mini|Harald Naegeli beim Sprayen, Foto: Karlheinz Essl, 2006 mini|hochkant|Sprühbild, Graffiti Kongress des IfG, Wien 2006 Harald Oskar Naegeli (* 4. Dezember 1939 in Zürich) ist ein Schweizer Künstler, Zeichner und Grafiker. Ende der 1970er-Jahre begann er, Wände des öffentlichen Raums der Stadt Zürich mit seinen schwarzen, filigranen Strichfiguren illegal zu besprayen. 1984 wurde er wegen Sachbeschädigung verurteilt und musste zur Strafe sechs Monate ins Gefängnis. Naegeli gilt als einer der Wegbereiter europäischer Graffiti- und Streetart-Kultur. Zu seinen wichtigsten Werkgruppen zählen diejenige, die er in der Parkgarage der ETH Zürich realisierte, sowie die Totentanz-Zyklen, die in Köln, Venedig und Zürich entstanden. Als Sprayer von Zürich ist er weltweit bekannt.Nathalie David: Harald Naegeli – Der Sprayer von Zürich 2020 zeichnete ihn die Stadt Zürich mit dem Kunstpreis aus.

Leben und Wirken Familie und Ausbildung

Harald Naegeli wurde in Zürich geboren. Seine Mutter, Ragnhild Osjord Naegeli, war eine norwegische Malerin und sein Vater, Hans Naegeli-Osjord (1909–1997), ein Arzt und Parapsychologe aus Zürich. Zu seinen Vorfahren gehört der Mediziner, Heimatforscher und Mundartautor Otto Nägeli.

Im Alter von siebzehn Jahren begann Naegeli seine Ausbildung an der Zürcher Kunstgewerbeschule als wissenschaftlicher Zeichner. Sein Lehrer Karl Schmid (1914–1998) führte den jungen Kunststudenten in die Welt der Dadaisten ein. 1964 verbrachte Naegeli ein Jahr in Paris an der École des Beaux-Arts. Statt dem Unterricht zu folgen, studierte er im Cabinet des Dessins du Louvre Originalzeichnungen von Malern wie Antonio Pisanello und Rembrandt.

Anfänge und Hintergründe mini|links|Undine, Schönberggasse 9, Zürich, 1978 Angeregt von der Dada-Bewegung in Zürich setzte sich Harald Naegeli in der Zeit an der Kunstgewerbeschule bis in die 1970er-Jahre mit dem Medium der Collagen auseinander. In seinen frühen Werken sind Einflüsse seiner Vorbilder Hans Arp und Kurt Schwitters zu erkennen. Naegeli besuchte damals regelmässig die Kunsthistorikerin Carola Giedion-Welcker und studierte deren Kunstsammlung, worunter sich Werke von Hans Arp, Kurt Schwitters, Piet Mondrian und Wassili Kandinsky befanden. Carola Giedion-Welcker war eine wichtige Mentorin für Naegeli. 1970 erwarb das Kunsthaus Zürich eine Collage mit dem Titel Die Wespe. Ab 1969/1970 schuf Naegeli minimalistische Schwarz-weiss-Collagen, deren Zeichenhaftigkeit und reduzierte Formensprache bereits die späteren Sprayfiguren ankündigen. Mitte der 1970er-Jahre wandte sich Naegeli wieder dem Medium der Zeichnung zu. Er kaufte 500 Skizzenbücher aus China, die damals neu auf den Markt kamen und sehr preiswert waren. Auf Reisen durch die Schweiz füllte Naegeli die Bücher mit Sinneseindrücken aus Natur- und Tierwelt.

Fotogalerie «Zürcher Sprayfiguren»

Erste Sprayaktionen in Zürich

Aus «Protest gegen die Unwirtlichkeit der Städte, der Architektur»Sarah Lev: Graffiti-Pionier Harald Naegeli: Die Dosenrevolution. In: Der Spiegel, 27. August 2013 sprayte Naegeli sowohl auf öffentliche als auch private Wände schwarze Strichfiguren. Er begann, nachts auf Gebäude und Plätze zu zeichnen, und verbreitete seine Figuren vorerst anonym in ganz Zürich. Trotz eines ausgesetzten Kopfgeldes von 3.000 CHFNAEGELI Totentanz in Köln. rheinische ART, 03/2022. Abgerufen am 8. April 2022. blieb Naegelis Identität lange unentdeckt, aber letztlich wurde er im Juni 1979 eines Nachts von einem Zivilpolizisten ertappt, denn Naegeli hatte beim Sprayen seine Brille verloren und war zurückgegangen, um sie zu suchen.

