Die Saftlecker (Sphyrapicus) bilden eine Gattung kleiner bis mittelgroßer Spechte in der Familie der Spechte (Picidae). Die Gattung umfasst vier Arten, deren Vorkommen auf Nordamerika beschränkt ist. Die Saftlecker, im Englischen Sapsuckers, haben ihren Namen von der besonderen, spezialisierten Art, in der sie einen Teil ihrer Nahrung gewinnen.
Der Gelbbauch-Saftlecker, der Rotnacken-Saftlecker und der Feuerkopf-Saftlecker bilden die Superspezies Sphyrapicus varius; sie waren bis 1983 in einer einzigen Art zusammengefasst. Die vierte Art, der Kiefernsaftlecker, weist einen deutlichen genetischen Abstand von der varius-Gruppe auf. Dort, wo die Verbreitungsgrenzen der einzelnen Arten der S.-varius-Gruppe überlappen, treten Hybride auf, die die Merkmale der Elternarten in unterschiedlicher Deutlichkeit und Abstufung zeigen.
Saftlecker besiedeln unterschiedliche Baumgesellschaften vor allem im westlichen Nordamerika. Nur das Verbreitungsgebiet des Gelbbauch-Saftleckers erreicht auch die nordamerikanische Ostküste. Sie sind Standvögel, Kurzstrecken- oder Mittelstreckenzieher. Vertikal erstrecken sich ihre Vorkommen vom Meeresniveau bis nahe der regionalen Baumgrenzen. Sie ernähren sich außerhalb der Brutzeit vor allem von Baumsäften, die sie aus meist kleinen, bis in die Holzschicht geschlagenen Saftlöchern gewinnen. Während der Brutzeit bilden Insekten die Hauptnahrung. Insekten sind auch das Aufzuchtfutter der Jungen.
Die Gattung Sphyrapicus wurde 1858 von Spencer Fullerton Baird aus einer Gattung Picus, in der viele unterschiedliche Spechtarten und Spechtgattungen vereint waren, losgelöst. Das Gattungsepitheton wird aus griech. σφύρα (Hammer, Meißel) und lat. picus (Specht) gebildet.James A. Jobling: The Helm Dictionary of Scientific Bird Names. Helm, London 2010, ISBN 978-1-4081-2501-4, S. 362.
Keine der vier Arten wird zurzeit in einer Gefährdungsstufe aufgeführt. Ihr Bestand gilt als weitgehend stabil, regional sind sie häufige Brutvögel.
Merkmale
miniatur|hochkant|links|Sphyrapicus ruber miniatur|hochkant|links|Sphyrapicus nuchalis miniatur|hochkant|links|Sphyrapicus thyroideus Saftlecker sind kleine bis knapp mittelgroße Spechte. Gelbbauch-Saftlecker und Rotnacken-Saftlecker sind mit maximal 21 Zentimetern Körperlänge die beiden kleinsten Arten. Nur geringfügig größer ist der Feuerkopf-Saftlecker. Mit 23 Zentimetern erreicht der Kiefernsaftlecker knapp die Größe des Buntspechtes. Alle Saftlecker sind schlanke und leicht gebaute Vögel. Sie sind wesentlich leichter als vergleichbar große Spechte wie Mittelspecht oder Buntspecht. Das Gewicht der Spechte aus der S.-varius-Gruppe liegt zwischen 36 und 62 Gramm, der Kiefernsaftlecker wiegt maximal 64 Gramm.Winkler et al. (1995) S. 220–225.
Spechte der S. varius -Gruppe sind einander in der Färbung des Körpergefieders recht ähnlich. Die Oberseite ist mit unterschiedlich deutlichen weißen Einschlüssen im Wesentlichen schwarz, der Bauch auf grauweißem Grund dunkel gestrichelt oder pfeilspitzenartig gezeichnet. Beim Gelbbauch-Saftlecker ist der obere Bauchbereich hellgelb, beim Feuerkopf-Saftlecker blass rötlich. Das gattungstypische längliche weiße Flügelfeld ist das einzige Merkmal, das alle vier Arten gemeinsam aufweisen. Stark unterschiedlich ist die Färbung des Kopf-, Kehl- und Brustgefieders, vor allem die Rotanteile variieren von Art zu Art beträchtlich. Am wenigsten Rot zeigt der Gelbbauch-Saftlecker, am meisten der Feuerkopf-Saftlecker, bei dem der gesamte Kopf, der Nacken und Hals sowie der Brustbereich rot gefärbt sind. Männchen und Weibchen des Feuerkopf-Saftleckers sind weitgehend monomorph, bei den anderen beiden Arten beschränkt sich der Geschlechtsdimorphismus auf die Kopffärbung, insbesondere auf die Verteilung der Rotanteile. Größen- und Gewichtsunterschiede zwischen den Geschlechtern sind marginal.
