mini|St. Thomas in Tribsees mini|Innenraum Die evangelisch-lutherische St.-Thomas-Kirche in Tribsees im deutschen Bundesland Mecklenburg-Vorpommern ist ein aus dem 13./15. Jahrhundert stammendes Kirchengebäude im Stil der norddeutschen Backsteingotik. Sie wurde nach dem heiligen Thomas Becket, dem 1170 ermordeten Erzbischof von Canterbury, benannt.

Bau und Geschichte Mit dem Bau der ersten Kirche in Tribsees wurde vermutlich etwa gleichzeitig mit der Stadtgründung im zweiten Viertel des 13. Jahrhunderts begonnen. Als erster Präpositus ist 1232 Jaroslaw († 1242/43), ein Sohn des Kirchengründers, Fürst Wizlaw I. von Rügen, genannt. Nach Jaroslaws Tod erhielt das 1231 ebenfalls von Wizlaw gegründete Zisterzienserkloster Neuenkamp 1245 das Patronat über die Kirche. 1456 überließ das Kloster das Patronat an die Universität Greifswald.

Von dem basilikalen Vorgängerbau sind der massive spätromanische Turm sowie Mauerreste des Langhauses erhalten. Der jetzige, dreischiffige Bau stammt größtenteils aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Die relativ groß angelegte Kirche mit dem für Mecklenburg und Vorpommern untypischen fünfachtel Chor zeigt die damalige Bedeutung der Stadt Tribsees.

Bei einem Brand 1702 wurde die Thomaskirche schwer beschädigt und bis 1735 wieder aufgebaut.Die Baudenkmäler des Regierungsbezirks Stralsund. Stettin 1888, S. 255. Der Ostgiebel des Kirchenschiffs trägt oberhalb des Dachabschlusses des Chors in Ziegeln die Jahreszahl 1731.

In den Jahren 1861 bis 1869 wurde die Kirche neugotisch umgebaut.Zu den Umbauten siehe Gottfried Kiesow: Kulturgeschichte sehen lernen. Bonn: Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Monumente Publ. Bd. 1, 2001, S. 56–58 Nach der Wende begannen umfangreiche Restaurierungsmaßnahmen, die noch nicht abgeschlossen sind.

Inneres und Ausstattung

Das Kirchenschiff ist von einem weiß und rot abgesetzte Kreuzrippengewölbe überzogen. Die Sakristei ist mit einem spätgotischen Kreuzgewölbe überspannt. Zwischen 1861 und 1869 erfolgten neogotische Holzeinbauten: die Kanzel, die Emporen, das Gestühl und die Patronatsloge mit zwei Wappen der Familie von Hennigs, sowie einem Wappen der Familie von Bülow. Der Taufstein stammt aus dem Jahr 1869.

Mühlenaltar mini|Mühlenaltar Hervorzuheben ist der Mühlenaltar, der im zweiten Viertel des 15. Jahrhunderts von einer Rostocker Werkstatt gefertigt wurde. Der nicht mehr klappbare Flügelaltar zeigt im Mittelschrein das Relief der Sakramentsmühle. Dieses Motiv dient in der christlichen Ikonographie als Verbildlichung der Transsubstantiationslehre. Es ist vor allem im Umkreis der Zisterzienser verbreitet, die diese Lehre gegen John Wyclif verteidigten, der in seiner Schrift De eucharistia 1381 die Transsubstantiation als unbiblisch verwarf und die Forderung nach dem Laienkelch erhob. Das älteste Altarretabel mit dieser Darstellung, ein Gemäldealtar von etwa 1415, findet sich im Doberaner Münster. Auch einigen Kirchen im Umkreis des Zisterzienserkloster Doberan, etwa das Zisterzienserinnenkloster Heilig Kreuz in Rostock und die Dorfkirche Retschow besitzen Retabel, die das Motiv abbilden. Die Darstellung als Schnitzrelief auf der Festtagsseite ist einmalig.

