Die Geschichte Ägyptens umfasst die Entwicklung Ägyptens von der Urgeschichte bis zur Gegenwart.
Paläolithikum mini|hochkant=1.5|Die Karte zeigt das Verbreitungsgebiet der sogenannten Cleaver, eines Steinwerkzeugs mit einer breiten Schneide, das in Ägypten anscheinend nicht vorkam.
Altpaläolithikum Einige Vertreter des Homo erectus dürften Afrika erstmals vor rund 2 Millionen Jahren Richtung Levante, Schwarzmeerraum und Georgien sowie möglicherweise über Nordwestafrika Richtung Südspanien verlassen haben.Friedemann Schrenk, Stephanie Müller: Die Neandertaler. Beck, München 2005, S. 42. Vor rund 600.000 Jahren kam es wohl zu einer zweiten Ausbreitungswelle.Carl Zimmer: Woher kommen wir? Die Ursprünge des Menschen. Spektrum Akademischer Verlag, 2006, S. 90. Danach entwickelte sich Homo erectus in Europa zum Neandertaler, während in Afrika vor etwa 200.000 Jahren aus Homo erectus der archaische Homo sapiens und aus diesem der anatomisch moderne Mensch hervorging. Der aus Ostafrika stammende Homo erectus erreichte Israel bereits vor 1,8 Millionen Jahren, ähnlich wie Georgien, doch fanden sich in Ägypten bisher keinerlei Spuren. Bereits im 19. Jahrhundert fand man jedoch Steinwerkzeuge im Niltal, die dem späten Acheuléen zuzuordnen sind. In Ägypten fanden sich geschlossene Gruppen von Faustkeilen, die möglicherweise 300.000 bis 400.000 Jahre alt sind, wie etwa im Niltal.Ian Shaw: Exploring Ancient Egypt, Oxford University Press, 2003, S. 7. Notgrabungen in Nubien, die vor dem Baubeginn des Nasser-Stausees begannen, zeigten, dass die Region vielleicht eine eigene Kulturprovinz darstellte, denn die für Afrika typischen Cleaver fehlten. Dabei handelt es sich um große, rechteckige, in der Regel zweiseitig gearbeitete Artefakte mit scharfer, breiter Kante an einem Ende.
Das Niltal dürfte seit rund 500.000 Jahren durchgängig von Menschen bewohnt sein. Die Sahara hingegen war nur in Zeiten ausreichender Niederschläge bewohnbar.Kathryn Ann Bard, Steven Blake Shubert (Hrsg.): Encyclopedia of the Archaeology of Ancient Egypt. Psychology Press, 1999, S. 6. Der untere Nil war zwar nicht unmittelbar von den Kaltzeiten betroffen, wie der Norden Amerikas, Europas und Asiens, doch im Süden nahmen die Gletscher in diesen Phasen Wasser auf, das dem Unterlauf des Flusses nur noch in verringertem Maße zufloss. Die Überreste dieser Phasen liegen 20 bis 30 m über dem heutigen Überschwemmungsniveau. Seltene altpaläolithische Fundstätten und häufigere mittelpaläolithische befinden sich meist in diesen höher gelegenen Zonen. Fischfang begann spätestens im Mittelpaläolithikum, das in Ägypten vor 230.000 Jahren fassbar wird.
In den Oasen Kharga und Dakhila, sowie Bir Sahara East, etwa 350 km westlich von Abu Simbel, fanden sich Artefakte aus dem Altpaläolithikum. 10 km weiter östlich, bei Bir Tarfawi und in einem Wadi 50 km südöstlich davon (Bir Safsaf), eine Stätte, die an einem ephemeren See lag, fanden sich Artefakte wohl aus dem Mittleren Acheuléen des Grenzgebiets zwischen Ägypten und Sudan. Offenbar wurden Werkzeuge aus dem unmittelbar vor Ort befindlichen Stein hergestellt und nicht weiter mitgeführt.Fred Wendorf, Romuald Schild, Angela E. Close: Egypt During the Last Interglacial. The Middle Paleolithic of Bir Tarfawi and Bir Sahara East. Plenum Press, 1993.
