mini|Johann Dzierzon (1901)Die Aufschrift "43. Wander-Versammlung" ganz links verweist auf das Treffen 1898 in Salzburg. In einem Gemälde von 1936 von Stefan Dylewski (1881–1966) wurde die deutschsprachige Aufschrift mit den polnischen Nationalfarben rot und weiß übermalt. mini|Johann Dzierzon
Johann Dzierzon (poln. Jan Dzierżon oder Dzierżoń) (* 16. Januar 1811 in Lowkowitz (seit 1945 Łowkowice), Landkreis Kreuzburg, Oberschlesien; † 26. Oktober 1906 ebenda, Provinz Schlesien) war ein schlesischer Priester. Bekannt wurde er als Bienenforscher; schon 1857 nannte man ihn den „schlesischen Bienenvater“.Dzierzon schlesischer Bienenvater im Buch von 1857
Herkunft und Ausbildung Johann Dzierzon entstammte einer oberschlesischen Bauernfamilie. Seine Eltern waren Maria Dzierzon geb. Jantos (1781–1841) und Simon Dzierzon (1774–1850), ein Sohn von Maria Dzierzon geb. Kaluza und Johann Dzierzon (* 1750). Der jüngste Sohn seines Bruders Joseph Dzierzon (1812–1884), Franz Dzierzon (1853–1935), war Landwirt und ebenfalls Imker in Lowkowitz, auf dessen Landgut Johann Dzierzon seine letzten Lebensjahre verbrachte. Die Nachfahren der Familie des Neffen Franz kamen nach dem Zweiten Weltkrieg durch Flucht und Vertreibung nach Westdeutschland.
Nach dem Besuch des Breslauer Gymnasiums, das Johann Dzierzon 1830 als Primus Omnium verließ, studierte er Katholische Theologie an der Schlesischen Friedrich-Wilhelms-Universität Breslau und empfing 1834 die Priesterweihe für das Bistum Breslau.
Seinen Standpunkt bezüglich seiner Nationalität soll Dzierzon einmal wie folgt formuliert haben:Včela moravská: orgán Zemských ústředi spolkù včelařských pro Moravu a Slezko, Volume 66, 1932 S. 31, mit Verweis auf eine Ausgabe des Bartnik postepowy.
Das Zitat wurde in einem polnischen Buch von 1960 verkürzt wiedergegeben:Przegląd zoologiczny, Band 4–5, Państwowe Wydawn. Naukowe, 1960 S. 202.
Sein eigener, deutsch geschriebener Lebenslauf von 1885 enthält kein solches Zitat.
Theologe Nach der Priesterweihe wurde Dzierzon Kaplan in Schalkendorf (Siolkowice), 1835 Pfarrverweser und 1838 Pfarrer in Karlsmarkt (heute Karłowice) bei Brieg. Nach einer Auseinandersetzung mit dem Karlsmarkter Domänenpächter, der ihn beim Ordinariat in Breslau der Vernachlässigung seiner Amtspflichten bezichtigt hatte, verzichtete Dzierzon 1869 auf das Amt des Pfarrers und bekannte sich ab 1873 zum Altkatholizismus. 1884 kehrte er nach Lowkowitz zurück. Nach Gesprächen mit dem Lowkowitzer Pfarrer Viktor Scholtyssek versöhnte er sich am 6. April 1905 mit der römisch-katholischen Kirche.Viktor Scholtyssek: Die Rückkehr Dr. Dzierzons zur katholischen Kirche. In: Dr. Johannes Dzierzon – der Altmeister der oberschlesischen und deutschen Imker (= Schriftenreihe der Vereinigung für oberschlesische Heimatkunde, Heft 4). Oppeln 1932, S. 18–20.
Bienenforscher mini|Von Dzierzon entworfene Zwillingsbienenstöcke im Nordisk familjebok, 1906
Schon während seines Studiums interessierte sich Dzierzon für das Bienenleben. Die nachfolgende Kaplans- und Pfarrertätigkeit erlaubte es ihm, sich auch als praktischer Landwirt und Bienenzüchter zu betätigen. Er war der erste Imker, der in seine Bienenstöcke bewegliche Holzleisten einbaute, welche eine Honigernte ohne die Zerstörung des Stocks sowie die direkte Beobachtung eines Stockinnern ermöglichten. So konnte er einen höheren Honigertrag realisieren („Dzierzons goldene Regel“ (auch „Dzierzons diamantene Regel“): Um gute Honigernten zu erzielen, muss der Bruteinschlag der Königin eingeschränkt werden, weil die Bienen sonst zu viel Honig zur Bruternährung verwenden.)H. Freudenstein: Das Absperrgitter. Seine Geschichte und Praktische Verwendung in Neue Bienenzeitung: Illustrierte Monatschrift für Reform der Bienenzucht, Bd. 2 (1903), S. 82–84; abgerufen am 18. Mai 2025.. Außerdem gelang ihm so 1853 die Entdeckung der eingeschlechtlichen Fortpflanzung (Parthenogenese) bei Bienen, indem er die Samenbehälter befruchteter und unbefruchteter Königinnen gegen das Licht hielt und deren Aussehen und Inhalt mit bloßem Auge miteinander verglich. Diese Entdeckung wurde 1855 durch Karl Theodor Ernst von Siebold und Rudolf Leuckart auf wissenschaftlichem Wege mikroskopisch bestätigt – nach langen Auseinandersetzungen des Pfarrers mit seiner Kirche, welche die These von der Jungfernzeugung (der Drohnen) als ketzerische Gotteslästerung einordnete, worauf er den damals führenden zeitgenössischen Imker, August von Berlepsch, um Hilfe bat. Auch der Augustinermönch und Naturforscher Gregor Mendel, der ebenfalls ein begeisterter Bienenforscher war, suchte wissenschaftlichen Austausch mit Dzierzon.
