mini|Logo des Kaufhauses des Westens mini|Kaufhaus des Westens, 2013 mini|Feinkostabteilung im KaDeWe
Das Kaufhaus des Westens (KaDeWe) ist ein Warenhaus in Berlin mit einem gehobenen Sortiment und Luxuswaren, das von Adolf Jandorf gegründet und nach Plänen des Architekten Emil Schaudt errichtet wurde. Am 27. März 1907 wurde es in der Tauentzienstraße am Wittenbergplatz in der damals noch eigenständigen Stadt Charlottenburg eröffnet und gilt als das bekannteste Warenhaus Deutschlands.
Das KaDeWe ist mit 60.000 Quadratmetern Verkaufsfläche eines der größten Warenhäuser Europas. Als besondere Attraktion gilt seit Ende der 1920er Jahre die Feinkostabteilung. Nach einer Erweiterung ist sie seit 1978 die zweitgrößte Lebensmittelabteilung eines Warenhauses weltweit.Antonia Meiners: 100 Jahre KaDeWe. Nicolai, Berlin 2007, S. 121. Das japanische Warenhaus „Mitsukoshi Nihonbashi“ in Tokio hat die größte Lebensmittelabteilung eines Warenhauses in der Welt. Bilder: Mitsukoshi Nihonbashi und bei Flickr
Im Laufe seiner Geschichte wurde das Kaufhaus des Westens mehrere Male aus- und umgebaut. Achtmal wechselte der Mutterkonzern. Seit 2024 gehören Immobilie und Geschäftsbetrieb alleinig der Central Group.
Geschichte Kaiserreich und Weimarer Republik: Die Ära Jandorf mini|Blick auf die KaDeWe-Fassade, 1907
Der Kaufmann Adolf Jandorf hatte mit seinem Unternehmen A. Jandorf & Co. bis 1905 in Berlin sechs Warenhäuser für den einfachen Bedarf eröffnet.Peter Stürzebecher: Das Berliner Warenhaus. Berlin 1979, S. 84–85. Wie seine Konkurrenten mit dem Wertheim Leipziger Straße (1894) oder dem Warenhaus Tietz (1900), ebenfalls an der Leipziger Straße,Abbildung: Warenhaus Tietz, Leipziger Straße. wollte auch er ein repräsentatives Angebot für die gehobenen Konsumwünsche der wilhelminischen Elite machen. Jandorfs siebte Filiale sollte nun „die verwöhnten Ansprüche der oberen Zehntausend, der obersten Eintausend, der allerobersten Fünfhundert“ befriedigen, wie die Wochenzeitschrift Roland von Berlin schrieb.Caro Maurer: Wirtschaft – Kaufrausch zwischen Palmen. In: General-Anzeiger (Bonn), 31. Dezember 1998. Mit einer eigens dafür gegründeten gleichnamigen GmbH, an der sich sein Partnerunternehmen M.J. Emden Söhne (Hamburg) mit vier Prozent beteiligte, begann Jandorf 1905 unter dem Namen Kaufhaus des Westens mit den Planungen für das neue Haus. Die Bezeichnung Kaufhaus sollte sich vom gewöhnlichen Warenhaus und Engros-Lager absetzen. Die Abkürzung KaDeWe war von Anfang an gebräuchlich und orientierte sich nach Angaben einer Festschrift von 1932 an der damals in den USA üblich gewordenen Abkürzung von Firmennamen.Max Osborn, Franz Arnholz: Kaufhaus des Westens – KaDeWe 1907–1932. (Jubiläumsschrift, 25 Jahre), Berlin 1932, S. 8.
Der Begriff Westen bezog sich dabei auf die großen städtebaulichen Erweiterungen von Tiergarten, Charlottenburg und Wilmersdorf aus der Zeit nach der Gründung des Deutschen Kaiserreichs 1871, die inoffiziell unter der Bezeichnung Neuer Westen zusammengefasst wurden. Ein wichtiges Motiv für Jandorfs Standortwahl war neben der Anbindung an das Straßenbahnnetz die zusätzliche verkehrstechnische Erschließung des damals noch abgelegenen Gebiets am östlichen Rand Charlottenburgs durch den Bahnhof Wittenbergplatz. Dieser befindet sich unmittelbar neben dem KaDeWe und war eine Station auf der Stammstrecke der neuen Hoch- und Untergrundbahn, die bereits 1902 eröffnet worden war. Das KaDeWe lag in der damals noch selbstständigen Stadt Charlottenburg und nach der Bildung von Groß-Berlin im Jahr 1920 im gleichnamigen Stadtbezirk. Die Berliner Gebietsreform mit Wirkung zum 1. April 1938 hatte zahlreiche Begradigungen der Bezirksgrenzen sowie einige größere Gebietsänderungen zur Folge. So wurde auch das bis dahin zu Charlottenburg gehörende Areal um den Wittenbergplatz mit dem KaDeWe dem Stadtbezirk Schöneberg zugeschlagen, heute Bezirk Tempelhof-Schöneberg, Ortsteil Schöneberg.100 Jahre KaDeWe: Purer Luxus auf 60.000 Quadratmetern. In: stern, 1. März 2007: „Man nennt es in einem Atemzug mit Harrods in London oder den Galeries Lafayette in Paris: das Berliner Kaufhaus des Westens (KaDeWe). In diesem Jahr wird Deutschlands bekanntestes Kaufhaus 100 Jahre alt.“Birgitt Eltzel: Das KaDeWe wird geliftet. Karstadt-Konzern will Deutschlands bekanntestes Kaufhaus umbauen – und jüngere Kunden gewinnen. In: Berliner Zeitung, 23. Januar 2004.Pssst! Das KaDeWe, Deutschlands berühmtestes Kaufhaus, ist 95 Jahre geworden. In: Die Welt, 20. April 2002.
