Gender-Gap (laut Duden auch Gendergap;Gendergap, Gender-Gap, der. In: Duden online. Abgerufen am 2. November 2021. Anglizismus aus gender „[soziales] Geschlecht“, und gap „Lücke, Abstand, Kluft“), Genderlücke oder Geschlechterkluft bezeichnet in Soziologie und Gesellschaftspolitik die Unterschiede in der Gleichstellung von Frauen und Männern. In der Volkswirtschaft wird die Einkommenslücke zwischen den Geschlechtern als Gender-Pay-Gap bezeichnet, in der Altersvorsorge die Rentenlücke als Gender-Pension-Gap und in der geschlechtlichen Datenerhebung die Datenlücke als Gender-Data-Gap.
Das Weltwirtschaftsforum berechnet zu den Lücken in der Gleichstellung jährlich den Global Gender Gap Index (GGGI) in rund 150 Ländern der Welt: Der Index berechnet sich aus 14 sozialen Indikatoren zu den vier Bereichen Wirtschaft, Bildung, Gesundheit und politische Teilhabe (empowerment). Laut dem Report 2020 (erschienen Dezember 2019) steht der GGGI bei 0,686 und entspricht einem Gap von 31,4 % – bei der bisherigen Entwicklungsgeschwindigkeit werde es noch 99,5 Jahre bis zur Gleichstellung dauern (1,000 = 0 % Gap). Auch das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) ermittelt jährlich in den UN-Mitgliedsstaaten zwei Indizes zur Gleichstellung (zuletzt veröffentlicht im Dezember 2019): Der Gender Development Index (GDI) bemisst die Unterschiede in der „menschlichen Entwicklung“ von Frauen und von Männern in den drei Bereichen Lebenserwartung, Schulbesuchsdauer und Pro-Kopf-Einkommen; der GDI steht zum Jahr 2018 weltweit bei 0,941 und entspricht einem Gap von 5,86 %. Der Gender Inequality Index (GII) bemisst „geschlechtsspezifische Ungleichheit“ anhand von Müttersterblichkeit, Mutterschaft Minderjähriger, Frauen-Parlamentssitzen und Frauenerwerbsquote und steht bei 0,439 (43,9 % Gap). Beide Indexe sind Teil der 17 UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs) für das Jahr 2030 – SDG Nummer 5 ist gender equality: „Gleichstellung der Geschlechter“.
mini|hochkant=0.9|„Gleichstellung der Geschlechter“ ist das 5. der 17 UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs) – UNDP berechnet dazu jährlich den Index der geschlechtsspezifischen Entwicklung (GDI) sowie den Index der geschlechtsspezifischen Ungleichheit (GII) für alle UN-Mitgliedsstaaten, zu denen aussagekräftige Daten vorliegen (2019: 166 bzw. 162)
Wirtschaft Bereiche In der Wirtschaft werden als Gender-Gap insbesondere Unterschiede zwischen Männern und Frauen in einigen Bereichen bezeichnet.
Erwerbsquote Unterschiede in der Männer- und Frauenerwerbsbeteiligung, der Erwerbsquote, lassen sich in Bezug auf Männer- und Frauenerwerbsquote feststellen. Im Jahr 2014 waren in Deutschland von den 15- bis 65-jährigen Frauen 69,3 % erwerbstätig, von den Männern 77,8 %.Statistisches Bundesamt: Statistisches Jahrbuch 2015. In: Destatis.de. (Kapitel 13, Tabelle 13.2.5 Erwerbstätige und Erwerbstätigenquoten, S. 11), abgerufen am 12. März 2016. Die Quoten der Berufstätigkeit haben sich in den vergangenen Jahren angenähert.Alexander Hagelüken: Mehr Stress, aber weniger Geld. Berufstätige Frauen in Deutschland kümmern sich länger um Kinder und Haushalt als ihre Männer. Und die Löhne differieren stärker als sonst in Europa. In: Süddeutsche Zeitung, Nr. 52, 3. März 2016, S. 21.
Arbeitszeiten Hier werden bezahlte und unbezahlte Arbeit einbezogen. Auf der Basis von Daten aus der Langzeitstudie SOEP kam das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung 2016 zu dem Ergebnis:
2014 leisteten in Doppelverdiensthaushalten 98 % der erwerbstätigen Frauen werktags Hausarbeit, aber nur 65 % der erwerbstätigen Männer beteiligten sich daran. Zwar war diese Prozentzahl in zehn Jahren um sechs Punkte gestiegen. Doch der Arbeitseinsatz in Höhe von gut einer Stunde an einem Werktag veränderte sich über die Zeit nicht und lag weiterhin deutlich unter dem der Frauen (rund zwei Stunden pro Tag). Gab es im Haushalt Kinder bis einschließlich sechs Jahre, so beteiligten sich 2014 fast alle erwerbstätigen Frauen und Männer an der Kinderbetreuung. Der zeitliche Umfang unterschied sich jedoch erheblich: Während erwerbstätige Frauen ihre Kinder an einem Werktag fast sechseinhalb Stunden betreuten, taten Männer dies nur zweieinhalb Stunden – kaum mehr als im Jahr 2004. , so Elke Holst, DIW-Forschungsdirektorin für Gender Studies.
