Die Sammlung Varnhagen (Varnhagen von Ensesche Sammlung) ist der Nachlass von Ludmilla Assing, der neben ihren eigenen Papieren und Kunstwerken mehrere literarische Nachlässe und die von ihrem Onkel Karl August Varnhagen von Ense angelegte Autographensammlung enthält. Die Sammlung reicht von der Frühaufklärung über Sturm und Drang, Klassik und Romantik bis zur Revolution von 1848/49, die Reaktionsära und die beginnende Arbeiterbewegung; neben Dokumenten aus dem deutschen Sprachraum enthält sie solche zur französischen, englischen, italienischen, russischen und amerikanischen Literatur- und Kulturgeschichte. gerahmt|Kasten der Sammlung Varnhagen

Entstehungsgeschichte Karl August Varnhagen von Ense war 1785 als Sohn eines aufgeklärten Arztes in Düsseldorf zur Welt gekommen. Nach dem Tod des Vaters begann er ein Medizinstudium und widmete sich literarischen Projekten. Schon als Student hegte er Interesse für Autographen und führte ein Stammbuch, „das wie die Lade einer Meistergilde voll Dichterhandschriften war“.A. v. Arnim an C. Brentano, 1. Juli 1806. Freundschaftsbriefe Hrsg. v. Hartwig Schultz, Bd. 1, Frankfurt a. M. 1998, S. 408 Mit später berühmten Freunden wie Adelbert von Chamisso, Friedrich de la Motte Fouqué und Justinus Kerner, die zum Dichterkreis des Nordsternbundes zählten, wechselte er Briefe in winziger Perlschrift.

Die jüdische Salonière Rahel Levin in Berlin, die er nach sechsjähriger Verlöbniszeit 1814 heiratete, unterhielt ebenfalls ein großes Netzwerk internationaler Brieffreundschaften. Rund 6000 Briefe von ihr, die Varnhagen schon vor ihrem Tod bei ihren Briefpartnern einzusammeln begann, sind mit entsprechenden Antwortschreiben in der Sammlung überliefert. Die daraus hervorgegangenen Werke Rahel. Ein Buch des Andenkens für ihre Freunde (1833/1834) und Galerie von Bildnissen aus Rahel’s Umgang und Briefwechsel sowie seine eigenen biographischen Schriften empfahlen Varnhagen als Herausgeber von Werken Verstorbener (so sollte er ursprünglich die Werke Lessings edieren, was dann Karl Lachmann an seiner Stelle übernahm); nicht selten wurden ihm ganze Nachlässe zur Auslese überlassen. Als Diplomat, Autor und Kritiker korrespondierte Varnhagen unter anderem mit Goethe, Alexander von Humboldt, Heine und dem Fürsten Pückler.

Der Ausbau zu einer umfassenden Sammlung von Lebenszeugnissen (teils auch ohne persönlichen Bezug zum Ehepaar Varnhagen und aus vorangegangenen Epochen) begann im Juli 1841. Seitdem versandte der Sammler Wunschlisten begehrter Autographen in alle Welt. Von Bettina von Arnim erhielt Varnhagen beispielsweise im September 1856 „an tausend handschriftliche Blätter geschenkt“Karl August Varnhagen von Ense an Alexander von Humboldt, 13. September 1856. In: Briefe von Alexander von Humboldt an Varnhagen von Ense. F. A. Brockhaus, Leipzig 1860, S. 319 (Digitalisat). Ansonsten tauschte er Schätze bei befreundeten Sammlern ein wie Richard Zeune und Heinrich von der Tann; nur selten erwarb er Briefe durch Ankauf wie die Korrespondenz Rahels mit Pauline Wiesel von der Empfängerin oder private Aufzeichnungen des Rahel-Freundes Friedrich von Gentz von dessen Sohn Joseph Gentz. Kennzeichnend für diese Autographensammlung ist allerdings auch, dass sie nicht bloß die Handschriften prominenter Persönlichkeiten, sondern beispielsweise solche von wenig bekannten jüdischen Freundinnen Rahels oder des Dienerehepaars Karl und Wilhelmine Ganzmann enthält. Das Sammlerinteresse galt so unterschiedlichen Gruppen wie dem aufgeklärten Adel und dem liberalen Judentum, der preußischen Generalität und der jungdeutschen Opposition.

