mini|Bleak House, Titelblatt der Erstausgabe 1852 Bleak House ist der Titel des 1852 und 1853 in Fortsetzungenvon März bis September in 20 monatlichen Folgen, die jeweils 32 Seiten Text und zwei Illustrationen von Hablot Knight Browne (Phiz) enthielten, im Verlag Bradbury & Evans in London. Jede Ausgabe kostete einen Shilling, die beiden letzten Folgen wurden zusammen veröffentlicht. publizierten neunten Romans des englischen Schriftstellers Charles Dickens. In die Rahmenhandlung, ein viele Jahre anhaltender Erbschaftsstreit, sind viele personell miteinander verbundene Haupt- und Nebenhandlungen eingebunden, die ein breites Bild der englischen Ständegesellschaft der 1830er Jahre malen.Der englische Historiker William Searle Holdsworth datiert die Handlung auf das Jahr 1827: Charles Dickens as a Legal Historian. Yale University Press 1928.https://archive.org/details/in.ernet.dli.2015.152260. Die Vorbereitung des Eisenbahnbaus in Kap. 55 verweist dagegen auf die 1830er Jahre. Bleak House ist einerseits ein kritischer Gesellschaftsroman, der die soziale Frage und die Situation armer und vernachlässigter Kinder thematisiert, andererseits eine satirische Abrechnung mit dem labyrinthischen englischen Gerichtsapparat, insbesondere dem Court of Chancery. Die ersten deutschen Übersetzungen von Julius Seybt, Christoph Friedrich Grieb und Carl Kolb erschienen 1852 bzw. 1855.
Inhalt Überblick Mit dem über viele Jahre anhaltenden und das Vermögen der Parteien aufzehrenden Erbschaftsstreit Jarndyce gegen Jarndyce verwoben sind die Schicksale vieler Menschen, die direkt und indirekt mit dem Fall verbunden sind. Die Hauptpersonen sind miteinander verwandt und deshalb rivalisierende Prozessparteien innerhalb der weitläufigen Oberschichtfamilie.
Esther Summerson ist die Protagonistin des Jarndyce-Handlungsstranges. Sie wächst als Kind bei Miss Barbery auf, ohne zu wissen, dass Honoria Dedlock und der Offizier Hawdon ihre Eltern sind. Nach dem Tod ihrer Tante stellt John Jarndyce, ein liebenswerter Philanthrop, sie als Haushälterin an. Außerdem wird sie Gesellschafterin und Lehrerin von Ada Clare, die mit ihrem Vetter Richard Carstone eine andere Partei im Rechtsstreit bildet. Obwohl sie seine Prozessgegner sind, nimmt Jarndyce die beiden als Vormund in sein Bleak House auf.
Richard und Ada lieben sich und heiraten ohne Wissen ihres Vormunds. Richard ist ein labiler Charakter, der sich in verschiedenen Berufsausbildungen versucht und sie abbricht. Auf selbstzerstörerische Weise vertieft er sich in den Erbschaftsstreit, hofft auf ein großes Vermögen und entfremdet sich dadurch von John Jarndyce, der ihn warnt, sich wegen der Anwaltskosten zu verschulden. Der Prozess endet, als die Erbschaft nicht mehr die Gerichtskosten deckt. Richard ist enttäuscht und stirbt nach einem Blutsturz. Seine Frau und sein Kind ziehen zu Jarndyce ins Bleak House.
Esther kümmert sich wie ihr Vormund um arme, vernachlässigte Kinder und dabei steckt sie der Straßenjunge Jo mit seiner Pockenerkrankung an. Sie überlebt, allerdings bleibt ihr Gesicht vernarbt. Für Jarndyce ist sie zu seiner Vertrauten geworden und sie nimmt seinen Heiratsantrag an, obwohl sie den Arzt Allan Woodcourt liebt. Eine Verbindung erscheint ihr allerdings unrealistisch, weil er als Schiffsarzt in Ostindien unterwegs und seine Rückkehr ungewiss ist. Außerdem erwartet die Mutter des jungen Mannes seine Heirat mit einer reichen Erbin. Am Ende des Romans gibt jedoch der großzügige Verlobte, der ihre beiderseitige Liebe bemerkt hat und ihr Glück will, Esther frei, schenkt ihr ein neues Bleak House und wechselt zurück in die Rolle des väterlichen Freundes und Wohltäters. Sieben Jahre nach ihrer Heirat schreibt Esther als angesehene Arztfrau und Mutter zweier Töchter ihre Geschichte auf. mini|Sir Dedlocks einziger Besuch bei Jarndyce, Skimpole (am Klavier), Esther und Ada (am Fenster). (Phiz, 1853) Der zweite Handlungsstrang erzählt von dem Baronet Sir Leicester Dedlock und seiner zwanzig Jahre jüngeren Frau Honoria. Hauptauslöser des tragischen Verlaufs dieser Geschichte ist der Anwalt der Familie, Tulkinghorn, der über einen Strohmann finanzielle Geschäfte abwickelt und mit Zahlungsforderungen Druck auf seine Schuldner ausübt. In diesem Zusammenhang sammelt er Informationen über seine Klienten, um sie bei Gelegenheit für seine eigenen Interessen zu nutzen. Dabei kommt er auf die Spur der vorehelichen Affäre Honorias mit dem Offizier Hawdon. Aus seiner Erforschung der Vergangenheit Lady Dedlocks und seinen damit verbundenen Aktionen entsteht im Roman ein die Haupt- und Nebenhandlungen übergreifendes Personengeflecht. Nach der Ermordung des Anwalts lenkt die Täterin den Verdacht auf Lady Dedlock. Der Fall wird vom Geheimdetektiv Bucket gelöst, der über alles gut informiert ist (Kap. 54). Honoria taucht unter, wird tot am Grab ihres Geliebten aufgefunden und auf dem Dedlock-Stammsitz Chesney Wold beigesetzt.
