mini|Eugène Delacroix, Das Massaker von Chios (1824), Louvre
Das Massaker von Chios wurde im April 1822 durch die Osmanen an der griechischen Bevölkerung der Insel Chios verübt, die vor der kleinasiatischen Westküste bei Smyrna (Izmir) liegt. Es war eine der bekanntesten Episoden des griechischen Unabhängigkeitskriegs.
Nach der Landung tausender griechischer Kämpfer schickte die Hohe Pforte etwa 45.000 Mann auf die Insel, um ihre Ordnung wiederherzustellen und alle Männer und Jungen, die älter als zwölf Jahre waren, alle Frauen über vierzig Jahren und alle Kinder unter zwei Jahren zu töten. Die anderen wurden versklavt. Insgesamt wurden etwa 25.000 Menschen getötet, etwa 45.000 wurden versklavt. 10.000 bis 15.000 Menschen konnten fliehen und Zuflucht auf anderen Inseln der Ägäis finden. Dieses Massaker an Zivilisten durch osmanische Truppen beeinflusste stark die internationale öffentliche Meinung und trug zur Entwicklung des Philhellenismus bei.
Hintergrund Chios, eine wohlhabende Insel Seit dem Mittelalter war Chios eine Handelsstadt, die insbesondere das Interesse der italienischen Kaufleute auf sich zog. Sie wurde ab 1272 von Venedig und ab 1346 von Genua regiert. 1566 kam sie unter die Herrschaft der Osmanen. Durch ihre Wirtschaftskraft, die insbesondere mit dem Anbau und Handel von Mastix zusammenhing, kam sie in den Genuss relativer Freiheit. Die osmanische Präsenz beschränkte sich auf einen Gouverneur oder mouteselim, einen Qādī und einige Soldaten in der ehemaligen genuesischen Festung in der Hauptstadt Chora. Die wirkliche Macht wurde von einem Rat griechischer Demogeronten (aus sechzehn Orthodoxen und zwei Katholiken) ausgeübt, die im Namen der Osmanen herrschten.
Wie im Rest Griechenlands wuchs nach dem Friedensvertrag von Kutchuk-Kaïnardji 1774 der Wohlstand auf Chios. Die Kaufleute der Insel verfügten über Handelsniederlassungen in allen wichtigen Häfen des Mittelmeers von Marseille bis Alexandria, aber auch in Odessa und Moskau. Mastix wurde in erster Linie im Süden der Insel produziert, in etwa zwanzig Dörfern (mastichochória, „Mastixdörfer“ genannt). Chios exportierte fünfzig Tonnen Mastix pro Jahr. Das Steuereinkommen auf dieses Produkt stand der Schwester des Sultans als Apanage zu. Chios produzierte außerdem Seide, Baumwolle und Zitrusfrüchte.
Die Steuern waren keineswegs drückend. Die Reicheren zahlten elf Piaster pro Jahr (nach Schätzungen waren zum Lebensunterhalt zwei Piaster pro Tag nötig). Die Insel verfügte über eine Schule und ein Krankenhaus, deren Dienste dank Spenden kostenlos waren. Ein griechisches Sprichwort besagte damals, dass man ebenso oft einen armen Chioten treffe wie ein grünes Pferd. Der Reichtum von Chios weckte allerdings auch Begehrlichkeiten. Der griechische Unabhängigkeitskrieg mini|Theodoros Vryzakis, Germanos segnet die griechische Fahne (1865) Der griechische Unabhängigkeitskrieg war ein Aufstand gegen die osmanische Herrschaft sowie gegen jene Griechen, die mit osmanischer Hilfe ihre Gemeinden dominierten. Auch wenn die größten Auseinandersetzungen auf dem Peloponnes und um Athen stattfanden, waren auch die anderen Regionen wie die Inseln der Ägäis betroffen.
Ali Pascha von Janina hatte versucht, die endgültige Unabhängigkeit seiner Besitzungen in Epirus zu erreichen, und sich im Jahr 1820 gegen Sultan Mahmud II. erhoben. Die Hohe Pforte zog daraufhin eine große Armee um Ioannina zusammen. Für die griechischen Patrioten, die sich seit Ende des 18. Jahrhunderts in der Filiki Eteria zusammengeschlossen und die nationale Erhebung vorbereitet hatten, bot dies eine günstige Gelegenheit, da weniger osmanische Soldaten für die Unterdrückung ihres Aufstands zur Verfügung standen. Der Aufstand begann auf der Peloponnes zwischen dem 15. und dem 20. März 1821, und am 25. März proklamierten Theodoros Kolokotronis, einer der Anführer des Aufstands, und der Erzbischof Germanos von Patras den nationalen Befreiungskrieg. Zur gleichen Zeit drang Alexander Ypsilantis an der Spitze einer in Russland gebildeten Truppe aus Mitgliedern der Filiki Eteria nach Moldawien und in die Walachei vor, den zweiten Herd des Aufstands. Das Osmanische Reich schlug die Revolte in den Donaufürstentümern innerhalb von neun Monaten nieder; in Griechenland selbst siegten die Aufständischen.
