Militärgeographie oder Militärgeografie ist eine eigenständige, spezielle Disziplin der Militärwissenschaft (Wehrwissenschaft, Kriegswissenschaften) und erforscht die politisch-, ökonomisch- und physisch-geografischen Bedingungen sowie den operativen Ausbau des Territoriums der verschiedenen Staaten und Kriegsschauplätze hinsichtlich deren möglicher Einflüsse auf die Vorbereitung und Durchführung von Handlungen der Streitkräfte, einschließlich des bewaffneten Kampfes. mini|Historische Karte, Ende 19. Jh., Amerik.-Spanischer Kriegsschauplatz Die Ergebnisse solcher militärgeographischer Untersuchungen und Bewertungen werden den Führungsorganen und Truppen (Kräften) in Form von verbalen militärgeographischen Beschreibungen und von militärgeographischen Spezialkarten zur Verfügung gestellt. mini|Globale Verantwortungszonen der Vereinten Kommandos der Streitkräfte der USA (U.S. Unified Command Plan Map, 2011) mini|Vereinte Einsatzkommando Karte (Unified Combatant Commands map)
Militärgeographie im Militärischen Geowesen Teilgebiete des Militärischen Geowesens Das Militärische Geowesen (Geoinformationswesen) nutzt im Interesse der Streitkräfte übergreifend Disziplinen und Zweige aus dem Bereich der Gesellschafts-, der Natur- und der technischen Wissenschaften, insbesondere der Geowissenschaften.
Dazu gehört vor allem als militärtechnische Wissenschaftsdisziplin die militärische Kartographie, um die Planung und Durchführung von Gefechtshandlungen und die Orientierung im Gelände für den taktischen Einsatz von Einheiten, Truppenteilen und Verbänden sowie für operative und operativ-strategische Handlungen von Großverbänden (operativ-taktischen Verbänden und operativen Vereinigungen) zu gewährleisten.
Das Militärische Geowesen umfasst gewöhnlich folgende Zweige und Bestandteile sowie die dazugehörigen Einrichtungen und Dienste: Militärgeographie; Militärtopographie, Militärgeodäsie; Militärkartographie, Militärphotogrammetrie; Militärhydrographie, Militärhydrometeorologie, Militärmeteorologie; Militärische digitale Geoinformatik.
Die Bestandteile des Militärischen Geowesens (Geoinformationswesens) sind in den verschiedenen Staaten (Staatengruppen) unterschiedlich festgelegt. In der Literatur sind z. B. die Begriffe Wehrgeographie, Wehr-Geowesen, Sicherheits-Geowesen (Security Geo-complex) und Politische Geographie (russ., политическая география) anzutreffen.
Der zwischen den NATO-Verbündeten verwendete Begriff Military Geography erfasst demnach den erweiterten Bedeutungsinhalt der deutschsprachigen Entsprechung Militärisches Geowesen und nicht nur die Wissenschaftsdisziplin Militärgeographie.
Übergreifende Bereiche, Objekt und Gegenstand der Militärgeographie Die Militärgeographie ist eine spezielle Disziplin der Militärwissenschaft und Nachbarwissenschaft zur Geographie. Sie untersucht nach Staaten (Staatengruppen), Räumen und Kriegsschauplätzen das politische Kräfteverhältnis, die ökonomischen und militärischen Möglichkeiten der Staaten (Koalitionen) sowie die politisch-, ökonomisch und physisch-geographischen Bedingungen, die einen möglichen Einfluss auf die Vorbereitung und Durchführung von Handlungen der Streitkräfte, einschließlich des bewaffneten Kampfes und Krieges nehmen können.
Sie nimmt übergreifend andere Disziplinen und Zweige aus dem Bereich der Gesellschafts-, der Natur- und der technischen Wissenschaften auf und untersucht deren Bereiche und die natürlichen und menschlichen Ressourcen, soweit sie für militärische Zwecke in der militär-strategischen und operativen Planung relevant sind.
Objekt der Militärgeographie ist der geographische Raum unterschiedlicher Dimension als Handlungssphäre der Streitkräfte in Friedenszeit, Spannungsperioden und Kriegszeit. Die Raumkategorien werden von der militärisch-politischen Führung vorgegeben.
Gegenstand der Militärgeographie ist das Wechselverhältnis zwischen Streitkräften, Gesellschaft und Natur in der Geosphäre (kontinental und maritim) unterschiedlicher Dimension in seiner räumlichen Differenzierung und Verflechtung in Friedenszeit, Spannungsperioden und Kriegszeit.
