mini|Katzenmusik (Originaltitel: Charivari; Lithographie von Grandville) Als Katzenmusik wird ungewöhnliche Musik oder Lärmmusik verstanden, die meist aus einem Durcheinanderklingen verschiedener Töne und Geräusche besteht. Das Wort leitet sich von dem lauten, eindringlichen und unmelodischen Geschrei rolliger Katzen her. Lautmalerisch wird solche Musik mit Charivari (oder: Chalivali, Schaalwari, Scharewari) benannt.

Zu den bevorzugten Lärminstrumenten einer Katzenmusik im Brauchtum oder bei politischen Kundgebungen zählen Trommeln, Pfeifen, Tierhörner, Glocken, Schellen, Ratschen, Peitschen, Dreschflegel, Blecheimer oder Topfdeckel. Damit lassen sich im Protest ohrenbetäubender Lärm und Störungen erzeugen.

Der Begriff wird allgemeiner pejorativ verwendet, um ein Missfallen des Rezipienten an einem Musikstück oder einer Musikstilrichtung auszudrücken.

Geschichte und Herkunft Im Brauchtum der Naturvölker genau wie in dem der älteren und jüngeren Hochkulturen kommt der Musik in der Gesellschaft eine regelnde Kraft zu. Während bestimmte Formen des Gesanges und der Instrumentalmusik sowie bestimmte Musikinstrumente und Zusammenklänge („Tonarten“) aufbauende Wirkungen auf die Entwicklung des Zusammenlebens einer Gesellschaft haben können (siehe: Konfuzius, Platon, al-Farabi, Boëthius),Wolfgang Suppan: Der musizierende Mensch. Eine Anthropologie der Musik. Schott, Mainz u. a. 1984, ISBN 3-7957-1709-4. dient Katzenmusik dazu, innerhalb einer Gemeinschaft als Missstände und Normbrüche empfundene Zustände oder Handlungen öffentlich zu machen und anzuprangern. Eine der wichtigsten Aufgaben bestand in einer rügegerichtlichen Funktion, die – ohne rechtliche Grundlage – das Recht ergänzte. Der Vollzug war, soweit er im Zusammenhang mit Fastnacht und Karneval stand, oft mit Komik verbunden. Er hatte für die Gerügten aber zuweilen nachhaltige Folgen. Ausgeführt wurde eine solche Katzenmusik durch öffentliches Belärmen der zu maßregelnden Person in Form von Lärmaufzügen und Spottgesängen. Zusätzlich konnte es noch zur Belagerung des Hauses, körperlicher Züchtigung, Beschmutzen der Tür, Einschlagen von Fenstern, Zerstörung von Ofen oder Dach bis zur Vertreibung und Ächtung der Betroffenen kommen. Die Redewendung „einem aufs Dach steigen“ entstammt diesem mittelalterlichen Rüge.Werner Röcke: In: hu-berlin.de, Humboldt-Universität zu Berlin.

Johannes Praetorius (alias Steffen Läusepeltzen) erzählte im Jahr 1665 in seinem Werk Ein gründlicher Bericht Vom Schnackischen Katzen-Veite von der Katzenmusicke, welche einem Saukoche zu Ehren gebracht wurde..Johannes Praetorius: Die tanzenden und singenden Katzen .

Brauchtum mini|Haberfeldtreiben, Zeichnung von Oskar Gräf, 1895 mini|Rough music, ein englisches Pendant; 1832 mini|Ratsche für das Purimfest Angewandt wurden Protest-Maßnahmen mit „Katzenmusik“ etwa bei des Ehebruchs beschuldigten Personen, Witwen, die sich vor Ablauf des Trauerjahres wieder verheirateten, sonstigen missliebigen Personen und Personenvereinigungen (Ordensgemeinschaften) oder in späterer Zeit bei verhassten Politikern oder Organisationen.

Das aus dem Mittelalter in Frankreich stammende Charivari, das einer sich wieder verheiratenden Witwe dargebracht wurde, bestand in einem wüsten Lärmen unter Absingen obszöner Lieder. Das Ehepaar musste sich davon gewöhnlich durch die Zahlung eines Lösegelds befreien. Da dies oft bis zur Erpressung führte, verbot das Konzil von Tours (1163) unter Androhung der Exkommunikation die Aufführung von Katzenmusiken. Trotzdem hat sich dieser Brauch besonders in ländlichen Gegenden bis ins 19. Jahrhundert erhalten.

Auch in anderen Ländern war dieser Brauch bekannt, so in Spanien unter dem Namen Concerrada. In England wurde besonders die Schließung einer unpassenden Ehe, vor allem bei großer Ungleichheit des Alters, mit einer Rough music angeprangert. In Italien brachte man zänkischen Ehepaaren die Scamplana dar.

Zu den verschiedenen Erscheinungsformen im deutschsprachigen Gebiet, die im studentischen Brauchtum ebenso wie in Abwandlungen teilweise noch im (alpenländischen) Brauchtum zu finden sind, gehören Rappeln, Haberfeldtreiben, Krampusumzüge sowie manches Lärmvergnügen während des Faschings, Karnevals oder der Fastnacht. Im schweizerisch-alemannischen Raum sowie in Vorarlberg kommt der Guggenmusik eine ähnliche Rolle zu. In Villingen tragen Mitglieder des Fasnetvereins Katzenmusik inzwischen Katzenschemen wie den Katzenrolli, die an Walt-Disney-Charaktere erinnern. In Konstanz findet alljährlich zur Fastnachtszeit ein Umzug der Hemdglonker statt, bei dem die Schüler unter Absingen von Gassenhauern ihren Lehrern eine gemütliche Katzenmusik darbringen. Auch beim Polterabend finden sich zuweilen katzenmusikalische Anklänge.

Im Judentum gibt es zum Purimfest eine Art Katzenmusik. Während der Vorlesung des Buches Ester wird von Kindern bei der Erwähnung des Namens Haman mit einer Schnarre (jiddisch Gragger) sowie Geschrei, Getrommel und Klopfen entsprechender Radau gemacht.Scholem Alejchem: Eine Hochzeit ohne Musikanten (= Insel-Bücherei. Nr. 624). Erzählungen. [Übers.: Fega Frisch und Alexander Eliasberg.] Mit 16 Zeichnungen von Ben Shahn. Insel Verlag, Frankfurt am Main 1961, (Originaltitel: A hatunnā ohn kelē zemer); erweiterte Ausgabe: (= Bibliothek Suhrkamp. Band 988). Suhrkamp, Frankfurt am Main 1988, ISBN 3-518-01988-0. – (Erklärungen jiddischer Wörter).

Mittel für politische Kundgebungen In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde Katzenmusik zum Schlagwort für politische Demonstrationen. So schrieb etwa Karl August Varnhagen von Ense über den König Ernst August I. von Hannover: „Man spricht allgemein mit erbitterter Verachtung von ihm und an öffentlichen Orten hat man ohne Scheu harte Verwünschungen gegen ihn ausgestoßen: ‚Die Fenster sollte man ihm einwerfen, ein Pereat mit Katzenmusik bringen!’“Karl August Varnhagen von Ense: Tagebücher. Band 1. Brockhaus [u. a.], Leipzig [u. a.] 1861, S. 92; Eintrag zum 13. Mai 1838, (Scan – digitale-sammlungen.de, Münchener Digitalisierungszentrum).

In Schwaben nutzten insbesondere rechtlose Frauen aus der Unterschicht Katzenmusik dazu, um auf Missstände und Verzweiflung aufmerksam zu machen.Jürgen Kaiser: Warum Schwaben alles können – wenn sie wollen. Historische Streifzüge in Schwaben. Evangelische Gemeindepresse, Stuttgart 2005, ISBN 3-920207-12-2, S. 13–14. So protestierten sie beispielsweise am 1. Mai 1847 vor den Bäckereien in Ulm mit Katzenmusik gegen die ständige Verteuerung von Mehl und Brot. Einen Tag darauf erklang auch in Stuttgart Katzenmusik; beim sogenannten Stuttgarter Brotkrawall äußerten die Stuttgarter Wengertfrauen aus dem Bohnenviertel lautstark ihren Protest.

Besonders verbreitet waren Katzenmusiken als Teil der Kundgebungen im Revolutionsjahr 1848 in den großen Städten. In Berlin forderten „Katzen-Musikanten“: „Von den großen Errungenschaften der Revolution hat man uns Bummlern nur die kostspielige Rauchfreiheit als Brosamen zugeworfen, während die Bürger das schöne, erhabene Recht: Lärm zu machen für sich alleine in Anspruch nehmen […].“Petition der Berliner Katzen-Musikanten. Berlin (Mai) 1848; Scan unter: Nr_293 Flugblatt, Katzenmusik, Berlin (Mai) 1848, hu-berlin.de, abgerufen am 19. Dezember 2025. Mit FlugblätternMitmenschen! Berlin (Mai) 1848; Scan unter: Nr_295 Flugblatt, Bürgerwehr, Katzenmusik, Berlin (Mai) 1848, hu-berlin.de, abgerufen am 19. Dezember 2025, Zitat: „Ein Hundsfott, wer von heute ab die Ruhe wieder stört!“ wurde generell oder mit Maueranschlägen speziell zur Einstellung von Katzenmusiken während der Zeit der Beratungen des Parlaments aufgefordert.An die Bürger und Einwohner Berlin’s. Wozu dienen und wozu fuhren die Katzen-Musiken? Berlin (Mai) 1848; Scan unter: Nr_291 Maueranschlag zur Katzenmusik, Berlin, (Mai) 1848, hu-berlin.de, abgerufen am 19. Dezember 2025. Am 27. Mai 1848 wurde die Veranstaltung nächtlicher Katzenmusiken unter Androhung sechswöchiger Gefängnishaft verboten.Bekanntmachung [des General-Majors von Aschoff und des Polizei-Präsidenten von Minutoli]. Berlin 27. Mai 1848; Scan unter: Nr_289 Maueranschlag zur Katzenmusik, Berlin, 27.05.1848, hu-berlin.de, abgerufen am 15. Dezember 2025.

