miniatur|hochkant=1.4|Das Reichsamt für Agrarpolitik befand sich am Bavariaring 21 in München.Reichsbund der Deutschen Beamten (Hrsg.): Deutscher Beamten-Kalender. Verlag Beamtenpresse, Berlin 1938, S. 53. Das Foto zeigt die Fassade des Gebäudes im Jahr 2009. Das Reichsamt für Agrarpolitik in München war eine politische Institution der NSDAP unter der Führung von Reichsernährungsminister Walther Darré und seinem Staatssekretär Herbert Backe. Es hatte die Aufgabe, in Zusammenarbeit mit dem Reichsministerium für Ernährung und Landwirtschaft den Reichsnährstand zu betreuen und zu führen.
Das Reichsamt ging im Jahre 1936 aus dem 1933 gegründeten Amt für Agrarpolitik hervor. Die organisatorischen Wurzeln, die zur Errichtung des Amtes führten, reichen bis in das Jahr 1930 zurück, als Darré mit dem Aufbau eines agrarpolitischen Apparats im gesamten Deutschen Reich begann. Dabei wurde eine große Zahl von „landwirtschaftlichen Fachberatern“ eingesetzt, die propagandistisch die agrarpolitischen Ziele der Partei verfolgten und nach der Machtergreifung als Bauernführer im Reichsnährstand tätig waren.
Nachdem Backe 1942 zum kommissarischen Leiter des Reichsamtes ernannt worden war, erhielt es die neue Bezeichnung Reichsamt für das Landvolk.
Agrarpolitischer Apparat Planungen Im Mai 1930, als die Aktivitäten der NSDAP in ländlichen Bevölkerungskreisen bis auf wenige Ausnahmen noch äußerst beschränkt waren, wurde Walter Darré als Berater in landwirtschaftlichen Fragen in die Reichsleitung der NSDAP berufen.Horst Gies: NSDAP und landwirtschaftliche Organisationen in der Endphase der Weimarer Republik. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. 15. Jg. (1967), Heft 4, S. 341. Die zu diesem Zeitpunkt einsetzenden Bestrebungen der NSDAP, die eigene agrarpolitische Konzeption zu konkretisieren und in das propagandistische Kalkül mit einzubeziehen, waren mit der ursprünglich von August Georg Kenstler gefassten Idee verbunden, dass die Partei den landwirtschaftlichen Bereich auch organisatorisch erfassen müsse. Diesem Vorhaben, das durch Darré schon innerhalb eines Jahres wirksam umgesetzt werden konnte (nicht zuletzt durch die Unterwanderung des Reichslandbundes), ging 1929 der Plan von Darré, Kenstler und Hans Severus Ziegler voraus, in Weimar eine agrarpolitische Zentrale einzurichten, „um von dort aus eine über das ganze Reich sich ausdehnende Landvolkbewegung zu organisieren“.Horst Gies: NSDAP und landwirtschaftliche Organisationen in der Endphase der Weimarer Republik. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. 15. Jg. (1967), Heft 4, S. 344. Mit seinem politischen Konzept, das im Kern die Eroberung des gesamten agrarischen Milieus auf der Grundlage einer massiven Einflussnahme auf die Willensbildung auf dem Lande zum Inhalt hatte, trat Darré sodann nicht in Weimar, sondern am 1. August 1930 in eine eigens für ihn geschaffene „Agrarpolitische Abteilung“ (APA) bei der NS-Reichsorganisationsleitung II in München an.Wolfram Pyta: Dorfgemeinschaft und Parteipolitik 1918-1933. Die Verschränkung von Milieu und Parteien in den protestantischen Landgebieten Deutschlands in der Weimarer Republik (= Beiträge zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien. Hrsg. von der Kommission für Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien. Bd. 106). Düsseldorf 1996, S. 353, ISBN 3-7700-5191-2. Aus einer von ihm verfassten Denkschrift vom 15. August 1930 mit dem Titel „Entwurf für den Plan: Ausbau eines agrarpolitischen Netzes über das Reichsgebiet“ geht hervor, dass er sich eine Organisation wünschte, die die programmatischen Richtlinien der Partei „bis in den entlegensten Winkel des Reiches einheitlich propagiert“.Horst Gies: NSDAP und landwirtschaftliche Organisationen in der Endphase der Weimarer Republik. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. 15. Jg. (1967), Heft 4, S. 345. Um diese Gleichschaltung zu gewährleisten, schlug er ferner vor, dass „jeder politische Leiter der NSDAP vom Gau bis zum Ort“ einen „landwirtschaftlichen Fachberater“ erhalten solle. Diese Fachberater hätten die Aufgabe, 1. ihre Vorgesetzten in der Politischen Organisation (PO) im politischen Tageskampf zu unterstützen und 2. ihre vor Ort gemachten Erfahrungen zu der von ihm geleiteten Münchener Abteilung Landwirtschaft der Reichsorganisationsabteilung II unter Konstantin Hierl zu berichten, damit das einlaufende Material „gesichtet“ und „als agrarpolitische Erfahrungstatsache des innenpolitischen Kampfes allen landwirtschaftlichen Fachberatern im Reich zugänglich“ gemacht werden könne. Darré konnte Hierl und die Reichsleitung überzeugen: Bereits am 21. August 1930 wurde damit begonnen, den Plan umzusetzen.Horst Gies: NSDAP und landwirtschaftliche Organisationen in der Endphase der Weimarer Republik. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. 15. Jg. (1967), Heft 4, S. 346.
