mini|Mustafa Kemal Atatürk, 1925 Das Hutgesetz () aus dem Jahre 1925 gehörte zu den Reform- oder Revolutionsgesetzen Mustafa Kemal Atatürks. Das Gesetz legte für die männliche Bevölkerung der Türkei als erlaubte Kopfbedeckung den Hut fest und untersagte das Tragen der orientalischen Kopfbedeckungen. Für einen Teil der Staatsbediensteten wurde hierdurch das Tragen der neuen „nationalen Kopfbedeckung“ Pflicht. Das Geschehen wird auch als Hutrevolution (Şapka Devrimi) oder Hutreform (Şapka İnkılâbı) bezeichnet. De jure ist das Gesetz noch in Kraft.
Ziele mini|links|300px|Traditionelle Kleidung vor der Kleidungsreform, mit Fes, Kalpak und Sarık (1923) Diese Kleidungsreform verfolgte mehrere Ziele. Die osmanische Gesellschaft spaltete sich in die Träger verschiedener Kopfbedeckungen. Im Zuge des Aufkommens des Nationalgedankens wurde in der türkischen Oberschicht vielfach über die richtige Wahl der Kopfbedeckung als Teil der „nationalen Tracht“ diskutiert. Mit dem Hutgesetz wurde der Hut als „nationale Kopfbedeckung“ durchgesetzt und somit die vorher herrschende Heterogenität, welche Rückschlüsse auf Konfession, politische Überzeugung und Ethnie erlaubte, im Sinne eines einheitlichen Staatsbürgers aufgelöst. Ziel war es auch, das Ansehen des Türken auf internationaler Ebene zu stärken und ihn zu einem Teil der „zivilisierten Welt“ zu machen. Gleichzeitig war es ein optischer Bruch mit der Zeit und als unästhetisch aufgefassten Kleidung des untergegangenen Osmanischen Reiches.
Ein weiteres Ziel war die Bildung einer sichtbaren Profession des Geistlichen Standes (Hodscha). Nur diesem Berufsstand wurde das Tragen des Turbans gewährt. Die neueingerichtete Religionsbehörde Diyanet gab den Hodschas die staatliche Befugnis zum Halten des Gottesdienstes – eine Tätigkeit, die früher jedem offenstand. Mit diesen beiden Reformen war es für die Bevölkerung nun anhand des Turbans ersichtlich, ob der Imam seinen Beruf mit staatlicher Erlaubnis ausführte und zweitens konnte der Staat nun feststellen, ob der Geistliche mit seiner religiösen Kleidung weitere ökonomische Tätigkeiten, die ihm wegen Amtsmissbrauch verboten wurden, betrieb.Hale Yılmaz: Becoming Turkish. Syracuse University Press, 2013, S. 41.
Laut Klaus Kreiser wurde in keinem Land die Art der Kopfbedeckungen so durch staatliche Interventionen reguliert wie in der Türkei. Bernard Lewis betrachtet, unter Einbeziehung der soziohistorischen Bedeutung der Kopfbedeckungen, die Hutrevolution als ein in der türkischen Geschichte bewährtes Mittel der Kulturpolitik und weniger als den Ausdruck eines willkürlichen Despotismus.
Hintergrund: Kulturkampf um Kopfbedeckungen mini|200px|Mahmud II. mit europäischer Uniform und von ihm eingeführten Fes (Gemälde von Wilhelm Heinrich Schlesinger, 1839)
Als geistiger Vorläufer der Hutrevolution wird die von Mahmud II. angeordnete staatliche Fespflicht im Jahr 1827 genannt. Im Zuge einer westlich-orientierten verpflichtenden Neueinkleidung der Beamtenschaft sollte der Fes den damals dominierenden Turban auf Staatsebene und in der Bevölkerung ersetzen und religiöse Unterschiede (sichtbar durch die Kopfbedeckung) kaschieren. Dies rief wütende Proteste konservativer Bevölkerungsschichten hervor, die das Verbot des Turbans als Verrat an islamischen Grundsätzen kritisierten und dem Sultan im Volksmund den Namen „Gâvur Padişah“ (Ungläubiger Sultan) gaben.Necdet Aysal: Tanzimat’tan Cumhuriyet’e Giyim ve Kusamda Çagdaslasma Hareketleri. In: Çagdas Türkiye Tarihi Arastirmalari Dergisi. Band 10, Nr. 22, 2011, S. 3–32 (7)(PDF-Datei; 8,48 MB).