Das Massaker von Tripoli Im Oktober 1821 eroberten die griechischen Truppen unter Kolokotronis nach fünf Monaten Belagerung Tripoli, die Hauptstadt der osmanischen Peloponnes. Die auf der Halbinsel lebenden Türken und ihre Familien – geschätzt etwa 30.000 Menschen, Männer, Frauen und Kinder – hatten sich vor den ersten Schüssen des Aufstands dorthin geflüchtet. Im Oktober war die Bevölkerung infolge zahlreicher Todesfälle aufgrund von Kämpfen, Hunger oder Seuchen, aber auch durch Evakuierungen auf 15.000 gesunken. Eine Reihe von Vereinbarungen zwischen Belagerten und Belagerern hatten den albanischen Soldaten sowie Frauen und Kindern erlaubt, nach Hause zurückzukehren. Anfang Oktober, als die Stadt noch gehalten wurde, massakrierten die Griechen trotz der Vereinbarungen 2.000 Frauen und Kinder, die Tripoli verließen. Als die Zitadelle fiel, missachteten die Griechen die geltenden militärischen Konventionen, nach denen die Garnison entwaffnet und die Stadt geplündert werden konnte, die Zivilbevölkerung aber verschont werden sollte. Fast 8.000 Menschen wurden ermordet.
Anfang 1822 proklamierte die Nationalversammlung von Epidauros einseitig die Unabhängigkeit des Landes. Die Hohe Pforte wollte ein Exempel statuieren, um ihre Untertanen zu Gehorsam anzuhalten. Das Massaker von Chios stellte den Höhepunkt dieser Repression dar. Es geschah auch als Rache für das Massaker von Tripoli.Jiminez Berk: Dictionary of Artists' Models, Taylor & Francis, 2001, S. 465
Das Massaker von Chios Erste Probleme Im Mai 1821 kam Admiral Iakovos Tombazis von Hydra mit einem Teil der Flotte der Aufständischen auf die Insel, um die Chioten für die Bewegung zu gewinnen. Die hatten allerdings erst einige Wochen zuvor eine Delegation nach Psara, einer benachbarten aufständischen Insel, geschickt mit der ausdrücklichen Bitte, nicht in den Aufstand verwickelt zu werden, da sie befürchteten, die in allen Häfen des Osmanischen Reiches verstreuten Chioten könnten Opfer von Repressalien seitens der osmanischen Herrscher werden. Die Männer von Tombazis bereisten die Insel, um die Dorfbewohner direkt anzusprechen, blieben aber erfolglos und zogen sich nach elf Tagen zurück.
mini|Der osmanische Sultan Mahmud II.
Die Reaktion der Osmanen ließ nicht auf sich warten. Der Dīwān entsandte den Gouverneur Vehid-Pacha. Er richtete sich in der Festung von Chora ein. Um sicherzustellen, dass die Chioten sich ruhig verhielten, forderte er 40 Geiseln, darunter den Erzbischof Platon Franghiadi, die Demogeronten und Mitglieder der wichtigsten Familien der Insel, der Argenti, Mavrokordatos und Rallis. Die Geiseln wurden in der Festung eingesperrt. Drei wurden – auf dem Landweg, da man die Schiffe aus Griechenland fürchtete – nach Konstantinopel geschickt. Die „mastichochória“ stellten zwölf Geiseln. Die Waffen der griechischen Bevölkerung wurden beschlagnahmt. Auf ein Hilfeersuchen des Gouverneurs schickte ihm die Hohe Pforte tausend Mann von dem auf dem Kontinent gegenüber gelegenen Çeşme. Es handelte sich um wenig disziplinierte Soldaten, die von der Plünderungsmöglichkeit angezogen wurden. Sie kontrollierten die ländlichen Gebiete der Insel und verbreiteten dort Schrecken. Es wird von Plünderungen, Übergriffen und Hinrichtungen berichtet. Der Handel nach Chios begann nachzulassen, und die Versorgung war kaum noch gesichert. Das in Zeiten des Wohlstands eingerichtete Versorgungssystem funktionierte aber noch und vermochte eine Hungersnot zu vermeiden. Neue, diszipliniertere Truppen kamen. Im Frühjahr 1822 bestand die Garnison auf der Burg aus 4.500 Männern. Ein neuer Gouverneur, Bachet-Pacha, erlegte den Chioten als außerordentliche Abgabe den Unterhalt seiner Männer auf. Die Kornkammern wurden ebenfalls geleert.
