mini|Fahnenappell der SA auf dem Franzschen Feld, Hitler in der Mitte.

Der SA-Aufmarsch in Braunschweig am 17. und 18. Oktober 1931 in Anwesenheit Adolf Hitlers stellte den größten Aufmarsch paramilitärischer Verbände während der Weimarer Republik dar. An der nationalsozialistischen Machtdemonstration nahmen mehrere Zehntausend SA- und SS-Männer aus ganz Deutschland teil. In einigen zeitgenössischen Berichten werden bis zu 104.000 Teilnehmer genannt.Hedda Kalshoven: Ich denk’ so viel an Euch. Ein deutsch-niederländischer Briefwechsel 1920–1949, München 1995, S. 123. Parallel verlaufende Straßenkämpfe zwischen SA-Leuten und Kommunisten forderten zwei Todesopfer und 61 Verletzte.Bernd Rother: Die Sozialdemokratie im Land Braunschweig 1918 bis 1933, Bonn 1990, S. 244.

Vorgeschichte Im September 1930 fanden im Freistaat Braunschweig Landtagswahlen statt, bei der die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) 22,2 % der Stimmen erhielt. Da keine Partei eine Alleinregierung stellen konnte, kam es zur Koalition zwischen Bürgerlicher Einheitsliste (BEL) und NSDAP, in welcher letztere das Innenministerium erhielt. Braunschweig wurde damit nach Thüringen das zweite Land mit einem nationalsozialistischen Minister. Die Nationalsozialisten besaßen mit Minister Anton Franzen und seit dem 15. September 1931 mit dessen Amtsnachfolger Dietrich Klagges die Kontrolle über Polizei und Schulwesen. Nach dem Ausschluss des thüringischen NSDAP-Staatsministers für Inneres und Volksbildung Wilhelm Frick aus der dortigen Landesregierung am 1. April 1931 bestand in Deutschland zu diesem Zeitpunkt einzig im Land Braunschweig die Möglichkeit, nationalsozialistische Aufmärsche genehmigen zu lassen und mit Polizeigewalt gegen mögliche Störungen durch Kommunisten vorzugehen.Horst-Rüdiger Jarck, Gerhard Schildt (Hrsg.): Braunschweigische Landesgeschichte. Jahrtausendrückblick einer Region, Braunschweig 2000, S. 974.

Harzburger Front

Am 11. Oktober 1931 fand in Bad Harzburg die Tagung der Harzburger Front, dem antidemokratischen rechtsnationalen Bündnis zwischen NSDAP und Deutschnationale Volkspartei (DNVP) sowie ihren zugehörigen Kampforganisationen SA und Stahlhelm, statt. Die Nationalsozialisten betrachteten diese von Spannungen begleitete nationale Opposition lediglich als befristetes Zweckbündnis mit dem Ziel, die Weimarer Demokratie zu zerschlagen. Die Verachtung der Nationalsozialisten gegenüber den bürgerlichen Parteien einschließlich der DNVP wird in einem Artikel des NSDAP-Kampfblatts Braunschweiger Tageszeitung vom 9. Oktober 1931 deutlich:

„Aber wir wollen durchaus nicht verheimlichen, daß unsere Sympathie durchaus nicht in Harzburg weilt, daß uns der parlamentarisch-taktische Begriff der „Nationalen Opposition“ keineswegs gefällt. Nationale Opposition ist gar nicht viel; Sozialismus ist das Ziel. Wie kommt der reaktionäre Geheimrat Hugenberg dazu, eine Tagung zu leiten, an der die Nationalsozialisten zehnmal stärker als alle anderen Teilnehmerverbände sich beteiligen?“Klaus Kaiser: Braunschweiger Presse und Nationalsozialismus, Braunschweig 1970, S. 82.

Hitler ordnete bereits für den 17./18. Oktober einen Aufmarsch von 100.000 SA-Männern in Braunschweig an, um die Stärke der nationalsozialistischen Bewegung und den Anspruch auf die Machtübernahme zu demonstrieren. Dem deutschen Volk sollte der Unterschied zu den Deutschnationalen deutlich gemacht werden. Formaler Anlass des Aufmarsches war die Weihe von 24 Feldzeichen für neu aufgestellte SA-Formationen.

Aufmarsch in Braunschweig Nationalsozialistische Machtdemonstration Die Zahl 100.000 für den Aufmarsch der SA-Leute war kein Zufall, sondern Kalkül: Die Siegermächte des Ersten Weltkrieges hatten im Versailler Vertrag u. a. bestimmt, dass die Personalstärke der neuen deutschen Streitkräfte 100.000 Berufssoldaten (zzgl. 15.000 Mann für die Marine) nicht überschreiten dürfe.