Teilgebiete der Militärgeographie Teilgebiete der Militärgeographie sind:
die Theorie der Militärgeographie (auch: Allgemeine Grundlagen); die Historische Militärgeographie; die Militärische Länderkunde (Militärlandeskunde), das Studium (die Beschreibung) der Kriegsschauplätze und Raum-Analysen, die Maritime Militärgeographie.
Die maritime Militärgeographie richtet ihre Aufmerksamkeit auf das Studium der physisch-geographischen und nautisch-hydrographischen Bedingungen der Meere, Ozeane und der Seekriegsschauplätze.
Die Gebiete der Militärgeographie werden meist aus zwei Perspektiven bearbeitet: aus der theoretischen und der angewandten. Die nicht geringe Distanz zwischen beiden Teilen, wie zwischen Theorie und militärischer Praxis überhaupt muss beachtet werden.
Ebenso wie die Definition sind die Teilgebiete der Militärgeographie nicht abschließend festgelegt. Bewertet die Militärgeographie die geographischen Faktoren und Bedingungen vorrangig als Einflussfaktoren auf das Handeln der Streitkräfte, so hatte die Wehrgeographie vorrangig die politisch-strategischen Einflüsse auf die Sicherheit des Staates (der Staatengruppen) zu erforschen.
Geschichte Vorgeschichte Seit jeher haben sich die gesellschaftlich handelnden Menschen mit der umgebenden Natur auseinanderzusetzen. Mit zunehmender Produktivität der Menschen wandelten sich die unmittelbaren und spontanen Beziehungen zur Natur in neue Formen der Auseinandersetzung mit den physisch-geographischen Bedingungen ihrer Arbeits- und Lebensräume.
Zugleich entwickelten sich soziale Beziehungen zwischen den gesellschaftlichen Gruppen zur Verteidigung des erworbenen Eigentums und zur Gewinnung von Reichtum. Umfangreiche Kämpfe wurden dazu geführt, Kriege vorbereitet und geführt, immer mehr Menschen und größere Räume auf der Erde in bewaffnete Auseinandersetzungen einbezogen. Die effektive Vorbereitung und erfolgreiche Durchführung von Kampfhandlungen war stets an die rechtzeitige und umfassende Beachtung aller äußeren Einflussfaktoren und Bedingungen, darunter der militärgeographischen gebunden.
Die mögliche Periodisierung der Entwicklung zu einer militärgeographischen Wissenschaft ist zum einen mit den Leistungen einzelner Persönlichkeiten verknüpft, die qualitative Sprünge im Erkenntnisprozess auslösten. Zum anderen haben Zäsuren in den ausgeübten Kampfweisen und in der Kriegskunst Einfluss auf die militärgeographischen Aktivitäten genommen.
Geländekunde in der Antike und im Mittelalter Die Anfänge der Militärgeographie liegen in der Antike – dabei in der sinnvollen Ausnutzung der Geländeformen und der Verkehrsverhältnisse insbesondere in römischer Zeit mit dem Ausbau von Fernverkehrswegen.
Eine systematische Beschäftigung mit dem Einfluss des Geländes ist in dem Buch Die Kunst des Krieges des chinesischen Generals Sunzi (Ssun–Ds’) im 5. Jahrhundert vor Christus zu erkennen. Er verpflichtet in 4 von 13 Buchkapiteln die Feldherren bei Strafe ihres Untergangs, das Gelände in ihre Überlegungen einzubeziehen und ordnet damit landeskundliche und topographische Beurteilungen der höheren Ebene der Kriegskunst, der Strategie zu. Übersetzungen der Schrift erschienen erstmals in Russland (1889), in England und Deutschland (1910), in der Sowjetunion (1943, 1950), in der DDR (1957) und in fast 70 deutschsprachigen Ausgaben in den 2000er Jahren. mini|Germania des Tacitus, dt. Übers., Titelblatt, hrsg. Freiburg i. Br. 1876
Alexander von Makedonien (356 bis 323 v. u. Z.) beschäftigte in seiner Armee eine Topographietruppe, die Bematisten (Schrittzähler), die eroberte Gebiete kartographisch aufnahmen. Eine ähnliche Truppe ist aus der Cäsar-Zeit (100 bis 44 v. u. Z.) überliefert – die Agrimensoren (Mensoren), die stark verzerrte Wegekarten (Itinarien) lieferten. Diese Beschreibungen, Topographien genannt, können als Vorläufer zeitgenössischer militärgeographischer Beschreibungen angesehen werden. Von den germanischen Stämmen sind ähnliche geographische Arbeiten nicht überliefert, z. B. in der ethno-geografischen Studie von Tacitus Germania (98 u. Z.) über das Volk der Germanen.