Mit seiner Nichte Ludmilla Assing kam 1842 auch der Nachlass ihrer Eltern Rosa Maria, geb. Varnhagen, und David Assing, die einen großen Dichterfreundeskreis pflegten, nach Berlin. Während Ludmilla in den Umgang mit dem Archiv eingearbeitet wurde und beispielsweise Abschriften von Briefgeschenken für die Stifter anfertigte, wanderte ihre Schwester Ottilie in die USA aus und steuerte von dort Autographen bei. Nach Varnhagens Tod am 10. Oktober 1858 unternahm Assing erste Editionen aus ungedruckten Beständen. Die Briefe von Alexander von Humboldt an Varnhagen von Ense (1860), in denen auch Autographengeschenke Alexander von Humboldts gedruckt wurden, erlebten fünf Auflagen in wenigen Wochen. Sie lösten einen politischen Skandal aus und wurden kurzfristig verboten; desgleichen die 14-bändigen Tagebücher aus dem Nachlaß von K. A. Varnhagen von Ense (1861–1870), die der Herausgeberin steckbriefliche Verfolgung und Exil einbrachten. Von Florenz aus setzte sie die Herausgeber- und Sammeltätigkeit fort, veröffentlichte zahlreiche Briefwechsel ihrer Tante Rahel und konnte das Archiv noch um mehrere Schenkungen und Nachlässe, beispielsweise den des Fürsten Pückler erweitern.

In ihrem Testament vom 15. Juli 1876 verfügte Ludmilla Assing die Schenkung der Sammlung Varnhagen an die Königliche Bibliothek zu Berlin, heute Staatsbibliothek zu Berlin unter der Bedingung, dass sie unter dem Namen Varnhagens zusammengehalten, in einem besonderen Zimmer aufgestellt und der öffentlichen Benutzung überlassen werde.

Umfang und Struktur Die Sammlung Varnhagen enthält

Bücher: rund 2900 seltene, oft handschriftlich annotierte Werke der sogenannten Bibliothek Varnhagen (nicht zu verwechseln mit der Varnhagenschen Bibliothek, die der Familienzweig seit dem 16. Jahrhundert in Iserlohn bewahrte). Sie sind heute unter der Sondersignatur „Bibl. Varnhagen“ in der Staatsbibliothek aufgestellt.

Kunstwerke: ein Ölbild, ca. dreißig Bildnisse in Tempera und Pastell, Rahel-Porträts u. a. von Peter Friedel,Peter Friedel: Bildnis Rahel Varnhagen von Ense (um 1800), Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz (Digitalisat) Moritz DaffingerMoritz Daffinger: Bildnis Rahel Varnhagens von Ense, Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz (1818) (Digitalisat) und Wilhelm HenselWilhelm Hensel: Bildnis Rahel Varnhagen (1822), Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz (Digitalisat), mehrere Medaillons in Bronze und Gips, darunter das Reliefporträt Rahels von Friedrich Tieck aus dem Jahr 1796, erneuert 1836;Friedrich Tieck: Rahel 1796 (1836), Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz (Digitalisat) eine Marmorbüste K. A. Varnhagens von Elisabeth Ney (1857),Fotografie der Varnhagen-Büste von Elisabeth Ney (2000), Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz (Digitalisat) Bleistiftzeichnungen, Albumblätter, darunter solche der Malerin Alwina Frommann, Silhouetten in Bunt- und Schwarzpapier, DaguerreotypienVgl. Friedrich Wilhelm Halffter: Daguerreotypie von Karl August Varnhagen von Ense (1853), Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz (Digitalisat); eine zweite Version, bei welcher der Dargestellte seine Brille trägt, befindet sich in der Zentralbibliothek Zürich im Nachlass von Gottfried Keller und als Holz- oder Stahlstich gedruckte Porträts.Vgl. die Lithographie von Julius Kuhr nach einem Porträt Karl August Varnhagens von Johann Joseph Schmeller, Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz (Digitalisat)

Gedrucktes: Theaterzettel, Flugschriften und Flugblätter, zahllose Artikel aus teils verschollenen, teils von der Zensur unterdrückten Journalen.

Handschriften: Notizen und Aufzeichnungen, darunter Varnhagens tägliche Aufzeichnungen: die Tagesbemerkungen (1819–1830) und Tagesblätter (1834–1858), zahlreiche weitere Manuskripte verschiedener Autoren, Briefe von und an 9.000 Personen im Umfang von vielen hunderttausend Blatt.