Nur eine Woche nach der Gründung der von Hitler verachteten Harzburger Front wollte der NS-Führer zum einen den Alleinherrschaftsanspruch der NSDAP in Deutschland unter Beweis stellen und zum anderen, dass seine Partei – in seiner eigenen Person – in der Lage war, eine ebenso große Personenzahl aus Parteigängern zu versammeln – und das in einer Stadt, die zu diesem Zeitpunkt weniger als 150.000 Einwohner zählte. Das Ziel war folglich, die bürgerlichen Parteien, die sich in der sogenannten Nationalen Opposition zusammengefunden hatte, politisch aus dem Feld zu drängen.Ernst-August Roloff: Wie braun war Braunschweig? Hitler und der Freistaat Braunschweig, Braunschweiger Zeitung-Spezial, Nr. 3 (2003), Braunschweig 2003, 21.

Das SA-Treffen diente auch als Ersatzveranstaltung für den ausgefallenen Reichsparteitag. Die Oberste SA-Führung stellte den SA-Aufmarsch in die Tradition der Völkerschlacht bei Leipzig, die vom 16. bis 19. Oktober 1813 stattgefunden hatte.Martin Schuster: Die SA in der nationalsozialistischen »Machtergreifung« in Berlin und Brandenburg 1926–1934, Dissertation, Berlin 2005, D83, S. 123.

Ablauf Aus ganz Deutschland wurden SA-Männer nach Braunschweig beordert und trafen mit 38 Sonderzügen und 5.000 LastwagenAlan Bullock: Hitler. Eine Studie über Tyrannei, Droste Verlag, Düsseldorf 1961, S. 185. in der Stadt ein. Trotz des seit 1930 bestehenden Uniformverbots trugen alle SA-Uniformen. Sie schlugen ihre Lager auf freiem Feld oder bei Gutsbesitzern der umliegenden Dörfer auf. Organisiert wurde der Aufmarsch vom Obersten SA-Führer Nord Viktor Lutze.Dirk Böttcher (Hrsg.): Hannoversches Biographisches Lexikon, Hannover 2002, S. 241.

Straßenschlachten Hitler traf am Vormittag des 17. Oktober in Braunschweig ein. Am Abend wurde ein Fackelzug der SA-Verbände durch die Straßen der Stadt abgehalten, der ohne Zwischenfälle verlief. Zu bürgerkriegsähnlichen Ausschreitungen kam es erst anschließend, als SA-Männer Kampflieder singend und randalierend durch Arbeiterviertel zogen, in denen hauptsächlich KPD gewählt wurde. Der Braunschweigische Innenminister Klagges hatte zuvor unter dem Vorwand, die SA vor für sie „gefährlichen“ Stadtteilen zu warnen, Zettel verteilen lassen, in denen die SPD- und KPD-Hochburgen aufgelistet waren. Kleinere SA-Trupps verließen hin und wieder die Marschkolonnen und gingen in die Arbeiterviertel, wo es in der Folge zu zahlreichen Schlägereien kam.Hedda Kalshoven: Ich denk’ so viel an Euch. Ein deutsch-niederländischer Briefwechsel 1920–1949, München 1995, S. 122. Insbesondere um den Nickelnkulk, in der Langen Straße oder dem Klint wurden im Zuge dieser organisierten „Strafexpeditionen“ Fensterscheiben eingeworfen, Haustüren eingetreten, Geschäfte demoliert, Straßenpflaster aufgerissen. Auch Schüsse fielen.Hedda Kalshoven: Ich denk’ so viel an Euch. Ein deutsch-niederländischer Briefwechsel 1920–1949, München 1995, S. 121. Unbeteiligte und Passanten wurden provoziert und verprügelt. Die beiden Arbeiter Engelke und Heinrich Fischer wurden von Nationalsozialisten ermordet.Ernst-August Roloff: Bürgertum und Nationalsozialismus 1930–1933. Braunschweigs Weg ins Dritte Reich, Hannover 1961, S. 75. Die SA behauptete später, von „Kommunisten“ angegriffen worden zu sein und demzufolge in Notwehr gehandelt zu haben.

Die Polizisten der Polizeidirektion Braunschweig standen den Ereignissen machtlos gegenüber. Der Polizeipräsident leugnete Straßenkämpfe sogar, während zur gleichen Zeit Otto Thielemann, der Vorsitzende des Braunschweiger SPD-Ortsvereins und Augenzeuge der Geschehnisse, ein Telegramm an Reichsinnenminister Wilhelm Groener schickte, in dem er u. a. schrieb: „In Braunschweig toben Straßenkämpfe. Viele Verletzte liegen in Krankenhäusern“.

