Völkisch ist ein Adjektiv, bei dem es sich um eine Ableitung von Volk handelt. Dem Begriff kommt seit dem Ausgang des 19. Jahrhunderts in der Alltagssprache, den Medien und der Politik, insbesondere in der Zeit des Nationalsozialismus eine Bedeutung zu. Ab Mitte des 20. Jahrhunderts wurde das Wort dort seltener verwendet, wird aber seit dem Erstarken völkisch-nationaler Bewegungen in Deutschland und Österreich zu deren Beschreibung in jüngster Zeit wieder vermehrt herangezogen. Als Lehnwort wurde der Begriff im Englischen übernommen.

Völkisch transportiert seit dem Ausgang des 19. Jahrhunderts einen rassistischen Volksbegriff, der insbesondere auch Antisemitismus beinhaltet. Es wurde im deutschsprachigen Raum als Selbstbezeichnung von der völkischen Bewegung übernommen und zu einem Schlüsselbegriff des völkischen Nationalismus. Auch einzelne, ehemals führende Politiker der deutschen Partei Alternative für Deutschland (AfD) sprachen sich für eine Rehabilitierung des Begriffs völkisch aus.

Entstehungsgeschichte

Das Adjektiv völkisch ist eine lange nur selten verwendete Ableitung von Volk. Erstmals belegt im Deutschen ist es als volckisch im 15. Jahrhundert (Nürnberg, 1482) und mit Umlaut seit dem 16. JahrhundertFriedrich Kluge, Alfred Götze: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 20. Auflage. Hrsg. von Walther Mitzka. De Gruyter, Berlin / New York 1967; Neudruck („21. unveränderte Auflage“) ebenda 1975, ISBN 3-11-005709-3, S. 824. als Lehnübersetzung von .Cornelia Schmitz-Berning: Vokabular des Nationalsozialismus. Walter de Gruyter, Berlin/New York 2007, ISBN 978-3-11-092864-8, S. 645 (abgerufen über De Gruyter Online). Historisch entwickelten sich Bedeutungen von „Kriegsvolk“ über Sammelbegriffe für sozial definierte Menschengruppen („gemeines Volk“, „Unterschichten“ bzw. „Bevölkerungsmehrheit“ in Unterscheidung zu den „herrschenden Schichten“) bis hin zu ethnischen Bezeichnungen, wie sie in Reaktion auf die Französische Revolution in Deutschland im 19. Jahrhundert aufkamen und mit Namen verbunden sind wie Friedrich Ludwig Jahn, Ernst Moritz Arndt und Johann Gottlieb Fichte, der bereits 1811 völkisch als Erklärung für deutsch gebrauchte.

Österreich-Ungarn und Deutsches Reich Etwa seit der Reichsgründung 1871 verengte sich der Bedeutungsinhalt in der medialen, politischen, wissenschaftlichen und Alltagsnutzung des Begriffs erheblich. Gleichzeitig weitete sich der Gebrauch stark aus. Bereits 1875 hatte der Linguist Hermann von Pfister-Schwaighusen (1836–1916), der für die Säuberung der deutschen Sprache und Kultur von „fremden“ Einflüssen kämpfte, völkisch als Ersatzwort für das aus dem Lateinischen kommende national vorgeschlagen.Völkisch Movement and Ideology. In: Richard S. Levy: Antisemitism. A Historical Encyclopedia of Prejudice and Persecution. Band 1, Santa Barbara 2005, S. 743–744, hier S. 743.Heiko Steuer: Das „völkisch“ Germanische in der deutschen Ur- und Frühgeschichtsforschung. In: Heinrich Beck u. a. (Hrsg.): Zur Geschichte der Gleichung „germanisch-deutsch“. Sprache und Namen, Geschichte und Institutionen. Berlin 2004, S. 357–502, hier S. 375 und 387. Zuerst breitete sich die Vokabel ab 1880 in den deutschsprachigen Gebieten Österreich-Ungarns aus, wo es vor allem von der Alldeutschen Bewegung Georg von Schönerers benutzt wurde. Seit der Jahrhundertwende war es auch im Deutschen Reich im Umlauf. Die Verengung oder Neudefinition des Begriffsinhalts geht zurück auf die seit den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts im deutschen Sprachraum stark zunehmende Bedeutung des nationalistischen Milieus und ihrer medialen und politischen Vertretungen wie der Alldeutschen und konservativer Parteien. Seit etwa 1880 war im deutschen Sprachraum ein „völkischer ‚Rassenantisemitismus‘“ virulent, der in den 1880er Jahren in heftige antisemitische Kampagnen mündete. Antisemitische und rassistische Tendenzen begannen „zu verschmelzen“.Günter Hartung: Völkische Ideologie. In: Uwe Puschner, Walter Schmitz, Justus H. Ulbricht (Hrsg.): Handbuch zur „Völkischen Bewegung“ 1871–1918. München u. a. 1996, S. 22–41, hier S. 23 und 28. In seinem Hauptwerk Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts interpretiert der Verfasser Houston Stewart Chamberlain das antike Griechenland mit seiner Bedeutung für Philosophie und Kunst, Rom als Begründer von Gesetz und Reichsgedanken sowie die Juden in völkischem Sinne neu. Dabei werden die alten Griechen und Römer mit den Germanen bzw. der weltbeherrschenden „arischen Rasse“ gleichgesetzt, denen die Juden als negatives Gegenbild gegenübergestellt werden.Johann Chapoutot: From Humanism to Nazism: Antiquity in the Work of Houston Stewart Chamberlain, Abschnitt 4. Online

