Der Begriff Sharing Economy, seltener auch Share Economy, ist ein sozioökonomisches System zur gemeinsamen Nutzung von Ressourcen. Dies kann durch Beteiligung verschiedener Akteure ermöglicht werden, z. B. Einzelpersonen, Genossenschaften, Online- und Offline-Communitys, Non-Profit-Organisationen und For-Profit Organisationen, digitale Plattformen und den öffentlichen Sektor.Hawlitschek, F., Teubner, T., Gimpel, H. (2018). Consumer motives for peer-to-peer sharing. Journal of Cleaner Production 204, pp. 144–157
Grundsätzlich lässt sich zwischen zwei Arten der gemeinsamen Ressourcennutzung in der Sharing Economy unterscheiden:
Peer-to-Peer (P2P): Zurverfügungstellung und gemeinschaftliche Nutzung durch Einzelpersonen und Vermittlung durch eine Organisation Business-to-Consumer (B2C): Zurverfügungstellung und Vermittlung durch eine Organisation und gemeinschaftlich Nutzung durch Einzelpersonen
Die Sharing Economy gewinnt durch die Nutzung von Informationstechnologien zunehmend an Bedeutung und Interesse. Der Grundgedanke einer gemeinschaftlichen Wirtschaftlichkeit und Nutzung anstelle einer Alleinigen ist jedoch nicht neu und durch die Rechtsform der Genossenschaft etabliert. Auch in eingetragenen Vereinen hat dieses Konzept Tradition, zum Beispiel in Maschinenringen in der Landwirtschaft. Digitale Plattformen, elektronische Marktplätze und soziale Netzwerke ermöglichen nicht nur direkte Interaktion zwischen Nutzern und Organisation, sondern tragen auch maßgeblich zur Skalierbarkeit und Verbreitung des Phänomens bei.Frey, A., Trenz, M., and Veit, D. 2019. “A Service-Dominant Logic Perspective on the Roles of Technology in Service Innovation: Uncovering Four Archetypes in the Sharing Economy,” Journal of Business Economics (89:8–9), pp. 1149–1189. (doi:10.1007/s11573-019-00948-z). Darüber hinaus spielen aber auch soziale Aspekte wie Konsumentenverhalten und -gewöhnung, Wertschätzung von Eigentum bzw. Verzicht darauf eine entscheidende Rolle.Puschmann, T., Alt, R. (2016). Sharing Economy. In: Business & Information Systems Engineering, Vol. 58 (2016). S. 93–99. Aufgrund des wachsenden Interesses und der gesellschaftlichen Bedeutung machte die Cebit „Shareconomy“ 2013 zu ihrem Leitthema.
Definition Verschiedene Publizisten, Journalisten, Firmen und Protagonisten der Sharing Economy verstehen den Begriff mitunter sehr unterschiedlich. Eine allgemein anerkannte Definition bzw. Abgrenzung der Sharing Economy existiert nicht.Teubner, T., 2014, Thoughts on the Sharing Economy. Proceedings of the International Conference on e-Commerce. Vol. 11. S. 322–326. Der Begriff ist eng verwandt mit dem der Collaborative Consumption, der bereits im Kontext von Mitfahrgelegenheiten in den 1970er-Jahren geprägt wurde.Felson, M., Spaeth, J. L. (1978). Community Structure and Collaborative Consumption: A Routine Activity Approach. In: American Behavioral Scientist, Vol. 21, No. 4. S. 614–624. Die Bezeichnung Share Economy wurde 1984 von dem Harvard-Ökonomen Martin Weitzman für einen Buchtitel verwendet. Der Begriff Sharing Economy findet sich vermutlich zuerst im Jahr 2008 bei Lawrence Lessig, allerdings im Sinne eines neuen Paradigmas für den gemeinsamen Konsum und den Tausch ohne Geld. Die Herkunft des Begriffs ist daher umstritten.
