mini|Steff Signer im Hippie-Kittel von 1968 als Leader von Infra Steff's Red Devil Band, 1982

Stefan Signer alias Steff Signer alias Infra Steff (* 23. Januar 1951 in Hundwil, Kanton Appenzell Ausserrhoden) ist ein Schweizer Komponist, Musiker, Schriftsteller und Maler.

Ausbildung Signer erhielt ab 1963 Klavierunterricht und Unterweisung im Notensatz und brachte sich ab 1966 mittels eines Grifftabellen-Buches das Gitarrenspielen bei. Auch das Komponieren für Bands im Bereich Rock und Jazz, sowie im Bereich der zeitgenössischen Musik lernte er auf autodidaktischem Weg. Signer versteht sich bis heute als Schüler und ist Anhänger von Learning by Doing; dies unter Anwendung von – wie er es nennt – Discipleen in Music („Discipline“ und „Spleen“).

Werk Steff Signers Werk lässt sich in drei prägende Schaffensphasen einteilen: die Bandleader-Jahre von 1966 bis 1986, die Komponisten-Jahre von 1986 bis 1993 und ab 2004 die Schriftsteller-Jahre, in denen er als Komponist, Musiker, Textautor und Maler an die Öffentlichkeit tritt.

Seine früh erwachte Liebe zu aussereuropäischer Musik, besonders der arabischen, führt ihn zur Auseinandersetzung mit Mikrointervallen, die den Rahmen herkömmlicher Tasteninstrumente sprengen. Auf diese frühen Experimente kam Steff Signer ab 2003 wieder zurück, als er sich eine türkische Saz kaufte und diese unter Einbezug von Vierteltönen im europäischen Klangkodex einsetzte, mit der Absicht, das appenzellische Liedgut zu „renovieren“.

In den polytonalen und von häufigen Taktwechseln geprägten Klängen US-amerikanischer Subkulturbands wie Frank Zappas The Mothers of Invention fand Signer gegen Ende der 1960er Jahre erstmals eine anhaltende musikalische Orientierung. Daneben beeinflussen Komponisten wie Igor Strawinsky oder Edgar Varèse sein Schaffen.

1970 begann er als Autodidakt seine Karriere als Rockmusiker und -komponist. Freie Musik, spontane Strassenmusikensembles, der Einsatz von Spielzeuginstrumenten und Alltagsgegenständen in ein dadaistisches Konzept von selbstproklamiert „anderen“ Tönen und das Leben in einer Landkommune prägten die frühen Jahre. Unter dem Namen Infra Steff gründete Signer diverse Ensembles und Bands, über 20 zwischen 1966 und 1986. 1974 spielte er die erste Plattenaufnahme ein. 1977 und 1978 wurde er auf dem jährlich stattfindenden Schweizerischen Jazz & Rock Festival mit dem 1. Preis ausgezeichnet. Parallel dazu befasste sich Steff Signer mit Komponisten der Moderne und erhielt 1980 seinen ersten Kompositionsauftrag für Sinfonieorchester, Rockband und Perkussionsensemble, eine Premiere in der Schweiz.

Seine Rockoper I'm Alive (Text und Libretto: Signer/Müller), 1984 in St. Gallen uraufgeführt, wurde als erste rockmusikalische Produktion der Schweiz von Bund (Pro Helvetia), Kanton und Gemeinde, neben Privaten wie dem Migros-Genossenschafts-Bund oder Camel, finanziell unterstützt. 1987 erschien Signers More Music from the Gas Station mit Kammermusik-Kompositionen. Das Artwork übernahm Cal Schenkel, der während vieler Jahre Frank Zappas visuelle Erscheinung in der Musik gestaltet hat.

Neben seiner kompositorischen Tätigkeit übernahm Signer 1989 bis 1995 das Mandat eines Produzenten der vom Migros-Genossenschafts-Bund lancierten CD-Reihe Musikszene Schweiz. 1990/91 wirkte er im Auftrag der schweizerischen Bundesregierung im Rahmen der Jubiläumsfeier 700 Jahre Eidgenossenschaft als Projektleiter für E-Musik und arbeitete eng mit dem Schweizer Komponisten Rolf Liebermann zusammen. An den Weltmusiktagen der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik ISCM 1991 wirkte er an einem Animationskonzept von Emmy Henz-Diémand mit. 1992 wurde seine Kammeroper Später Nachmittag im Paradies von ARBOS – Gesellschaft für Musik und Theater in Klagenfurt (Österreich) uraufgeführt und dann beim Festival Kontraste in Hallein (Österreich), dem Rossini-Opernfestival Rügen in Putbus (Deutschland) und dem Festival Open Opera in St. Gallen gespielt. Der Österreichische Rundfunk ORF machte von dieser Produktion einen Live-Mitschnitt. 1996 entwarf und organisierte Signer für die Ausserrhodische Kulturstiftung das Festival Musik aus den Rhoden und wurde bis 1990 Geschäftsführer des Kammerorchesters Concertino Basel. Das letzte Mandat als Berater und Projektleiter übernahm er 1999 im Auftrag des Schweizer Fernsehens: Signer betreute in diesem Rahmen sein für das Millennium entworfenes Projekt Musik der dritten Art: Vier Generationen von Jazz-Musikern erhielten einen Kompositionsauftrag für Kammerorchester.

