mini|Bodenfliesen mit Jugendstil-Lilienmustern mini|Farbige Wandfliesen mini|Fliesen als Außenverkleidung am Kachelhaus Bielefeld. In manchen Regionen des Rheinlands ist die Verkleidung der Fassade im Erdgeschoss mit Fliesen üblich. Keramikfliesen sind keramische plattenförmige Werkstücke, die als Wandverkleidung sowie als Beläge für den Boden, Arbeitsflächen, Fenstersimse und andere Flächen im Innen- wie Außenbereich verwendet werden. Der Begriff „Fliese“ wird auch für Werkstücke aus Naturstein, Beton, Glas, Teppich usw. genutzt, um Bauteile ähnlicher Form und Verwendung zu klassifizieren. In der Schweiz spricht man von „Plättli“, während in der Schriftsprache meistens „Platten“ oder „Plättchen“ verwendet wird. Die Bezeichnung Kachel ist eher im Süddeutschen und in Österreich verbreitet (siehe auch: Ofenkachel). Die kunstgeschichtliche Forschung und Beschreibung verwendet Fliesevgl. im Art and Architecture Thesaurus: tiles (object genre) und Fliese in der deutschen Übersetzung; ebenso in der Gemeinsamen Normdatei: Fliese – aber auch in Nachfolge von gr. kakkabos und lat. cacculus, caccalus bzw. caccabusWerner Hilgers: Lateinische Gefäßnamen. Bezeichnungen, Funktion und Form römischer Gefäße nach den antiken Schriftquellen, Düsseldorf 1969, S. 124 s. v. lat. caccabus; s. a. z. B. Delfter Kacheltisch.vgl. Hans van Lemmen: Delfter Kacheln, DVA 1998.

Etymologie mini|Fliesen als Außenschmuck am Felsendom, Jerusalem mini|Kacheldekor am Bab El Khemis in Meknès, Marokko (um 1800) Die Keramik stammt ab vom griechischen Wort keramos für „Ton“. Tonminerale entstehen aus den überwiegend feinstkörnigen Verwitterungsprodukten von Feldspaten, die mit unterschiedlichsten Beimengungen abgelagert wurden. Die Zusammensetzung des Tons, die Aufbereitung und der Brand bestimmen die Farbe des unglasierten Scherbens.

Das Wort Kachel stammt ab vom mittelhochdeutschen kachele („irdener Topf“). Quelle des Wortes ist der vulgärlateinische caccabus (‚Tiegel‘, ‚Pfanne‘) als Lehnwort aus dem altgriechischen kákkabos (‚dreibeiniger Kessel‘) mit der althochdeutschen Form chachala.Duden: Das Herkunftswörterbuch, Duden Band 7, Bibliographisches Institut, Mannheim / Wien / Zürich 1963, ISBN 3-411-00907-1, S. 300.

Das Wort Fliese (für „kleine dünne Steinplatte“) wurde Ende des 17. Jahrhunderts aus dem Niederdeutschen übernommen. Das mittelniederdeutsche Wort vlīse für „Steinplatte“Friedrich Kluge, Alfred Götze: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 20. Auflage. Hrsg. von Walther Mitzka. De Gruyter, Berlin / New York 1967; Neudruck („21. unveränderte Auflage“) ebenda 1975, ISBN 3-11-005709-3, S. 206. ist verwandt mit dem altisländischen Wort flis für den Splitter und hat seinen Ursprung in der indogermanischen Wurzel [s]p[h]el (‚platzen‘, ‚bersten‘, ‚splittern‘, ‚spalten‘) mit dem altgriechischen Wort sphalássein (‚spalten‘, ‚stechen‘) und dem altindischen Wort phálati (‚birst‘, ‚springt entzwei‘).Duden: Das Herkunftswörterbuch, Duden Band 7, Bibliographisches Institut, Mannheim / Wien / Zürich 1963, ISBN 3-411-00907-1, S. 174 und 653.

Geschichte Die ersten Gegenstände aus gebranntem Ton stellten Menschen vor ca. 30.000 Jahren her, während die ersten keramischen Gefäße vor ca. 11.000 Jahren im Nildelta entstanden sind. Die ersten europäischen Keramikindustrien waren im Römischen Reich zu finden: Rote, glasierte Gebrauchskeramik (Terra Sigillata) war im gesamten Römischen Reich verbreitet. Die typischen roten Dachziegel sind ebenfalls bereits in großen Mengen hergestellt worden. Bodenziegel kamen auch im unteren Mittelstand zur Anwendung. Die römischen Fußbodenheizungen basierten auf keramischen und somit hitzebeständigen Werkstoffen. Die rote Farbe entstand durch die kontrollierte Belüftung des Brennofens. Schwarze Keramik wurde unter Luftabschluss gebrannt und war relativ teuer, da es sehr aufwendig war, den Brennofen abzudichten.

