Die Zyklonsaison im Nordindik 1998 war eine überdurchschnittlich aktive Wirbelsturmsaison. Im nördlichen Indik ist die Sturmsaison im Gegensatz zu anderen Entstehungsgebieten tropischer Wirbelstürme nicht begrenzt, sondern erstreckt sich über das ganze Jahr. Der Höhepunkt der Aktivität liegt im Mai und im November; durchschnittlich bilden sich im Golf von Bengalen östlich des indischen Subkontinents und im westlich davon liegenden Arabischen Meer zusammen zwischen vier und sechs tropische Wirbelstürme. Das zuständige Regional Specialized Meteorological Centre in diesem Becken ist das India Meteorological Department (IMD), durch das Joint Typhoon Warning Center werden inoffizielle Sturmwarnungen herausgegeben, die sich primär an Einrichtungen der US-Streitkräfte in der Region richten. Offiziell werden vom IMD solche Wirbelstürme gezählt, die sich zwischen dem 45. und 100. Grad östlicher Länge bilden. 1998 veröffentlichte das IMD keine Windgeschwindigkeiten, weswegen die Stürme offiziell als „depressions“, „deep depressions“ oder „cyclonic storms“ bezeichnet werden. Die hier genannten Windgeschwindigkeiten sind die vom JTWC ermittelten einminütigen Windgeschwindigkeiten. Auch Sturmnamen wurden damals noch nicht offiziell vergeben.
Mit der Bildung von elf tropischen Tiefdruckgebieten, von denen sich acht zu tropischen Zyklonen entwickelten, war diese Saison neben den 1987, 1996 und 2005 eine der aktivsten seit Beginn der systematischen Aufzeichnungen in diesem Becken.
Saisonverlauf Der erste Sturm der Saison entwickelte sich am 18. Mai über dem Golf von Bengalen. Dieser erreichte Spitzenwindgeschwindigkeiten von 130 km/h und gelangte bei Chittagong, Bangladesch über Land. Ebenfalls im Mai formte sich ein Sturm über dem Arabischen Meer. Er löste sich am nächsten Tag auf See auf, ohne Auswirkungen an Land zu haben. Der intensivste Sturm der Saison bildete sich Anfang Juni vor der Südwestküste Indiens. Er wanderte langsam westwärts und blieb relativ schwach, bevor er nach Norden abdrehte und sich intensivierte. Der Sturm erreichte seinen Höhepunkt mit einminütigen Windgeschwindigkeiten von 195 km/h, kurz bevor er bei Porbandar im indischen Bundesstaat Gujarat über Land gelangt und sich im Tagesverlauf auflöste.
Nach drei Monaten Inaktivität bildeten sich Ende September und im Oktober insgesamt fünf tropische Systeme. Zwei davon verstärkten sich zu tropischen Stürmen, die jedoch keine Auswirkungen auf Land hatten. Anfang November bildete sich im Golf von Bengalen der sechste tropische Zyklon des Jahres. Der Sturm entwickelte sich rasch und erreichte seine Spitzenintensität mit Windgeschwindigkeiten von 155 km/h vor dem Landfall. Kurz nach der Auflösung von Zyklon 06B führte das Resttief des Tropischen Sturms Chip zur Entwicklung eines neuen tropischen Zyklons im Golf von Bengalen. Der Sturm erreichte seine größte Stärke mit Windgeschwindigkeiten von 140 km/h über offenem Wasser. Der Sturm gelangte in eine Zone mit starker Windscherung und schwächte sich deswegen vor dem Erreichen des Festlandes rasch ab. Der letzte Zyklon der Saison bildete sich Mitte Dezember im Arabischen Meer. Er erreichte mit andauernden Windgeschwindigkeiten von 120 km/h seine größte Intensität und zog in Oman am 17. Dezember über Land, um sich kurz darauf aufzulösen.
Die Stürme der Saison töteten viele Menschen, die meisten davon fielen Zyklon 03A zum Opfer. Durch die fast fünf Meter hohe Sturmflut des Sturms wurden mehr als 10.000 Personen getötet, viele der Salzgewinnungsanlagen an der Küste wurden überflutet. Der Gesamtschaden durch diesen Sturm wurde auf 120 Milliarden Rupien (3 Milliarden US-Dollar). Auch die Zahl der Opfern durch Zyklon 01B im Mai war offenbar hoch: neben 26 getöteten Personen wurden mindestens 4000 Fischer vermisst. Eine kurzlebige Depression verursachte Mitte Oktober schwere Überschwemmungen in Andhra Pradesh, in deren Verlauf 122 Personen das Leben verloren. Im November verursachte der Tropische Zyklon 06B Sachschäden in Höhe von 880 Millionen BTN (20,7 Millionen US-Dollar) in Bhutan. Vierzig Tote und 100 Vermisste wurden nach Zyklon 07B in Bangladesch verzeichnet.