Mittelpaläolithikum mini|Feuerstein-Kern aus dem Tal der Könige. Er bildete das präparierte Rohstück zur Herstellung abgeschlagener Steinartefakte. 8,8 × 5,1 × 2,0 cm, Muséum de Toulouse mini|Noch dünnerer mittelpaläolithischer Kern, ebenfalls Flint, 10,8 × 4,9 × 1,6 cm, unbekannter Fundort in Ägypten
Kennzeichnend für das Mittelpaläolithikum ist, wie im übrigen Mittelmeerraum auch, die Schildkern- oder Levalloistechnik, die in Europa und im Nahen Osten sowie Westasien mit dem Neandertaler assoziiert wird, der jedoch nicht in Nordafrika lebte. Diese Abschlagtechnik rationalisierte den Einsatz des gesuchten Rohstoffes Stein und führte zur Verfeinerung der damit hergestellten Werkzeuge. Neben den Levallois-Zielabschlägen wurden Klingen, Spitzen und Schaber hergestellt. Auch in Ägypten ließen sich im Mittelpaläolithikum die durch Verbindung mehrerer Teile erstellten Kompositwerkzeuge belegen, ebenso wie eine vorausschauende Planung schon bei der Gewinnung und Zurichtung der steinernen Bestandteile des Gesamtwerkzeugs.Veerle Rots, Philip Van Peer, Pierre M. Vermeersch: Aspects of tool production, use, and hafting in Palaeolithic assemblages from Northeast Africa. In: Journal of Human Evolution 60,5. 2011, S. 637–664.
Die als nubische mittlere Steinzeit oder nubisches Mittelpaläolithikum bezeichnete Epoche weist anfangs starke Ähnlichkeiten mit den gleichzeitigen Kulturen des Mittelmeerraums auf, hingegen zeigen sich in der letzten Phase eher Einflüsse des zentral- und westafrikanischen Sangoan-Lupemban (vor 30.000 bzw. bis nach 13.000 v. Chr.). Die ersten Phasen sind offenbar ohne Faustkeile ausgekommen, stattdessen dominierten Blattspitzen oder Abschlagwerkzeuge. Zugleich wurde hier als Ausgangsmaterial nicht Feuerstein benutzt, sondern ein sehr harter Sandstein. Die Funde aus dem Khormusan, einige in Levalloistechnik gefertigt, werden auf ein Alter von 65.000 bis 55.000 Jahren datiert.Fred Wendorf: Prehistoric Sites in Egypt and in Sudan, Website des Nubia Museum in Assuan. Anscheinend entstammt das Khormusan der gleichen Zeit, wie das Dabhan in der Kyrenaika. Doch folgte eine trockene Phase, in der die verbindenden Regionen zwischen den beiden Kulturen unbewohnbar wurden.Barbara Ann Kipfer: Encyclopedic Dictionary of Archaeology, Springer 2000, S. 278.
Zum Jagdspektrum gehörten gelegentlich Hasen und Stachelschweine sowie Wildkatzen, aber auch Büffel, Flusspferde und Giraffen. Doch die häufigste Nahrung war die Gazelle, insbesondere die Dorkasgazelle, die in allen trockenen Gebieten Nordafrikas vorkommt. Ausgrabungen in der Sodmein-Höhle bei Quseir im Gebirge am Roten Meer weisen auf erheblich feuchtere Phasen hin, in denen hier Krokodile, Büffel, Elefanten, Kudus und andere große Säugetiere lebten. Solche Stellen fanden sich bisher im Niltal nicht, stattdessen entdeckte man dort Abbaustellen für Rohmaterial, wie Nazlet Khater und Taramsa(n).Philip Van Peer, Pierre M. Vermeersch, Etienne Paulissen: Chert Quarrying, Lithic Technology, and a Modern Human Burial at the Palaeolithic Site of Taramsa 1, Upper Egypt. In: African Archaeological Review 27,3. 2010, S. 251–253. Philip Van Peer, Pierre M. Vermeersch, Etienne Paulissen: Chert Quarrying, Lithic Technology, and a Modern Human Burial at the Palaeolithic Site of Taramsa 1, Upper Egypt. Leuven University Press 2010.
Zugleich wurde das Klima trockener. Damit fanden sich Jagdtiere und essbare Pflanzen fast nur noch in den Flusstälern, die Menschen in den austrocknenden Gebieten waren gezwungen, dorthin zu ziehen. Im letzten Abschnitt des Mittelpaläolithikums, dem Taramsan, einer erheblich trockeneren Phase,Pierre M. Vermeersch: La vallée du Nil et le Sahara oriental. Une population préhistorique fluctuante sous l'effet des variations climatiques. In: Comptes Rendus Palevol 5,1–2. 2006, S. 255–262. gelang die Herstellung von einer großen Zahl von meist langen Klingen aus einem einzigen, ausgesprochen großen Kern.Ian Shaw: The Oxford History of Ancient Egypt. Oxford University Press 2003, S. 20. In der beeindruckenden Abbaustätte Taramsan I bei Qena, das der Epoche den Namen gab, lässt sich damit der Übergang zu jungpaläolithischer Klingenherstellung fassen.Amud. In: Encyclopedia Britannica. 2007. Dort fand sich auch ein anatomisch modernes Skelett von einem dort beigesetzten Kind, das auf etwa 55.000 Jahre datiert wurde.A middle palaeolithic burial of a modern human at Taramsa Hill, Egypt. 2009.