Umsetzung Die Umsetzung der Ideen von Darré erfolgte mit seiner Aufforderung an alle Gauleiter, bis zum 1. Oktober 1930 einen landwirtschaftlichen Fachberater zu berufen, wobei das Gleiche „nach Möglichkeit“ auch für die Bezirke gelten sollte.Horst Gies: NSDAP und landwirtschaftliche Organisationen in der Endphase der Weimarer Republik. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. 15. Jg. (1967), Heft 4, S. 346. (Quelle: Rundschreiben, Nachlass von Darré, BA Koblenz, AD 45; ebenso: Sammlung Schumacher/214 ebenda.) Vermutlich aus Kostengründen wurde Darrés in der Denkschrift formulierte Vorschlag abgelehnt, in jedem Gau einen „hauptamtlich angestellten landwirtschaftlichen Fachberater“ einzusetzen. Stattdessen sollte die von den Gauleitern vorzunehmende Auswahl bei als „zuverlässig erscheinenden“ Landwirten erfolgen, die ihre Tätigkeit als Fachberater ehrenamtlich auszuüben bereit waren. Gebunden war die Auswahl indessen an genaue Richtlinien, die von Darré und Hierl vorgegeben wurden. So konnte nur derjenige Fachberater werden, der das Vertrauen seiner Berufskollegen sowie der örtlichen politischen Leitung der NSDAP genoss. Weitere Bedingungen waren, dass der Fachberater der Landwirtschaft nahestand sowie geistig regsam und gewandt im Auftreten war, Letzteres insbesondere deshalb, weil er „sowohl Standesgenossen gegenüber die Parteifragen, wie Parteigenossen gegenüber die Landwirtschaftsfragen vertreten“ können müsse. Je nach Fähigkeit seien die Wirkungsbereiche „Ort“, „Kreis“, „Bezirk“ und „Gau“ gestaffelt festzulegen. Um zügig auf Presseangriffe reagieren zu können, sollte der landwirtschaftliche Fachberater zudem möglichst über „eine gewisse Gewandtheit auf schriftstellerischem Gebiet“ verfügen.
