mini|hochkant=1.3|Soshana Afroyim in ihrem Atelier in Paris (1956)

Soshana Afroyim (* 1. September 1927 in Wien; † 9. Dezember 2015 ebenda;Malerin Soshana 89-jährig gestorben Geburtsname Susanne Schüller, Künstlername ab 1948 Soshana) war eine österreichische Malerin. Ihre Schaffenszeit fällt in die klassische Moderne. Im Zuge ihrer Reisen porträtierte sie Persönlichkeiten und entwickelte ihre Kunst in verschiedene Richtungen. Während Soshanas Frühwerk geprägt ist von klassischen, naturalistischen Darstellungen in Form von Landschaften und Porträts, ist für ihr späteres Werk die Abstraktion – inspiriert von der chinesischen Kalligrafie – von Bedeutung.

Leben Kindheit Soshana wurde 1927 in Wien unter dem Namen Susanne Schüller als erstes von zwei Kindern in eine gutbürgerliche jüdische Familie geboren. Ihr Bruder Maximilian Schüller folgte zwei Jahre später. Vater Fritz Schüller besaß eine Manschettenknopffabrik, Mutter Margarethe Schüller war Bildhauerin.

Soshana besuchte zunächst die Rudolf-Steiner-Schule, danach die alternative Schwarzwaldschule.

Bereits im Kindesalter begann Soshana zu malen und zu zeichnen. Die Mutter unterstützte ihre Kreativität und sammelte akribisch alle Werke ihrer Tochter.Afnan Al-Jaderi: Die Geschichte eines Lebens. In: Soshana. Leben und Werk. Springer, 2010, S. 25

Flucht Die Kindheit Soshanas nahm mit dem Anschluss Österreichs an Hitler-Deutschland im März 1938 ein abruptes Ende. Die junge Familie musste ihr gesamtes Hab und Gut hinterlassen und verließ die Heimat. Mutter und Kinder flohen zunächst in die Schweiz, dann nach Paris und 1939 schließlich für zwei Jahre nach England. Hier besuchte Soshana das Northwood College und 1940 die Chelsea Polytechnic School in London, wo sie Mal- und Zeichenkurse nahm und eine Ausbildung in der Modezeichnung erhielt.

Soshana, die den Aufmarsch von Hitler über die Wiener Ringstraße vom Fenster aus beobachtete und in London Zeugin des Luftkrieges wurde, verarbeitete in Frankreich als Zwölfjährige ihre Eindrücke, zum Beispiel in einer Zeichnung, die sie mit Hitler als Cloun betitelte und 1940 in London, wo sie eine Bilderserie vom Luftkrieg anfertigte.Afnan Al-Jaderi: Die Geschichte eines Lebens. In: Soshana. Leben und Werk. Springer, 2010, S. 26

Emigration nach Amerika Soshanas Vater war von Paris nach Spanien über Tanger nach New York geflohen. 1941 gelang es ihm, ein Affidavit für seine Familie zu bekommen, und so gelang es Soshana, ihrer Mutter und ihrem Bruder, mit der S.S. Madura, dem letzten Passagierschiff, das im Zweiten Weltkrieg über den Atlantik fuhr, in die USA überzusetzen.

In New York besuchte Soshana die Washington Irving High School und begann unter der Anleitung des Künstlers Beys Afroyim (1893–1984),Webseite Soshana, soshana.net, abgerufen am 3. November 2012 zunächst in einer Gruppe und später im Einzelunterricht, zu malen. Soshanas Eltern waren derweil mit der Neuorganisation ihres Lebens und dem Wiederaufbau eines halbwegs normalen Alltags beschäftigt. Dem Vater Fritz Schüller gelang es jedoch nicht, geschäftlich Fuß zu fassen, weshalb die Mutter Margarethe die Familie durch einen kleinen Laden, in dem sie Selbstgestricktes verkaufte, über Wasser hielt.

Soshana fand bei ihrem Lehrer Afroyim die Aufmerksamkeit und Geborgenheit, die ihr zu Hause fehlten, und es entwickelte sich eine besondere Freundschaft und in weiterer Folge eine Liebesbeziehung.

Reisen durch Amerika mini|Beys Afroyim und Sohn Amos (1947)

Im Alter von 17 Jahren reiste Soshana mit Beys Afroyim gegen den Willen ihrer Eltern durch ganz Amerika. Um sich den Lebensunterhalt zu finanzieren, malte das Paar auf seinen Reisen Porträts von Schriftstellern, Musikern, Staatsmännern und Wissenschaftlern wie Thomas Mann, Arnold Schönberg, Lion Feuchtwanger, Franz Werfel, Otto Klemperer, Bruno Walter, Theodore Dreiser und Hanns Eisler.