Mit der Konzeption und Durchführung wurde der Architekt Johann Emil Schaudt beauftragt. Er entwarf ein fünfgeschossiges Gebäude aus Eisenbeton mit rund 24.000 Quadratmetern Verkaufsfläche in einem sachlichen neoklassizistischen Stil. Der Publizist Leo Colze definierte den Baustil als „modernisierte italienische Renaissance“.Leo Colze: Berliner Warenhäuser. Fannei & Walz, Berlin 1989, Nachdruck der Erstausgabe von Verlag Hermann Seemann Nachf., Berlin & Leipzig 1908, ISBN 3-927574-03-1, S. 22. Die Fassade bestand aus fränkischem Muschelkalk aus Jandorfs Heimat. Binnen eines Jahres wurde das Gebäude fertiggestellt.Nils Busch-Petersen: Adolf Jandorf. Vom Volkswarenhaus zum KaDeWe. Hentrich & Hentrich, Berlin 2008, S. 44. Wegen einer baupolizeilichen Einschränkung wurde die Fassade horizontal wie bei einem Wohnhaus gegliedert, die durch zwei Mittelrisaliten unterbrochen wurde. Die Vorschrift zielte darauf ab, den Glanz von verglasten Fassaden wie beim Warenhaus Tietz in der Leipziger Straße zu verhindern, und war Teil einer von kleinen Einzelhändlern ausgehenden Kampagne gegen die neue Betriebsform Warenhaus.Busch-Petersen, 2008, S. 48. Auf eine bei Jandorfs Warenhäusern übliche Eckrundung des Gebäudes wurde verzichtet, zeitgenössische Beobachter schrieben von einem „ruhevollen Anblick einer schön gegliederten und trotz ihrer Größe recht behaglichen Hauptfront.“Zitiert nach Peter Stürzebecher: Das Berliner Warenhaus. Berlin 1979, S. 35. Anstelle eines glasüberdachten Lichthofes über alle Etagen hinweg, der zum Standard großer französischer und deutscher Warenhäuser geworden war,Peter Stürzebecher: Das Berliner Warenhaus. Berlin 1979, S. 17 f. entschied sich Schaudt zu einer zweigeschossigen Eingangshalle in der Mitte des Gebäudes (22 m × 23,5 m). Diese Bescheidung in Maß und Proportion wurde nach den vorangegangenen architektonischen Überbietungen der Berliner Warenhäuser von Architekturkritikern als wohltuend empfunden. Leo Colze: Berliner Warenhäuser. Fannei & Walz, Berlin 1989, S. 22.
Vor der Eröffnung ließ Jandorf in den Tageszeitungen technisch erstmals möglich gewordene ganzseitige Bildinserate des Jugendstil-Grafikers August Hajduk schalten. Diese gänzlich neue Form der Werbung erregte damals großes Aufsehen und sorgte für das Tagesgespräch der Berliner.Leo Colze: Berliner Warenhäuser, Fannei & Walz, Berlin 1989, S. 78. Bald darauf ahmten auch andere Berliner Warenhäuser diesen ansprechenden Anzeigenstil nach.
Am 27. März 1907 fand die Eröffnungsfeier des Kaufhaus des Westens statt. Für sein neues Warenhaus erhoffte sich Jandorf eine offizielle Aufwertung durch den Besuch eines hohen Repräsentanten des wilhelminischen Kaiserhauses wie etwa beim Kaufhaus Wertheim in der Leipziger Straße durch Wilhelm II. im Januar 1910. Der kaiserliche Besuch ließ auf sich warten, doch dafür machte im August 1907 ein zweitägiger Aufenthalt des siamesischen Königs Rama V. im KaDeWe den erwünschten Eindruck auf Adel und Bürgertum.
