Friedrich Spiegel, seit 1880 von Spiegel, (* 11. Juli 1820 in Kitzingen; † 15. Dezember 1905 in München) war ein deutscher Orientalist, Iranist und Kenner des Zendavesta sowie Geheimer Rat und Universitätsprofessor.
Leben Spiegel besuchte in Ansbach das Gymnasium und studierte anschließend ab 1839 bei Friedrich Rückert in Erlangen, bei Hermann Brockhaus und Heinrich Leberecht Fleischer in Leipzig und in Bonn unter Gottfried Kinkel und Christian Lassen orientalische Sprachen. Rückert hatte während seiner Zeit in Erlangen sein Interesse am Iran und der persischen Literatur geweckt, während ihn Lassen zur Beschäftigung mit dem Pãli (der Schriftsprache des buddhistischen Kanons) angeregt hatte. Nachdem die Universität in Jena 1842 seine Dissertation, eine Übersetzung der Kapitel 1–5 des Kammavãkyam (Bonn 1841) angenommen hatte, unternahm er von 1842 bis 1847 eine Studienreise und bildete sich in den Bibliotheken von Kopenhagen, London, Oxford und Paris fort. In Kopenhagen hatte er den Kieler Orientalisten Justus Olshausen kennengelernt, der ihm die Beschäftigung mit den dortigen, von Rasmus Christian Rask erworbenen Avesta- und Pahlavi-Handschriften empfahl. Von Spiegel wandte sich nun verstärkt der Erforschung der hl. Schriften der Zoroastrier zu und wurde durch seine Forschungen später zum eigentlichen Begründer der altiranischen Philologie. Er befasste sich intensiv mit der damals noch wenig bekannten Pālisprache und dem südlichen Buddhismus, erforschte die iranischen Sprachen und die Zoroastrische Religion und verfasste eine kritische Ausgabe der wichtigsten Teile des Zendavesta samt der alten Pahlaviübersetzung desselben, die er vollständig ins Deutsche übersetzte. Er lieferte damit die erste wissenschaftliche Übertragung dieses wichtigen Religionsbuchs, der er einen Kommentar über das Avesta und eine Grammatik der altbaktrischen Sprache folgen ließ.
1847 ließ er sich zunächst in München nieder und arbeitete dort mit Marcus Joseph Müller und Friedrich Windischmann zusammen. 1849 wurde er außerordentlicher Professor der orientalischen Sprachen und ab 1854 ordentlicher Professor für Sanskrit, Sprachvergleich sowie Indogermanische- und Semitische Sprachen in Erlangen. Zahlreiche kleinere Arbeiten, z. B. über die iranische Stammverfassung, über das Leben Zoroasters u. a., veröffentlichte er in den Abhandlungen der königlichen bayrischen Akademie, in den Beiträgen zur vergleichenden Sprachforschung und anderen Zeitschriften. Er ging 1891 in den Ruhestand und kehrte nach München zurück.
Familie Von Spiegel hatte einen Bruder Wilhelm Spiegel (1822–1879), der evangelischer Theologe wurde. Er war seit 1859 mit Karoline (geborene Schmidtmüller) verheiratet, mit der er eine Tochter hatte. Luise Julie von Spiegel (1860–1941) ⚭ mit dem Pädagogen und Orientalisten Erdmann Eugen Wilhelm (5. Juni 1842 – 1923) Friedrich Ottomar Eduard Wilhelm (22. Februar 1882 – 30. Mai 1939) wurde Germanist
Auszeichnungen (Auswahl) 1868: Ritter 1. Klasse des bayerischen St. Michaels-Ordens 1876: Bayerischer Maximiliansorden für Wissenschaft und Kunst 1880: Zivilverdienstorden der Bayerischen Krone mit Erhebung in den Bayerischen Personenadel 1891: bayerischer Geheimrat
Mitgliedschaften (Auswahl) 1848: Bayerische Akademie der Wissenschaften (korrespondierend) seit 1859 auswärtiges und ab 1891 ordentliches Mitglied 1862: Preußische Akademie der Wissenschaften (korrespondierend) 1867: Institut de France 1867: Russischen Akademie der Wissenschaften in Sankt Petersburg (korrespondierendes uns ausländisches Mitglied) Ludwig Friedrich Ernst Spiegel. Ehrenmitgliedschaft Deutsche Morgenländische Gesellschaft Società Asiatica Italiana Society for Promoting Researches into the Zoroastrian Religion, Bombay