Die beiden Handlungsstränge haben unterschiedliche Schwerpunkte:
1. Von der zentralen Bleak-House-Figur John Jarndyce ausgehend, werden der Erbschaftsprozess und die Gerichtsbehörde Lincoln’s Inn, die Philanthropen und ihre Mündel sowie die Schicksale Rosas, Richards und Esthers vorgestellt.
2. Themen der Dedlock-Handlung sind v. a. die Nachforschungen und deren Folgen für die Protagonisten sowie die Kriminalgeschichte. Esther ist das Bindeglied zwischen beiden Polen und den mit ihnen verbundenen Nebenhandlungen (z. B.: Caddy Jellyby und Prince Turveydrop, Jo, George und Mrs. Rouncewell, Crook und Smallweed, Neckett und Skimpole, Miss Flite).
Vorgeschichte Einige zentrale Romanfiguren kennen sich aus ihrer Jugendzeit: Honoria Dedlocks Schwester Miss Barbary, ihr damaliger Verlobter Lawrence Boythorn und dessen Freund John Jarndyce. Diese Vorgeschichte und damit die Identität der Personen und der Hintergrund des zentralen Ereignisses wird, wie in einem Kriminalroman, erst im Lauf der Handlung durch die Zusammenführung der Esther-Summerson- und Lady-Dedlock-Handlungsstränge enthüllt.
1. Lady Honoria Dedlock hat eine nicht standesgemäße, voreheliche Liebesbeziehung mit Hauptmann James Hawdon und wird von ihm schwanger, was für die Familie eine Schande ist und vertuscht werden muss. Ihre Schwangerschaft und die Geburt des Kindes werden geheim gehalten. Während Honoria in dem Glauben, ihre Tochter wäre gestorben, in die Gesellschaft zurückkehrt (Kap. 29), übernimmt ihre Schwester das zuerst für tot gehaltene Kind und lässt es von ihrer Dienerin Miss Rachael versorgen. Um das Geheimnis zu wahren, löst sie sich aus ihrer Verlobung mit Boythorn und ihrem früheren Leben und verwischt mit den neuen Namen Miss Barbary und Esther Summerson die Spuren der Herkunft.
Honoria heiratet den 20 Jahre älteren reichen Baronet Leicester Dedlock und lebt mit ihm auf seinem Rittergut Chesney Wold in Lincolnshire oder im Stadthaus in London. Hawdon führt als Soldat, wie sein ehemaliger Untergebener, der Kavallerist Mr. George, berichtet (Kap. 21), ein unstetes Leben in den Kolonien, verschuldet sich, täuscht seinen Tod vor und taucht mit dem neuen Namen Nemo wieder auf (Kap. 26). In den letzten anderthalb Jahren seines Lebens wohnt er in London beim Altwarenhändler Crook, verdient seinen spärlichen Lebensunterhalt als Kopist von Gerichtsakten und unterstützt den Straßenjungen Jo.