Am darauf folgenden Sonntag, dem 18. Oktober, marschierten die SA-Verbände früh morgens zum Franzschen Feld. Dort „weihte“ Hitler die Fahnen und Standarten der neuen SA-Verbände durch Berühren mit der „Blutfahne“ des gescheiterten Putsches von 1923 und hielt eine Ansprache. Während des Aufmarschs kreisten Flugzeuge mit Hakenkreuzschleppen über dem Feld.Joachim Fest: Hitler Eine Biographie, Frankfurt am Main 1973, S. 425. Hitler soll die Fahnen mit den Worten „Das sind die letzten Feldzeichen, die ich euch vor der Übernahme der Macht übergebe.“ an die SA übergeben haben.Kurt Schmalz: Nationalsozialisten ringen um Braunschweig, Braunschweig 1934, S. 179. Gegen 11 Uhr marschierte die SA in Richtung Innenstadt ab, wobei sie über Wilhelm-Bode-Straße, Kaiser-Wilhelm-Straße (heute: Jasperallee), vorbei am Staatstheater, den Steinweg hinunter, über den Ritterbrunnen zum Schlossplatz marschierte, wo Hitler ab 11:45 den Vorbeimarsch abnahm.Kurt Schmalz: Nationalsozialisten ringen um Braunschweig, Braunschweig 1934, S. 178. Dieser Vorbeimarsch der SA- und SS-Verbände vor dem Braunschweiger Schloss dauerte ca. sechs Stunden. Entlang der Marschroute stand örtliche Polizei, um die Strecke zu sichern. Am Abend hielt Hitler in der Stadthalle eine Rede, in der er die Nationale Front mit keinem Wort erwähnte.

Doppelmord Der Mord an den beiden unbeteiligten Arbeitern Engelke und Fischer erhitzte v. a. die Arbeiterschaft Braunschweigs. Beide waren auf offener Straße von SA-Schlägertrupps angegriffen und zusammengeschlagen bzw. erstochen (Fischer) worden. Fischer, der weder der SPD noch der KPD angehörte, befand sich gerade auf dem Nachhauseweg, als er überfallen wurde. Die Täter konnten nicht ermittelt werden. Für den Tag der Beerdigung hatte die KPD zu einem Streik aufgerufen. Am 22. Oktober wurden Fabriken und Betriebe bestreikt. 25.000 Menschen nahmen auf dem Friedhof an den Beisetzungsfeierlichkeiten teil.

Bei der Rückfahrt der uniformierten SA-Männer kam es außerhalb des Freistaats Braunschweig wegen des Verstoßes gegen das Uniformverbot vereinzelt zu Festnahmen durch die Schutzpolizei.Herbert Wagner: Die Gestapo war nicht allein – Politische Sozialkontrolle und Staatsterror im deutsch-niederländischen Grenzgebiet 1929–1945, Lit-Verlag 2004, S. 171.

Prominente Teilnehmer mini|Anton Franzen in Parteiuniform neben Hitler vor dem Schloss am 18. Oktober. An der Veranstaltung nahmen zahlreiche Mitglieder der NS-Prominenz teil, darunter:

Carl Eduard Herzog von Sachsen-Coburg und Gotha (1884–1954)Stephan Malinowski: Vom König zum Führer, Akademie-Verlag 2003, S. 450. Anton Franzen (1896–1968), ehemaliger Minister des Freistaates Braunschweig Joseph Goebbels (1897–1945), Gauleiter von Berlin, späterer Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda Kurt Gruber (1904–1943), von 1926 bis 1931 der erste Reichsführer der Hitler-Jugend Heinrich Himmler (1900–1945), Reichsführer SSRichard Bein: Im deutschen Land marschieren wir. Freistaat Braunschweig 1930–1945, Braunschweig 1984, S. 24 (Foto). Hanns Kerrl (1887–1941), späterer Reichsminister für kirchliche Angelegenheiten Ernst Röhm (1887–1934), Oberster SA-Führer Bernhard Rust (1883–1945), späterer Reichsminister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung Gregor Strasser (1892–1934), Reichsorganisationsleiter der NSDAP Otto Telschow (1876–1945), Gauleiter von Osthannover Ernst Zörner (1895–1945/60), Braunschweigischer Landtagspräsident

Tatsächliche Teilnehmerzahl In der Forschung ist strittig, ob wirklich, wie von den Nationalsozialisten propagiert, 100.000 SA-Leute in Braunschweig an Hitler vorbei defilierten oder evtl. erheblich weniger. Heute diskutierte Zahlen schwanken zwischen maximal 104.000, 70.000,Braunschweiger Zeitung (Hrsg.): Wie Hitler Deutscher wurde, Braunschweiger Zeitung-Spezial, Nr. 1 (2007), Braunschweig 2007, 31. 60.000 oder gar nur 50.000Bernd Rother: Die Sozialdemokratie im Land Braunschweig 1918 bis 1933, Bonn 1990, S. 244, FN 108. Teilnehmern. In jedem Fall verfehlte die Inszenierung nicht ihre massenpsychologische Wirkung: Kommunisten, Sozialdemokraten, Reichsbanner-Angehörige u. a. wurden z. T. unter Anwendung von Gewalt eingeschüchtert, während das nationalkonservative Bürgertum die straffe Ordnung, Organisation und Durchführung der Veranstaltung bestaunte.

Nachwirkungen