Diverses: einen Globus, eine Schnupftabakdose, ein collagiertes Visitenkartenalbum, Rahel Varnhagens Haushaltsbuch, Blumenandenken, Haarlocken,Vgl. den von Ludmilla Assing beschrifteten Umschlag: „Haarandenken von meinem geliebten Onkel Varnhagen von Ense“. Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz (Digitalisat) Rezepte, Schachaufgaben und vieles andere mehr.

Die Autographen wurden mit Varnhagens Besitzvermerk oben rechts und oft auch mit einem Hinweis auf die Provenienz gekennzeichnet. Ihre Ablage erfolgte personenbezogen und alphabetisch sortiert; oft enthalten diese Konvolute weitere Flugschriften oder Zeitungsausschnitte. In vielen Fällen liegen Notizzettel mit Lebensdaten und charakteristischen Anekdoten der jeweiligen Schreiber bei.

Auch die von 1834 bis 1858 geführten Tagesblätter, tägliche Aufzeichnungen Varnhagens (bisher nur zu circa einem Drittel als Tagebücher gedruckt worden) enthalten als Beilagen weiteres handschriftliches und gedrucktes Material, beispielsweise Barrikadenpläne und Flugblätter aus der Revolution von 1848. Zu dem Material aus den und über die Familien Varnhagen und Assing enthält die Sammlung umfassende Nachlässe oder Teilnachlässe von Bettina von Arnim, Hermann von Pückler-Muskau, Apollonius von Maltitz, Ludwig Robert und Johannes Schulze.

Außer Lebenszeugnissen aus dem deutschsprachigen Raum finden sich auch Dokumente zur Französischen Revolution, zur Abolitionismusbewegung in den USA sowie zum italienischen Risorgimento sowie hebräische Handschriften. Einzelne Handschriften aus Südostasien und Indien gelangten als Schenkungen britischer Korrespondenten in die Sammlung.

Standorte Zwar wurde das von Ludmilla Assing verlangte Varnhagen-Zimmer 1892 von Wilhelm Grützmacher 1892 eingerichtet, doch in den Jahren nach 1881 verhinderten die königlich-preußischen Bibliothekare über zwei Jahrzehnte lang den öffentlichen Zugang zu der als skandalträchtig geltenden Sammlung Varnhagen.Vgl. Nikolaus Gatter: Wohin meine Landsleute jederzeit leicht anreisen können: Ludmilla Assings Vermächtnis – die Varnhagensammlung. In: Monika Jaglarz / Katarzyna Jaśtal (Hrsg.): Bestände der ehemaligen Preußischen Staatsbibliothek zu Berlin in der Jagiellonen-Bibliothek. Forschungsstand und -perspektiven. Peter Lang, Berlin 2018 (Geschichte – Erinnerung – Politik, Bd. 23), S. 313–327 Die Nachkommen von Bettina von Arnim und Clemens Brentano, vertreten durch Bettines Schwiegersohn Herman Grimm, boten alle juristischen Mittel auf, Brentano-Briefe aus dessen unglücklichen Liebes- und Eheverhältnissen mit Auguste Bußmann und Sophie Mereau entweder zu sekretieren oder aus dem Kontext der Sammlung herauszulösen und beschuldigten Varnhagen von Ense der rechtswidrigen Einbehaltung geliehener Dokumente und ihrer Verstümmelung, ein Vorwurf, der nie belegt wurde und den Hannah Arendt in ihrer Biographie Rahel Varnhagen wiederholt und weiter ausschmückt. Lujo Brentano bot schließlich das Dramenmanuskript Aloys und Imelde von Clemens Brentano zum Tausch an und erreichte 1911, Blätter und Briefe aus dessen Konvolut auszusortieren, die ihm bedenklich erschienen.Acta, betreffend Geschenke und Vermächtnisse … Geheimes Staatsarchiv Berlin-Dahlem, Rep. 72-Vc Selt. 2 Tit XXIII Litt B Nr. 44, Bd. 2 Über Schwierigkeiten bei der Benutzung klagte auch der Germanist Heinrich Hubert Houben, der Register zu den Varnhagenschen Tagebüchern und zu den Zeitschriften des Junges Deutschlands erstellte.