Steff Signer arbeitete in der Folge an kammermusikalischen Werken, ehe er für einige Jahre die kompositorische Arbeit ruhen liess. 2003 meldete er sich mit dem kammermusikalischen Stück I go to Turkey zurück. Mit dem Musiker Thomas Züllig entwickelte er 2007 das musikalische Konzept Highmatt, das er 2008 in Buchform und 2014 mit Musik auf CD veröffentlichte.

Der „stilfreie Raum“ und die „Emanzipation der Instrumente“ Steff Signers Werk, nachdem es in der Kantonsbibliothek Appenzell Ausserrhoden erstmals in den Jahren 2009 bis 2011 ausgebreitet, erfasst, kommentiert und eingeordnet worden ist, inklusive den ab 2004 entstehenden neu-appenzellischen Liedern, umfasst ein paar hundert Kompositionen. Vieles ist fertig ausgearbeitet, aber auch in Entwurfsform oder als digitale Daten, die ab 1988 in den Mac-Programmen Super Studio Session oder Finale entstehen.

Signer bezeichnet sich als Komponisten im „stilfreien Raum“ und propagierte schon 1972 in einem Manifest für die Zukunft die „Emanzipation der Instrumente“; dies vor allem aufgrund der immer wieder angewendeten Polarisation der Stile in U-Musik (Unterhaltung) und E-Musik (Ernst). Als Alternative dazu erfand er in den 1970er Jahren den Begriff F-Musik (Fröhlich).

Infra Steff’s Futztz / Marilyn Monroe – 1970 bis 1972 Der Einstieg Signers in den musikalischen Raum manifestierte sich in den Jahren 1970 bis 1972 bereits vielschichtig: Im Stile der akustischen und elektrischen Folklore, des parodierenden Schlagers, der freien Improvisation (Free Jazz / zeitgenössische Klassik), von Sprechtheater, Elektro-Jazz, Rock und Pop. Das alles sind Erscheinungen, noch ohne Konzept. Der provokative Bandname Futztz (Vagina) entstand 1970 in London noch als Fuzz. Er verursachte heftige Kritik und Anfeindungen; Plakate wurden regelmässig entfernt.

Infra Steff’s Jazz Futztz – 1973 mini|Der Dirigent mit einer Zahnbürste: Steff Signer anlässlich eines Konzerts mit Infra Steff’s Jazz Futztz, 1973 Das Manifest der „Emanzipation der Instrumente“ von 1972 setzte Signer, vom Rock herkommend, erstmals bewusst 1973 mit der Band Infra Steff’s Jazz Futztz in die Tat um, indem er die obligate elektrische Gitarre durch drei Saxophone/Flöten, Barock-Cello und Fagott ersetzte und innerhalb einer Rhythm-Group mit elektrischem Bass, Schlagzeug und Hammond-Orgel zum Einsatz brachte. Das öffnete ihm kompositorischen und klangfarblichen Raum. Das zentrale Stück des Programms ist in 9/8 gesetzt: eine eher unübliche Praxis innerhalb der damaligen Rock- und Jazz-Szene. Auch der Umgang mit der Komposition entspricht dem der klassischen Musik: Signer deklariert Sätze, Variationen, Überwindungen, Einsätze nach Handzeichen. Es gibt ein Intro, ein Thema und ein Grande Finale.

Infra Steff’s Grosser Samstag Orchester – 1974/75 Die Kompositionen aus den Jahren 1974 bis anfangs 1975 sind eigentliche „Brocken“: ideenreich, unkonventionell, in kaum eine der gängigen Kategorien einzuteilen. Sie sind streng notiert, meist in ungeraden Metren gehalten, mit vielen Wechseln, nicht nur im Tempo. Die Ausrichtung liegt näher bei der zeitgenössischen Musik als beim Jazz oder Rock. Das Grosser Samstag Orchester war eher ein „Elektrisches Kammer-Ensemble“ denn eine „Band“. Erste Stücke in Collagenform erschienen, bestehend aus lose aneinandergesetzten Teilen in verschiedenen Stilen. Gefidelter Country & Western, der über monströse Klangeskapaden in eine klassische Kadenz für elektrische Violine führt (Fiddler’s Passion), Persiflagen von Schlagern neben Akkorden von Edgar Varèse.