Der antisemitische Alldeutsche Verband propagierte und organisierte erfolgreich einen „pangermanisch-völkischen Nationalismus“. Dazu gehörte als Ziel die Schaffung einer die Marktklassengesellschaft der Kaiserzeit überwindenden homogenen, national, politisch und „rassisch“ einheitlichen „Volksgemeinschaft“, also ein „Volk“ als erbbiologisch mystifizierter „Blutsgemeinschaft“ und als Großverwandtschaftsverband. Der weit verbreitete, politisch instrumentalisierte Antisemitismus als Ventil für Klassengegensätze und diese völkische Konzeption des Nationalismus verbanden sich miteinander. Juden und andere ethnisch-„rassisch“ definierte Minderheiten fielen per se aus der völkischen Definition von Gemeinschaft heraus.Wolfgang Kruse: Nation und Nationalismus. In: Dossier „Das Deutsche Kaiserreich“. auf der Website der Bundeszentrale für politische Bildung, 27. September 2012; Hans-Ulrich Thamer: Volksgemeinschaft: Mensch und Masse. In: Richard van Dülmen (Hrsg.): Erfindung des Menschen. Schöpfungsträume und Körperbilder 1500–2000. Wien/Köln/Weimar 1998, S. 367–386; Hans-Ulrich Thamer: Nation als Volksgemeinschaft. Völkische Vorstellungen, Nationalsozialismus und Gemeinschaftsideologie. In: Jörg-Dieter Gauger, Klaus Weigelt (Hrsg.): Soziales Denken in Deutschland zwischen Tradition und Innovation. Bonn 1990, S. 112–128. Eine weitere, damit eng verbundene Komponente bereits im 19. Jahrhundert, war das sozialdarwinistische Konzept des „Kampfs ums Dasein“ ethnisch-rassischer Kollektive.Hellmuth Auerbach: Völkische Bewegung. In: Wolfgang Benz, Hermann Graml, Hermann Weiß (Hrsg.): Enzyklopädie des Nationalsozialismus. Stuttgart 1998, S. 784.

Eine Begrifflichkeit wurde massentauglich, die aus dem Rückblick betrachtet „eindeutig präfaschistische Züge“ aufwies.Wolfgang Kruse: Nation und Nationalismus. In: Dossier „Das Deutsche Kaiserreich“. auf der Website der Bundeszentrale für politische Bildung, 27. September 2012.

Mit der wachsenden Verbreitung als bewusste Selbstbeschreibung und Selbstbezeichnung verlor sich der abwertende Anklang. Im akademischen Sinn von „das Nationalitätenrecht betreffend“ wurde völkisch in der Zwischenkriegszeit teilweise in akademischen Publikationen verwendet.Martin Dachselt: Die Rechtsverhältnisse der fremden Minderheiten in Deutschland. In: Archiv für Politik und Geschichte. Band 6, Nr. 1, 1926, S. 317–352, hier S. 321: „Eine Regelung der Sprachenfrage gegenüber den völkischen Minderheiten erfolgte durch die einzelnen deutschen Staaten verschieden, teils auf gesetzlichem Wege, so […]“, oder S. 329: „Was nun den Schutz der völkischen Eigenart der Polen in Ostpreußen und der Grenzmark anbetrifft, […].“