Als im Mai 1945 die UNO in San Francisco gegründet wurde, porträtierte das Künstlerpaar Delegierte, wie z. B. Wassili Wassiljewitsch Kusnezow, den stellvertretenden Vorsitzenden des Staatlichen Plankomitees der UdSSR.

Im selben Jahr heiratete Soshana den wesentlich älteren Beys Afroyim in Chicago, und 1946 wurde aus dieser Ehe ein Sohn, Amos, das einzige Kind Soshanas, in New York geboren.Afnan Al-Jaderi: Die Geschichte eines Lebens. In: Soshana. Leben und Werk. Springer, 2010, S. 26/27

Aufenthalt in Kuba und die erste große Ausstellung Beys Afroyim war aktives Mitglied der Kommunistischen Partei der USA (CPUSA). Aufgrund der Verfolgung von Kommunisten während der McCarthy-Ära beschloss das Ehepaar, die USA zu verlassen, und verbrachte neun Monate in Kuba. Dort hatte Soshana 1948 im Circulo de Bellas Artes in Havanna ihre erste große Ausstellung, hier übernahm sie auch erstmals den Kosenamen Soshana (hebräisch für Lilie), den Beys ihr gegeben hatte, als Künstlernamen.

Soshana und Beys kehrten in die USA zurück, doch wurde es dort bald zu gefährlich für die beiden, weshalb sie 1949 die Vereinigten Staaten verließen und sich nach Europa wandten, wo sie nach Aufenthalten in Holland, Österreich, England, Polen und der Tschechoslowakei letztendlich in Israel landeten.Afnan Al-Jaderi: Die Geschichte eines Lebens. In: Soshana. Leben und Werk. Springer, 2010, S. 27

Die schwierige finanzielle Lage der Familie und der feste Wille Soshanas und Beys, sich der Kunst zu widmen, strapazierten das Eheleben und führten schließlich im Jahre 1950 offiziell zur Scheidung. Soshana behielt zeit ihres Lebens den Nachnamen ihres Ex-Mannes, Afroyim. 1951 kehrte sie mit ihrem Sohn nach Wien zurück.

Wien – Paris Kunststudium in Wien Um sich nun voll und ganz der Kunst widmen zu können, überließ Soshana ihr fünfjähriges Kind der Obhut ihres Vaters Fritz, der schon 1947 nach Wien zurückgekehrt war und dem Jungen ein stabileres Leben bieten konnte.„Damit kehrte Ruhe in mein Leben ein: ein fixer Wohnort, keine Hotelzimmer, keine Bahnhöfe, kein ewiges Wegfahren und Verreisen.“ Amos Schueller: Soshana – Die Tochter Meines Großvaters. In: Soshana. Leben und Werk. Springer, 2010, S. 254 1951 begann sie ein Kunststudium an der Hochschule für Angewandte Kunst und wechselte 1952 an die Akademie der Bildenden Künste, wo sie unter der Anleitung von Sergius Pauser, Albert Paris Gütersloh und Herbert Boeckl malte. Der akademische Kunstbegriff entsprach jedoch nicht ihren Vorstellungen, weshalb sie sich 1952 dazu entschloss, ihr Studium abzubrechen und nach Paris zu ziehen.

Paris In den 1950er Jahren war die französische Hauptstadt ein „Mekka der Kunst“, die „Metropole der damaligen Avantgarde, ein Schmelztiegel an neuen Einflüssen“ und „revolutionären Ideen“.Martina Gabriel: Soshana – Leben und Werk, in: Soshana, Amos Schueller Wien 2005, S. 7 Soshana bezog zunächst das ehemalige Atelier des französischen Künstlers André Derain, danach ein Atelier in der Impasse Ronsin, direkt neben dem Bildhauer Brâncuși, der sie liebte „wie ein Vater seine Tochter“.Aus Soshanas unveröffentlichten Manuskripten, archiviert in der Österreichischen Nationalbibliothek Später arbeitete Soshana in einem Atelier in der Rue de la Grand-Chaumiere, das früher den Malern Alfons Mucha und Paul Gauguin gehört hatte – ein kaltes feuchtes Loch mit bröckelnden Wänden: „[…] nachdem ich einige Monate dort verbracht hatte, begriff ich, weshalb Gauguin nach Tahiti geflohen war.“Aus Soshanas unveröffentlichten Manuskripten, archiviert in der Österreichischen Nationalbibliothek

mini|Soshana in ihrem Pariser Atelier (1953)

