mini|Hunnische Schuhschnalle, 4. Jahrhundert mini|Hunnischer Granat-Armreif, 5. Jahrhundert Hunnen ist ein Sammelbegriff für eine Gruppe zentralasiatischer Reitervölker mit nomadischer, später halbnomadischer Lebensweise. Ihre genaue Herkunft und Ethnizität ist in der modernen Forschung umstritten.Siehe allgemein die fachwissenschaftlichen Beiträge in dem Ausstellungskatalog Bodo Anke, Heike Externbrink (Red.): Attila und die Hunnen. Stuttgart 2007.

Die wenigen Sprachüberreste erlauben keine präzise Zuordnung: Einige Forscher gehen davon aus, dass die Hunnen eine Turksprache oder eine andere altaische Sprache sprachen.So Otto Mänchen-Helfen: Die Welt der Hunnen. Wiesbaden 1997, S. 255 ff. (ein großer Teil der Hunnen sei turksprachig gewesen). In Frage käme vor allem eine oghurische Sprache, so Omeljan Pritsak: The Hunnic Language of the Attila Clan. In: Harvard Ukrainian Studies. Bd. 6, Nr. 4, 1982, S. 428–476, speziell S. 470 f., , der davon ausgeht, dass die Sprache der Hunnen mit der alttürkischen Sprache, der Sprache der Protobulgaren und dem damit eng verwandten Tschuwaschischen, aber auch mit der altmongolische Sprache eng verwandt ist. Vgl. die Literaturhinweise (zustimmende und ablehnende) bei Timo Stickler: Aëtius. Gestaltungsspielräume eines Heermeisters im ausgehenden Weströmischen Reich (= Vestigia. Bd. 54). Beck, München 2002, ISBN 3-406-48853-6, S. 92, Anmerkung 469 (zugleich: Würzburg, Universität, Dissertation, 2000). Andere Forscher gehen von einer heute ausgestorbenen Sprache aus bzw. bezweifeln die Möglichkeit einer exakten Zuordnung.Gerhard Doerfer: Zur Sprache der Hunnen. In: Central Asiatic Journal. Bd. 17, Nr. 1, 1973, S. 1–50. Skeptisch bezüglich einer genauen Zuordnung ist unter anderem Timo Stickler: Die Hunnen. München 2007, S. 23. Eine Studie aus dem Jahr 2025 favorisiert die Zugehörigkeit zu einer heute ausgestorbenen paläosibirischen Sprache.Svenja Bonmann, Simon Fries: Linguistic Evidence Suggests that Xiōng-nú and Huns Spoke the Same Paleo-Siberian Language. In: Transactions of the Philological Society 123, 2025 (Onlineversion, 16. Juni 2025).

Ebenso ist unsicher, ob der Begriff Hunnen eine klar umrissene Gruppe von Stämmen bezeichnete. In der modernen Forschung wird vielmehr oft angenommen, dass es sich bei der Bezeichnung Hunnen um einen in der eurasischen Steppenregion verbreiteten Prestigenamen für ansonsten heterogen zusammengesetzte Gruppen nomadischer Reiterkrieger handelte.Vgl. etwa Hans Wilhelm Haussig: Die Geschichte Zentralasiens und der Seidenstraße in vorislamischer Zeit. 2. Auflage Darmstadt 1992, S. 140–142; Timo Stickler: Die Hunnen. München 2007, S. 24 ff. Den in ethnisch-sprachlicher Hinsicht heterogenen Charakter von politischen Gruppen der Steppenzone betont auch Hyun Jin Kim: The Huns. New York 2016, S. 4 ff. In diesem Sinne wurde der Begriff Hunne von einigen oströmischen Geschichtsschreibern als ethnographischer Begriff für ganz verschiedene später auftauchende Reitervölker aus dem eurasischen Steppenraum benutzt.

Fest steht nur, dass die in spätantiken Quellen als „Hunnen“ bezeichneten Stämme um die Mitte des 4. Jahrhunderts im Raum zwischen den Flüssen Don und Wolga lebten und schließlich nach Westen vorstießen, wobei sie nicht unter einheitlicher Führung agierten. Sie fielen ab 375/76 mit dort unbekannter Reiterkampftechnik in Europa ein (siehe Völkerwanderung) und spielten in der spätantiken Geschichte noch bis ins späte 5. Jahrhundert eine bedeutende Rolle. Im frühen 5. Jahrhundert errichteten sie an der Donau ein Steppenreich zwischen West- und Ostrom. Unter Attila erreichte ihre Macht den Höhepunkt, wobei die Hunnen allerdings ökonomisch stets auf erzwungene römische Tributleistungen angewiesen waren. Nach Attilas Tod 453 und dem Zerfall seines Reichs zerstreuten sich die Hunnen wieder weitgehend; hunnische Hilfstruppen in oströmischen Diensten und als hunnisch bezeichnete Gruppen im nördlichen Schwarzmeerraum sind jedoch noch im 6. Jahrhundert belegt.