1931 war der seinerzeit so bezeichnete „agrarpolitische Apparat“ (aA) von Darré, dessen Zentralbüro von Darrés Studienfreund Richard Arauner geleitet wurde, soweit ausgebaut, dass die Landwirtschaftlichen Gaufachberater (LGF) in einem festen hierarchischen System der jeweiligen Zuständigkeiten im agrarpolitischen Bereich eingeordnet waren. An deren Spitze stand der Landwirtschaftliche Reichsleitungsfachberater (LRF), der den LGF unmittelbar vorgesetzt war. Den Gaufachberatern wiederum, denen allesamt eine Befehlsgewalt zugestanden wurde, unterstanden die Landwirtschaftlichen Bezirksfachberater (LBF), Landwirtschaftlichen Ortsgruppenfachberater (LOF), Abschnittsfachberater (AFB) sowie zahlreiche Landwirtschaftliche Vertrauensleute (LVL).Horst Gies: NSDAP und landwirtschaftliche Organisationen in der Endphase der Weimarer Republik. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. 15. Jg. (1967), Heft 4, S. 348. Ab September 1931 wurden ferner Landesfachberater (LFB) eingesetzt, um strukturelle Unterschiede in der Bevölkerung hinsichtlich der Mentalität, Religionszugehörigkeit usw. in den größeren Gauen in den Griff zu bekommen. Der LFB hatte in dem Geflecht der Zuständigkeiten des aA die Aufgabe, die Zusammenarbeit zwischen den Gaufachberatern zu koordinieren. Abhängig davon, welche Position ein Fachberater in diesem System einnahm, war er – analog zur Politischen Organisation der NSDAP – dienstlich stets dem jeweiligen politischen Leiter unterstellt. Für den LGF bedeutete das konkret, dass er dem Gauleiter unterstand und idealerweise in enge Absprache mit ihm stehen sollte. Darüber hinaus erhielt der LGF seine Anweisungen vom LRF (Darré) und durfte – unabhängig vom Gauleiter – auf direktem Wege mit der APA in München korrespondieren. Um einen eindeutigen Befehlsfluss zu gewährleisten, hatten die LBF, LKF, LOF und LVL von den örtlichen Parteidienststellen zudem keine Anweisungen entgegenzunehmen, sondern allein vom LGF.Wolfram Pyta: Dorfgemeinschaft und Parteipolitik 1918-1933. Die Verschränkung von Milieu und Parteien in den protestantischen Landgebieten Deutschlands in der Weimarer Republik. Düsseldorf 1996, S. 356. (Quellen: H. Gies, Darré, 1966, S. 45; Rundschreiben von Darré an die LGF, 20. November 1930, BA, NS 26/951; Darré an die Gauleiter, 21. August 1930, BA, NL 74 II, Nr. 45.)
Nach den Landwirtschaftskammerwahlen vom 18. Dezember 1931 wurde Werner Willikens, der Stellvertreter von Darré im aA, ins Präsidium des Reichlandbundes gewählt, so dass fortan die NSDAP einen direkten Einfluss auf den Bund ausüben konnte. Die Strategie der Partei zielte vor allem darauf ab, Personen für ihre Interessen zu gewinnen, die in der bäuerlichen Bevölkerung über ein hohes Ansehen verfügten. Diese wiederum sollten die NSDAP gesellschaftsfähig und somit wählbar machen, gleichsam als „Öffner“ des bäuerlichen Milieus dienen.Daniela Münkel: Nationalsozialistische Agrarpolitik und Bauernalltag. Frankfurt a. M. / New York 1996, S. 71 f., ISBN 3-593-35602-3. Aus einem Sonderrundschreiben Darrés über „Richtlinien für den Wahlkampf auf dem Lande“ vom 24. August 1932 geht hervor, dass er dabei bewusst nicht auf monotone Phrasen und abstoßende Beschimpfung des politischen Gegners setzte, sondern auf inoffizielle, unaufdringliche Gespräche von Nachbar zu Nachbar und Bauer zu Bauer, da sich der Landwirt „eben in Ruhe über das ihn beschäftigende Problem besprechen und aussprechen“ wolle. Ins Zentrum stellte er deshalb „die Kleinarbeit, die Werbung von Mund zu Mund“.Wolfram Pyta: Dorfgemeinschaft und Parteipolitik 1918-1933. Die Verschränkung von Milieu und Parteien in den protestantischen Landgebieten Deutschlands in der Weimarer Republik. Düsseldorf 1996, S. 354. Etwa Mitte 1932 war das Netz der landwirtschaftlichen Fachberater bereits so groß, dass ihre Zahl nach einer Schätzung des Historikers Wolfram Pyta rund 10.000 Mitarbeiter betrug. An dieses Kader reichten weder quantitativ noch qualitativ andere politische Parteien heran. Als Objekte der politischen Agitation wurden selbst entlegene Weiler nicht ausgespart.Wolfram Pyta: Ländlich-evangelisches Milieu und Nationalsozialismus bis 1933. In: Horst Möller u. a. (Hrsg.): Nationalsozialismus in der Region. München 1996, S. 210 f., ISBN 3-486-64500-5.