Die „Befreiung“ der Insel durch die griechischen Aufständischen Das Gerücht erreichte Chios, Samos stelle eine Truppe auf, um den Chioten zu Hilfe zu kommen. Die Demogeronten und der Erzbischof schickten Abgesandte auf die Insel, um den Bewohnern zu empfehlen, auf deren Landung nicht zu reagieren, um den Zorn der Osmanen nicht zu erregen.
Am kam Lykourgos Logothetis mit 2.500 Mann von Samos und traf auf Chios den Hauptmann Antonios Bournias, einen ehemaligen Offizier der französischen Armee während des Ägypten-Feldzugs, und dessen 150 Klephten. Sie zwangen die sechshundert Osmanen zum Rückzug in die Festung der Hauptstadt der Insel (Chora). Ein Artillerie-Duell zwischen der Zitadelle und Kanonen der Griechen an der Küste und in den Hügeln von Tourloti und Asomati begann. Die Stadt wurde eingenommen und geplündert. Die Klephten brannten die Zollgebäude nieder und ließen das Blei von den Dächern der beiden Moscheen schmelzen, um neue Munition daraus zu gießen. Die Häuser der Muslime wurden geplündert, auch die der reichen griechischen Kaufleute wurden nicht verschont. Die Beute wurde nach Samos geschickt.
mini|Karte von Chios
Doch die aus Samos entsandten Kräfte waren weder ausreichend noch genügend gut bewaffnet, um die Zitadelle zu erstürmen. Die griechischen Kanonen verstummten aus Mangel an Geschossen. Logothetis erbat Unterstützung aus dem aufständischen Griechenland. Psara versprach 20 Pulverfässer und zwei Kanonen (aber keine Kugeln) sowie sechs Kriegsschiffe. Die gerade in Korinth eingerichtete Regierung versprach zwei Mörser, fünf Belagerungsbatterien und Philhellenen für deren Handhabung. Die Organisation und Beförderung der Hilfe dauerte indes lange und kam zu spät zur Abwehr des osmanischen Gegenangriffs.
Der Erzbischof wurde befreit und die Demogeronten im Namen der aufständischen griechischen Regierung von Dimitrios Ypsilanti abgesetzt und durch einen Revolutionsrat von sieben Ephoren ersetzt. Logothetis und Bournias wollten jedoch beide als „Retter von Chios“ proklamiert werden. Sie einigten sich schließlich, die Insel in zwei Bereiche aufzuteilen: in den Norden für Bournias und den Süden (mit Chora) für Logothetis. Militär und Verwaltung waren geteilt, wodurch die Möglichkeit einer konzertierten Aktion im Falle des Gegenangriffs der Osmanen vermindert wurde.
Die Bevölkerung der Insel verhielt sich nicht, wie ihre Notabeln (Kodjabaschis) es gefordert hatten. Bauern verschafften sich, durch einige Priester angestachelt, Waffen und Vermögen und marschierten von den Dörfern im Inneren der Insel zur Chora. Es gelang ihnen, einen Teil der armen Bevölkerung in der Hauptstadt auf ihre Seite zu bringen. Sie zogen mit Kreuzen und Ikonen durch die Straßen und sangen patriotische Lieder. Aber sobald die osmanischen Truppen einen Ausfall aus der Zitadelle unternahmen, zerstreuten sie sich. Bournias misstraute den reichen Familien der Insel, die er verdächtigte, fliehen zu wollen. Er setzte die Masse für deren Überwachung ein und ließ Hausdurchsuchungen vornehmen, um zu kontrollieren, ob sie noch auf der Insel waren.
mini|Großadmiral Nasuhzade Ali Pascha
Die osmanische Rückeroberung und ihre Folgen Die Hohe Pforte ließ – zusätzlich zu den bereits festgesetzten Geiseln – sieben in Konstantinopel wohnende reiche Chioten verhaften. Der Kapudan Pascha (der Befehlshaber der osmanischen Flotte) Nasuhzade Ali Pascha erhielt den Auftrag, 15.000 Männer nach Çeşme zu bringen, die sich den dort bereits versammelten 30.000 Mann anschließen mussten. Die meisten waren Freiwillige, die von der Erwartung auf Plünderung der Reichtümer von Chios angelockt wurden. Ein Regiment wurde ausschließlich aus Muslimen zusammengestellt. Diese Zusammensetzung der Truppen ließ westliche Diplomaten in Smyrna und Konstantinopel das Schlimmste befürchten.