Namensherkunft und -verwendung Das Wort Hunne wird in der Regel vom chinesischen Begriff für das Volk der Xiongnu abgeleitet. Die Bezeichnung Hunnen taucht in abgewandelter Form als Chounoi im 2. Jahrhundert n. Chr. in der Geographie des Griechen Ptolemaios auf.Ptolemaios, Geographike Hyphegesis 3,5,25. Textwiedergabe hier nach Alfred Stückelberger, Gerd Graßhoff (Hrsg.): Ptolemaios, Handbuch der Geographie. Basel 2006, S. 304 (griechischer Text); deutsche Übersetzung ebd., S. 305 als „Chuner“. Dass damit die um 375 nach Osteuropa vorstoßenden Hunnen gemeint sind, wird in der neueren Forschung aber eher bezweifelt, da eine reine Namensähnlichkeit mit dieser 200 Jahre nach der Erwähnung bei Ptolemaios in Erscheinung tretenden Gruppe kaum aussagekräftig ist.Vgl. Hans Wilhelm Haussig: Die Geschichte Zentralasiens und der Seidenstraße in vorislamischer Zeit. 2. Auflage Darmstadt 1992, S. 139 f.; Walter Pohl: Die Völkerwanderung. 2. Auflage Stuttgart 2005, S. 103 f.; skeptisch auch Hyun Jin Kim: The Huns. New York 2016, S. 66. In der älteren Forschung wurde diese Annahme hingegen weitgehend übernommen, vgl. etwa Franz Altheim: Geschichte der Hunnen. Band 1, Berlin 1959, S. 3 ff., und Robert Werner, der auf eine vom 10. Jahrhundert v. Chr. bis um 250 n. Chr. von Ost nach West sich fortsetzende Namenskontinuität von China über das Tarimbecken, Transbaikalien und Ciskaukasien verweist, die jedoch nicht als ethnische zu begreifen sei; der Anteil der Turkvölker sei gestiegen, der der Iranier gesunken. Robert Werner: Das früheste Auftreten des Hunnennamens Yüe-či und Hephthaliten. In: Jahrbücher für die Geschichte Osteuropas, Neue Folge, Bd. 15, 1967, S. 487–558. In der neueren Forschung wird eine derartige Kontinuität nur von wenigen Historikern vertreten.So hält Tibor Schäfer die Angabe bei Claudius Ptolemäus für richtig, wonach hunnische Stämme schon zu Beginn des 2. Jahrhunderts im europäischen Südrussland lebten. Vgl. Tibor Schäfer: Der Hunnenname als politisches Programm. In: Acta Orientalia Academiae Scientiarum Hungaricae. Band 58, Nummer 1, 2005, S. 89–100.

Der Name Hunnen wird in den verschiedenen Quellen oft eher allgemein gebraucht: Er diente wohl als „Prestige- und Übertragungsname“, der verschiedene Gruppen bezeichnen konnte, sodass Hunnen keine genaue ethnische Bezeichnung darstellte.Vgl. Hans Wilhelm Haussig: Die Geschichte Zentralasiens und der Seidenstraße in vorislamischer Zeit. 2. Auflage Darmstadt 1992, S. 140–142; Mischa Meier: Geschichte der Völkerwanderung. Europa, Asien und Afrika vom 3. bis zum 8. Jahrhundert. München 2019, S. 160; Walter Pohl: Die Völkerwanderung. 2. Auflage Stuttgart 2005, S. 104–106; Timo Stickler: Die Hunnen. München 2007, S. 24–26. In der spätantiken Geschichtsschreibung bezeichnet der Begriff Hunnen denn auch oft, wie zuvor „Skythen“, eine heterogen zusammengesetzte Gruppe, welche aus der gewaltigen Steppenregion Zentralasiens stammte, ohne dass damit eine Aussage über die ethnische Zugehörigkeit verbunden wäre. Walter Pohl hat dies folgendermaßen zusammengefasst: „Für alle europäischen Steppenvölker des ersten nachchristlichen Jahrtausends ist der pauschale Gebrauch des Namens ‹Skythen› bezeugt, der zu einer ethnographischen Kategorie geworden war.“Zitiert nach Mischa Meier: Die Hunnen. München 2025, S. 15.