Die Publizistin Rachel Botsman war eine der ersten, die sich näher mit dem Phänomen der Sharing Economy im heutigen Sinne beschäftigt und mit ihrem Buch (zusammen mit Ko-Autor Roo Rogers)Botsman, R., Rogers, R. (2010). What’s Mine is Yours: How Collaborative Consumption is Changing the Way We Live. Collins London. und einem TED-Vortrag populär gemacht hat. Sie unterscheidet drei wesentliche Konzepte: redistribution markets (z. B. Ebay), collaborative lifestyles (z. B. Taskrabbit, BlaBlaCarDas Thema "Online-Mitfahrdienste" im Kontext der Sharing Economy wird exemplarisch dargestellt in: ) und product-service systems (z. B. Airbnb). Gemein sind diesen die Faktoren kritische Masse, freie Ressourcen, Gemeinschaftsgedanke und Vertrauen zwischen einander Unbekannten.Hawlitschek, F., Teubner, T., & Gimpel, H. (2016). Understanding the Sharing Economy—Drivers and Impediments for Participation in Peer-to-Peer Rental. In: Proceedings of the 49th Hawaii International Conference on System Sciences (HICSS), S. 4782–4791.Hawlitschek, F., Teubner, T., Weinhardt, C. 2016, Trust in the Sharing Economy. Die Unternehmung – Swiss Journal of Business Research and Practice 70(1), S. 26–44. Den Begriff der Sharing Economy definiert Botsman wie folgt:
Ähnlich betrachtet die Publizistin und Unternehmerin Lisa Gansky das Phänomen der Sharing Economy als Netzwerk, das auf dezentral in einem Netz (Mesh) von Firmen und Privatpersonen eingebrachten Ressourcen basiert:Gansky, L. (2010). The Mesh: Why the Future of Business is Sharing. Penguin.
Dabei wird zwischen Full-Mesh und Own-to-Mesh Modellen unterscheiden. Full-Meshs sind Geschäftsmodelle, bei denen eine zentrale Organisation eine von vielen Personen genutzte Ressource anbietet und managt, wie z. B. die Carsharing-Anbieter Zipcar, Free2move und Stadtmobil. Own-to-Mesh hingegen beschreibt Geschäftsmodelle, bei denen eine zentrale Instanz lediglich als Vermittler in einem mehrseitigen Plattform-Markt auftritt. Beispiele sind Airbnb oder BlaBlaCar.
Der Publizist und Geschäftsführer einer Sharing Economy Plattform Alex Stephany definiert die Sharing Economy wie folgt:Stephany, A. (2015). The Business of Sharing: Making It in the New Sharing Economy. Palgrave Macmillan.
Das französische Netzwerk OuiShare hebt in seiner Definition des Begriffs die Merkmale gemeinschaftlicher Konsum, kollaborative Produktion, kollaboratives Finanzwesen, offen und frei zugängliches Wissen sowie horizontale und offene Verwaltungsstrukturen hervor.
Interpretationen x200px|mini|Mögliche Eingrenzung für Peer-to-Peer Sharing Die Zuordnung eines Geschäftsmodells oder Initiativenkonzepts zur Sharing Economy ist oft nicht eindeutig. Der Gedanke des access over ownership, der sich auf die Besitz- und Eigentumsverhältnisse bezieht, wurde in der Literatur häufig diskutiert.Belk, R. (2014). You are what you can access: Sharing and collaborative consumption online. Journal of Business Research, 67(8), 1595–1600.Hamari, J., Sjöklint, M., and Ukkonen, A. (2016). The Sharing Economy: Why People Participate in Collaborative Consumption. Journal of the Association for Information Science and Technology 67(9), 2047–2059.Moeller, S., Wittkowski, K. (2010). The Burdens of Ownership: Reasons for Preferring Renting. In: Managing Service Quality: An International Journal, Vol. 20, No. 2. S. 176–191. In neuerer Zeit wird der Begriff mit den Thesen des US-amerikanischen Soziologen Jeremy Rifkin in Verbindung gebracht.
In der wissenschaftlichen Literatur werden zur Klassifikation und Abgrenzung von Sharing-Economy-Geschäftsmodellen die Dimensionen Grad der Kommerzialität und Art der Ressource (Produkt/Service-Charakter), bzw. die Kriterien (i) Non-professionalism, (ii) Commercialism, (iii) Temporality und (iv) Tangibility verwendet. Das Schaubild illustriert den durch die Abgrenzungskriterien aufgespannten Raum, dem gemeinhin Geschäftsmodelle der Sharing Economy zuzuordnen sind.
Neben den hauptsächlich mikroökonomisch orientierten Definitionen des Begriffs wird die Sharing Economy auch aus makroökonomischer Sicht betrachtet. In diesem Kontext wird die Sharing Economy als ein entscheidender Faktor bei hybriden Marktmodelle gesehen. Diese basieren auf der Koexistenz klassischer, transaktionsbasierter Märkte neben nicht marktbasierten Modellen. Forschungsgegenstand ist dabei, warum Konsumenten an der Sharing Economy, die an der Schnittstelle beider Modelle angesiedelt ist, teilhaben und diese womöglich den konventionellen Modellen vorziehen.
Aufgrund der verschiedenen Definitionen werden folgende fünf Kriterien für eine Sharing Economy spezifiziert: Online-Plattformen generieren Wertschöpfung oder haben das Potenzial dazu. Brachliegende Kapazitäten von un- oder nur teilweise genutzten Ressourcen können vermarktet werden. Diese Kapazitäten sind allgemein zugänglich oder können zugänglich gemacht werden. Das System wird durch eine Organisation, z. B. auch eine aktive und engagierte Gemeinschaft getragen. Das Ressourcennutzungsverhalten in der Gemeinschaft (access) verändert das Konsumentenverhalten weg von traditionellen Besitzmodellen (ownership).