Im Mittelschrein befindet sich die eigentliche „Mühlenszene“. Oben wacht Gottvater mit zum Segen erhobener Rechten und der Weltkugel in der Linken, flankiert von Engeln und Sonne und Mond über das Geschehen. Unter einem Wolkenband, das die Trennung zwischen göttlicher und irdischer Späre symbolisiert, gießen die vier Evangelisten, deren Köpfe wie ihre Symbole gestaltet sind, aus Kornsäcken Zitate aus ihrem Evangelium in Form von Spruchbändern in den Trichter einer Getreidemühle. Im Unterschied zu den oben genannten Altarbildern, bei denen die zwölf Apostel, die in zwei Sechsergruppen die Mühle flankieren, die Mühle durch Handkurbeln zum Drehen bringen, öffnen sie hier Schleusen, durch die die vier Paradiesströme fließen und die Wassermühle antreiben. Aus dem Mund der Mühle fällt das Wort Gottes, dargestellt durch das Spruchband : „Am Anfang war das Wort“, das direkt darunter im Jesusknaben fleischliche Gestalt annimmt, erläutert durch Joh. 1,2: „und das Wort ward Fleisch und wohnte mitten unter uns“. Die knienden Kirchenväter Gregor und Hieronymus, assistiert von Ambrosius und Augustinus, fangen das Kind in einem Kelch auf. Ihre Schriftbänder enthälten jeweils einen Satz aus ihrem Werk über die Inkarnation. Diese Darstellung symbolisiert die Identität Jesu Christi, des fleischgewordenen Wortes Gottes, mit Brot und Wein der heilspendenden Eucharistie. Rechts von den Kirchenvätern reicht ein Bischof Vertretern der weltlichen Stände das Brot, während links ein Priester den Geistlichen den Kelch reicht, der nach katholischer Lehre nur ihnen zukommt.

Die beiden obersten, das Zentralbild rahmenden Reliefs des Mittelschrein gehören nicht direkt zu Eucharistiemühle, stehen aber theologisch im engen Zusammenhang. Das linke Relief zeigt Adam und Eva, die, weil von Gott geschaffen, keinen Nabel haben. Sie blicken aus einem Höllenrachen und stellen somit die Erbsünde dar. Die Verkündigung an Maria dagegen weist auf Geburt Jesu, des Erlösers von dieser Erbsünde, hin. In den Flügeln befinden sich acht Szenen der Passions- und Ostergeschichte, von Jesu Gebet im Garten Getsemane und den Judaskuss bis zur Kreuzigung und Auferstehung, die die Leiden verdeutlichten, die Jesus Christus für die Erlösung der Menschheit auf sich nahm.

Das Retabel ist von Wimpergen gekrönt, in denen sich Reliefs der Oberkörper von zwölf alttestamentlichen Propheten befinden, unter die auch König David aufgenommen ist. Sie tragen Schriftbänder in den Händen, wobei sie auf ihren Namen weisen. Ansonsten enthalten die Bänder nur eine Stellenangabe für einen auf Christus hinweisenden Vers, bei David beispielsweise „Ps. 109 v. 5“ nach der Nummerierung der Vulgata, was nach der heute üblichen Zählung Psalm 110 entspricht. Die Gemälde auf den Außenflügeln und eine Predella sind nicht erhalten.

Vermutlich wegen der eindeutig katholischen theologischen Aussage wurde das Retabel zu einem unbekannten Zweitpunkt von seinem ursprünglichen Platz auf der Mensa des Hochaltars entfernt. Beim Brand 1703 konnte es gerettet werden. Als der damalige Pastor Werner und die Kirchengemeinde 1857 die Renovierung des Schnitzaltars in Auftrag gaben, hing er schon seit längerer Zeit an der Wand. Durch die neue, von Gold dominierte Farbfassung wurde die wohl noch teilweise erhaltene mittelalterliche Bemalung vollständig entfernt. Auch nach der Renovierung gelangte das Retabel nicht wieder auf dem Altar. Stattdessen wurde ein neues Altarbild im neugotischen Rahmen geschaffen, das den Auferstandenen mit dem Apostel Thomas zeigt.

Eine Restaurierung fand 1995–98 statt.

Lübecker Kanzelstück mini|Drei der vier Evangelisten vom Kanzelstück Sechs an der Rückseite des Altarretabels angebrachte Holzreliefs im Renaissancestil stammen von der Kanzel der Jacobikirche in Lübeck aus dem Jahr 1577. Ein siebtes Element, das den Gekreuzigten, bei dem das Stifterpaar kniet, zeigt, befindet sich im Gemeindehaus. Diese Kanzel war von dem Lübecker Ratsherrn Johann SpangenborchEmil Ferdinand Fehling: Lübeckische Ratslinie. Lübeck 1925, Nr. 692: Ratsherr 1573–1597 („Ein reicher Mann, ...“) der dortigen Kirche gestiftet worden und 1698 in Lübeck abgebrochen worden.Johannes Baltzer, Friedrich Bruns: Die Bau- und Kunstdenkmäler der Freien und Hansestadt Lübeck. Herausgegeben von der Baubehörde. Band III: Kirche zu Alt-Lübeck. Dom. Jakobikirche. Ägidienkirche. Verlag von Bernhard Nöhring, Lübeck 1920, S. 371 ff. Unveränderter Nachdruck 2001: ISBN 3-89557-167-9 1735 kam sie in die wiederaufgebaute Tribseer Kirche, wo sie im Rahmen der neugotischen Umgestaltung der Kirche durch eine neue Kanzel ersetzt wurde.Die Baudenkmäler des Regierungsbezirks Stralsund. (1888), S. 254