Bei der Wanderung moderner Menschen Richtung Levante (Out of Africa 2) gab es anscheinend zwei Höhepunkte, nämlich vor 130.000 und vor 80.000 Jahren. Die beiden Vorgänge wurden durch die besagte drastische Klimaveränderung voneinander getrennt. Dabei wird gelegentlich zwischen Out of Africa 2a und Out of Africa 2b unterschieden, wobei möglicherweise die ersten Auswanderer im Nahrungswettbewerb mit den Neandertalern unterlagen (oder aus sonstigen Gründen scheiterten), während die zweite Auswanderung gelang.Elena A.A. Garcea: Successes and failures of human dispersals from North Africa. In: Quaternary International 270. 2012, S. 119–128. Zum Auslöser vgl.: Philip Van Peer: . In: Anthropologie 42,3. 2004, S. 215–225.
Jungpaläolithikum
Jungpaläolithische Fundstätten sind in Ägypten selten. Die älteste Fundstätte, Nazlet Khater liegt in der Übergangskante zwischen Wüste und Niltal. Rund 40.000 Jahre alte Spuren der wohl ältesten bergbaumäßigen Feuersteingewinnung, dazu Überreste eines modernen Menschen (Nazlet Khater 2), die auf ein Alter von 38.000 Jahren datiert wurden, fanden sich dort.Isabelle Crevecoeur: The Upper Paleolithic Human Remains of Nazlet Khater 2 (Egypt) and Past Modern Human Diversity, in: Modern Origins. Vertebrate Paleobiology and Paleoanthropology 2012 (205–219) und L. Bouchneb, Isabelle Crevecoeur: The inner ear of Nazlet Khater 2 (Upper Paleolithic, Egypt), in: Journal of Human Evolution 56 (2009) 257–262. Gesamtdarstellung von Isabelle Crevecoeur: Etude anthropologique du squelette du Paléolithique supérieur de Nazlet Khater 2 (Egypte). Apport à la compréhension de la variabilité passée des hommes modernes, Leuven University Press 2009. Um an die begehrten Steinsorten zu kommen, wurden hier nicht nur 2 m tiefe Gräben ausgehoben, sondern auch die ältesten unterirdischen Galerien angelegt. Diese entstanden auf einer Fläche von über 25 km² in einer Zeitspanne vor 35 bis 30.000 Jahren.
Beim Toten, der als ältester moderner Mensch Ägyptens gilt, handelte es sich um einen 1,65 m großen Halbwüchsigen mit sehr starken Armen, der in etwa 60 cm Tiefe unter Steinen und Sand beigesetzt wurde.Eine Abbildung des Schädels findet sich hier Man fand ihn etwa 250 m vom nächsten Feuersteinlager entfernt. Der Leichnam wurde auf dem Rücken liegend beigesetzt.Ron Pinhasi, Patrick Semal: The position of the Nazlet Khater specimen among prehistoric and modern African and Levantine populations, in: Journal of Human Evolution 39,3 (2000) 269–288, datierten in auf ein Alter von etwa 33.000 Jahren. Seine Kopfform weist auf Ähnlichkeiten mit dem ältesten Fund des modernen Menschen in Europa hin, den man bei Peștera cu Oase in Rumänien machte.Die Besonderheiten des Innenohrs und die daran hängenden Fragen der Verwandtschaften innerhalb der sich ausbreitenden modernen Menschengruppen, die physisch noch stärker divergierten, untersuchten Linda Bouchneb, Isabelle Crevecoeur: The inner ear of Nazlet Khater 2 (Upper Paleolithic, Egypt), in: Journal of Human Evolution 56 (2009) 257–262. Die starken Veränderungen des Rückgrats weisen möglicherweise auf (zu) frühe, harte Arbeit im Bergbau hin. Neben seinem rechten Ohr befand sich ein Breitbeil oder Dechsel, wie er beim Bergbau eingesetzt wurde.
Beim Abbau des Feuersteins wurden verschiedene Methoden angewandt. So wurden Gräben gezogen, vertikale Schächte und unterirdische Galerien. Als Picken wurden die Hörner von Kuhantilopen und Gazellen eingesetzt, ebenso wie Steinbeile. Einer der Gräben maß 9 mal 2 m und wurde 1,5 m in das Wadi gegraben. Vertikale Gänge wurden bis hinunter auf den Kiesgrund mit dem Flint gegraben, um dort glockenförmig ausgeweitet zu werden.K. Kris Hirst: , in: About.com.
Die nächstjüngere archäologische Industrie ist das Shuwikhatien, bei dem faustkeilartige Werkzeuge fehlen. Shuwikhat 1 wurde auf 25.000 BP datiert. Es handelte sich um ein Fischfang- und Jagdlager, von denen sich um das oberägyptische Qina und Esna mehrere fanden. Klingen, End-Scraper und Stichel herrschten vor.P. M. Vermeersch (Hrsg.): Palaeolithic Living Sites in Upper and Middle Egypt, Leuven University Press 2000, S. 111–158.