Jandorf konzipierte sein Warenhaus nach dem Vorbild amerikanischer Warenhäuser, indem er viele kleine Fachgeschäfte in 120 Abteilungen unter einem Dach vereinte. Innenarchitekt Franz Habich, der zuvor das Münchner Kaufhaus Oberpollinger ausgestattet hatte,H.: Die beiden neuen Warenhäuser in München. (PDF; 18,9 MB) In: Deutsche Bauzeitung, 15. Juli 1905, Jg. 39, No. 56, S. 325–341, S. 339. ließ die Eisenträger mit Naturstein ausbauen und mit hartem australischen Moaholz täfeln. Das Interieur wurde als „gediegen“ und „modern“ empfunden,In: Antonia Meiners: 100 Jahre KaDeWe, Nicolai, Berlin 2007, S. 37 aber nicht überladen gestaltet und mit moderner Technik ausgerüstet. Ein Rohrpostsystem aus britischer Fertigung verband 150 Zahlstellen im Haus mit der Zentralkasse. Aufgrund der hohen Reparaturanfälligkeit dieses Fabrikats wurde die Anlage mit 18 Kilometern Rohrleitungen schon nach wenigen Jahren durch Registrierkassen ersetzt. Anstatt der verbreiteten Gasbeleuchtung gab es Kohlefadenlampen für elektrisches Licht. Zusätzliche Kundendienstleistungen wie dreizehn Personenaufzüge, jeweils ein Frisiersalon für Damen und Herren, Wechselstube, Bankfiliale der Deutschen Bank, Leihbibliothek, Fotoatelier und ein Teesalon erhöhten die Attraktivität. Diese Vielfalt an Dienstleistungen boten auch andere gehobene Warenhäuser an wie etwa das Berliner Kaufhaus Wertheim Leipziger Straße (Friseur, Leihbibliothek, Bank, Postamt). Die halbrund vorkragenden Risalite beiderseits des Haupteingangs enthielten Treppenräume, über dem Eingang platzierte Schaudt einen kleinen Balkon, über dem wiederum eine Uhr aus Bronze mit einem Zifferblatt von drei Metern Durchmesser hing. Zu einer bestimmten Uhrzeit öffneten sich zwei Tore beiderseits der Uhr. Daraufhin wurde das Uhrwerk von einer bronzenen Hansekogge mit vollen Segeln umrundet, dem Wahrzeichen des KaDeWe, gleich den Figurenspielen an den Uhren der Kathedralen und alten Rathäuser.Leo Colze: Berliner Warenhäuser. Fannei & Walz, Berlin 1989, Nachdruck der Erstausgabe von Verlag Hermann Seemann Nachf., Berlin & Leipzig 1908, S. 23. Die holzgetäfelte und kassettierte Eingangshalle wurde von zwei seitlichen Marmorportalen des Bildhauers Georg Wrba zu den Lichtschächten bzw. Innenhöfen hin flankiert. In beiden Höfen waren kleine Gärten mit Springbrunnen für die Kunden angelegt, die nach Ruhe und Muße suchten.
Schon bald wurde das Warenhaus durch sein modernes und exquisites Angebot an Waren und Dienstleistungen zu einer der beliebtesten Kaufadressen Berlins. Die Tauentzienstraße wandelte sich von einer reinen Wohnstraße zu einem Einkaufsboulevard, immer mehr Ladengeschäfte mieteten sich im Erdgeschoss der Wohnhäuser ein. Zugleich wurde das Gebiet um die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche international interessant: „Hier weht Weltstadtluft. Zahlreiche Amerikaner, Engländer, Franzosen, Italiener, ja selbst Asiaten, haben sich hier niedergelassen und bevölkern die eleganten Boardinghouses und Pensionen. Theater werden gebaut. Alle Plätze bekommen Merkmale, die Ecksteine des Aufblühens ihrer Umgebung sind.“Leo Colze: Berliner Warenhäuser. In: Großstadtdokumente, Band 47. Verlag Hermann Seemann Nachf., Berlin / Leipzig 1908, S. 12, Nachdruck bei Verlag Fannei & Walz, Berlin 1989, ISBN 3-927574-03-1, S. 15, ghi-dc.org (PDF; 52 kB) S. 9–13. Derselbe Prozess vom gehobenen Wohnviertel zum Dienstleistungszentrum vollzog sich in der Leipziger Straße und ab 1929 nach dem Neubau des Warenhauses Karstadt am Hermannplatz.Peter Stürzebecher: Das Berliner Warenhaus. Berlin 1979, S. 49. Mit dem Aufstieg des Neuen Westens, vor allem von Kleist-, Tauentzienstraße und Teilen des Kurfürstendamms, zu einem neuen Geschäftsschwerpunkt ging die anfängliche Bedeutung der Potsdamer Straße und ihrer Querstraßen zurück.Peter Stürzebecher: Das Berliner Warenhaus. Berlin 1979, S. 19. Der Kunsthistoriker Max Osborn äußerte über den Strukturwandel des Bezirks:
mini|links|Luftbild Wittenbergplatz mit KaDeWe (obere Bildmitte), 1920