Wertform ist ein Begriff aus der Kritik der politischen Ökonomie von Karl Marx (1818–1883), der die Art und Weise thematisiert, wie der Wert einer Ware auf einem Markt ausgedrückt werden kann. In den ersten Kapiteln von Das Kapital analysiert Marx verschiedene Wertformen, um zu zeigen, dass der Wert als Eigenschaft von Waren eine bestimmte Form erfordert, die seinem gesellschaftlichen Charakter adäquat ist, nämlich die Geldform. Mit dieser Form geht ein Fetisch einher, der den Warenfetisch fortsetzt.
Bis heute wird besonders darüber gestritten, wie die Wertformanalyse zu deuten ist. Diese Kontroverse berührt viele andere Themen, wie etwa das Marx-Engels-Verhältnis, den Einfluss Hegels auf Marx’ Werttheorie, die dialektische Darstellung oder die Frage nach der Bedeutung von historischen Aspekten für Marx’ Theorie.
Marx’ Anliegen Marx verfasste mehrere Versionen seiner Wertformanalyse. Im Folgenden wird primär die letzte deutsche Version von Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie zugrunde gelegt, wie sie in der vierten Auflage im 23. Band der Marx-Engels-Werke vorliegt.
Theoretische Vorarbeit Marx analysiert die Wertform im ersten Hauptabschnitt Ware und Geld. Bevor er explizit die Wertform untersucht, behandelt er die Substanz des Warenwerts und die Wertgröße.
Im ersten Kapitel Die Ware unterscheidet Marx zwischen Gebrauchswert und Tauschwert. Er führt nach einer kurzen Analyse den in seiner Theorie zentralen Begriff des Werts ein. Der Wert ist eine gesellschaftliche Eigenschaft der Ware, die (a) ein Reflex der Produktionsverhältnisse einer warenproduzierenden Gesellschaft ist und die (b) nur im Tauschwert erscheinen kann. Entsprechend der Unterscheidung von Gebrauchswert und Tauschwert entwickelt Marx im zweiten Unterkapitel den Unterschied von konkreter Arbeit, die Gebrauchswert schafft, und abstrakter Arbeit, welche die gemeinsame Wertsubstanz der Waren bildet. In den ersten beiden Unterkapiteln werden auch wesentliche Faktoren, die die Wertgröße bestimmen, behandelt. Damit legt Marx einige Fundamente seiner Arbeitswerttheorie. Im dritten Unterkapitel Die Wertform oder der Tauschwert stellt er die Wertformanalyse vor. Das erste Kapitel schließt mit dem vierten Unterkapitel, das den Warenfetischismus behandelt.
Kernanliegen In Die Wertform oder der Tauschwert greift Marx ein Ergebnis seiner Warenanalyse auf. Eine Ware ist ein Gebrauchsgegenstand. Die stoffliche Gestalt des Warenkörpers ist ihre Naturalform. Zudem trägt eine Ware Wert. Im Gegensatz zur physischen Gegenständlichkeit kann man die Wertgegenständlichkeit nicht erfassen, wenn man eine Ware in Isolation untersucht. Die Wertgegenständlichkeit ist nichts Physisches, sondern etwas rein Gesellschaftliches. Nur wenn eine Ware die Wertsubstanz abstrakte Arbeit, die den Waren gemeinsam ist, ausdrückt, kommt ihr die Wertgegenständlichkeit zu; daher kann die Wertgegenständlichkeit nur erscheinen, wenn eine Ware auf andere Waren bezogen ist.
Dass Waren ihren Wert in Geld ausdrücken, wisse jeder. Jeder kenne diese sonderbare gemeinsame Wert- bzw. Geldform der Waren. Es gelte aber „[…] zu leisten, was von der bürgerlichen Ökonomie nicht einmal versucht ward, nämlich die Genesis dieser Geldform nachzuweisen […]“. Marx will eine Entwicklung untersuchen. Diese beginnt bei der einfachsten Form, in der eine Ware ihren Wert in irgendeiner anderen Ware ausdrückt, wie zum Beispiel im Wertausdruck 20 Ellen Leinwand = 1 Rock. Sie reicht über mehrere Mittelglieder bis zur Geldform, in der die Waren preisbestimmt sind, wie etwa in 20 Ellen Leinwand = 2 Pfd. Sterling (siehe Liste von Wertformen).