Berufswahl und Art der Erwerbstätigkeit Unterschiede in der Berufswahl manifestieren sich besonders deutlich in Form von Männerdomänen und Frauendomänen in der Erwerbsarbeit (vergleiche dazu Frauenanteile in der Privatwirtschaft).
Führungspositionen Zu den Führungspositionen nach der internationalen Standardklassifikation der Berufe (ISCO) zählen Vorstände und Geschäftsführer sowie Führungskräfte in Handel, Produktion und Dienstleistungen. Frauen sind hier nach wie vor unterrepräsentiert: 2014 waren 29 % der Führungspositionen in Deutschland von Frauen besetzt, im Vergleich zu den beiden Vorjahren ergaben sich kaum Veränderungen. Damit lag die Bundesrepublik im unteren Drittel aller Mitgliedsstaaten der Europäischen Union: Im EU-Durchschnitt war in Führungsetagen rund jede dritte Person eine Frau (33 %). Lettland führte die EU-Staaten mit einem Frauenanteil in Leitungspositionen von 44 % an, in Ungarn (40 %), Polen und Litauen (jeweils 39 %) gab es ebenfalls relativ hohe Frauenanteile. Am Ende der Tabelle stand Zypern mit nur 17 %. Den niedrigsten Frauenanteil in Führungspositionen hatte die Baubranche mit 13 %, den höchsten der Bereich Erziehung und Unterricht (62 %), was in etwa den jeweiligen Frauenanteilen der betreffenden Branchen entspricht (13 % beziehungsweise 70 %). Im Januar 2024 wurde bekannt, dass das Vorbereitungskomitee für die UNO-Klimakonferenz (COP29) in Aserbaidschan sich aus 28 Männern und keiner Frau zusammensetzte.
Das Phänomen, dass Frauenanteile über den Karriereverlauf hinweg abnehmen, wird als „Leaky Pipeline“ bezeichnet.Technische Universität Wien: Leaky Pipeline: Executive Summary. Ohne Datum (PDF: 340 kB, 9 Seiten auf tuwien.ac.at).
Lohndifferenz Die Unterschiede bezogen auf das Entgelt pro Zeitspanne bei vergleichbarer Tätigkeit (Gender-Pay-Gap) sind immer noch erheblich. Wird der Durchschnittsverdienst aller Arbeitnehmer beziehungsweise Arbeitnehmerinnen in der Bundesrepublik in allgemeiner Form miteinander verglichen, so verdienten Frauen in den Jahren 2009 bis 2014 mit einem durchschnittlichen Bruttostundenverdienst von 15,83 Euro um 22 % weniger als Männer (unbereinigter Gender-Pay-Gap).Statistisches Bundesamt (Destatis): Pressemitteilung Nr. 099 vom 16. März 2015, abgerufen am 22. September 2019. 2015 fiel dieser unbereinigte Verdienstunterschied zwischen Frauen und Männern um nur einen Prozentpunkt geringer aus als in den Vorjahren: 21 %.Statistisches Bundesamt (Destatis): Verdienstunterschied zwischen Frauen und Männern in Deutschland bei 21 %. Pressemitteilung Nr. 097 vom 16. März 2016, abgerufen am 22. September 2019. Immer noch sind deutliche Unterschiede zwischen dem früheren Bundesgebiet und den neuen Ländern feststellbar: 2015 belief sich der unbereinigte Gender-Pay-Gap in den neuen Ländern auf 8 %, während er im früheren Bundesgebiet bei 23 % lag.
Werden nur vergleichbare Tätigkeiten und entsprechende Qualifikationen verglichen, so verdienten Arbeitnehmerinnen 2010 im Durchschnitt immer noch pro Stunde 7 % weniger als Männer (bereinigter Gender-Pay-Gap).
Wirtschaftliche Bedeutung von Gleichberechtigung Kosten des Gender-Gap (Heleen Mees, 2007) Die Publizistin Heleen Mees unterstrich in einem Project-Syndicate-Beitrag von 2007 unter dem Titel Die Kosten des Gender-Gap, dass die Lohnlücke das Wirtschaftswachstum hemme, und sie betonte die geringe weibliche Besetzung von Spitzenpositionen in Westeuropa verglichen mit einigen asiatischen Staaten: Auf den Philippinen finden sich in 89 % der Unternehmen Frauen in hochrangigen Managementpositionen. China, Hongkong, Indonesien, Taiwan, und Singapur liegen im Hinblick auf Frauen in Spitzenpositionen knapp dahinter. Sogar in Indien, wo mehr als die Hälfte der Frauen und Mädchen Analphabeten sind, gibt es mehr Frauen in Top-Managementpositionen als in Ländern wie Deutschland und den Niederlanden.
