Gharana ist die Bezeichnung für ein Tradierungssystem der klassischen nordindischen Musik, deren Vertreter durch charakteristische stilistische Merkmale und häufig auch durch Verwandtschaft miteinander verbunden sind. Indische Tanzstile werden ebenfalls Gharanas zugeordnet. Jede Gharana wurde von einem Meister gegründet und grenzt sich in ihrem theoretischen Konzept, in der Unterrichtsmethode, die innerhalb des engen Lehrer-Schüler-Verhältnisses angewandt wird, und der Aufführungspraxis von den übrigen ab. Gharanas werden meist nach ihrem Ursprungsort benannt und als Gesangs-Gharana, nach dem hauptsächlich unterrichteten Musikinstrument oder dem dort gepflegten Tanzstil eingeteilt.

Konzept Das Wort gharana stammt von Sanskrit griha und Hindi ghar und bedeutet „Familie“ oder „Haus“. ITC Sangeet Research Academy Die religiös-kulturelle Grundlage der gesellschaftlichen Gharana-Organisationsstrukturen ist die Lehrbeziehung zwischen dem Guru und seinem Schüler, guru-shishya parampara, die auf einem gegenseitigen Übertragungsverhältnis basiert. Der Lehrer vermittelt dem Schüler musikalisches Wissen und erwartet dafür vom Schüler Hingabe und lebenslange Dankbarkeit. In einer Einweihungszeremonie (ganda bandhan) wird der Neuling, der als Zeichen einen Faden um das Handgelenk (nada bandh) erhält, in den Rang eines vertrauten Schülers erhoben. Es entwickelt sich ein väterliches Verhältnis des Lehrers zu seinen Schülern, auch wenn sie nicht zur eigenen Familie gehören. Einem Musik-Guru wird nicht nur von seinen Schülern, sondern auch von dessen Eltern und sonstigen Verwandten Respekt bezeugt.Garland Encyclopedia, S. 458, 464

Da bis zum 19. Jahrhundert die Musik nur ansatzweise und als Gedächtnisstütze notiert werden konnte, war diese enge Lehrer-Schüler-Bindung entscheidend für die mündliche Überlieferung der Kompositionen und Spielweisen. Die Unterrichtsmethode basiert nicht auf theoretischem Verständnis, sondern ist auf Nachahmung und ständige Wiederholung ausgerichtet: Der Schüler sitzt lange Zeit nur vor dem Lehrer und beobachtet. Diese Lernphase kann Jahre und Jahrzehnte dauern.Sobhana Nayar: Bhatkhande’s Contribution to Music: A Historical Perspective. Popular Prakashan, Mumbai 1990, S. 46 Solange dieser Übertragungsweg beibehalten wird, können die Ausdrucksformen der zahlreichen Raga-Kompositionen bestimmten Gharanas und damit einzelnen Musikern zugeordnet werden.

Die Musiker vermitteln den Eindruck, als wären ihre Gharanas sehr alt. Für das Ansehen einer Gharana ist es von Bedeutung, dass sie zu einem möglichst frühen berühmten Meister zurückverfolgt werden kann, idealerweise bis zu Amir Chosrau Anfang des 14. Jahrhunderts oder zu Tansen (1506–1589). Die Vorstellung einer so weit zurückreichenden musikalischen Kette weist Parallelen auf zur Abstammungslinie Silsila, mit der sich Sufi-Orden religiös begründen. Der Begriff Silsila wird im Fall der indischen Musik speziell für die Übertragungslinie der Lehrtradition verwendet; im Unterschied zum breiter verstandenen Gharana, das Blutsverwandtschaft, Tradition und Stil umfasst. Normalerweise wird von einer Gharana erst nach einer Kontinuität von zwei bis drei Generationen seit ihrer Gründung gesprochen. Der Gründer sollte einen eigenständigen Beitrag zur hindustanischen (klassisch nordindischen) Musik geleistet haben, also eine Neuerung eingeführt haben, die zu seiner Zeit vermutlich als musikalische Rebellion gegolten hat. Als Mindestanforderung muss ein Kreis von Schülern hinzu kommen, wodurch eine soziale Organisation entsteht, und ein eigener Musikstil, der für ein kulturelles Zentrum sorgt. Es gibt bei Gharanas „keinen Campus oder einen zentralen Hauptsitz, und keine Verwaltungsstrukturen“.D. M. Neumann, S. 146 und 148