Schriften (Auswahl) Kammavākya – Liber de officiis sacerdotum Buddhicorum. Koenig, Bonn 1841 (digitale-sammlungen.de Digitalisat). Chrestomathia persica. Engelmann, Leipzig 1845 (books.google.de Digitalisat). Studien über das Zendavetsa. 1. Die Tradition der Parsen. Und 2. Zur parsischen Eschatologie. In: Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft. Band 1, 1847, S. 243–263 (menadoc.bibliothek.uni-halle.de Digitalisat). 3. Die Lehre von der unendlichen Zeit bei den Parsen. In: Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft. Band 5, 1851. S. 221–230 (menadoc.bibliothek.uni-halle.de Digitalisat). 4. Ueber den Cultus der Gestirne und die Weltansicht der Parsen in den verschiedenen Epochen ihrer Entwicklung. In: Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft, Band 6, 1852. S. 87–91 (menadoc.bibliothek.uni-halle.de Digitalisat). 5. Redaction und Abfassung. In: Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft. Band 9, 1855. S. 174–192 (menadoc.bibliothek.uni-halle.de Digitalisat). Die Sage von Sâm und das Sâm-nâme. In: Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft, Band 3, 1849. S. 245–261 (menadoc.bibliothek.uni-halle.de Digitalisat). Nachrichten über Taberistan. In: Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft, Band 4, 1850. S. 62–71 (menadoc.bibliothek.uni-halle.de Digitalisat). Grammatik der Pārsisprache. Engelmann, Leipzig 1851 (digitale-sammlungen.de Digitalisat). Friedrich’s Forschungen über die Sprache und Literatur auf Bali. In: Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft. Band 5, 1851. S. 231–235 (menadoc.bibliothek.uni-halle.de Digitalisat). Zend und Zendîk. In: Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft, Band 7, 1853. S. 103–104 (menadoc.bibliothek.uni-halle.de Digitalisat). Avesta: Die heiligen Schriften der Parsen. I. Band: Der Vendidad. II. Band: Vispered und Vacna. III. Band: Krorda-Avesta. Wien 1852, 1859, 1863, . Einleitung in die traditionellen Schriften der Parsen. 2 Bände, Leipzig 1856–1860, Band 1 (digitale-sammlungen.de), Band 2 (digitale-sammlungen.de). Das erste Capitel des Bundehesch. In: Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft. Band 11, 1857, S. 98–110 (menadoc.bibliothek.uni-halle.de Digitalisat). Die altpersischen Keilinschriften im Grundtext, mit Übersetzung, Grammatik und Glossar. Leipzig 1862 (books.google.ad). 2. Auflage 1881. Erān, das Land zwischen dem Indus und Tigris. Dümmler, Berlin 1863 (digitale-sammlungen.de Digitalisat). Arische Studien. Engelmann, Leipzig 1874 (books.google.de Digitalisat). Erānischen Altertumskunde. 3 Bände, Leipzig 1871–1878 (Zusammenfassung seiner Forschungen). Vergleichende Grammatik der alterānischen Sprachen. Engelmann, Leipzig 1882 (digitale-sammlungen.de Digitalisat). Die arische Periode und ihre Zustände. Friedrich, Leipzig 1887 (digitale-sammlungen.de Digitalisat).
Literatur
Spiegel, Friedrich von. In: The New International Encyclopædia. Band 18: Service-berry–Tagus. New York 1905 (englisch, Volltext [Wikisource]).
Friedrich Spiegel (1849–1891). In: Bernhard Forssman: Von Friedrich Rückert bis Karl Hoffmann – 150 Jahre Indogermanistik in Erlangen (= Universitätsbibliothek Erlangen-Nürnberg (Hrsg.): Kleine Schriften zu Kultur und Geschichte der Friedrich-Alexander-Universität. Band 10). FAU University Press, Erlangen 2020, ISBN 978-3-96147-322-9, doi:10.25593/978-3-96147-323-6, S. 15–28 (library.oapen.org PDF)
Weblinks
Rüdiger Schmitt: Spiegel, Friedrich (von). In: Ehsan Yarshater (Hrsg.): Encyclopædia Iranica. (englisch, iranicaonline.org – Stand 16. März 2018)
Einzelnachweise
Kategorie:Geheimrat Kategorie:Orientalist Kategorie:Iranist Kategorie:Hochschullehrer (Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Standort Erlangen) Kategorie:Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften Kategorie:Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften Kategorie:Mitglied der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft Kategorie:Korrespondierendes Mitglied der Russischen Akademie der Wissenschaften Kategorie:Ritter I. Klasse des Verdienstordens vom Heiligen Michael Kategorie:Träger des Bayerischen Maximiliansordens für Wissenschaft und Kunst Kategorie:Deutscher Kategorie:Geboren 1820 Kategorie:Gestorben 1905 Kategorie:Mann