2. Als Esther 12 Jahre alt ist, bittet Miss Barbary, ohne ihre Identität zu offenbaren, in einem Brief den als Wohltäter bekannten John Jarndyce, nach ihrem Tod für Esther zu sorgen. Dieser stimmt zu und beauftragt seinen Anwalt Kenge mit der Organisation (Kap 17). Im 3. Kap. erzählt Esther von ihrer einsamen und unterdrückten Kindheit bei ihrer „Patentante“, die ihr oft sagte, dass sie die „Schande“ ihrer Mutter sei und dass sie viel besser nie geboren worden wäre. Als Miss Barbary stirbt, ist das Mädchen fast 14 Jahre alt und Mr. Kenge bringt sie in der Greenleaf School in Reading bei Miss Donny unter. Dort wird sie, da sie kein Vermögen hat, auf ein Leben als Gouvernante und Lehrerin vorbereitet und hilft außerdem den beiden Erzieherinnen bei der Unterrichtung der anderen 11 Schülerinnen. Nach 6 Jahren stellt Jarndyce sie als Gesellschafterin einer jungen Verwandten ihres Vormundes und als Haushälterin bei Jarndyce an. Damit beginnen im Herbst die sich über einige Jahre hinziehenden Romanhandlungen.
Lincoln’s Inn mini|Lincoln’s Inn Great Hall (1845) Während Lady Honoria Dedlock im November mit ihrem Mann nach Paris reist, werden in Lincoln’s Inn in London vom Lordkanzler und dem Advokaten Kenge für Esther die juristischen Formalitäten ihrer neuen Anstellung geregelt (Kap. 1 und 4): Sie wird als Gesellschafterin der ca. 17-jährigen verwaisten Ada Clare und als Haushälterin im Bleak House in der Nähe von St Albans im südlichen Hertfordshire bei deren Verwandten und Vormund John Jarndyce angestellt. Auch Adas zwei Jahre älterer entfernter Vetter Richard (Rick) Carstone wird in das Haus des Philanthropen aufgenommen. Beide sind Mündel des Gerichts, das im Fall Jarndyce und Jarndyce über die Gültigkeit zweier sich widersprechender Testamente entscheiden muss. John Jarndyce ist einerseits ihr Vormund, andererseits ihr Prozessgegner. Er hält sich persönlich aus dem Verfahren heraus, das er als sinnlos bewertet und seinem Anwalt Kenge überlässt.
Die drei jungen Leute lernen bei ihrem kurzen Aufenthalt in London einige merkwürdige Menschen im Umfeld des Gerichts kennen: Die alte Miss Flite verfolgt manisch täglich die labyrinthischen, langwierigen Abläufe der Gerichtsbehörde, um nicht den Termin zu versäumen, an dem ihre Klage behandelt wird. Später erklärt sie Esther bei einem Besuch: „Der Ort übt eine grausame Anziehungskraft aus. Sie können ihn nicht verlassen. Und sie müssen auf etwas warten. […] Ich habe gefühlt, wie sie mir sogar die Ruhe in der Nacht entzogen. Kalte und glitzernde Teufel“ (Kap. 35).
Annie Flite wohnt in der Nähe des Gerichts im Haus des von seinen Nachbarn „Lordkanzler“ genannten Trödlers Crook, der alles Mögliche – Alteisen, Flaschen, Altpapier, Frauenhaar, Knochen, Küchenabfälle, Kleider – aufkauft und in seinem „Kanzleigericht“ genannten Laden sammelt („Ich hab ein Gefallen an Rost und Moder und Spinnweben“). Er kennt wie seine Mieterin seit Jahren den Fall Jarndyce und Jarndyce und spricht rätselhaft prophetisch-endzeitlich darüber. In seinem Haus wohnt seit anderthalb Jahren unter ärmlichen Verhältnissen auch ein 45-jähriger Schreiber, der sich Nemo nennt und sich mit dem Kopieren von Dokumenten ernährt. Er ist, was Esther nie erfahren wird, ihr Vater James Hawdon. Miss Flite hält in ihrem Zimmer in Käfigen einige Singvögel. Sie muss sie vor den herumschleichenden Katzen Crooks schützen und öffnet deshalb nie das Fenster. Nach der Urteilsverkündung ihres Prozesses sollen sie frei gelassen werden, aber sie sterben im Käfig: „Das Leben der armen Tierchen ist so kurz im Vergleich mit Kanzleigerichtsprozessen, dass die Sammlung schon mehr als einmal ausgestorben ist.“ (Kap. 5). mini|Der Altwarenhändler Crook und Esther (Phiz, 1853) Beim zweiten London-Aufenthalt besucht Esther mit ihren Freunden wieder diese bizarre Szenerie (Kap. 14). Sie sieht erschaudernd das leere Zimmer des inzwischen verstorbenen Schreibers Nemo und Crook zählt in seinem Gin-Rausch die Namen der Vögel Miss Flites auf: „Hoffnung, Freude, Jugend, Friede, Ruhe, Leben, Staub, Asche, Verschwendung, Mangel, Verzweiflung. Wahnsinn, Tod, List, Torheit, Worte, Perücken, Lumpen, Pergament, Plunder, Präzendens, Jargon, Schwindel und Larifari“ (Kap. 14).