Jede Gharana verfügt über einen Kern bekannter Musiker, die sich selbst als dazugehörig erklären und von anderen entsprechend eingeschätzt werden. Um diese Musiker scharen sich Schüler und später deren Schüler. Weiterhin gibt es Musiker, die sich als Vertreter einer Gharana erklären, ohne je dort Unterricht gehabt zu haben, weil sie den Musikstil imitieren. Andere Musiker wollen nicht zu der Gharana gehören, bei der sie gelernt haben. So sang der Khyal-Sänger Bhimsen Joshi (1922–2011) viele Kompositionen der Gwalior-Gharana, bei der er seine erste Ausbildung erhalten hatte, obwohl er Mitglied der Kirana-Gharana ist. Neue Gharanas sind durch Abspaltungen entstanden. Berühmte Musiker werden von Gharanas vereinnahmt, obwohl sie einen anderen Stil pflegten.Wim Van Der Meer: Hindustani Music in the 20th Century. Martinus Nijhoff Publishers, Den Haag 1980, S. 133 f

Inwiefern eine Gharana legitimerweise ein bestimmtes musikalisches Erbe tradiert oder ihr rechtmäßig eine herausragende Stellung in der Musikwelt zukommt, hängt abgesehen von der Ahnenreihe von unverwechselbaren, charakteristischen Gesangstechniken, Spielweisen und Kompositionsformen ab und ist in Fachkreisen Diskussionsthema.

Zur Geschichte Die Einteilung der nordindischen Musik in Stilrichtungen, die von verschiedenen Gharanas repräsentiert werden, ist vermutlich nicht vor dem 18. Jahrhundert entstanden. Musikerfamilien haben in Indien eine alte Tradition, das heutige Konzept der Gharanas stammt vom Ende des 19. Jahrhunderts.

Die Herausbildung unterscheidbarer Musikstile reicht weiter zurück. Musiker von Dhrupad-Schulen lassen sich verschiedenen Banis zuordnen. Bani (abgeleitet von Sanskrit vani, „Stimme“) bezeichnet einen bestimmten Gesangsstil oder Kompositionsformen. Ab der Zeit von Tansen am Hof Kaiser Akbars werden vier Banis namentlich genannt: Dagar, Khandar, Nauhar und Gauri, deren Ursprünge möglicherweise noch älter sind, die aber nicht vor dem 19. Jahrhundert als abgegrenzte Stilkonzepte greifbar werden. Das Verhältnis von einer Dhrupad-Gharana zu einer der vier Banis ist nicht ganz eindeutig, einzelne Musiker einer Gharana können den Stil von zwei der Banis pflegen. Der entsprechende Gesangsstil, den Musiker von Khyal-Gharanas pflegen, wird Gayaki genannt. Hier besteht ein direktes Verhältnis zwischen der Gharana und ihrem zugehörenden Stil.Ritwik Sanjal und Richard Widess: Dhrupad: Tradition and Performance in Indian Music. Ashgate, Farnham 2004, S. 63 f

Mit der Entwicklung des Khyal-Stils während der Mogulzeit entstanden an den Herrscherhäusern Schulen des neuen Stils, die aber mit den älteren Dhrupad-Schulen verbunden waren. Die Musiker waren an die Herrscher gebunden und wurden von ihnen finanziert, wobei alte berühmte Musiker großen Einfluss auf ihre Patrons ausüben konnten. Nach dem Zerfall der Mogulherrschaft gruppierten sich die Musikerfamilien an den Zentren lokaler Fürstentümer.

Die Gharanas bildeten geschlossene Gruppen aus Familienmitgliedern, die ihren eigenen Musikstil vor Weitergabe an andere schützten. Sie waren im Wettbewerb mit den anderen Musikerfamilien, Einkommensquelle und Handelsware war ihre Musik. Daher wurden die Besonderheiten des eigenen Stils betont und es wurde vermieden, diesen Stil an Fremde zu lehren. Bis auf zwei Ausnahmen, die Benares Gharana von Tablaspielern und die Bishnupur-Gharana von Dhrupadsängern, wurden alle Gharanas von Muslims gegründet und die Mehrheit der Musiker waren ebenfalls Muslims. Bei den beiden Ausnahmefällen lernten die Hindu-Gründer ihre Kunst von Muslim-Ustads.Charles Chapwell: The Interpretation of History and the Foundations of Authority in the Visnupur Gharana of Bengal. In: Stephen Blum und Daniel M. Neumann: Ethnomusicology and Modern Music History. University of Illinois Press, 1993, S. 97 Da die Muslimherrscher kaum Hindus beschäftigten, konvertierten viele Hindu-Musiker zum Islam. Die Verteidigung des Musikeigentums lag daher bei den Muslimfamilien und schürte den Konflikt mit Hindus, die nicht zum blutsverwandten Musikerkreis der Gharanas gehörten.Wim Van Der Meer, S. 128–131

Niedergang der Gharanas Dieses System abgeschlossener Zirkel war zu einer Zeit aufrechtzuerhalten, als Verkehrsverbindungen schlecht und heutige Kommunikationsmethoden unbekannt waren. Die Identität einer Gharana lässt sich nur pflegen, wenn deren über lange Zeit gewachsenes Konzept von einem Lehrer vermittelt wird, der einen starken Eindruck auf seinen Schüler macht und der Schüler über lange Zeit einen Unterricht mit wenig anderen Einflüssen erhält.