Anzeigen und Verurteilung

Naegeli stand 1981 vor einem Zürcher Gericht und wurde wegen wiederholter Sachbeschädigung mit einer hohen Geldstrafe und neun Monaten Haft bestraft – von einem Richter, der ein Exempel statuieren wollte, wie der WDR-Journalist Hubert Maessen im deutschen Radio vom Prozess berichtete. Der Vollstreckung des Urteils entzog Naegeli sich durch eine Flucht aus der Schweiz nach Deutschland. Es erging ein internationaler Haftbefehl und er wurde am 28. August 1983 verhaftet.Harald Naegeli: «Ich spraye wieder». In: Berner Zeitung, 11. Oktober 2008.

«Die Entrüstung über die Kriminalisierung des Schweizer Künstlers war international.»Roland Lüthi: Zur Verhaftung von Harald Naegeli vor 30 Jahren. In: ETH Zürich ETHeritage, Highlights aus den Sammlungen und Archiven der ETH Zürich, 16. August 2013, abgerufen am 3. Februar 2025. Ungeachtet der Intervention und zum Entsetzen zahlreicher Künstler, Schriftsteller und Politiker, unter ihnen Max Frisch, Friedrich Dürrenmatt und Joseph Beuys,Sandro Benini: «Ich glaube, dass etwas im Menschen den Tod überdauert». In: Tages-Anzeiger, 27. Dezember 2024, S. 18. sowie einer von Naegeli selbst eingereichten Beschwerde bei der Europäischen Menschenrechtskommission wurde Naegeli nach einer Entscheidung des deutschen Bundesverfassungsgerichts am 24. April 1984 an sein Heimatland ausgeliefert und verurteilt. Im Gefängnis entstanden einige Keramiken mit den bekannten Naegeli-Figuren; Naegeli hielt sich nicht an die Gestaltungsvorgaben der Haftanstalt. Nach sechs Monaten Gefängnisstrafe, davon einige Wochen in Einzelhaft, wurde Naegeli aus der Strafanstalt Wauwilermoos entlassen.

Fotogalerie «Graffiti an den Säulen unter der Rheinkniebrücke Düsseldorf»

Weiteres Leben Nach seiner Entlassung zog Naegeli aus politischen Gründen wieder nach Düsseldorf, unter anderem wohl wegen der damit verbundenen Nähe zu Joseph Beuys. Naegeli sprayte weiter. Darüber hinaus erarbeitete er ein zeichnerisches Werk auf Papier, die sogenannten «Partikelzeichnungen». Dabei stehen die Bewegung und die Reduktion des Konkreten im Vordergrund. Neben klassischeren Arbeiten, bei denen die Natur oft eine Rolle spielt, entstanden grosse, gegenstandslose «Urwolken» als Tuschezeichnungen, an denen der Künstler oft monatelang arbeitet.

mini|Fischfrau, Düsseldorf, circa 1996 In Zusammenarbeit mit dem Wiener Komponisten Karlheinz Essl entwickelte Harald Naegeli zwischen 1991 und 1993 das Performance-Projekt «Partikel-Bewegungen», bei dem er in Galerien und Museen sehr reduzierte Sprayaktionen auf Acrylglasplatten durchführte, die von Musik begleitet wurden.

Im Wintersemester 1998/99 präsentierte die Graphische Sammlung am Kunsthistorischen Institut der Eberhard Karls Universität Tübingen erstmals die bis dahin fast unbekannten Radierungen des Künstlers aus den Jahren 1989 bis 1998. Alle seine Radierungen gingen daraufhin als Schenkung Harald Naegelis in den Besitz dieser Graphischen Sammlung über und werden vom Museum der Universität Tübingen MUT verwaltet.

Urwolken – Das Lebenswerk Ein zentraler Teil von Harald Naegelis Spätwerk sind die sogenannten Urwolken, an denen er seit Beginn der 1990er-Jahre arbeitet und die er als sein Lebenswerk bezeichnet. Die filigranen Federzeichnungen im Kontext der Urwolke spielen eine herausragende Rolle im Werk des Künstlers. Diese aus mehreren hundert grossformatigen Blättern bestehenden Zeichnungen entstehen über Jahre und Jahrzehnte hinweg aus Millionen von Punkten, feinen Linien und winzigen Kreisformen. Naegeli versteht sie als «endlose Zeichnung», in der sich Verdichtung und Auflösung, Leichtigkeit und Komplexität begegnen. Jedes Blatt ist zugleich Fragment einer grösseren, nur gedanklich vorstellbaren Urwolke und dokumentiert auf seiner Rückseite akribisch die Arbeitszeit des Künstlers. Inhaltlich ging es Naegeli dabei um seine zeichnerische Utopie des kosmischen Raumes.«Die Urwolke» – Eine Ausstellung von Harald Naegeli, dem Sprayer von Zürich. Presseinfo der Eberhard-Karls-Universität Tübingen vom 29. Mai 2002. Die Urwolken verkörpern für ihn ein meditatives Prinzip sowie den Versuch, ein neues Raumbewusstsein jenseits traditioneller Figur und Perspektive zu schaffen.