Stürme Schwerer zyklonischer Sturm BOB 01 (01B)
Der erste tropische Zyklon in der Region entwickelte sich als tropische Störung am 13. Mai südöstlich von Sri Lanka über dem südlichen Golf von Bengalen. Das System entwickelte sich langsam und wanderte zunächst nach Nord-Nordosten, bevor sie sich nach Westen wandte. Am 16. Mai verlangsamte sich das System in der Nähe der südöstlichen Küste Indiens und schlug erneut eine nördliche Zugrichtung ein. Um 7:00 UTC am 17. Mai gab das Joint Typhoon Warning Center (JTWC) einen Tropical Cyclone Formation Alert (TCFA) aus. Ein zweiter TCFA wurde im Tagesverlauf ausgegeben, als sich eine neue Zirkulation weiter nordöstlich bildete. Um 6:00 UTC am 18. Mai gab das JTWC die erste Warnung zum Zyklon 01B aus. Im operativen Betrieb wurde die Windgeschwindigkeit auf 55 km/h geschätzt. Der Zyklon setzte seine Wanderung in nordöstlicher Richtung fort und intensivierte sich bei der Annäherung an Bangladesch kontinuierlich. Etwa zwölf Stunden nach der Klassifizierung als tropisches System erreichte der Zyklon die Stärke eines tropischen Sturms, der 555 km südsüdöstlich von Chittagong einminütige Windgeschwindigkeiten von 65 km/h erreichte. In der Frühe des 20. Mai erreichte Zyklon 01B seine größte Intensität mit einer andauernden einminütigen Windgeschwindigkeit von 130 km/h. Ein Auge bildete sich und einige Stunden später querte der Sturm bei Chittagong die Küstenlinie. Nach dem Landfall schwächte sich der Sturm rasch ab und löste sich einige Stunden später auf.
Vor dem Eintreffen des Sturmes evakuierten die Behörden etwa 650.000 Einwohner, sodass der Verlust an Menschenleben durch Zyklon 01B verhältnismäßig gering blieb. Weil Zyklon 01B jedoch vor allem auf niedrig gelegene Gebiete traf, zerstörten die Auswirkungen des Sturmes 6000 Häuser, weitere 9945 wurden beschädigt. Die Sturmflut erreichte eine Höhe von 1,8–3 m und überflutete einige Küstenstädte. Insgesamt wurden 1,876 Hektar Salzgärten und Krebsfarmen beschädigt. Mindestens 35 Personen wurden durch den Sturm getötet, 504 weitere wurden verletzt. Fünf der Todesopfer entfallen auf Chittagong, fünf weitere auf eine Insel im Cox’s Bazar-Distrikt. Sechzehn Seeleute verloren ihr Leben, als ihre Fischerboot im Sturm sanken. Außerdem wurden vom Roten Kreuz etwa 4000 Fischer als vermisst auf See geführt. Insgesamt waren in Bangladesch von den Auswirkungen des Zyklons 108.440 Personen betroffen. Ein Öltanker, der bei Chittagong ankerte, wurde durch die raue See auf ein anderes Schiff geworfen und dabei deutlich beschädigt. Große Mengen von Rohöl gelangten durch ein Leck im Rumpf des Schiffes in das Meer. Beide Schiffe gehörten der Bangladesh Shipping Corporation.
Depression ARB 01 (02A)
Am 27. Mai entwickelte sich über dem zentralen Arabischen Meer ein Tiefdruckgebiet. Als sich das Zentrum des Systems am nächsten Tag rund 740 km südlich der Insel Masirah befand, gab das JTWC die erste reguläre Sturmwarnung aus. Der Sturm erreichte schon bald darauf seinen Höhepunkt mit Windgeschwindigkeiten von 65 km/h. Kurz darauf verstärkte sich die vertikale Windscherung, sodass die Auflösung des Zyklons einsetzte. Das Zirkulationszentrum verlor schon bald die Konvektion und im Tagesverlauf erreichte das System nicht mehr die Stärke eines tropischen Sturms. Er löste sich am 29. Mai über dem offenen Meer auf.