Trotz aller Armut und Entbehrungen war es eine „bittersüße Zeit“; ganze zweiundzwanzig Jahre war Paris Soshanas Lebenszentrum. Sie schloss Bekanntschaft mit zahlreichen Persönlichkeiten wie dem tschechischen Maler Kupka, dem französischen Künstler Herbin, dem Maler und Bildhauer Ossip Zadkine, dem französischen Bildhauer César, den französischen Malern Pignon und Bazaine, dem deutschen Maler, Graphiker und Bildhauer Max Ernst. Außerdem lernte sie den französischen Künstler Yves Klein, den amerikanischen Bildhauer Alexander Calder, die Künstler Wifredo Lam, Sam Francis, Fontana, Émile Gilioli, den französischen Philosophen und Schriftsteller Jean-Paul Sartre und den bekannten indonesischen Maler Affandi kennen, sowie Chagall, den sie in St. Paul de Vence besuchte.

Vor allem aber mit Alberto Giacometti, den sie 1956 kennenlernte, verband Soshana eine tiefe Freundschaft und gegenseitige Wertschätzung. Zu Soshanas überzeugtesten Förderern gehörte ab 1953 der Zürcher Galerist Max G. Bollag.Afnan Al-Jaderi: Die Geschichte eines Lebens. In: Soshana. Leben und Werk. Springer, 2010, S. 30

In Paris hatte Soshana Ausstellungen, unter anderem in der Galerie André Weil, in verschiedenen Salons wie dem Salon d’Automne, dem Salon de Printemps, dem Salon des Réalités Nouvelles und im Salon de Mai, wo sie zum ersten Mal Pablo Picasso traf. Der Künstler lud sie in seine Villa nach Vallauris ein, wo er 1954 ein Porträt der 27-Jährigen zeichnete. „Picasso interessiert auch die Frau hinter der Künstlerin, die so unabhängig, wie er als Mann es gewohnt ist, ihr Leben bestimmt. Er ist völlig fasziniert von ihrer außergewöhnlichen Persönlichkeit und ihren exotischen Reisen, die Anlass für lange und intensive Diskussionen geben.“Martina Gabriel: Soshana – Leben und Werk. Amos Schueller, Wien 2006, S. 14

Reisen um die Welt mini|Pinot Gallizio und Soshana in Alba del Piemonte, Italien (1960) mini|Soshana, André Verdet, Picasso und Pignon bei der Eröffnung der Soshana-Ausstellung im Château Grimaldi in Antibes, Frankreich, 1962

Ab 1956 unternahm Soshana ausgedehnte Reisen in den Fernen Osten. Sie hatte es geschafft, vom Chinesischen Kulturministerium eine Einladung zu bekommen, um in Peking auszustellen,„Ich wollte China sehen und so ging ich zum Chinesischen Konsulat und sagte, ich bin Malerin und möchte nach China fliegen.“ Schnell malte sie fürs Portfolio noch einige große figurative Bilder, innerhalb eines Monats erhielt sie die Zusage sowie Flug und Transportkosten erstattet. (Aus Soshanas unveröffentlichten Manuskripten 1997, archiviert in der Österreichischen Nationalbibliothek) und auf dem Weg nach China besuchte sie Indien, Thailand, Kambodscha und Japan. Soshana interessierte sich sehr für indische Philosophie, Hinduismus und Buddhismus und war zutiefst beeindruckt von der kalligraphischen Kunst Chinas und Japans. Sie erlernte Techniken mit Tusche auf Reispapier bei buddhistischen Mönchen in Kyoto und bei chinesischen Malern in Hangzhou. Die Kunst der Kalligraphie wurde prägend für ihren Stil.Amos Schueller, Biografie, in: Soshana, 2005, S. 39 1957 erreichte sie schließlich Peking, um dort ihre Werke im Kaiserpalast auszustellen.

1959 reiste die Künstlerin durch Afrika, wo sie Albert Schweitzer in Lambaréné porträtierte„Sein Spital war ziemlich primitiv (…) Ich portraitierte Albert Schweitzer. Er wollte nicht, dass ich seine Brille zeichne, obwohl er sie getragen hatte“ (Aus Soshanas unveröffentlichten Manuskripten, undatiert, archiviert in der Österreichischen Nationalbibliothek) und schließlich nach Paris zurückkehrte.Amos Schueller, Biografie, Soshana, 2005, S. 39