Im Laufe der Zeit entwickelte sich der Fes zu einem patriotischen Symbol der Osmanen, verlor jedoch seine homogenisierende Wirkung mit u. a. dem Aufkommen des Hutes, welcher diesem Konkurrenz machte. Dieser wurde oft, aber nicht ausschließlich, von städtischen Nichtmuslimen als Statussymbol und zur Abgrenzung getragen – in Zeiten des zunehmenden Niedergangs des Osmanischen Reiches und interreligiösen Konflikten zum Ärger vieler muslimischer Bürger. So erzählt Falih Rifki Atay in seinen Memoiren, dass die Bevölkerung die Giauren in drei Kategorien einteilte, den besonnenen Ungläubigen, den normalen Ungläubigen und als schlimmste Kategorie den Ungläubigen mit Hut (şapkalı gavur). Auch Teile der muslimischen Oberschicht, Diplomaten und Intellektuelle begannen Hut zu tragen. Um das Eindringen des Hutes in die osmanische Beamtenschaft zu stoppen, verbot Abdülhamid II. 1877 den Hut und drängte auf die Beibehaltung des Fes. Hutträger mussten mit Entlassung und Freiheitsentzug rechnen.Hale Yılmaz: Becoming Turkish. Syracuse University Press, 2013, S. 25.
Einen weiteren Schlag erhielt der Fes durch die Jungtürken. Da der Fes – als das patriotische Symbol der Osmanen – gegen Anfang des 20. Jahrhunderts zu einem großen Teil im Ausland, und besonders im politisch-verfeindeten Österreich-Ungarn produziert wurde (siehe Bosnische Annexionskrise), wurde er von den Jungtürken zunehmend gehasst und boykottiert. Sie wechselten nun bevorzugt zum Kalpak, einer zentralasiatischen Lammfellmütze, und machten nach ihrer Machtergreifung diesen mit der Elbise-i Askeriye Nizamnamesi für Soldaten ab 1909 in Khaki-Farben Pflicht. Die Theorie eines byzantinischen, also christlich-abendländischen Ursprungs des Fes verstärkte zusätzlich die Abneigung. Mustafa Kemal sollte später in seiner Hutrede die Ablehnung des Hutes durch die konservativen Kreise mit deren Begründung der abendländisch-christlichen Herkunft des Hutes und die Beibehaltung des für sie für „osmanisch-muslimisch“ gehaltenen (aber in Wirklichkeit aus dem Abendland stammenden und auch im „christlichen Feindesland“ produzierten) Fes als Dummheit kritisieren.
Mit der geschilderten Unpopularität des Fes wurde in intellektuellen Zirkeln und unter Generälen die Zukunft der Kopfbedeckungen diskutiert. Es galt die Frage, ob als nationale Kopfbedeckung der Fes beibehalten, durch den Kalpak ersetzt oder der Hut angenommen werden sollte. Während konservative Bevölkerungsschichten das Tragen der Hüte (und des Kalpaks) für einen Muslim als harām betrachteten, gab es in Publikationen der Jungtürken (u. a. in der İçtihat) Hut-Befürworter. Diese argumentierten, dass der Hut, welcher international auch in Japan und China Fuß gefasst hatte, als Kleidungsstück der Moderne einem neuen türkischen Nationalverständnis am besten entsprechen würde. Auch Mustafa Kemal war durch diese Diskussion beeinflusst.
mini|200px|Mustafa Kemal Atatürk mit Kalpak bei dem Picardie-Manöver (1910) Auch schlechte eigene Erfahrungen und solche anderer osmanischer Reisender in traditioneller Tracht in Europa mögen zum Entschluss beigetragen haben. Mustafa Kemals Begleiter Selahettin Bey wurde am Belgrader Bahnhof wegen seines Fes bedrängt und Kinder, denen sie begegneten, mieden sie. Auch Truppenübungen in der französischen Picardie, an denen Mustafa Kemal 1910 teilnahm, sollen einen bleibenden negativen Eindruck hinterlassen haben. So soll Mustafa Kemal bei den dortigen Taktikbesprechungen als militärischer Beobachter seinen europäischen Kollegen widersprochen haben, aber nicht ernst genommen worden sein. Als im Nachhinein ersichtlich wurde, dass Mustafa Kemal Recht hatte, soll ein hochrangiger europäischer Offizier ihn gelobt und dann darauf hingewiesen haben, dass man ihn mit dieser Kopfbedeckung (Kalpak) niemals ernst nehmen würde.
So hatte Mustafa Kemal, noch ohne größere Machtbefugnis ausgestattet, an einem Tischgespräch 1919 in Erzurum seine Pläne zur Etablierung des Hutes verkündet, welche damals auf großen Unglauben stießen.Klaus Kreiser: Atatürk. Eine Biographie. Verlag C. H. Beck, München 2011, ISBN 978-3-406-61978-6, S. 145. Sechs Jahre später sollte er als uneingeschränkter Präsident dieses Projekt realisieren.
