mini|Blick von Süden aus der Weinbergstraße Die evangelische Kirche St. Marien in Eilenburg wird wegen ihrer Lage im Stadtteil Berg auch Bergkirche genannt. Der ursprüngliche romanische Bau wurde von 1516 bis 1522 in eine spätgotische Hallenkirche umgestaltet. Historische Bedeutung hat die Kirche als Lutherstätte.
Geschichte
Gründung der Kirche
Die Entstehungszeit der Kirche ist unbekannt bzw. umstritten, die Umstände der Entstehung sind dagegen weitgehend geklärt. Der Standort befindet sich südwestlich der Burg Eilenburg. Dieser Burgward wurde wohl um 907 errichtet und 961 in einer Urkunde Ottos I. als civitas Ilburg erstmalig erwähnt. Für dessen Besatzung wurde mit der Petruskapelle eine eigene kleine Kirche innerhalb der Burgmauern errichtet, die im Dreißigjährigen Krieg zerstört wurde. Da für die Missionierung der umliegenden sorbischen Siedlungen diese Kapelle aus Sicherheitsgründen nicht in Frage kam, erfolgte der Bau einer weiteren Kirche vor den Toren der Burg. Zunächst soll es sich dabei um einen Holzbau gehandelt haben und den Namen Unser Lieben Frauen getragen haben.Geschichte der Stadt Eilenburg chronologisch in Auszügen, entnommen, überarbeitet und zusammengestellt aus Chroniken, Sachbüchern und Abhandlungen von Siegfried Buchhold ()
Als frühester Zeitpunkt der Gründung kursiert dabei die Jahresangabe 940.Marienkirche auf den Seiten der Stadt Eilenburg (abgerufen am 21. Juni 2022) Dieses Jahr nennt auch die Hinweistafel des Historischen Stadtrundgangs am Kirchengebäude. Damit fiele der Bau der Marienkirche in die Zeit kurz nach der Gründung des Moritzklosters in Magdeburg, dem der Burgward unterstand und an das der Kirchenzehnt abgeführt werden musste.Rolf Vettermann, Andreas Flegel: Geschichte der Stadt Eilenburg. Kapitel 1 bis 3, Eilenburg 1989, S. 26. Der Stadtchronist Jeremias Simon geht in seiner 1696 erschienenen Eilenburgischen Chronica von einem Bau unter Friedrich I. von Wettin im Jahr 999 oder 1000 aus.Eilenburgische Chronica/ Oder Beschreibung Der sehr alten Burg/ Schlosses und Stadt Eilenburg/ Nach dero Situation oder Lager/ Benahmung/ alten Einwohnern/ Uhrsprung und Erbawung ... Religion, Nahrung und Bequemligkeit/ Regenten und Beambten ... Ingleichen was so wohl in Kriegs- als Friedens-Zeiten/ daselbst und in der umligenden Gegend ... sich vor Denckwürdiges begeben und zugetragen. Aus vielen alten und neuen bewehrten Autoribus, wie auch andern glaubwürdigen Schrifften und Archiven ... zusammen getragen ... / Von M. Jeremias Simon/ Käyserl. gekr. Poeten und Pfarrern zu Limehna. Leipzig, Lanckisch, 1696. Online-Ausgabe: Halle (Saale), Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt, 2008 (online). Carl Geißler (1831) hat diese Angabe übernommenCarl Geißler: Chronik der Stadt Eilenburg und der Umgebung. Delitzsch 1831, S. 42 (Digitalisat)., ebenso Siegfried Buchhold (2012). Der Chronist Ferdinand Gundermann (1879) geht von einer Erbauung etwa zeitgleich mit der Nikolaikirche aus, gibt jedoch keine konkrete Jahreszahl an.Ferdinand Gundermann: Chronik der Stadt Eilenburg, Becker, Eilenburg 1879, S. 347. Ähnlich äußern sich Vettermann und Flegel (1989) und datieren beide Eilenburger Kirchen sowie die abgegangene Petruskapelle in das ausgehende 10. Jahrhundert.Rolf Vettermann, Andreas Flegel: Geschichte der Stadt Eilenburg. Kapitel 1 bis 3, Eilenburg 1989, S. 26–27.