Vom 6. Juni bis 19. Juli 2002 zeigte die Graphische Sammlung der Universität Tübingen als Beitrag zum Universitäts-Jubiläumsjahr eine Ausstellung mit Zeichnungen.

Harald Naegeli ist Mitglied im Deutschen Künstlerbund. Er gehörte 2003 zu den 40 Teilnehmern der DKB-Projektausstellung Herbarium der Blicke, die in der Bundeskunsthalle in Bonn gezeigt wurde. (abgerufen am 15. November 2015)

Ab Dezember 2018 schuf Naegeli in den beiden Türmen des Zürcher Grossmünsters einen auf vier Jahre geplanten, sichtbaren Totentanz. Er erstellte das entfernbare Werk ohne Honorar.Christoph Mörgeli: Versöhnt mit dem Wiederholungstäter. In: Weltwoche. 48.18, S. 38. Das Werk konnte allerdings nicht vollendet werden, da die in einem Vertrag vorgesehene Fläche für die Intentionen des Künstlers zu klein war.Der «Sprayer von Zürich» hinterlässt seinen Totentanz als Fragment und sagt: «Die Kunst muss die Gesellschaft überlisten». In: NZZ Online. 19. Juni 2019.

Auch 2019 wurde er in Düsseldorf zur Wiedergutmachung von Graffitischäden verpflichtet, ein Verfahren wegen Sachbeschädigung wurde eingestellt.Harald Naegeli muss für Flamingo-Graffiti zahlen. In: Spiegel online. 2. April 2019. Anfang Dezember 2019 kündigte Naegeli an, Düsseldorf verlassen und wieder in Zürich leben zu wollen: «Meine Lebenszeit und meine Zeit hier ist abgelaufen […] Ich will wieder zurück an meinen Ursprung».Harald Naegeli kehrt Düsseldorf den Rücken. In: Express. Düsseldorf, 1. Dez. 2019. Er kehrte im März 2020 nach Zürich zurück in die Jugendstilwohnung im Haus in Zürich Hottingen, das er von seinem Vater geerbt hatte,Simone Meier: Der «Stricher» ist in Zürich zurück: Harald Naegeli sprayt seinen Zorn an die Wand. In: Watson, 9. Oktober 2015, abgerufen am 2. Februar 2025. und setzte den in den Grossmünster-Türmen begonnenen Totentanz in der ganzen Stadt fort; dabei entstanden von April bis Juni gegen 50 Zeichnungen. Während das Kunsthaus Zürich und der Kanton eine Strafanzeige wegen Sachbeschädigung erhoben, zeichnete die Stadt Zürich den 80-jährigen Naegeli mit dem Kunstpreis der Stadt Zürich 2020 aus.Felix Thürlemann: An den Wänden sollen die Geister tanzen / Der Künstler als bürgerlicher Rebell: Res Strehle legt ein vorzügliche Biograpie des Sprayer Harald Nägeli vor. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11. Dezember 2024, S. 10.

Anlässlich seines 85-jährigen Geburtstags würdigten den Künstler zahlreiche Medien mit einem Porträtbeitrag.Kathrin Hondl: Harald Naegeli, der Sprayer von Zürich wird 85. In: WDR, «Kultur am Mittag», 4. Dezember 2024, abgerufen am 7. Januar 2025.Weltkunst Redaktion: «Sprayer von Zürich» wird 85. In: Weltkunst, 28. November 2024, abgerufen am 7. Januar 2025.Harald Naegeli wurde 85 Jahre alt. In: Kunstforum International, 6. Dezember 2024, abgerufen am 7. Januar 2025.dpa-infocom GmbH: Verurteilt und gefeiert: Der «Sprayer von Zürich» zum 85. In: Die Welt, 4. Dezember 2024, abgerufen am 10. Januar 2025.DPA, dpa/tcar: Schreck der Obrigkeit. Der berüchtigte «Sprayer von Zürich» wird 85. In: Blue News, 28. November 2024, abgerufen am 10. Januar 2025Michael Kohler: Harald Naegeli wird 85. In Köln tanzt der Tod wie nirgends sonst. In: Kölner Stadt-Anzeiger, 3. Dezember 2024, abgerufen am 10. Januar 2025.Keystone-SDA: Mit der Spraydose gegen die Missachtung von Lebenswelten. In: SWI swissinfo.ch, 4. Dezember 2024, abgerufen am 10. Januar 2025.

Werke und Werkgruppen mini|Der Archäologe, 2010, beim unteren Eingang der Universität Zürich