Marx will mit seiner Formanalyse den Fetischismus kapitalistischer Verhältnisse aufzeigen. Er kündigt an, durch seine Analyse das Geldrätsel lösen zu können. Worin es besteht, erläutert Marx im späteren Kapitel über den Austauschprozess. Dieses Kapitel handelt davon, wie sich die Warenbesitzer entsprechend den Erfordernissen der ökonomischen Formen verhalten und im Austausch Geld hervorbringen müssen. Dort versucht Marx, den Geldfetisch aufzudecken. Marx beginnt jedoch bereits in der Wertformanalyse darauf hinzuarbeiten: schon in der einfachen Wertform, deckt er auf, was im Falle der Geldform als Geldfetisch deutlicher wird. Derartige Fetischismen und Mystifikationen kapitalistischer Verhältnisse hängen miteinander zusammen und kulminieren schließlich im dritten Band von Das Kapital in der trinitarischen Formel.
Weitere kritische Aspekte Neben dem Kernanliegen, das Marx seiner Formanalyse unmittelbar voranstellt, kritisiert Marx an vielen anderen Stellen mehrere frühere Theoretiker. Dabei handelt es sich sowohl um antike Philosophen als auch um Autoren des 18. und 19. Jahrhunderts.
So behauptet Marx von sich, die Wertform besser analysiert zu haben als Aristoteles (384 v. Chr. – 322 v. Chr.). Dieser habe die Wertform als Erster erforscht. Er sei jedoch an den unentwickelten ökonomischen Verhältnissen seiner Zeit gescheitert. Zwar habe Aristoteles erkannt, dass die einfache Art, Wert auszudrücken, wie in 5 Polster = 1 Haus, nur die unentwickelte Geldform sei, nämlich 5 Polster = so und so viel Geld, aber Aristoteles habe nicht erkennen können, dass abstrakte Arbeit die gemeinsame Wertsubstanz der Waren sei, welche die Waren überhaupt erst vergleichbar mache. Laut Aristoteles setzten die Menschen aus praktischen Gründen heraus die wesentlich ungleichen Dinge einander gleich. Laut Marx kann man erst dann einsehen, dass abstrakte Arbeit die Wertsubstanz bildet, wenn alle oder die meisten Arbeitsprodukte Warenform annehmen. Das ist nur unter kapitalistischen Verhältnissen der Fall. Bewusst zu zeigen, dass die warenproduzierende Arbeit einen Doppelcharakter hat, und im Gegensatz zur konkreten Arbeit die Kategorie der abstrakten Arbeit zu entwickeln, beanspruchte Marx als seine eigene Leistung. Diese hielt er für wesentlich, um die politische Ökonomie verstehen zu können.
Marx will mit seiner Formanalyse auch beweisen, dass aus dem Warenwert die Wertform entspringt. Marx kritisiert moderne bürgerliche Ökonomen im Allgemeinen und als deren beste Vertreter Adam Smith (1723–1790) und David Ricardo (1772–1823) im Besonderen für einen prinzipiellen Mangel. Sie hätten es nicht geschafft, den Warenwert zu analysieren und dadurch die Wertform zu entdecken. Das habe daran gelegen, dass sie nur auf die Wertgröße geachtet hätten. Den tieferen Grund erblickt Marx jedoch darin, dass seine Vorgänger die Form der Ware, des Geldes und des Kapitals als ewig gültige ökonomische Formen betrachteten. Aus diesem Grund hätten Ökonomen, die einen arbeitswerttheoretischen Ansatz vertreten, einander widersprechende Vorstellungen von Geld. So könne man jedoch das Bankwesen nicht verstehen.
Damit wendet sich Marx auch explizit gegen den neumerkantilen Ökonomen Charles Ganilh (1758–1836). Im Gegensatz zu den Vertretern einer Arbeitswerttheorie, die die Wertform vernachlässigt und keine adäquate Gelddefinition hätten, halte Ganilh, so Marx’ Vorwurf, eine Substanz des Warenwerts nur für einen Schein, der von der Wertform herrühre. Ganilh kritisierte Arbeitswerttheorien. Er bestritt die Annahme, es gebe einen intrinsischen Warenwert. Aus Marx’ Sicht setzt Ganilh nicht den Warenwert als Primäres, sondern die Wertform. Demnach entspringen aus der Wertform der Warenwert und die Wertgröße. Die Theorien über den Mehrwert zeugen von Marx’ genauerer Auseinandersetzung mit Ganilh. Trotz Kritik gesteht Marx zu, dass Ganilh bei Ricardo wunde Punkte getroffen habe. Ricardo habe eben die von Marx betonten Charakteristika der warenproduzierenden Arbeit vernachlässigt und nicht erkannt, dass sich diese Arbeit im Geld darstellen müsse.
