mini|Karikatur aus dem 19. Jahrhundert zur US-Politik. Die Regierung muss wirtschaftliche Einbußen hinnehmen, weil sie sich nicht entscheiden kann, einen Kanal durch Panama oder durch Nicaragua zu bauen.

Buridans Esel ist ein philosophisches Gleichnis, das auf den persischen Philosophen Al-Ghazālī (1058–1111) zurückzuführen istAl-Ghazālī: Tahafut Al-Falasifah/Incoherence of the Philosophers. Übersetzt von Sabih Ahmad Kamali, 2. Auflage. Lahore 1963, S. 25 f.; ghazali.org (PDF; 14 MB). und im Vorfeld schon durch Aristoteles (384–322 vor Christus) mit Männern statt Eseln gestellt wurde. In seinem Hauptwerk Die Inkohärenz der Philosophen schreibt Al-Ghazālī:

Das Buridansche Paradoxon beschreibt eine ähnliche Situation, die systemisch einen Deadlock darstellt:

In der Antike Bereits Anaximander ging davon aus, dass die Erde aufgrund ihrer kosmischen Äquidistanz an ihrer Stelle verharren würde. Auch Platon lässt Sokrates auf diese Art und Weise erklären, weshalb die Erde bewegungslos sei.Rescher: Choice without preference. S. 144.

Bei Buridan Die Rolle in der Philosophie und die Rezeption von Buridans Esel ist auf mehreren Ebenen diffus,Tyler: The Quiescent Ass and the Dumbstruck Wolf. S. 13. beginnend damit, dass ein Gleichnis mit einem Esel nicht in den Schriften von Johannes Buridan (14. Jahrhundert), nach dem es benannt ist, nachzuweisen ist.Rescher: Choice without Preference. S. 153.

Buridan fragt in seiner Diskussion der Nikomachischen Ethik des Aristoteles: Übersetzt nach Rescher: Choice without preference. S. 154. Dort: „Would the will, having been put between two opposites, with all being wholly alike on both sides, be able to determine itself rather to one opposed alternative than to the other?“ Buridan beantwortet diese Frage negativ und erhärtet seine Position am Beispiel eines Wanderers an einer Weggabelung und eines in Seenot geratenen Seglers, der entscheiden muss, ob er seine Ladung aufgibt. Man geht heute davon aus, dass Buridans Gegner das obige Gleichnis vom Esel geprägt haben, um diese Position als absurd dastehen zu lassen.Rescher: Choice without Preference. S. 155.

Eine analoge Textstelle findet sich jedoch in Buridans Kommentar zu Über den Himmel (Peri Uranu, ebenfalls von Aristoteles), wo Buridan von einem Hund schreibt, der sich nicht zwischen zwei Nahrungsquellen entscheiden kann.Rescher: Choice without Preference. S. 154. Wiederum verwirrenderweise geht es in diesem Originaltext von Aristoteles um „ein[en] Strang Haare, der unter starkem Zug von beiden Seiten nicht zerreißt, und [um] ein[en] Mann, der zwischen Essen und Trinken stehend verenden muss, weil er genau gleichermaßen hungrig und durstig ist.“Frei nach Aristoteles: De Caelo/On the Heavens. Trans. W. K. C. Guthrie, Heinemann, London 1938, 2:13:295b (S. 237). Dort:

Neuzeitliche Rezeptionen

Spinoza In seiner Schrift Die Ethik greift Spinoza die Argumentation auf, wo es ihm darum geht zu erläutern, weshalb der menschliche Wille, verstanden als die Fähigkeit des Menschen zur aktiven Zustimmung und Beurteilung, mit seinem Verstand, als die einzelne Daseinsform des Denkens, zusammenfalle.Siehe Teil II (Von der Seele) der Ethik, Folgesatz zum 49. Lehrsatz, Seite 90 in der Ausgabe: B. Spinoza: Sämtliche philosophische Werke. Band 1. Hrsg. und übersetzt von O. Baensch, A. Buchenau u. a. Leipzig 1907; . In diesem Zusammenhang diskutiert er die Frage nach der Willensfreiheit und kommt zu dem deterministischen Schluss, dass unter exakt gleichen Bedingungen jegliche Spontanität des Willens auszuschließen, keine Zustimmung für eine der beiden Seiten möglich wäre.

Leibniz Bei gleicher Problemstellung thematisiert auch Leibniz das Freiheitsproblem, kommt aber, anders als Spinoza, zu einem kompatibilistischen Schluss. Die Willensfreiheit besteht nach ihm in der ‹Spontanität des vernunftbegabten Wesens›, sich für eine unter vielen Möglichkeiten zu entscheiden.Siehe dazu etwa Seite 283 und 315 in A. Heinekamp, Gottfried Wilhelm Leibniz. In: Klassiker des philosophischen Denkens, hrsg. N. Hoerster. (dtv) München, 62001. Formal, aus rein logischer Erwägung, müsste der Esel zwar verhungern; doch wird es tatsächlich niemals zu einer solchen Situation kommen können: sie widerspricht dem Satz von der Identität ununterscheidbarer Dinge. Gott würde eine solche Situation niemals erschaffen, weil diese Doppelung (‚simultane identische mögliche Welten‘) sinnlos wäre. Das heißt, Gott hätte die Doppelung ohne ‹zureichenden Grund› geschaffen, und das wiederum würde dem Satz vom zureichenden Grund widersprechen.

Weiterführung als Buridans Robot von Oliver Bendel Oliver Bendel wandelte den Begriff 2013 in seinem Artikel Buridans Robot für die moderne Welt in Buridans Robot ab. Maschinen und Roboter müssen Entscheidungen treffen. So kann ein Kampfroboter einen Terroristen töten sollen und nicht von einem etwaigen, gleich aussehenden, harmlosen Zwillingsbruder Kenntnis haben. Der Roboter müsste so programmiert werden, dass die Entscheidung korrekt ausfällt und alle denkbaren Eventualitäten im Vorfeld mit einbezogen werden. Weitere Beispiele der Anwendung und der durchdachten Programmierung erläutert Oliver Bendel für Service- und Pflegeroboter.

Literatur Nicholas Rescher:

Einzelnachweise

Kategorie:Gedankenexperiment Kategorie:Philosophische Logik Kategorie:Entscheidungstheorie Kategorie:Gleichnis Kategorie:Esel in der Kultur