In der Hauptzeit seiner imkerischen Tätigkeit betreute Dzierzon über 400 Bienenvölker. Durch Vorträge, Ausstellungen und Veröffentlichungen gab Dzierzon seine Erfahrungen weiter und gründete Bienenzüchtervereine und -gesellschaften. Seine Bienenstände in Karlsmarkt und Lowkowitz durften von lernbegierigen Imkern besichtigt werden und man konnte sie, laut Artikeln in der Bienenzeitung, von seinem Neffen Franz Dzierzon († 1935) kaufen.Bienenzeitungen: Franz Dzierzon, Neffe von Johann Dzierzon, Landwirt und Imker, arbeitete zusammen mit seinem Onkel.
In dem 2017 erschienenen Roman von Maja Lunde Die Geschichte der Bienen wird Johann Dzierzon erwähnt. Darin wird auch der Aufbau der von ihm entworfenen Bienenstöcke beschrieben.Maja Lunde: Die Geschichte der Bienen. btb Verlag, 2017, ISBN 978-3-442-75684-1
Ehrungen Wahl in die Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina (1860) Dr. phil. h. c. der Ludwig-Maximilians-Universität München (1872) Ehrenmitglied der Schlesischen Gesellschaft für vaterländische Kultur (1904) Franz-Joseph-Orden Königlicher Kronen-Orden (Preußen) 4. Klasse Russischer Orden der Heiligen Anna Wasaorden Ritter IV. Klasse des Verdienstordens vom Heiligen Michael Großherzoglich Hessischer Ludwigsorden
Die Grazer Landwirtsgesellschaft verlieh Dzierzon ein Ehrendiplom, das ihm durch Erzherzog Johann überreicht wurde. 1903 wurde Dzierzon dem österreichischen Kaiser vorgestellt. Sein Geburtsort Lowkowitz (heute Łowkowice) im Landkreis Kreuzburg O.S. wurde 1936 in Erinnerung an sein Wirken in Bienendorf umbenannt. Die Stadt Reichenbach im Eulengebirge wurde 1945 in Rychbach und 1946 ihm zu Ehren in Dzierżoniów umbenannt. Aus Anlass seines 50. Todestages gab die polnische Postverwaltung 1956 eine Sondermarke heraus. Eine bedeutende moderne Auszeichnung für Imker ist die Dr. Johannes Dzierzon-Medaille. (PDF; 94 kB) Aus Anlass seines 60. Todestages wurde seinem Grab eine Grabplatte mit einer polnischen Inschrift hinzugefügt:Foto des Grabes von Johann Dzierzon
Hier ruht in Gott der hochverehrte Altmeister der Bienenzucht Pfarrer Dr. Johann Dzierzon Ritter p.p. * 16. Januar 1811 † 26. Oktober 1906 Ruhe sanft! Wahrheit, Wahrheit über alles!Tu spoczywa wielki uczony twórca nowoczesnego pszczelarstwa żarliwy patriota i obrońca polskiego ludu na Śląsku, Ks. Dr Jan Dzierżon Płytę ta ufundowało w 60 ta rocznice śmierci Społeczeństwo Ziemi Kluczborskiej 26 X 1966Übersetzung: Hier ruht der große Gelehrte, Begründer der modernen Bienenzucht, glühender Patriot und Verteidiger des polnischen Volkes in Schlesien,
Pfarrer Dr. Jan Dzierżon
Diese Platte wurde zum 60. Todestag gespendet Volk des Kreuzburger Landes 26. Oktober 1966
Werke Dzierzon gab mehrere Fachzeitschriften heraus: 1848–1852: Praxis des neuen Bienenfreundes 1854–1856: Der Bienenfreund aus Schlesien 1861–1878: Rationelle Bienenzucht Nach seinen eigenen Angaben veröffentlichte Dzierzon die meisten seiner Artikel zur Bienenzucht in der im Beck-Verlag in Nördlingen verlegten Bienenzeitung, dem offiziellen Organ der Imker Die in den Frauendörfer Blättern enthaltenen Dzierzon-Artikel wurden durch Rentmeister Bruckisch aus Grottkau gesammelt und herausgegeben unter den Titeln: Neue verbesserte Bienen-Zucht des Johann Dzierzon, Brieg 1849 Neue verbesserte Bienen-Zucht des Pfarrers Dzierzon zu Carlsmarkt in Schlesien, 1861 Lebensbeschreibung von ihm selbst, vom 4. August 1885 (abgedruckt im Heimatkalender des Kreises Kreuzburg/OS 1931, S. 32–28) Der Zwillingsstock, 1890 Übersetzungen ins Polnische: Nowe udoskonalenie pszczelnictwa ks. plebana Dzierżona. Leszno 1851 und 1859 (Übersetzer: Lompa) Najnowsze pszelnictwo. Lwów 1853 (Übersetzer: Wisocki)
Werkverzeichnis Ein Werkverzeichnis findet sich in: W. Horn u. S. Schenkling, Index litteraturae entomologicae, 1928/29, S. 307–310. Dieser Band beinhaltet die Weltliteratur über die gesamte Entomologie bis 1863. Für Dzierzon sind bis zu diesem Zeitraum (unter den fortlaufenden Nrn. 89 bis 184) 95 ausschließlich deutschsprachige Veröffentlichungen verzeichnet.
Literatur
Norbert Willisch: Wahrheit, Wahrheit über alles! Auf den Spuren des »schlesischen Bienenvaters« Dr. Johannes Dzierzon in Schlesien und in Bayern. Übersetzung von Maria Elisabeth Froitzheim: Prawda, prawda nade wszystko. Śladami 'śląskiego ojca pszczelarstwa' dr. Jana Dzierżona na Śląsku i w Bawarii. In: Konwersatorium im. Josepha von Eichendorffa / Joseph von Eichendorff Konversatorium. Zeszyty Edukacji Kulturalnej Nr. 39, Wydawnictwo Uniwersytetu Opolskiego, Opole 2003, R. Gärtner: Johann Dzierzon. In: Schlesische Lebensbilder, Bd. IV, 1931, S. 396–402 Victor Kaluza: Die Reise nach Lowkowitz. Ein Bericht über den Bienenvater Dzierzon. 1931. Karl Fleischer: Dr. Joh. Dzierzon, der Altmeister der deutschen Imker. In: Schriftenreihe der Vereinigung für oberschlesische Heimatkunde, Oppeln 1932, Heft 4, S. 9–14 Karl Fleischer: Dr. Johannes Dzierzon. 1956 Oberschlesische Bibliographie. Leipzig 1938, S. 425f. J. F. Gaertner: Die neueste Bienenzucht nach den Grundsätzen des Pfarrers Dzierzon zu Carlsmarkt in Schlesien. 1854 C. Th. Arnold: Die goldenen Regeln der Bienenzucht nach Dr. Dzierzon, von Berlepsch und anderen Meistern. 1885 Johann Adamek: Altmeister Dr. Dzierzon im Lichte polnischer Bienenzeitschriften. In: Schriftenreihe der Vereinigung für oberschlesische Heimatkunde, Oppeln 1932, Heft 4, S. 14–17 Jacek Koraszewski: Ks. Jan Dzierżon. In: Zaranie Śląskie Jg. 7, 1931, S. 168–170
Einzelnachweise
Weblinks
Poln. Biographie auf kluczbork.pl Wahrheit, Wahrheit über alles! Auf den Spuren des »schlesischen Bienenvaters« Dr. Johannes Dzierzon in Schlesien und in Bayern Johann Dzierzons Streitkultur — Skizzen aus seinem Leben dradio.de, Kalenderblatt, 17. Januar 2011, Irene Meichsner: Gotteslästerliche Jungfernzeugung männlicher Bienen – Vor 200 Jahren wurde der Bienenforscher Johann Dzierzon geboren (17. Januar 2011)
Kategorie:Naturforscher Kategorie:Pionier der modernen Bienenzucht Kategorie:Römisch-katholischer Geistlicher (19. Jahrhundert) Kategorie:Träger des Franz-Joseph-Ordens (Ausprägung unbekannt) Kategorie:Träger des Preußischen Königlichen Kronenordens 4. Klasse Kategorie:Träger des Ordens der Heiligen Anna Kategorie:Träger des Wasaordens Kategorie:Ritter IV. Klasse des Verdienstordens vom Heiligen Michael Kategorie:Mitglied der Leopoldina (19. Jahrhundert) Kategorie:Ritter des Großherzoglich Hessischen Ludwigsordens Kategorie:Herausgeber Kategorie:Mitglied der Schlesischen Gesellschaft für vaterländische Kultur Kategorie:Absolvent der Universität Breslau Kategorie:Person (Schlesien) Kategorie:Deutscher Kategorie:Preuße Kategorie:Geboren 1811 Kategorie:Gestorben 1906 Kategorie:Mann Kategorie:Imker (Deutschland)