In seiner Wertformanalyse kommt Marx auf den Ökonomen Henry Dunning Macleod (1821–1902) zurück. Laut Marx vertrete Macleod die City of London bzw. die Lombard Street und deren verwirrte Vorstellungen über Wert und Wertform. Bereits in Zur Kritik der Politischen Oekonomie. Erstes Heft (1859) wollte Marx die Arbeitswerttheorie unter anderem gegen Macleod verteidigen. Macleod bestritt, dass Arbeit den Wert der Ware bilde und dass Produktionskosten die Wertbewegungen bestimmten. Stattdessen führte Macleod den Wert primär auf Bedürfnisse und Nachfrage zurück. Dabei begrenzte Macleod den Ausdruck Wert auf das quantitative Verhältnis, in dem Güter gegeneinander austauschbar sind. Demnach gilt, wenn jemand ein Gut A besitzt und es gegen eine bestimmte Menge eines Gutes B, das einem anderen gehört, tauschen kann, dann ist letztere der relative Wert von A, und umgekehrt. Macleods werttheoretischen Ansatz, der die Vorstellung eines intrinsischen Wertes bestritt, bemerkte Marx später auch in den Schriften seines Gegners Eugen Dühring (1833–1921). Zudem hielt Marx die Geldtheorie von Macleod, wonach Geld ursprünglich aus Schuldverhältnissen entstanden sei, für falsch. Geld als Zahlungsmittel, mit dem ein Käufer seine Schuld begleicht, sei hingegen, so Marx’ Einwand, eine weit entwickelte Form von Geld (siehe auch: Marx’ Geldtheorie).
Des Weiteren reagiert Marx auf eine Kritik des Ökonomen Samuel Bailey (1791–1870) an Ricardo. Bailey beschuldigte Ricardo, den Wert nicht als etwas Relatives bzw. als Verhältnis zwischen Waren betrachtet zu haben, sondern als eine Eigenschaft, die der Ware immanent sei. Da Ricardo den Zusammenhang von Wert und Wertform vernachlässigt habe, hätten die Ricardianer, so Marx, nicht überzeugend erwidern können. Wie sich Marx ausführlich mit Bailey und Ricardo auseinandersetzte, belegen ebenfalls die Theorien über den Mehrwert.
In Marx’ Untersuchung, wie Warenwert und Geld miteinander zusammenhängen, lässt sich ein praktischer gesellschaftspolitischer Aspekt ausmachen. Marx kritisierte politische Denker, welche die Warenproduktion aufrechterhalten, aber das Geld abschaffen wollten. John Gray (1799–1883) hatte in den 1830er Jahren vorgeschlagen, dass Privatproduzenten ihre Waren an einer Nationalbank vermittels eines Arbeitsgeldes gegen andere Waren, die gleich viel Arbeit gekostet hätten, umtauschen könnten. Nach Marx übersehe Gray den Charakter warenproduzierender Arbeit. Die individuelle Arbeit erweise sich nicht wie in Grays Vorstellung unmittelbar, sondern erst im Tausch als gesellschaftliche Arbeit. Pierre-Joseph Proudhon (1809–1865) entwickelte ähnliche Vorstellungen wie Gray, um eine sozialistische Gesellschaft zu begründen. Marx lehnte diese entschieden ab. Im Rahmen seiner Wertformanalyse wendet Marx gegen Proudhon ein, es sei unmöglich, dass alle Waren zugleich den Status des allgemeinen Äquivalents erhalten könnten und somit jede Ware unmittelbar gegen jede andere ausgetauscht werden könne. Ferner setzt Marx auf der Grundlage der Wertformanalyse im späteren Kapitel Der Austauschprozess etwas nach, indem er darauf verweist, dass der historische Prozess, in dem sich der Austausch ausdehne, notwendig Geld hervorbringe.
Die Analyse der Wertformen In seiner Wertformanalyse stößt Marx zuerst auf die „einzelne und zufällige Wertform“, die im Tauschverhältnis zweier Waren enthalten ist. „Das einfachste Wertverhältnis ist offenbar das Wertverhältnis einer Ware zu einer einzigen verschiedenartigen Ware, gleichgültig welcher. Das Wertverhältnis zweier Waren liefert daher den einfachsten Wertausdruck für eine Ware.“
Die Analyse der einfachen Wertform ist der umfangreichste und am stärksten untergliederte Abschnitt der Wertformanalyse. Marx glaubt das Geheimnis jeglicher Wertform in der einfachen Wertform entdeckt zu haben. Durch die einfache Wertform erhält man Gleichungen der folgenden Form: