Die Dampfmolkerei Fahrenwalde war eine bis ins Jahr 1988 existierende Dampfmolkerei in Fahrenwalde im heutigen Landkreis Vorpommern-Greifswald im Osten Mecklenburg-Vorpommerns.

Sie wurde 1892 als milchverarbeitender Betrieb gegründet, in dem die von der Bauernschaft angelieferte Rohmilch durch ein wenigstens aus Zentrifuge und Erhitzer bestehendes und von einer Dampfmaschine angetriebenes technisches System weiterverarbeitet wurde. Im Allgemeinen schloss sich im selben Hause die Verarbeitung zu Butter, manchmal zusätzlich auch die Produktion von Käse an.

Da ein Einblick in die Geschichte des Molkereiwesens günstigerweise stets am konkreten, typischen Beispiel erfolgt, ist hier die dörfliche Entwicklung der Dampfmolkerei Fahrenwalde unter technologischen und kulturhistorischen Aspekten dargestellt.

Kaiserzeit Im Jahre 1892 gründeten acht Großbauern und Bauern im Dorf Fahrenwalde eine Genossenschaft zur gemeinschaftlichen Errichtung einer Dampfmolkerei und nahmen dafür vom Neuen Brandenburgischen Credit-Institut über Pfandbriefe (3 %) eine Kreditsumme von 8000 Mark auf. Für diesen Kredit hafteten die Genossenschaftler mit dem gesamten Vermögen ihrer Bauernwirtschaften, welches zusammen 27 Hufen betrug. Die Finanzierungs- und also auch Stimmanteile waren unterschiedlich und lagen zwischen 5 und 1 Hufen. Zur Deckung der Betriebskosten wurde beschlossen, dass von jedem Liter Milch, der an die Molkerei geliefert wird, diese 1 ²/³ Pfennig einbehalten darf. Die Gründungsmitglieder verpflichteten sich, ihre gesamte Milchmenge an diese Molkerei abzuliefern. Der Fettgehalt der angelieferten Milch sollte wöchentlich untersucht werden und durfte zumindest zwischen Oktober und Mai nicht unter 3 % sinken. Dabei wurde von einer durchschnittlichen täglichen Milchmenge von sechs Litern pro Kuh ausgegangen; ergibt sich in der Jahresabrechnung, dass jemand weniger geliefert hat, muss er den Wert für die fehlende Menge begleichen (über besondere Umstände wird mehrheitlich entschieden).

Nachdem im März 1892 die Genossenschaft gegründet war und die Umbauten – aus einer alten Stallanlage aus Feldsteinen – der Molkerei Gestalt annahmen, traten im Oktober weitere 24 Bauern des Dorfes bei, allerdings ohne Eigenanteil und Mitbestimmung. Man einigte sich darauf, dass der gleiche Literpreis und eine Betriebskostenumlage gezahlt werden soll. Je Milchkuh mussten nun auch von den Neueintretenden 2200 Liter jährlich angeliefert und eventuelle Restsummen finanziell ausgeglichen werden. Alle Milchlieferer verpflichteten sich auch, keine Milch von kranken oder frisch milchenden Kühen vor dem 5. Tag anzuliefern. miniatur|Die Dampfmaschine, das Herzstück der Dampfmolkerei

Das Grundstück war für 100 Reichsmark jährlich gepachtet, umgebaut und mit einer Dampfmaschine sowie weiteren notwendigen Gerätschaften versehen. Dazu gehörte auch die Milchzentrifuge, denn durch diese Erfindung wurde die Butterherstellung praktisch revolutioniert. Davor mussten die Bauern ihre Milch in flachen Wannen (ggf. in einem gemeinsamen Eiskeller) aufstellen und warten, bis es nach Tagen zu einer Abtrennung des für die Butterherstellung notwendigen Rahms kam und sie diesen in kleinen Fässern zu Butter schlagen konnten. Eine parallele Revolution war die Dampflok, die auch den schnellen Butter- oder Milchtransport zu den Großstädten ermöglichte und für die Bauernschaft lukrativ machte.

Die neugegründete Genossenschaft setzte vertraglich einen Molkereiverwalter ein. Dieser war unter anderem für die Milchannahme und Ausgabe, Butter- und ggf. Käseherstellung und alle technischen Geräte verantwortlich. Bis 1909 gab es in Fahrenwalde allein drei verschiedene Verwalter; es kam dabei unter anderem vor, dass durch eine fehlerhafte Käseproduktion der Genossenschaft ein Schaden von über 2000 Mark entstand. Also musste ein Verwalter stets eine Kaution stellen. Ihm wurde ein Jahresgehalt von 1000 Mark zugestanden und er durfte in der Betriebswohnung oberhalb der Molkerei wohnen. Als Deputat gab es für die Familie täglich einen Liter Vollmilch, drei Liter Magermilch, wöchentlich 1,5 Pfund Butter und die Erlaubnis, jährlich ein Schwein füttern zu dürfen.

Wichtig für den Molkereibetrieb war auch die auf dem Grundstück befindliche 36 Meter tiefe Wasserstelle, bei der Wasser durch ein langes, zusammengefügtes Rohr hochgepumpt wurde. Zur 3-PS-Dampfmaschine gehörte um 1900 eine relativ kleine, eingemauerte Kesselanlage, mit einem etwa drei Meter aus dem Dach ragenden Schornstein aus Metallrohr. Neben dem Kesselraum befand sich an der anderen Seite ein überdachter Kohlebunker mit entsprechenden Wandöffnungen. Der Kohlebunker musste so groß sein, dass er mehr als die Ladung eines kompletten Eisenbahnwaggons an Kohle (also mehr als 25 Tonnen) aufnehmen konnte. Je nach Witterung reichte eine Ladung für mehrere Monate. Immer wenn ein Waggon Kohle eintraf, hatte der von den Bauern gestellte Spanndienst einen ganzen Tag zu tun, um die Kohle zur Molkerei zu bringen, ansonsten mussten Standgebühren gezahlt werden.

Im Winter durften alle Bauern ebenfalls Spanndienste leisten, so aus nahe gelegenen Teichen Eisstücke heraushauen und sie in den neben der Molkerei befindlichen Eiskeller bringen. Eine zwei Meter tiefe und mehrere Meter breite, gut mit Ziegel und Torf isolierte Grube mit Schilfdach darüber fasste so viel Eis, dass es bis zum nächsten Winter zur Kühlung der Vorräte reichte. miniatur|Zweikammer-Zeigerwaage zum Wiegen der Milch Die Bauern des Dorfes lieferten je nach Saison bis etwa 3000 Liter Milch täglich an, also wurde in der Regel täglich, auch Sonntags, gebuttert; im Sommer bei großer Milchmenge sogar zweimal. Unmittelbar vor der Molkerei befand sich eine große Holzrampe, hier hielten die Pferde- und auch Hundefuhrwerke und die Bauern konnten dort ihre Milchkannen abladen und aufladen. Innen schloss sich der Annahmeraum an; die Milch wurde gesiebt, auf Verunreinigung untersucht, gewogen und die Menge in ein Buch eingetragen. Gleichzeitig erfolgte dort der Eintrag der zurückgelieferten Magermilch, Butter, Buttermilch usw.; auch dafür war in der Regel die Ehefrau des Verwalters zuständig. Das Gewicht wurde mit einer Balkenwaage ermittelt, dahinter stand als Auffangbehälter eine Metallwanne. Da die Annahme morgens und abends zu jeweils festgelegten Zeiten erfolgte und zu diesen Zeiten auch alle anderen Leute unter anderem frische Trinkmilch kaufen konnten, entwickelte sich diese Annahme-Rampe zu einem wichtigen sozialen Zentrum der Kommunikation innerhalb der Dorfgemeinschaft. Seit Bestehen der Molkerei wurde nach Möglichkeit stets ein Lehrling mitausgebildet.

Eine spürbare Verbesserung brachte dann die Elektrifizierung des Dorfes im Jahre 1911. Für die Beleuchtung gab es zwar nun elektrischen Strom statt Petroleumlampen, aber der allgemeine Molkereibetrieb musste schon aus Kostengründen weiter durch die Dampfmaschine aufrechterhalten werden. miniatur|Die Transmission miniatur|links|Einzelaufnahme des Trommelerhitzers Die Dampfmaschine trieb über eine etwa 10 m lange, sich im Deckenbereich befindliche rotierende Eisenstange (Transmissionswelle auf Schmierlagern) und Riemen unter anderem das Butterfass, die Zentrifuge und alle Erhitzer und Pumpen an. Mit der Zentrifuge konnte man große Milchmengen kontinuierlich in den für die Butterherstellung benötigten Rahm und fettarme Magermilch trennen. In ihr wurde die Milch durch Rotation in ein System von vielen übereinander liegenden Tellern gedrückt und so in millimeterbreite Schichten verteilt. Der Rahm floss nach innen, die schwerere Magermilch drückte nach außen und in der Zentrifuge verblieb schließlich als Rest der Zentrifugenschlamm. Da die so gewonnene Magermilchmenge größer war (etwa 80 % des Rohmilchvolumens) als der Rahm, war auch der Magermilch-Trommelerhitzer (etwa 85 Grad Celsius) größer als der Rahm-Trommelerhitzer (etwa 95 Grad Celsius). Die Dampfmaschine lieferte für beide den für die Pasteurisierung notwendigen heißen Dampf und bewegte außerdem über den Riemenantrieb die jeweiligen Trommeln. Durch diese Drehbewegungen erfolgte auch der Weitertransport in den Rohrleitungen. miniatur|Die beiden abschließbaren Zentrifugen Zu jener Zeit ist die anfallende Magermilch ohne anschließende Kühlung von den Bauern gleich zur Viehfütterung wieder mit zurückgenommen worden. Der Rahm floss nun beidseitig über die waagerechten Rohrschlangen eines Kühlers. In den Kühlrohren zirkulierte (ebenfalls im Gegenstromverfahren) zumeist kaltes Wasser. Dann wurde er zur nächtlichen Reifung in eine große Wanne mit Doppelwand, dem Rahmreifer, gepumpt. Sollte er gekühlt werden, gab man kaltes Wasser, sollte er dagegen je nach Witterung erwärmt werden, gab man heißes Wasser in die Doppelwand. Bei der Kaltwasser-Erzeugung konnte auch Eis aus dem Eiskeller eingesetzt werden.

Um den Rahm am nächsten Tag verbuttern zu können, setzte man ihn außerdem mit einem „Säurewecker“ an. Das konnte ein Eimer Restmilch vom Vortag, aber auch ein Eimer gut verrührte Buttermilch sein; hier war die Erfahrung des Buttermeiers gefragt. Nur wenn Säuregrad, Temperatur usw. stimmte, abends konnte kontrolliert und nachgeholfen werden, kam der Rahm morgens über die Rahmrinne ins Butterfass. Nachdem das Fass etwa 35 Minuten lief, konnte man mit Erfahrung am Klang und auch durch das Schauglas erkennen, wann die Butter gut war.

Da die älteren Butterfässer noch kein Knetwerk besaßen, musste die Butter nach dem Ablassen der Buttermilch und dem zweimaligen Waschen anschließend mehrmals über einen Trichter durch zwei sich auf einem Tisch befindliche Walzen gedrückt werden. Beide Walzen hatten einen Abstand von etwa 1 cm und wurden solange beschickt, bis die Konsistenz der Butter gut war. Verpackt wurde entweder direkt mit der Holzform in Stücken zu einem halben Pfund oder in Fässer aus Holz. Dabei musste die Butter stets in entsprechendes Pergamentpapier eingewickelt werden. Es war Vorschrift, von jeder Butterung eine Probe zu nehmen und eine gewisse Zeit aufzubewahren. Zum Verkauf gelangte dann auch die anfallende Buttermilch sowie eine gewisse Menge Trinkvollmilch mit etwa 3 % Fett für die Versorgung der Bevölkerung; sie wurde aus bestimmten Mengen von Magermilch und Rahm prozentual zusammengerührt. Während des Ersten Weltkrieges musste die Frau des Molkereiverwalters allein, beziehungsweise mit Unterstützung eines nicht eingezogenen Hilfsarbeiters den Betrieb aufrechterhalten.

Zwischen den Weltkriegen miniatur|Die Dampfmolkerei 1923 Der Metallschornstein ist durch einen gemauerten Schornstein ersetzt worden. Die allwinterliche Beschickung des Eiskellers erübrigte sich, als 1926 die Molkereigenossenschaft eine Eismaschine kaufte, die dann auch an die große Transmissionswelle der Dampfmaschine angeschlossen wurde. Die Drehbewegung gelangte bei der Eismaschine per Pleuelstange in eine Pumpe (Überdruck, 60 at), die wiederum durch Druck Kälte erzeugte. Die Kälte gelangte dann durch Metallrohre und Kühlflüssigkeit (Salzwasser mit Minusgraden, also Sole, als Träger) in den Kühler beziehungsweise in einen etwa 2 × 4 Meter großen Kühlraum, der als Isolierung besonders dicke Wände besaß. Hier konnte der gesamte, in einer Woche produzierte Buttervorrat, in Holzfässern zu je 50 kg lagern. Gemäß einem Vertrag von 1935 mit dem Großhändler Trettin in Stettin brachte der Spanndienst diese Fässer wöchentlich mit dem Pferdefuhrwerk zum nächsten Ort mit Bahnstation. Sie gelangten mit Kühlwagen in die Stadt, wo sie sofort in Kleinportionen abgepackt und in die Geschäfte weitertransportiert wurden.

Nach etwa 5 bis 6 Jahren schaffte sich die Molkerei eine neue leistungsfähigere Eismaschine (Typ Linde, 10 PS) an, die statt mit der Dampfmaschine direkt über einen Elektroanschluss und mit Ammoniakflaschen betrieben wurde. Kühlmittel war weiterhin Sole, durch Solepumpen konnte sie nun auch direkt in den Schwenkarm des neuen halbkreisförmigen Rahmreifers geleitet werden. miniatur|Die Kesselanlage um 1933