobten Please Please Please. „Was ist das? Was zur Hölle machen die da? Halt‘ das Band an, das klingt nicht gut!“ unterbrach der Labelboss die SessionBruce Tucker, James Brown – The Godfather Of Soul, 1986, S. 78.. „Ich habe Euch angestellt, um Talente zu finden. Diesen Lärm mit nur einem Wort will niemand hören“, schimpfte Nathan. Nach weiteren Wortwechseln mit seinen Leuten verließ der Labelboss verärgert das Studio. Unbeirrt nahm man den Song und drei weitere Stücke auf. Der Produzent wurde wenige Tage später gefeuert, aber widerwillig stimmte Nathan einer Veröffentlichung am 3. März 1956 dann doch zu. Als die Platte bereits am 11. April 1956 Platz sechs erreichte und eine Million umsetzte, war Nathan versöhnt und stellte Ralph Bass wieder ein. Damit hatte eine der größten R&B- und Soulkarrieren ihren Anfang genommen.
Am 1. März 1956 stand ein kleinwüchsiger Sänger namens Little Willie John im Studio. In einer fast 6-stündigen Session wurde der in Moll gehaltene 12-taktige Blues Fever, arrangiert mit den Tenorsaxophonen von Ray Felder und Rufus „Nose“ Gore sowie der jazzigen Gitarre von Bill Jennings und Fingerschnippen, das nur marginal die bluesige Stimmung auflockerte, aufgenommen. Der Song mit erotischem Inhalt besaß ein solides, gospelähnlich wirkendes Arrangement, das mit der einzigen # 1 R&B für den Interpreten Little Willie John belohnt wurde und als Crossover noch Platz 24 Pop erreichte. Später schaffte das Original auch Millionensellerstatus und avancierte zu einer klassischen Covervorlage für andere Interpreten.