Die hölzerne Kirche soll um 1140 in Stein neu erbaut worden sein. Die ältesten erhaltenen Bauteile der Marienkirche stammen aus der Romanik und gehören in das 12. Jahrhundert. Es sind dies Reste von Kämpfernfriesen mit Palmettenornament am Triumphbogen, Fensternischen an der Nord- und Südwand sowie eine romanische Säulenbasis, die in umgekehrter Position an der Turmtür als Sitz wiederverwendet wurde. Sie beweisen einen romanischen Vorgängerbau, erlauben jedoch keine genaue Datierung desselben. Im 13. Jahrhundert erfolgte der Anbau der Sakristei.
Spätgotischer Umbau Das heutige Erscheinungsbild der Kirche geht auf einen Umbau zwischen 1516 und 1522 zurück. Dabei wurden das Langhaus und der Chorraum als Backsteinbau mit Hausteingliedern teilweise neu aufgerichtet und ein Netzgewölbe eingefügt, dessen Ausmalungen bis heute erhalten blieben.
Die Portalvorhalle, das Sakristeiobergeschoss und der Turm wurden völlig neu erbaut.
Reformation und Renaissanceumbauten Historische Bedeutung erlangte die Kirche in der Reformationszeit. 1521 wurde auf Martin Luthers Betreiben Gabriel Zwilling als evangelischer Pfarrer für Eilenburg eingesetzt. Zwilling prangerte das bestehende System an. Am Neujahrstag feierte dieser in weltlichem Gewand in der Marienkirche einen Abendmahlsgottesdienst mit Protestanten aus Eilenburg und den umliegenden Gemeinden, sogar aus Wurzen und Leipzig reisten Gläubige an. Im Mai 1522 verfasste Luther auf dem benachbarten Schloss Eilenburg einen Brief, in dem er sich für einen protestantischen Pfarrer für Eilenburg einsetzte. Luther predigte bei dieser Gelegenheit in der Marienkirche. Wenig später wurde der Magdeburger Domprediger Andreas Kauxdorf als erster evangelischer Pfarrer inauguriert. Luther predigte nachweislich noch 1536 und 1545 in St. Marien.
Bei der Kirchenvisitation 1530, an der Justus Jonas, Georg Spalatin, Benedict Paach, Sebastian von Kötteritz und Bernhard von Hirschfeld teilnahmen, wurde der Wirkungskreis der nun lutherischen Prediger neu geordnet. Aus der Pfarrei Eilenburg mit ihren zwei Kirchen wurden nun zwei eigenständige Gemeinden. Zur Bergkirche waren nun die westlichen Vorstädte Hintersteinweg, Leipziger Steinweg, Sand, Tal und Zscheppelende, die Dörfer Wedelwitz, Kospa, Hainichen und Zschettgau, die Güter Berg und Eulenfeld sowie einzelne Häuser an den Weinbergen und in der Fischeraue eingepfarrt.Carl Geißler: Chronik der Stadt Eilenburg und der Umgebung. Delitzsch 1831, S. 84–85 (Digitalisat). Diese Trennung hatte bis 2002 Bestand, als beide Gemeinden wieder verschmolzen wurden.
Im 17. Jahrhundert erhielt die Kirche eine neue Innenausstattung, so etwa 1603 ihre erste Orgel und 1625 ihr aus drei neuen Glocken bestehendes Geläut, außerdem den Taufstein, den Altaraufbau und die Emporen.
Spätere Umbauten 1851 wurde das Innere der Kirche erneut umgestaltet, wobei die Kanzel, auf der einst Luther gepredigt hatte, versetzt oder möglicherweise ersetzt wurde.
Während die Nikolaikirche in der Eilenburger Innenstadt am Ende des Zweiten Weltkrieges bis auf die Außenmauern zerstört wurde, blieb die Marienkirche von einem Totalverlust verschont. Doch auch hier hatte amerikanisches Artilleriefeuer einen Pfeiler und Teile des Gewölbes zerstört. Außerdem war der Verlust aller Fenster zu beklagen. Die Weltkriegsschäden wurden in Jahren 1946 bis 1948 ausgebessert.