Keramikfliesen als Wandbelag wurden im Altertum in Ägypten, Mesopotamien und Persien angewendet und später von der islamisch-arabischen Architektur übernommen. Mit den Mauren kamen farbig glasierte Mosaikfliesen nach Spanien und Portugal, wo sie als Azulejos bezeichnet werden.

Für das Jahr 1000 sind die ersten nichtrömischen keramischen Bodenbeläge in Deutschland nachgewiesen. Die Handelswege der Niederländer, Spanier und Italiener verbreiteten die Keramiken in ganz Europa. Allerdings war die Herstellung sehr aufwendig und teuer, da das technische Wissen der Römer zur industriellen Herstellung verloren gegangen war.

In West- und Mitteleuropa wurden Fliesen im Mittelalter vor allem als Fußbodenbelag und zur Kaminumrandung genutzt. Diese Tonplatten, auch Tonkacheln genannt,In der St. Nicolaikirche in Grünhain hängt ein offiziell als Tonkachel-Gemälde bezeichnetes Sonntagsfeierbild aus dem Jahr 1914 aus einer Marburger Kunsttöpferei. trugen häufig Reliefverzierungen oder es wurde andersfarbiger Ton eingelegt, so dass ein zweifarbiges Muster entstand.

Für das 15. und 16. Jahrhundert finden vor allem Fayencefliesen aus Italien, Spanien und Frankreich Erwähnung. Von dort gelangten die Fayencen nach Antwerpen, das sich zwischen 1520 und 1570 zu einem Zentrum der Fliesenherstellung entwickelte. Nach dem Frieden von Antwerpen 1609 begann in den Niederlanden die Fliesenherstellung. Obwohl die Produkte meist Delfter Fliesen genannt werden, verlor Delft als Fliesenproduzent ab 1650 an Bedeutung und wurde von Fabriken in Rotterdam, Utrecht, Haarlem und Makkum abgelöst. Die blau-weißen holländischen Fliesentableaus und Einzelfliesen erlangten eine solche Bedeutung, dass sie sogar wieder nach Portugal exportiert wurden oder dort die Herstellung von „Azulejos in der holländischen Mode“ anregten. Auch Norddeutschland und Dänemark importierten Delfter Fliesen, mit denen häufig ganze Stuben (Pesel) ausgeschmückt wurden. Entsprechend weit reichte das Bildprogramm von Bibelfliesen bis hin zu Seefahrt und Jagd.

Mit der industriellen Revolution im 19. Jahrhundert stieg die Verbreitung der keramischen Bodenbeläge stark an. Anfangs noch als Zubrot der Ziegeleien hergestellt, entstand eine eigenständige Industrie. Seit dem späten 20. Jahrhundert werden Fliesen fast ausschließlich in hochautomatisierten Fabriken hergestellt. Es gibt aber immer noch kleine handwerkliche Betriebe, die individuelle Keramiken in kleinsten Serien produzieren.

Architektonische und ästhetische Perspektive Architekturgeschichte der Keramikfliese

Architekten setzen Keramikfliesen aus praktischen ebenso wie aus gestalterischen und ästhetischen Gründen sowohl im Innen- als auch im Außenbereich ein.

Die Designer der 1904 eröffneten U-Bahn in New York City, die Architekten George C. Heins und Christopher Grant la Farge, haben charakteristische rechteckige weiße Fliesen mit leicht abgerundeten Kanten und glänzender Oberfläche überall an den Wänden der Stationen und der Verbindungskorridore verwendet, um dort trotz der unterirdischen Lage eine Anmutung von Helligkeit, von Eleganz und von Sauberkeit zu erzeugen. Das Design der „Subway Tiles“ wurde in den USA stilbildend und ist, etwa in Küchen, bis heute populär.

Ein etwas jüngeres Beispiel ist das Dach des von Jørn Utzon designten Sydney Opera House, das mit über einer Million unterschiedlich geformter glasierter Keramikfliesen aus schwedischer Produktion gedeckt ist.