McKinsey-Studie „The Power of Parity“ (2015) Das Beratungsunternehmen McKinsey kam in seiner Studie The Power of Parity („Die Macht der Gleichheit/Gleichwertigkeit“) von 2015 zu dem Schluss, es gebe „handfeste wirtschaftliche Gründe“ dafür, Männer und Frauen in der Arbeitswelt gleichzustellen.ETD: Frauenförderung: Gleichberechtigung sorgt laut Studie für Wachstum. In: Süddeutsche Zeitung. Nr. 225, 30. September 2015, S. 25. Die Weltwirtschaft werde leiden, wenn das wirtschaftliche Potenzial von Frauen nicht gehoben werde. Die Analyse weise außerdem nach, dass zwischen der Situation in Gesellschaft und Arbeitswelt ein Zusammenhang bestehe.
Ansatz und Verfahren der Studie:
Die 95 untersuchten Staaten wurden von den Experten in Regionen eingeteilt. Gemessen wurde die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern an 15 Indikatoren, etwa dem Zugang zu Bildung oder den Möglichkeiten zu politischer Mitsprache. Berechnet wurde dann, um wie viel sich das Bruttoinlandsprodukt bis 2025 steigern ließe, wenn alle Staaten einer Region die Gleichberechtigung so schnell vorantreiben würden wie der Spitzenreiter dieser Region. In diesem Fall wachse die Wirtschaftsleistung bis 2025 weltweit um 11,8 Billionen Dollar. Käme Frauen sogar weltweit die gleiche Rolle im Wirtschaftsleben zu wie Männern, so steige diese Zunahme um mehr als das Doppelte, nämlich auf 28 Billionen Dollar. Dies entspricht der Summe der Wirtschaftsleistung der USA und China (Stand 2015).
Hindernisse für die wirtschaftliche Gleichberechtigung:
Als größte Probleme weltweit machte McKinsey die hohe Müttersterblichkeit, die ungleichen Rahmenbedingungen in der Arbeitswelt, die geringen politischen Mitspracherechte sowie die rechtliche Benachteiligung und Gewalt gegen Frauen aus. In allen untersuchten Staaten stehe der geringe Anteil an Frauen bei der bezahlten Erwerbsarbeit in starkem Gegensatz zu ihrem relativ hohen Anteil bei unbezahlter Arbeit. Hierbei falle besonders die unbezahlte Pflege von Familienangehörigen ins Gewicht, die in allen untersuchten Staaten zu 75 % von Frauen geleistet werde.
Ergebnisse zu einzelnen Staaten:
In Nordafrika, dem Mittleren Osten und Südasien stellte McKinsey ein sehr hohes Maß an Ungleichheit fest. Die acht untersuchten westeuropäischen Staaten schneiden zwar bei den gesellschaftlichen Faktoren sehr gut ab, weisen aber in der Arbeitswelt eine „hohe bis sehr hohe“ Ungleichheit zwischen den Geschlechtern auf. Berücksichtigt man alle Bereiche, so liegt die Bundesrepublik hinter Norwegen, Schweden, den Niederlanden und Frankreich auf dem fünften Platz, im Bereich Besetzung von Führungspositionen aber nur auf dem siebten und damit vorletzten Platz der untersuchten westeuropäischen Staaten. Würde die Bundesrepublik hier – unter anderem durch eine Erhöhung der Frauenerwerbsquote und der Zahl der von Frauen geleisteten Arbeitsstunden – den Stand von Norwegen erreichen, so könnte das Bruttoinlandsprodukt bis 2025 um 390 Milliarden Euro zunehmen. Weitere Schwachstellen in der Bundesrepublik fand die Analyse bei den Gehaltsunterschieden trotz gleicher Arbeit (Gender-Pay-Gap) und der unbezahlten Pflegearbeit.
Studie „Is Gender Diversity Profitable?“ (2016) Das Washingtoner Peterson Institute for International Economics untersuchte 2014 für seine Studie Is Gender Diversity Profitable? Evidence from a Global Survey („Ist die Gleichstellung der Geschlechter wirtschaftlich vorteilhaft? Aussagen aus einer weltweiten Untersuchung“) fast 22.000 börsennotierte Unternehmen in 91 Ländern, um Aussagen über den Zusammenhang zwischen der Gleichstellung der Geschlechter in einer Firma und ihrem wirtschaftlichen Erfolg zu gewinnen.
Ergebnisse