Wirtschaftliche Bedeutung der Sharing Economy Die Sharing Economy im heutigen Sinne erfährt seit ihrem Aufkommen eine stetig wachsende wirtschaftliche Bedeutung. Eine Studie von PwC schätzt, dass die weltweiten Umsätze für die Sharing-Economy-Teilbereiche travel, car sharing, finance, staffing sowie music & video streaming von $15 Mrd. US$ im Jahr 2015 bis 2025 auf rund 335 Mrd. US$ steigen werden.PricewaterhouseCoopers LLP (2015). The Sharing Economy. Consumer Intelligence Series. Paper abgerufen auf (PDF; 614 kB) pwc.com (englisch) Für den Bereich Mobilität schätzt die Beratungsfirma Roland Berger folgende weltweiten Umsatzpotenziale bis 2020: Car Sharing 3,7–5,6 Mrd. Euro, Ride Sharing 3,5–5,2 Mrd. Euro, Bike Sharing 3,6–5,3 Mrd. Euro und Shared Parking 1,3–1,9 Mrd. Euro.Roland Berger Strategy Consultants GmbH (2014). Shared Mobility: How New Businesses Are Rewriting the Rules of the Private Transportation Game. Think Act. Paper abgerufen auf (PDF; 736 kB) rolandberger.com (englisch)
Ein häufig genanntes Beispiel ist Airbnb. Die Plattform hat weltweit insgesamt bereits über 200 Mio. Gäste vermittelt. Sie listet über 3 Mio. Inserate in 65.000 Städten, bzw. 191 Ländern weltweit. Basierend auf den letzten Finanzierungsrunden ist Airbnb mit rund 25,5 Milliarden US-Dollar bewertet. Eine Studie für den US-Bundesstaat Texas schätzt, dass ein 1-%-Anstieg der Anzahl der Airbnb-Listings dort eine Schmälerung der Hotelumsätze von 0,05 % verursacht.Georgios Zervas et al. (2016). The Rise of the Sharing Economy: Estimating the Impact of Airbnb on the Hotel Industry. Paper abgerufen auf (englisch)
Sharing-Economy-Dienste und -Plattformen spielen auch in Deutschland mittlerweile eine beträchtliche Rolle. So wurden im Jahr 2015 14,6 Mio. Übernachtungen in deutschen Städten über Dienste wie Airbnb, Wimdu und 9flats vermittelt, was etwa 9 % aller Übernachtungen in den 46.400 dauerhaft an Touristen vermieteten Wohnungen ausmacht. Allerdings sind allein in Paris beispielsweise mehr Airbnb-Inserate als in der kompletten Bundesrepublik Deutschland gelistet. In Deutschland sind es insgesamt ca. 40.000. Diese Entwicklung veranlasste auch viele etablierte Unternehmen, selbst Sharing Economy Dienste anzubieten.
Die Zahlen für Deutschland allerdings steigen. So ist die Anzahl der Airbnb-Listings in Deutschland zwischen September 2013 und 2014 um 49 % gestiegen. Die Anzahl der Gäste, die mit Airbnb in Deutschland übernachten, ist um 124 % gestiegen und 133 % mehr Deutsche haben mit Airbnb im Ausland übernachtet.
Die Ride-Sharing-Plattform BlaBlaCar ist in 22 Ländern aktiv, verzeichnet weltweit rund 65 Mio. registrierte Nutzer und vermittelt 20 Mio. Reisende pro Quartal (Stand 2019). Die BlaBlaCar-App (iOS und Android) wurde insgesamt über 15 Mio. Mal heruntergeladen.
Allerdings sind auch andere Trends zu beobachten. Bei Ebay vollzog sich eine Verschiebung von den ursprünglich sehr beliebten Auktionen hin zu Festpreisen,Sales Mechanisms in Online Markets: What Happened to Internet Auctions? (PDF; 648 kB) In: nber.org (englisch) das Unternehmen ist an der Aktienbörse notiert und bietet einen der größten Online-Marktplätze. Dagegen setzen sich viele Sharing-Economy-Modelle am Markt nicht durch. Beispiele sind die Verleih-Apps Whyownit und SnapGoods. Bemerkenswert ist ebenfalls, dass lediglich 44 % der Konsumenten in den USA mit den Angeboten der Sharing Economy vertraut sind und nur 19 % je ein Angebot aktiv genutzt haben. Häufig wird daher auch von einem ungerechtfertigten (Medien-)Hype oder einer Sharing-Economy-Blase gesprochen.