Angewandte Geographie in der frühen Neuzeit Die an das Mittelalter anschließende Epoche der großen geographischen Entdeckungen (Marco Polo, Christoph Kolumbus, Willem Barents, Abel Janszoon Tasman) fand ihren Widerspiegelung auf dem europäischen Kontinent in erstmals gefertigten ökonomisch-geographischen Arbeiten wie z. B. in der Beschreibung der Niederlande von Lodovico Guiccardini (1521–1589).
Bemerkenswert ist das Werk Geographia generalis (1650) des Geographen Bernhardus Varenius (Bernhard Varen, 1622–1650), der in Zweiteilung eine allgemeine (globale) und besondere (regionale, örtliche) geographische Beschreibung vorlegte.
Das Aufkommen der Manöverstrategie führte im 17./18. Jahrhundert zur Formierung eines Ingenieurkorps (Frankreich 1688, Brandenburg-Preußen 1729, Sachsen 1730, Braunschweig 1731, Österreich 1747), das sich nicht ausschließlich, sondern überwiegend mit geographischen Problemen aus militärischer Sicht widmete. Praktische Arbeiten, wie z. B. die Errichtung der Postmeilensäulen (ab 1720), gingen der großen topographischen Landesaufnahme in Sachsen (1780–1811) voraus. Kriegskarten-Archive wurden angelegt: Frankreich 1688 – beim Depot de la Guerre, England 1791 – Ordonnance Survey, Preußen 1742 – Plankammer, Österreich 1764 – Topographische Abteilung des Kriegsarchivs.
Ein Großteil der militärgeographischen Literatur dieser Zeit stammt von sächsischen Autoren, die sich mit den Vorteilen für den militärischen Gebrauch des Geländes beschäftigten. Dazu gehören: August Gottlob Böhme (1793) – ab 1750 Lehrer des mathematischen und militärischen Wissens an der Dresdner Ingenieur-Akademie, Backenberg (1797), Johann Georg Lehmann (1765–1811) – Erfinder der Geländeschraffur.
Erst seit dem Ende des 18. Jahrhunderts begann sich die Militärgeographie zu einer Wissenschaft zu entwickeln.
Etablierung der militärgeograph. Disziplin im deutschsprachigen Raum Im Jahr 1801 wurde mit ausgewählten Teilnehmern, darunter Carl v. Clausewitz (1780–1831), eine Akademie für junge Offiziere der Infanterie und Kavallerie formiert. Zu ihren Lehrkräften zählte Ludwig Müller (1734–1804), der mit seiner Terrainlehre als ein Begründer der wissenschaftlichen Militärgeographie im deutschsprachigen Raum gilt. Im Jahr 1801 wechselte er von der Ausbildung von Fahnenjunkern an der Potsdamer Ingenieursakademie und der Berliner Inspektionsschule als Dozent für kartographische Probleme, Terrainlehre und Kastrametation (Castrometrie, militärisches Lagerwesen) an diese Akademie.
Die Vergrößerung der stehenden Heere und Erweiterung der Handlungsräume führte zwingend zu Veränderungen in der Kriegskunst. Ludwig Müller schreibt: „Das Kriegswesen, welches vor Einführung des feststehenden Soldaten bloß als ein temporelles Handwerk betrieben wurde, erhielt nunmehr das Ansehen einer Kunst.“
In seinem Werk Die Terrænlehre (1807) unterschied er deutlich zwischen Kunst und Wissenschaft: „[…] unter den verschiedenen Fächern, die diese Kriegskunst umfasst wählte man bald dieses bald jenes zur Übung seines militärischen Scharfsinns und so entstanden nach und nach durch den fortgesetzten Fleiß mehrerer Jahrhunderte die einzelnen Lehrgebäude, die den Namen Kriegswissenschaften führen. […] Über das Terræn aber, die Grundwissenschaft der meisten so eben genannten Theile der Kriegskunst hat bisher noch niemand bisher etwas zusammenhängendes geschrieben.“ Das war ein deutlicher Hinweis auf den Anspruch zur Selbstständigkeit der militärischen Geographie und zugleich die enge Zuordnung zur Militärwissenschaft in der Folgezeit.