Die Entstehung der modernen Kategorie völkisch aus den Besonderheiten der deutschen Geschichte in der Moderne bedeutet auch, dass es schwierig oder unmöglich ist, das Wort in andere Sprachen, so ins Englische, zu übersetzen.Helmut Zander: Sozialdarwinistische Rassentheorien aus dem okkulten Untergrund des Kaiserreichs. In: Uwe Puschner, Walter Schmitz, Justus H. Ulbricht (Hrsg.): Handbuch zur „Völkischen Bewegung“ 1871–1918. München u. a. 1996, S. 224–250, hier S. 244.

Weimarer Republik Die vormals neutrale Bedeutung ging durch die neue Verbindung mit, wie einer der Theoretiker es formulierte, „in erster Linie rassentheoretisch gerichteter Politik und Weltanschauung“ in der Folge völlig verloren.So Max Hildebert Boehm, 1932, zit. nach Günter Hartung: Völkische Ideologie. In: Uwe Puschner, Walter Schmitz, Justus H. Ulbricht (Hrsg.): Handbuch zur „Völkischen Bewegung“ 1871–1918. München u. a. 1996, S. 22–41, hier S. 24. Bereits 1926 beschrieb das Staatslexikon die völkischen Kreise als solche, die Judentum und Nationalismus („nationale Gesinnung“) für unvereinbar erklären würden und Juden „überall“ ausgeschlossen sehen wollten, und ging ausdrücklich auf den nationalsozialistisch-völkischen „Nationalbegriff“ ein, der „Volkstum“ unter dem Einfluss der Rassenideologen Gobineau und Chamberlain mehr rassisch als kulturell verstehe und verwende.Hermann Sacher (Hrsg.): Staatslexikon. Freiburg im Breisgau 1926, zit. nach haGalil.com. Auch nicht nationalsozialistische Zirkel wie der George-Kreis, dem Persönlichkeiten wie der emigrierte Ernst Kantorowicz angehörten, pflegten „völkisches“ Gedankengut.

Spätestens am Ende der 1920er Jahre ist „völkisch“ in diesem Verständnis fest etabliert und im gesamten nationalistischen Spektrum ein ideologischer Schlüsselbegriff,Marina Schuster: Fidus – ein Gesinnungskünstler der völkischen Kulturbewegung. In: Uwe Puschner, Walter Schmitz, Justus H. Ulbricht (Hrsg.): Handbuch zur „Völkischen Bewegung“ 1871–1918. München u. a. 1996, S. 635–650, hier S. 643. der Integrationsfunktion hatte und insbesondere die Einbindung von Antisemitismus und Rassismus ermöglichte.Die antisemitische Kodierung gehörte „immer“ zum modernen Inhalt des Begriffs. So Wolfgang Benz auf die Frage „Was bedeutet völkisch?“: Wolfgang Benz: Die 101 wichtigsten Fragen. Das Dritte Reich. München 2006, S. 26. So erhielt etwa das seit 1920 erscheinende Parteiorgan der NSDAP den Titel „Völkischer Beobachter“.

Diese jüngere Begriffsgeschichte von „völkisch“ ist Teil der Vorgeschichte des Nationalsozialismus, weil sich die NSDAP bereits in den Weimarer Jahren als feste Größe innerhalb einer größeren völkischen Bewegung verstand. Unter der Vielzahl völkischer Akteure bildete sich die NSDAP als die stärkste deutschvölkische Kraft heraus.Günter Hartung: Völkische Ideologie. In: Uwe Puschner, Walter Schmitz, Justus H. Ulbricht (Hrsg.): Handbuch zur „Völkischen Bewegung“ 1871–1918. München u. a. 1996, S. 22–41, hier S. 22. Im Nationalsozialismus konnte das ideologische Konzept in eine Gewaltpraxis umgesetzt werden, ohne dass dazu noch „wesentlich Neues“ hinzuzuerfinden war.Hellmuth Auerbach: Völkische Bewegung. In: Wolfgang Benz, Hermann Graml, Hermann Weiß (Hrsg.): Enzyklopädie des Nationalsozialismus. Stuttgart 1998, S. 784.

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