Von diesen drei Saftleckerarten unterscheiden sich die Männchen des Kiefernsaftleckers beträchtlich. Kopf und Oberseite ist bei diesen im Wesentlichen schwarz, nur die Kehle ist rot. Der Bauch des Männchens ist dottergelb. Der Färbungsdimorphismus ist so ausgeprägt, dass Männchen und Weibchen lange Zeit für Vertreter unterschiedlicher Arten gehalten wurden.Dobbs et al. (1997) Introduction Abgesehen von der unterschiedlichen Größe ähneln Weibchen stark weiblichen Gilaspechten.
Alle Saftlecker sind zygodactyl. Sie verfügen über einen, an der Basis recht breiten, meißelartig zugespitzten, meist schiefergrauen Schnabel. Die Iris der Augen ist dunkelbraun, der unbefiederte Bereich der Beine sowie die Zehen sind grau.
Lautäußerungen
Saftlecker sind akustisch vor allem in den Perioden der Balz und der Revieretablierung akustisch sehr präsent. Sie verfügen über eine Reihe unterschiedlicher arttypische Rufe. Charakteristisch für alle Saftlecker ist das Trommeln, das mit einem schnellen Trommelwirbel beginnt und mit einigen, unregelmäßigen Einzelschlägen ausklingt.Trommeln Feuerkopf-Saftlecker (MP3; 702 kB)Trommeln und Rufe Kiefernsaftlecker (MP3; 937 kB)
Verhalten
Aktivität und Ruhe Saftlecker sind wie alle Spechte tagaktiv. Ihre Aktivitätsphase deckt sich mit der Tageshelligkeit. Die Nacht verbringen die Spechte aus der varius-Gruppe meist unter einem starken Ast an den Stamm geklammert, der Kiefernsaftlecker in natürlichen Baumhöhlen oder eigenen Schlafhöhlen.Dobbs et al. (1997) Behavior/Sleeping, Roosting, Sunbathing Auch während des Tages legen die Spechte vor allem um die Mittagszeit lange Aktivitätspausen ein, die sie dösend oder mit Gefiederpflege beschäftigt verbringen.
Bewegung miniatur|hochkant|Männlicher Gelbbauch-Saftlecker beim Verzehr von Beeren Alle Saftlecker hüpfen beidbeinig, sich an der Stamm- oder Astoberfläche festkrallend sowohl vertikal als auch horizontal auf Stämmen und Ästen. Besonders während der Balz und in agonistisch gestimmten Situationen hüpfen sie schraubig stammaufwärts. Um Früchte oder Beeren zu ernten, klammern sie sich auch an sehr dünne Zweige. Der Flug ist der typisch bogenförmige Spechtflug mit einer Reihe kräftiger, schneller Flügelschläge in der Aufwärtsphase und zur Gänze angelegten Flügeln in der Abwärtsphase. Der Flug der Saftlecker ist schnell und gewandt; mit geschickten, schnellen Wendungen können sie Insekten im Flug erbeuten.
Komfortverhalten
Saftlecker wenden sehr viel Zeit zur Gefiederpflege auf. Sie schütteln und sträuben ihr Gefieder häufig und ziehen einzelne Federn, vor allem der Schwingen und des Schwanzes durch den Schnabel. Mit dem Schnabel ordnen sie auch die übrigen erreichbaren Federareale. Wasserbaden wurde bei Spechten der varius-Gruppe nur selten beobachtet, Kiefernsaftlecker scheinen dies häufiger zu tun. Sonnenbaden ist für alle vier Arten eine häufige Komforthandlung: dabei wenden sie der Sonne den Rücken zu, plustern das Gefieder auf und spreizen leicht die Flügel. Beim Kiefernsaftlecker wurde aktives Einemsen beobachtet.Dobbs et al. (1997) Behavior/Preening, …
Agonistisches Verhalten
Alle Saftlecker sind zumindest im Sommerhalbjahr territorial, residente Spechte während des gesamten Jahres. Das Territorium wird durch Trommelreihen und Schauflüge markiert und abgegrenzt. Saftlecker verteidigen die unmittelbare Höhlenumgebung und einige wichtige Nahrungsbäume gegenüber Artgenossen und gegenüber Nahrungs- und Höhlenkonkurrenten. Sie vermögen bedeutend größere Arten wie etwa den Helmspecht zu vertreiben.Walters et al. (2002) Yellow-bellied Sapsucker – Social And Interspecific Behavior/Nonpredatory Interspecific Interactions Am stärksten ist das Aggressionspotential in der Vorbrutzeit und während die Nestlinge großgezogen werden. In dieser Zeit kann es zwischen männlichen Artgenossen, aber auch mit einer anderen Saftleckerart zu heftigen Berührungskämpfen kommen.Walters et al. (2002) Red-breasted Sapsucker – Agonistic Behavior/Physical Interactions Meist aber genügen von lauten Rufreihen begleitete Drohgebärden wie das Sträuben des Kopf-, Brust- und Scheitelgefieders, horizontales Kopfpendeln sowie das vertikale Auf- und Abwärtsbewegen des Kopfes. Abgemilderte agonistische Verhaltensweisen sind auch Bestandteile der Balz und werden im gegenseitigen Verhalten von Paaren beobachtet. Außerhalb der Brutzeit leben Saftlecker solitär. Gelegentlich kommt es während des Zuges und im Winterquartier zu kleinen temporären Gruppenbildungen.