Verfall und Wiederaufbau von 1949 bis heute
Nach einem mehrjährigen Leerstand in den 1970er-Jahren hatte sich der Zustand des Bauwerks deutlich verschlechtert. Durch Schäden am Dach drang Wasser in die Mauern und das Gebäude ein. Außerdem war die Kirche zahlreichen Einbrüchen und Vandalismus ausgesetzt. Bei einer Bestandsaufnahme 1980 wurden schwere Mauerwerksschäden festgestellt. Der Putz war großflächig abgefallen und einzelne Steine hatten sich aus dem Mauerwerksverband gelöst. Im Inneren hatten die Emporen und das Gestühl schwere Nässeschäden erlitten. Alle Fenster und Lampen waren eingeschlagen, die Orgel war durch Vandalismus und Plünderung schwer beschädigt. Archivgut des Kirchenkreises, das nach dem Krieg vom Amtsgericht in die Marienkirche gebracht worden war, war durch Einbrecher größtenteils vernichtet worden. Noch erhaltene Akten und Hefter wurden an das Konsistorium in Magdeburg abgegeben.vgl. die Ausführungen der ehemaligen Pfarrerin Maria Krien in der Dauerausstellung in der Kirche (Stand Mai 2022)
Ab 1980 begann die schrittweise Sanierung durch Freiwillige und in Feierabendarbeit. Zunächst wurden die Südseite des Dachs (1980) sowie die Fassade und die Fenster (1981/82) instand gesetzt. Um neuerlichen Einbrüchen und Sachbeschädigung vorzubeugen, wurde der äußere Zugang zur Sakristei zugemauert und wurden die Fenster von außen mit Gittern versehen. Die innere Renovierung begann mit der Sakristei (1983), danach folgte der Chor (1984). 1985 fanden die Arbeiten im Langhaus statt, bei denen die alten Gewölbemalereien freigelegt und fachgerecht restauriert wurden. Die Zusammenarbeit mit der Denkmalschutzbehörde gestaltete sich schwierig. Während das Dach und die Fenster den Vorgaben entsprachen, sind die Putzarbeiten nicht denkmalgerecht ausgeführt worden. Am Turm wurden die historischen Gesimse zunächst abgeschlagen und die Flächen glatt verputzt. Schließlich mussten die Simse in Zement nachgebildet werden.
1987 wurde die wiederhergestellte Kirche feierlich eingeweiht. Die Restaurierung von Taufstein, Kanzel und Altar erfolgte 1989 und 1990, die der Geißler-Orgel 1999/2000.
Das zwischen Marienkirche und Marienstraße stehende Pfarrhaus, welches unter Denkmalschutz stand, musste im Mai 2007 abgerissen werden, da der Hang, auf dem es stand, instabil war. Schon zu DDR-Zeiten war der Hang zur Marienstraße, und etwas vom Pfarrhaus entfernt, auch zur Bergstraße hin, ins Rutschen geraten, konnte aber mit großen Betonelementen vorerst stabilisiert werden.
Baubeschreibung Außenhülle
Die spätgotische Marienkirche ist als Hallenkirche angelegt. Als Baumaterial kam Backstein zur Anwendung. Das dreischiffige Langhaus ist in vier Joche gegliedert. Richtung Osten schließt sich der dem Mittelschiff entsprechende eingezogene Chor an. Dieser ist zweijochig angelegt und schließt dreiseitig ab, so dass ein Fünfachtelschluss entsteht. Nördlich vom Chor schließt sich die zweigeschossige Sakristei an. Westlich vom Langhaus und bündig zu dessen Südmauer befindet sich der etwa quadratische Turm. An der Südwand auf Höhe des zweiten Jochs befindet sich ein zweigeschossiger Portalvorbau mit einem gestaffelten pilastergegliederten Giebel. Die Rundbogennischen und Ecklisenen des Vorbaus sind entfernt worden. Das Kirchenportal ist spitzbogig angelegt und besitzt ein Gewände mit gotischer Profilierung.
Die Fassade wird gegliedert durch Strebepfeiler und die langstreckten spitzbogigen Maßwerkfenster in den Jochen. Ein Sockelgesims und ein Kaffgesims stellen dem eine horizontale Gliederung entgegen. Letzteres war ursprünglich durchlaufend, ist heute aber durch eine Verlängerung der Fenster unterbrochen.Gustav Schönermark: Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunst-Denkmäler der Provinz Sachsen. Herausgegeben von der Historischen Commission der Provinz Sachsen. Sechzehntes Heft. Kreis Delitzsch. Druck und Verlag von Otto Hendel, Halle a. d. S. 1892, S. 86 Für beide Gesimse wurde Rochlitzer Porphyr verwendet. Das Traufgesims ist in Backstein ausgeführt und verputzt. Es trägt ein schiefergedecktes Satteldach. Auf dem First des Chores befindet sich ein schlanker Dachreiter, der von einer Turmkugel bekrönt wird. Der ursprüngliche Stachelknopf befindet sich heute in der Dauerausstellung im Turm der Nikolaikirche. Vom Chordach ausgehend bedeckt ein Schleppdach die Sakristei.