Sehr schwerer zyklonischer Sturm ARB 02 (03A)
Der stärkste und folgenschwerste tropische Zyklon im Nordindik des Jahres 1998 bildete sich am 1. Juni als Tiefdruckgebiet mit Zentrum über den Lakkadiven. Zwei Tage später verkündete das JTWC einen TCFA, das sich langsam besser organisierte. In der Frühe des 4. Juni gaben die Meteorologen der United States Navy in Pearl Harbor die erste vollwertige Sturmwarnung zum tropischen Zyklon 03A aus. Der noch relativ kleine Sturm zog langsam nach Westen und schwächte sich ab, da sich die Windscherung verstärkte. Das System konnte sich jedoch regenerieren und am nächsten Tag wurden die Warnungen wieder aufgenommen. Der Sturm intensivierte sich kontinuierlich und wanderte nach Nordwesten. Die Auswertung der Dvorak-Technik am 6. Juni ergab den Wert T4.0, was Spitzenwindgeschwindigkeiten von 120 km/h entspricht. Zu diesem Zeitpunkt etwa begann der Sturm auf eine nördliche Richtung zu drehen und beschleunigte wegen eines sich nähernden subtropischen Troges nach vorne. Als sich der Sturm der indischen Küste annäherte, bildete er ein Auge und intensivierte sich zu einem Äquivalent eines schweren Hurrikanes, der Windgeschwindigkeiten von 185 km/h erreichte. Nachdem sich Zyklon 03A am 9. Juni leicht abschwächte, gewann er erneut an Kraft und erreichte seinen Höhepunkt mit andauernden einminütigen Spitzenwindgeschwindigkeiten von 195 km/h. Danach gelangte der bei Porbandar im indischen Bundesstaat Gujarat über das Festland. Über Land verlor der Sturm sehr schnell an Stärke und löste sich noch am selben Tag auf.
Der tropische Zyklon 03A erzeugte eine starke Sturmflut, deren Höhe rund 4,9 m erreichte und Salzgärten sowie Orte an der Küste verwüstete. Nach Schätzungen wurden rund 10.000 Bewohner der Region durch den Sturm getötet, viele davon waren Arbeiter in den Salzgärten, die kein Radio besaßen und deswegen wenig oder gar nicht vor dem Zyklon gewarnt wurden. Teilweise wurde der hohe Verlust an Menschenleben Unternehmern zugeschrieben, die keinen Gewinn einbüßen wollten und deswegen ihre Arbeiter nicht vor dem sich nähernden Zyklon warnten. Außerdem war die Region seit 1890 lediglich von 17 Zyklonen getroffen worden, von denen alle schwächer waren als Zyklon 03A. Deswegen schätzte man die Gefährdung der Region sowohl durch die Bevölkerung als auch die Katastrophenschutzbehörden falsch eingeschätzt. Der starke Wind verursachte eine Unterbrechung der Stromversorgung für viele Ortschaften in der Region. Ein Sendemast in Porbandar stürzte ein und führte so zu Störung der Telekommunikationsverbindungen. Der Kraft des Sturmes hielten hunderte von Masten der Elektrizitätsleitungen nicht stand; der Schaden dadurch wurde auf 10 Milliarden Rupien geschätzt. Mindestens 893 Personen wurden durch den Sturm verletzt und mehr als 11.000 landwirtschaftliche Nutztiere wurden getötet. Mehr als 162.000 Bauwerke wurden beschädigt oder zerstört. Der Sachschaden in der betroffenen Region wurde auf 120 Milliarden Rupien errechnet. Die Reste des Sturmsystems erzeugten schwere Regenfälle über Pakistan, wo deswegen 12 Personen durch Stromschlag starben.
Depression ARB 03 (04A)
Ende September entwickelte sich im Arabischen Meer etwa 740 km westlich von Mumbai ein Tiefdruckgebiet. Es entstand aus einem bodennahen Trog, der in Ost-West-Richtung ausgerichtet war. Das System intensivierte sich stetig auf seinem langsamen Zug nach Westen. Die erste Sturmwarnung des JTWCs wurde am 30. September verkündet. Zyklon 04A erreichte seinen Höhepunkt mit andauernden Windgeschwindigkeiten von 65 km/h. Da sich der Sturm innerhalb einer Zone mit mäßiger Windscherung befand, schwächte er sich rasch ab und löste sich in der Frühe des 1. Oktobers auf.
Deep Depression ARB 04
Am 8. Oktober meldete das India Meteorological Department die Entstehung eines Tiefdruckgebietes, das sich zu dem Zeitpunkt 835 km südwestlich von Mumbai befand. Das System wurde für kurze Zeit als Deep Depression klassifiziert und erreichte Spitzenwinde von 55 km/h. Es zog in westnordwestlicher Richtung und schwächte sich schon kurz nach Erreichen der Spitzenintensität wieder ab. Bereits am nächsten wurden die letzten Warnungen zu dem System ausgegeben, das auf hoher See blieb.
Deep Depression BOB 03