Während der Nestlingszeit versuchen Saftlecker auch größere Fressfeinde durch lautes Schreien und direkte Angriffe aus der Nestumgebung zu vertreiben. Sonst verhalten sie sich gegenüber Feinden weitgehend ruhig, verharren entweder still und eng an den Stamm geklammert oder versuchen unbemerkt zu fliehen.
Verbreitung und Lebensraum, Wanderungen miniatur|hochkant=1.4|Verbreitung und Hybridisierungszonen der S.-varius-Superspezies Bis auf ein kleines, isoliertes Brutvorkommen des Kiefernsaftleckers in Niederkalifornien ist die Brutverbreitung der Saftlecker auf die Staaten Kanada und USA beschränkt. Die größte Artenvielfalt liegt in den Gebirgsregionen des nordwestlichen Nordamerika, wo alle vier Arten, meist in klar separierten Gebieten vorkommen. Das mit Abstand größte Brutareal wird vom Gelbbauch-Saftlecker eingenommen, der als einziger der Saftlecker-Arten die nordamerikanische Ostküste erreicht. Er ist auch mit Brutplätzen in Zentralalaska die am weitesten nördlich vorkommende Art. Die südlichsten Brutvorkommen sind die des Rotnacken-Saftleckers im nordwestlichen Texas. Das kleinste Gebiet bewohnt der Kiefernsaftlecker. Vertikal sind der Gelbbauch- und der Feuerkopf-Saftlecker vom Meeresniveau bis etwa 3000 Meter verbreitet, der Rotnacken-Saftlecker von etwa 300 Meter bis an die 3000 Meter. Der Kiefernsaftlecker ist eine submontane beziehungsweise montane Art. Seine Brutplätze liegen im Norden nicht unter 800 Metern, im zentralen Teil seines Brutgebietes meist über 1500 Meter und reichen bis an die Baumgrenze.
Die Lebensräume des Gelbbauchsaftleckers sind unterschiedlich zusammengesetzte Wälder, wie Mischwälder aus verschiedenen Koniferenarten mit Pappeln, Birken, Weiden und – vor allem im Osten – Hickories, gelegentlich auch landwirtschaftlich genutzte, locker baumbestandene Flächen und größere Parks. Der Feuerkopf-Saftlecker und der Kiefernsaftlecker sind eher Bewohner reiner Nadelwälder, der Rotnacken-Saftlecker bevorzugt Laubwälder und Laubmischwälder, kommt gelegentlich aber auch in offenen Gelbkieferbeständen vor. Pappeln spielen für alle Saftlecker-Arten sowohl als Nahrungs- als auch als Höhlenbaum eine hervorragende Rolle. Auch stehendes Totholz ist für einige zur Anlage der Bruthöhlen unerlässlich.
Die Winterverbreitung des Gelbbauch-Saftleckers umfasst den südöstlichen Bereich der USA, Mexiko, Mittelamerika bis ins nördliche Panama sowie viele der Westindischen Inseln. Rotnacken-Saftlecker überwintern in südlichen Bereichen des Brutgebietes oder ziehen bis Zentralmexiko, in Ausnahmefällen bis Guatemala und Honduras, nach Niederkalifornien beziehungsweise an die südliche kalifornische Pazifikküste. Kiefernsaftlecker verstreichen in niedriger gelegene Gebiete oder ziehen relativ kleinräumig südwärts, Feuerkopf-Saftlecker sind mehrheitlich Standvögel.
Hybridisierungszonen und Hybride
Die Brutgebiete von Kiefernsaftlecker, Feuerkopf-Saftlecker und Rotnacken-Saftlecker berühren einander oder überlappen in vielen Regionen. Feuerkopf-Saftlecker und Kiefernsaftlecker besiedeln auch die gleichen Waldtypen. Dort, wo die Spechte sympatrisch vorkommen, halten sie die gleichen Territorialabstände ein wie zu Artgenossen.Walters et al. (2002) Red-breasted Sapsucker – Spacing Hybride von Spechten aus der varius-Gruppe mit dem Kiefernsaftlecker scheinen vorzukommen, sind aber außerordentlich selten.McCarthy (2006) S. 110.