Zu zahlreichen Katzenmusiken kam es im Revolutionsjahr 1848 auch in Wien: „[…] die Wiener […] aber wollen keine italienische Oper dieses Jahr hören, […] wollen keine andere Musik als – Katzenmusiken. Sie glauben gar nicht, was wir jetzt an Katzenmusiken consummieren.“Aus Wien. […] Katzenmusiken und Ministerreden. In: Die Grenzboten. Zeitschrift für Politik, Literatur und Kunst. VII. Jg., I. Semester, II. Band 2. Deutscher Verlag, Berlin 1848, S. 77 (dfg-viewer.de; uni-bremen.de [PDF; 1,6 MB]).

Bezeichnung in der klassischen Musik Seit der Barockzeit ist Charivari für die Komponisten des Abendlandes ein Stilmittel zur Beschreibung von Unordnung und Schrecklichem, das meist durch auffällige Dissonanzen oder Melodieschritte gekennzeichnet ist.

Als Katzenmusik oder Charivari wurden auch Werke von Avantgarde-Komponisten des 19. und 20. Jahrhunderts, so auch die Jazz-Musik beschimpft.

Beispiele aus Literatur und Musik Brauchtum

Ferdinand Gregorovius:

Georg Queri:

Politik

Marie von Ebner-Eschenbach:

Joseph von Hammer-Purgstall:

Adolf Glaßbrenner:

Johann Nestroy: Freiheit in Krähwinkel (1848)

Wilhelm Langewiesche:

August Bebel:

Paul Schreckenbach:

Karl Kraus:

Ludwig Thoma:

Georg Weerth:

Musik

Hector Berlioz:

Karl Kraus:

Felix Mendelssohn Bartholdy:

Johann Strauss (Sohn): Liguorianer-Seufzer. Scherzpolka op. 57: Der Komponist versucht den Lärm einer Katzenmusik samt dem Geräusch klirrender Fensterscheiben musikalisch darzustellen. Der Titel bezieht sich auf die anlässlich der am 7. April 1848 veranstalteten Katzenmusik, mit der die Vertreibung der unbeliebten Redemptoristen – der „Liguorianer“ – aus Wien erzwungen wurde.

Ludwig Tieck:

Jakob Wassermann:

Siehe auch Katzenklavier – Das Resultat des „Spielens“ dieses Instrumentes wurde auch „Katzenmusik“ genannt.

Literatur Henry Kahane, Renée Kahane: Charivari. In: The Jewish Quarterly Review. N. S., Band 52, No. 4, 1962, , S. 289–296, . Martin Vogel: Onos Lyras. Der Esel mit der Leier (= Orpheus-Schriftenreihe zu Grundfragen der Musik. Band 13–14, ). 2 Bände. Verlag der Gesellschaft zur Förderung der Systematischen Musikwissenschaft, Düsseldorf 1973, . Friedrich Geiger: „Katzenmusik“. Zur ästhetischen Erfahrung kompositorischer Innovation. In: Gert Mattenklott (Hrsg.): Ästhetische Erfahrung im Zeichen der Entgrenzung der Künste. Epistemische, ästhetische und religiöse Formen von Erfahrung im Vergleich (= Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft. Sonderheft 4). Meiner, Hamburg 2004, ISBN 3-7873-1698-1, S. 155–175. Regina Hackl: Freiheit – Ausgangs- oder Ankunftspunkt. Die Katzenmusik als politische und soziale Protest- und Demonstrationsform in der Wiener Revolution von 1848. Wien, Univ., Dipl.-Arb. 1987 (Titelaufnahme – ÖNB).

Manfred Gailus: Strasse und Brot. Sozialer Protest in den deutschen Staaten unter besonderer Berücksichtigung Preußen, 1847–1849. Göttingen 1990. Sabrina Müller: Soldaten in der deutschen Revolution von 1848/49 (= Krieg in der Geschichte. Band 3). Schöningh, Paderborn u. a. 1999, ISBN 3-506-74472-0 (Zugl.: München, Univ., Diss., 1997).

Einträge in Lexika Carl Dahlhaus Hans Heinrich Eggebrecht (Hrsg.): Brockhaus Riemann Musiklexikon. Band 1: A –D (= Piper 8396 Serie Musik, Piper, Schott). 2. Auflage. Schott, Mainz 1995, ISBN 3-254-08396-2, S. 234 f. , S. 976.

Katzenmusik. In: Karl Friedrich Wilhelm Wander (Hrsg.): Deutsches Sprichwörter-Lexikon. Band 2. Leipzig 1870, Sp. 1212–1213 ().

„Katzenmusik.“ In: Otto Ladendorf: Historisches Schlagwörterbuch. Trübner, Strassburg/Berlin 1906 (textlog.de).

Weblinks

Einzelnachweise

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