Sechs der „rundbogig geschlossenen Füllungen mit ziemlich guten, figürlichen Darstellungen in hoch erhabener Arbeit“ sind nebeneinander hinter dem Flügelaltar angebracht. Es handelt sich um die vier Evangelisten und Paulus. Darüber befindet sich eine Darstellung von Petrus, die ursprünglich über der Tür zum Treppenaufgang angebracht war. Die übrigen sechs Felderbildeten zusammen mit dem Bild des Stifterpaars unter dem Kreuz den Kanzelkorb. Unter diesen Reliefs stehen lateinische Bibeltexte und darüber befinden sich Rollwerkkartuschen. Die Karyatiden an den Ecken sind nicht erhalten.

Orgel mini|Die Buchholz-Orgel von 1831 mini|hochkant|Spielanlage der Orgel Die aus dem Jahr 1831 stammende Orgel mit 28 Registern auf zwei Manualen und Pedal wurde von Carl August Buchholz gebaut. Der neugotische Prospekt zeigt reiche Verzierungen mit zum Teil durchbrochenen Maßwerkformen. 1996 erfolgte eine Restaurierung durch Rainer Wolter aus Zudar. Die Disposition lautet:Informationen zur Orgel auf Organ index, abgerufen am 1. Dezember 2023

I Hauptwerk C–f3 1. Principal 8′ 2. Bourdon 16′ 3. Trinuna 8′ 4. Rohrfloete 8′ 5. Octava 4′ 6. Gemshorn 4′ 7. Quinta ′ 8. Super octava 2′ 9. Mixtur 3′ 10. Trompete 8′ II Oberwerk C–f3 11. Salcional 8′ 12. Gedact 8′ 13. Prestant 4′ 14. Rohrfloete 4′ 15. Nasard ′ 16. Octavia 2′ 17. Quinta ′ 18. Sifflöt 1′ 19. Fagott 8′ 20. Hautbois 8′ Pedal C–d1 21. Subbass 16′ 22. Violon 8′ 23. Bourdon 8′ 24. Nasard ′ 25. Prinzipal 4′ 26. Waldfloete 2′ 27. Posaune 16′ 28. Fagott 8′ Koppeln: Manual-Coppel (II/I), Pedal-Coppel (I/P) Nebenregister: 3 Sperrventile, Evacuant, Calcantenglocke

Geläut Die zwei Glocken stammen aus den Jahren 1485 und 1764.

Gemeinde Die evangelische Kirchengemeinde Tribsee gehört seit 2012 zur Propstei Stralsund im Pommerschen Evangelischen Kirchenkreis der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland. Vorher gehörte sie zum Kirchenkreis Demmin der Pommerschen Evangelischen Kirche.

Zur Kirchengemeinde gehören außer der Stadt Tribsees selbst Drechow mit der Kirche St. Marien, Hugoldsdorf, Katzenow, Krakow, Landsdorf, Rönkendorf, Siemersdorf, Stremlow, Techlin und Werder.

Erhalt der Thomaskirche Renovierungen im 21. Jahrhundert wurden durch die Förderung der Deutschen Stiftung Denkmalschutz möglich. Pilgerkirche auf dem Jakobsweg Die Thomaskirche liegt am historischen Ostseezweig Via BalticaVia Baltica - Der Baltisch-Westfälische Weg des Jakobswegs.Virtuelle Karte

Personen Ludolf von Bülow, von 1302 bis 1331 Archidiakon in Tribsees Johann Joachim Spalding, Theologe, 1714 geboren in Tribsees, von 1735 bis 1745 Hilfsprediger in Tribsees

Literatur Tilo Schöfbeck: St. Thomas in Tribsees. Einblicke in die wechselvolle Baugeschichte einer pommerschen Kirche. In: Haik Thomas Porada, Wolfgang Schmidt (Hrsg.): Kirchliches Leben zwischen Trebel und Strelasund. Beiträge zur Geschichte des Kirchspiels und der Synode Grimmen. Ludwig, Kiel 2019, S. 317–326.

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Einzelnachweise

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