Hutrede mini|Auch die Uniformen wurden 1925 neu geregelt. Vorführung der militärischen Kopfbedeckung – erstmals mit Schirm (Feldmütze) – während dieser Reise 1925. Am Rand Schaulustige mit Kalpak Konkrete Schritte zur Etablierung des Huts erfolgten 1925. Zwecks Testlauf folgte eine Reise nach Kastamonu, einer konservativen und monarchistisch-geprägten Gegend. Dazu trug er erstmals einen Sommerhut (Panama-Hut), den er der Etiquette entsprechend vom Kopf nehmend zur Begrüßung schwenkte. Neben dem Hut war auch dies ein Novum, da das Zeigen des baren Kopfs in der osmanischen Gesellschaft noch als verpönt galt. In İnebolu hielt er die sogenannte Hutrede (şapka nutku).
Rechtlicher Hintergrund
Das „Gesetz über das Huttragen“ wurde am 25. November 1925 von der Großen Nationalversammlung der Türkei angenommen und trat mit Verkündung am 28. November desselben Jahres als Gesetz Nr. 671 in Kraft. Art. 1 des
Gesetzes lautet:
Vor der Abschaffung des Art. 222 tStGB im März 2014 wurde mit kurzzeitiger (vgl. Artt. 49 Abs. 2, 50 tStGB) Freiheitsstrafe von zwei bis zu sechs Monaten bestraft, wer den unter anderem durch das Hutgesetz aufgestellten Verboten oder Verpflichtungen zuwiderhandelte. Das Hutgesetz steht unter dem besonderen Schutz des Art. 174 Nr. 2 der Verfassung (Reformschutzgesetze) und des Art. 22 Nr. 2 des Verfassungsgerichtsgesetzes.
Folgen mini|200px|Mustafa Kemal mit Borsalino nach der Verkündung 1925, Izmir Da der Reise und dem Vorhaben in der türkischen Presse großer Raum gewidmet wurde, gab es bei Kemal Atatürks Ankunft in Ankara große Menschenmengen, die ihn in Hüten erwarteten. Darunter befand sich auch Ali Bey, Abgeordneter aus Afyon, der kurz vorher noch einen Journalisten wegen Tragen eines Hutes feuern ließ und ihn angeklagt hatte. Vor dem Verabschieden des Gesetzes gab es in den Zeitungen eine Kampagne zur Propagierung des Hutes, u. a. Unterricht wie er getragen und wie damit gegrüßt wurde. Schon vor der Erstellung des Gesetzes waren die Hüte in den Läden ausverkauft. Wer sich keinen Hut leisten konnte, improvisierte mit Stoff. Wegen der Nachfrage mussten Hüte aus Ungarn eingeführt werden, bevor sich lokale Industrie aufbauen konnte. In der Türkei entwickelte sich in der Folge auch der Beruf des Hutmachers (şapkacı), vor denen sich lange Schlangen bildeten.Klaus Kreiser: Kleines Türkei-Lexikon. München 1992, S. 138.
Im Briefwechsel zwischen Gouverneuren (Vali) und Innenministerium geht hervor, dass die Hutreform in den Städten nahezu vollständig umgesetzt wurde, dass jedoch einige Menschen den Hut mit religiösen Misstrauen betrachteten. Sie empfahlen durch Fatwas der Religionsbehörde Diyanet klarzustellen, dass das Tragen eines Hutes mit dem Islam im Einklang und keine Sünde sei. Denn ein schon immer diskutierter Streitpunkt war der Schirm bzw. Hutkrempe. Da Muslime beim Gebet mit der Stirn den Boden berühren sollten, erwies sich die neue Kopfbedeckung diesbezüglich als problematisch, da die Menschen auf ihre Kopfbedeckung beim Beten nicht verzichten wollten. Eine Fatwa stellte klar, dass das barhäuptige Beten entgegen populärer Meinung aus religiöser Sicht erlaubt und erwünscht sei.Fahri Sakal: Şapka İnkılâbının Sosyal ve Ekonomik Yönü. Destekler ve Köstekler. In: Turkish Studies. International Periodical for the Languages, Literature and History of Turkish or Turkic. Band 2, Nr. 4, 2007, S. 1308–1318 (1313)() Als Kompromiss griffen die Menschen auf die kremplose Takke oder die Schiebermütze zurück.
In der ländlichen Bevölkerung erfolgte diese Kleiderreform sehr schleppend. Dies lag zum einen an dem geringen Konsum von Zeitungen aufgrund der niedrigen Alphabetisierungsrate und zum anderen an den geringen Kontrollmöglichkeiten auf dem Land. Es gibt jedoch Berichte, laut denen Dorfbewohner, wenn sie in die nächste Stadt mit dort befindlichen Polizisten gingen, sich den Hut aus dem Gemeinschaftshaus ausliehen und diesen bei der Rückkehr wieder ablegten.