Infra Steff’s Red Sandwich Combo – 1975/76 Das pure Gegenteil des Grosser Samstag Orchester war während der Jahre 1975 und 1976 die Red Sandwich Combo: als müssten die Grundlagen und Voraussetzungen einer ganz normalen Rockband und ihrer Einsatzmöglichkeiten erforscht werden. Auch bei der Red Sandwich Combo entsprachen Struktur und Aufbau der Songs nicht einem gängigen Klischee. Es gibt zu viele abrupte Wechsel, Sprechchöre sprengen den Rahmen der tanzbaren Konventionen dieses Milieus. Das Fagott-Intro aus Le sacre du printemps von Igor Strawinsky erscheint in „röhriger Ausführung“ in einer Improvisation des englischen Altosaxophonisten Alan Solomon in Igor’s Beach Party.

Holy-Days in San Parucho – 1976 Die „Emanzipation der Instrumente“ in Kombination mit dem „stilfreien Raum“ war 1976 auch die Grundlage für den Konzeptentwurf Holy-Days in San Parucho. Im Mittelpunkt stehen Geschichten und Abenteuer einer Twist/Surf Band, The Roaring Xylophones, die sich nur während eines Sommers trifft und in Ant Bear Muller’s Garage probt. Neben den milieugetreuen „3-Minuten-Songs, welche die Existenz der 3-Minuten-Wahrheit beweisen, die ihrerseits Teil der 3-Minuten-Doktrin sind, die durch die 3-Minuten-Politik ausgeführt wird, was schlussendlich in den 3-Minuten-Krieg“ führen kann, finden sich im Repertoire Zwölftonmusik-Bearbeitungen eines Anton Webern, darunter das Lied der Lulu von Alban Berg oder das Fagott-Solo am Anfang von Le sacre du printemps von Igor Strawinsky. Das ist Signers Wunschvorstellung einer Rockband.

Infra Steff’s Red Devil Band – 1976 bis 1982 Auch in seinen sieben Red Devil Bands lässt sich Signers Absicht, mit kammermusikalischer zeitgenössischer Klassik den Rahmen von Rock/Pop zu sprengen, nachzeichnen. So setzt er den Titelsong von I Ain’t Gonna Work No More at the Gas Station in Variationen: die Gas Station Reprise für ein Trio von Bläsern mit Marimba und Drums, die Vocal Variations a cappella und die Instrumental Variations in Anwendung des Multitrackverfahrens mit vielzähligem Instrumentarium, 30 an der Zahl, durch die verschiedenen Bandgeschwindigkeiten im Aufnahmeprozess die Klangaussage verändernd.

Auf der LP Average, Sized An’ Empty wird das Eröffnungsstück Tympanum Destroyer Opening als eine Art kleines Hörspiel inszeniert, untermalt mit Bläsermusik und viel Perkussion im Stile von Edgar Varèse. Das kleine Orchester wurde erneut mit grossem Aufwand im Multitrackverfahren aufgenommen. Das Stück Wise up an Suck Gas ist in seinem Ausdruck kammermusikalisch, und das vokale Titelstück Average erhält eine zusätzliche instrumentale Auslegung.

Orchestral Snack Music – 1980

Ganz aus dem Vollen schöpfte Signer 1980 in der Zusammenarbeit mit dem Sinfonie-Orchester St. Gallen. In dieser Zusammenarbeit wandte Signer den Grundsatz der „Emanzipation der Instrumente“ vollumfänglich an und verwob die Klangkörper in einem musikalischen Spinnennetz.

Die eigens für diese Aufführungen im Auftrag des St. Galler Konzertvereins komponierte und konzipierte Orchestral Snack Music (OSM) kann als Suite bezeichnet werden. Sie ist lose zusammengesetzt und besteht aus elf mehr oder weniger abgeschlossenen Titeln, Sätzen oder Einzelstücken – sogenannten „Tableaux“.

Infrasteff 1983/84 und Suzy Wong Hotel – 1985/86 In den auf Mainstream ausgerichteten Repertoires von Infrasteff (1983/84) und Suzy Wong Hotel (1985/86) fehlen die gewohnten Absonderlichkeiten fast gänzlich: kaum ungerade Metren kommen vor, keine Kompositionen im stilfreien Raum und kaum Einflüsse aus den Stilen ausserhalb des kommerziellen Pop.

Komponisten-Jahre ab 1986