Als einer der ersten kritisierte Bhaskar Rao Bakhle (1869–1922), Khyal-Sänger der Agra-Gharana, das Konzept der Gharanas. Sein Schüler Dilip Chandra Vedi (1901–1992), Sänger und Musiklehrer, lehnte die Gharanas vollständig ab. Der Musikwissenschaftler Vishnu Narayan Bhatkhande (1860–1936) kritisierte heftig die mangelnde theoretische Kenntnis der Musiker und das gesamte, nur auf praktische Nachahmung ausgerichtete Ausbildungssystem. An den ab Ende des 19. Jahrhunderts von Bhatkhande und anderen Reformern gegründeten Musikschulen wurde das Prinzip des zu lernenden Ragas zunächst theoretisch erarbeitet, war Unterricht bei mehreren Lehrern möglich und der Wechsel zwischen den Lehrern wurde Teil der Ausbildung. Die einfache Formel, dass Musik durch Verwandtschaft, Macht oder Sex erlernt werden konnte, also innerhalb der Gharanas, durch Empfehlungen von den Herrscherhäusern oder durch den Einfluss, den Kurtisanen ebendort mit ihrem Charme ausübten, wurde durch erstmals öffentlich zugängliche Schulen demokratisch aufgelöst. Zugleich ebnete sich die gesellschaftliche Hierarchie zwischen den hochstehenden Dhrupad-Musikern und der wenig geachteten Musik der Kurtisanen-Sängerinnen am Hof und ihren begleitenden Sarangi-Spielern.

Das System des Wettbewerbs und der Abschottung gegeneinander gilt allgemein als nicht mehr wünschenswert. Musiker geben an, Einflüsse von mehreren Gharanas erhalten zu haben und nur noch wenige folgen ausschließlich einem bestimmten Gharanastil. Gharanas als Organisationsform des besonderen Lehrer-Schüler-Verhältnisses haben dazu beigetragen, dass die Kompositionen der Ragas zusammen mit ihrer Bedeutung über die Jahrhunderte weitergegeben wurden und der erlaubte Grad an musikalischer Freiheit zu einer kontinuierlichen Entwicklung führte.Wim Van Der Meer, S. 135–137, 149

Einzelne Gharanas Die grundlegende Einteilung erfolgt in vokale und instrumentale Gharanas – von denen es Gharanas für Melodieinstrumente und für die Tabla gibt – und in Tanzschulen. Eine andere Einteilung kann zwischen den älteren Dhrupad-Schulen, den Khyal-Gharanas und dem leichten Stil der Thumri-Gharanas erfolgen.

Vokale Gharanas Gwalior-Gharana Die Gwalior-Gharana Nad-Sadhna wird gewöhnlich als älteste vokale Gharana angesehen. Gwalior, Geburtsort und Grabstätte des berühmten Hofmusikers Tansen, hat eine lange Tradition der Musikförderung durch das Herrscherhaus. Die Brüder Haddu Khan (Dhrupad-Sänger), Hassu Khan (Khyal-Sänger) und Nathu Khan sollen Anfang des 19. Jahrhunderts den Khyal-Gesangsstil in die heutige Form gebracht und die Gharana gegründet haben. Zu den bekanntesten Khyal-Sängern dieser Gharana gehören Vishnu Digambar Paluskar (1872–1931), der Sänger von Khyals und Bhajans Veena Sahasrabuddhe (1948–2016) und der Sarod-Spieler Amjad Ali Khan (* 1946).D. M. Neumann, S. 148 f

Agra-Gharana Der Gesangsstil der Agra-GharanaAgra Gharana. indianet zone wurde von Dhrupad-Sängern von der mittlerweile verschwundenen Nauhari Bani übernommen. Die womöglich lebendigste Gharana führt ihre Anfänge bis zu Sujjan Khan, einem Hofmusiker Akbars zurück. Tatsächlicher Gründer ist Ghagghe Khudabuksh (1790–1880), indem er Teile des Khyal-Stils aus der Gwalior-Gharana übernahm. Danach wirkte Faiyaz Khan (um 1886–1950) als bedeutendster Sänger stilbildend. Weitere herausragende Sänger dieser Gharana sind Bhaskar Rao Bakhle, dessen Schüler Dilip Chandra Vedi, Yunus Hussain Khan, Latafat Hussein Khan (* 1923), K. G. Ginde (1925–1994) und Shauqat Khan.

Patiala-Gharana