Ästhetik Das Erscheinungsbild eines Fliesenwerks hängt – außer vom Design der Fliesen selbst – unter anderem von der Fugenbreite, der Farbe des Fugenmörtels und vom Verlegemuster ab. Für die Geometrie, die den konventionell gebräuchlichen und den grundlegend möglichen Verlegemustern zugrunde liegt, siehe Parkettierung. Ein und dasselbe Verlegemuster kann ganz unterschiedlich aussehen, je nachdem ob eine einzige Fliesenfarbe verwendet wird oder ob mehrere Farben kombiniert werden. Nicht alle theoretisch möglichen Muster werden in Fliesenwerken tatsächlich auch verwendet; vielmehr gelten einige als ansprechend, während andere aus ästhetischen Gründen gemieden werden. Auch eignet sich rein visuell nicht jedes Verlegemuster für jede Fliese. Ein weiterer Faktor, von dem das Erscheinungsbild eines Fliesenwerks abhängt, ist der Kontext; so können beispielsweise innerhalb eines Raums für Fußboden und Wände unterschiedliche Fliesen verwendet werden, die visuell aber aufeinander verweisen, etwa durch übereinstimmende Farben (der Fliesen selbst und/oder des Fugenmörtels), Formen oder Verlegemuster.

mini|Eine moderne Keramikfliese, die wie Holz aussieht Produkte, Verlegemuster und die Entscheidung, auf welchen Flächen Fliesen verwendet werden, sind Trends und Moden unterworfen. Im Trend liegen derzeit (2022) unter anderem Fliesen, die das Aussehen von Materialien wie Holz, Stein oder verwittertem Beton imitieren. Ein wichtiges Forum für die Branche, auf der solche Trends gesetzt werden, ist The International Surface Event, eine Fachmesse, die alljährlich in den USA veranstaltet wird.

Herstellung Rohstoffaufbereitung Seit den Anfängen der Keramikherstellung haben sich die verwendeten Rohstoffe nur wenig geändert. Hauptinhaltsstoff ist Ton. Je nach Anforderungen werden Gemische aus verschiedenen Tongruben verwendet und Zuschlagstoffe wie Quarzsand, Kaolin, Feldspat, Kalzit, Dolomite, Flussspat oder Schamotte beigemischt. Die Rohmasse darf sich bis zur Formgebung nicht entmischen und das Schrumpfverhalten beim Brand darf nicht zur Rissbildung oder zum Verzug der Platten führen. Entscheidend ist dabei nicht nur die Korngröße, sondern auch die Kornform. Je runder die Körner, desto geringer die Schwindung, aber auch die Festigkeit des Endprodukts.

Formgebung In der Regel werden nur noch Cotto-Platten und Fliesen von Hand geformt, die historischen Vorbildern nachgebildet sind. Ansonsten werden das Strangpressverfahren und die Pulverpressung (auch Trockenpressung genannt) angewendet. Beim Strangpressen wird die plastische Keramikmasse durch Extrusion zu einem endlosen Band geformt und anschließend in Fliesengröße zerteilt. Im Trockenpressverfahren wird speziell aufbereitetes Keramikpulver mit hohem Druck in Formen gepresst und danach gebrannt. Hourdis- und Spaltplatten erhalten wie Hochlochziegel durch das Formwerkzeug beim Pressen durchgängige innere Hohlräume.

Die Rückseite der Fliesen wird geriffelt bzw. strukturiert, um einen besseren Verbund mit dem Fliesenmörtel zu erreichen. Beim Strangpressen können verfahrensbedingt nur Längsrillen ausgebildet werden, die auch schwalbenschwanzförmig vertieft sein können.

Ein relativ neues Verfahren ist die Verwendung von Rollenpressen bei großformatigen Feinsteinzeugtafeln, die in Wandhöhe gefertigt werden können. Die keramische Grundmasse wird dabei zwischen zwei Walzen geformt. Aufwändige Muster und auffallende Reliefs werden mittels Inkjetverfahren auf die Fliese übertragen.

Farben Die Farbe von unglasierten Keramikfliesen entsteht meist durch färbende Oxide. Diese Oxide sind entweder natürliche Bestandteile der Rohstoffe (beispielsweise Eisenoxid, Mangandioxid, Titandioxid) oder sie werden dem Scherben gezielt zugemischt.

Bei glasierter Keramik wird die Oberfläche durch eine auf den Scherben aufgetragene Glasur gefärbt. Beim Monoporosa-Verfahren wird die Glasur vor dem Brand aufgetragen. Beim Biporosa-Verfahren wird der Scherben erst gebrannt, abgekühlt und mit dem Glasurrohstoff nochmals gebrannt.

Fliesen im mittleren Preissegment erhalten ihre Maserung mittels Rorocolor-Druckverfahren. Hierbei durchläuft die Fliese eine Rolle, die das Muster überträgt.

Keramikarten für Wand und Boden mini|links|Schnitt durch eine Steingutfliese, sichtbar sind die dünne Glasurschicht auf der Oberseite und die Profilierung der Unterseite zur besseren Anhaftung des Klebemörtels