Priskos (dessen nur fragmentarisch überliefertes Geschichtswerk eine der wichtigsten Quellen bezüglich der Hunnen ist) bezeichnete die Hunnen unter Attila, an dessen Hof er 449 gereist war, im Rahmen klassizistischer ethnographischer Vorstellungen als „Skythen“. An anderer Stelle in seinem Werk berichtet er aber auch von „kidaritischen Hunnen“,Priskos, Fragment 25 und Fragment 31 (Edition Pia Carolla). die die Ostgrenze Persiens im 5. Jahrhundert bedrohten. So kämpften um 350 die persischen Sassaniden gegen Nomaden, die man Chioniten nannte; das mittelpersische Wort XyonVgl. zu diesem Begriff Carlo G. Cereti: Xiiaona and Xyon in Zoroastrian Texts. In: M. Alram, D. Klimburg (Hrsg.): Coins Art and Chronology II: The First Millennium CE in the Indo-Iranian Borderlands. Wien 2010, S. 59–72. leitet sich wohl vom Begriff „Hunne“ ab und gab den Chioniten wahrscheinlich ihren Namen.Wolfgang Felix: Chionites. In: Ehsan Yarshater (Hrsg.): Encyclopædia Iranica. Band 5 (1992), S. 485–487 (online). Im 5. Jahrhundert folgten dann weitere Gruppen, die als iranische Hunnen bezeichnet werden (siehe auch die Ausführungen im Artikel Spätantike), die aber mit den um 375 nach Westen vordringenden Gruppen nicht identisch sind.Vgl. Martin Schottky: Huns. In: Encyclopædia Iranica; Timo Stickler: Die Hunnen. München 2007, S. 24 ff. Gruppen der iranischen Hunnen (eher die Alchon als die Hephthaliten) unternahmen im 6. Jahrhundert auch eine Invasion Nordindiens. Sie werden in indischen Quellen pauschal als Hunas bezeichnet und waren ein Faktor für den Zusammenbruch des Gupta-Reichs.

Diese Beispiele belegen, dass der Begriff „Hunne“ nicht auf eine feste ethnische Gruppe bezogen werden kann. Étienne de la Vaissière unterstellt jedoch die Wirksamkeit einer starken, im Altai entstandenen, vielleicht von den letzten Xiongnu, die sich dorthin (so zumindest de la Vaissière) zurückgezogen haben sollen, beeinflussten politischen, kulturellen und religiösen Identität.Étienne de la Vaissière: Huns et Xiongnu. In: Central Asiatic Journal. Band 49, 2005, S. 3–26. Allerdings ist die Herkunft der Hunnen bis heute in der Forschung umstritten, wobei die meisten Forscher eine direkte Verbindung zwischen den Xiongnu und den Hunnen, die um 375 im Westen erschienen, ablehnen (siehe das folgende Kapitel zur Herkunftsvermutung).

Von der Sprache der 375 nach Westen vorstoßenden „Hunnen“ sind nur einige spärliche Überreste erhalten. Viele Forscher vertreten die Ansicht, dass die Hunnen des 4. und 5. Jahrhunderts eine altaische, möglicherweise eine oghurische, also alttürkische, jedenfalls keine iranische oder jenisseische Sprache gesprochen haben.Hyun Jin Kim: The Xiongnu. In: Oxford Research Encyclopedia of Asian History. Online (allerdings sind Hyun Jin Kims Ansichten teils umstritten, siehe unten). Andere Forscher vertreten die These, dass es sich um eine andere, inzwischen ausgestorbene Sprache gehandelt habe.Gerhard Doerfer: Zur Sprache der Hunnen. In: Central Asiatic Journal. Bd. 17, Nr. 1, 1973, S. 1–50. Doerfer vertritt die zugespitzte These, dass keiner der mehr als 20 überlieferten Namen des Attila-Clans eindeutig als turksprachlich zu identifizieren sei. S. 47. Eine Studie aus dem Jahr 2025 vertritt die These, Hunnen und Xiongnu hätten eine frühe Form des Arinischen gesprochen, eine heute ausgestorbene Sprache, die zur Gruppe der jenisseischen Sprachen gehört.Svenja Bonmann, Simon Fries: Linguistic Evidence Suggests that Xiōng-nú and Huns Spoke the Same Paleo-Siberian Language. In: Transactions of the Philological Society 123, 2025 (Onlineversion, 16. Juni 2025). Ein wissenschaftlicher Konsens bezüglich der hunnischen Sprache existiert bis heute nicht. Sicher scheint nur, dass sich im Umfeld der hunnischen Elite germanisch sprechende Krieger befanden, die lange an ihren Sprachen bzw. Namen festhielten.

Einige mittelalterliche Autoren benutzten später noch Hunne als anachronistische Bezeichnung für andere Steppenvölker.Vgl. Widukind von Corvey, Rerum gestarum Saxonicarum libri tres. 1,18.

Aufgrund der sogenannten Hunnenrede Kaiser Wilhelms II. wird der Begriff Hunne (englisch Hun) im englischen Sprachraum als Schimpfwort für Deutsche benutzt.

Herkunftstheorien