mini|Neuzeitliche Statue des Fabius Maximus „Cunctator“ (Schloss Schönbrunn, Wien) Quintus Fabius Maximus Verrucosus (Verrucosus heißt im Lateinischen „warzig“), genannt Cunctator, „der Zögerer“ (im positiven Sinn) (* um 275 v. Chr.; † 203 v. Chr.), war ein Senator und Feldherr der römischen Republik, fünfmal Konsul (233, 228, 215, 214 und 209 v. Chr.) und zweimal Diktator (221 und 217 v. Chr.). Der Beiname Cunctator weist auf seine Taktik des hinhaltenden Widerstandes hin, die die römischen Truppen im Zweiten Punischen Krieg (218–201 v. Chr.) einsetzten.

Quellen

Die älteste und beste der erhaltenen Quellen ist das Geschichtswerk des Polybios. Dessen drittes Buch, das den Krieg gegen Hannibal (einschließlich Vorgeschichte) von 219–216 v. Chr. schildert, liegt noch heute vollständig vor; die Bücher 6–15, die den darauf folgenden Verlauf des Krieges behandelten, sind wie alle weiteren Bücher bis zum Ende des polybianischen Werkes nur in Auszügen und Exzerpten vorhanden. Eine weitere Quelle ist die ausführliche Geschichtsdarstellung des Titus Livius (ab urbe condita). Die Bücher 21–30 haben den Zweiten Punischen Krieg zum Thema und sind gänzlich erhalten. Doch hängt Livius teilweise von der jüngeren Annalistik ab und ist deshalb oft unzuverlässig. Der griechische Biograph Plutarch widmete dem Leben des Fabius ein eigenes Buch, das er zu jenem des Perikles „in Parallele“ setzte. Es weist große Ähnlichkeit zur Darstellung des Livius auf, stimmt aber bisweilen bei Abweichungen des Livius von Polybios eher mit Letzterem überein. Schwierig ist die Frage zu beantworten, welcher Autor Plutarch zugrunde liegt. Schließlich ist noch das Elogium des Fabius, mit dem seine Ehrenstatue am Augustusforum beschriftet war, eine wichtige Quelle für sein Leben. Vom Original ist nur noch ein geringer Rest vorhanden, dafür eine bis auf die erste Zeile unbeschädigte Abschrift aus Arretium (heute Arezzo). = Attilio Degrassi: Inscriptiones Italiae 13, 3, Nr. 80.

Abstammung

Fabius stammte aus einem der fünf führenden römischen Patriziergeschlechter, die ihren Machtanspruch mit ihrer angeblichen Abstammung von mythischen Heroen und legendären Heldentaten ihrer Vorfahren legitimierten. So sollen 306 Mitglieder der sich auf Herakles zurückführenden Fabier 477 v. Chr. in heldenhaftem Kampf gegen Truppen der Stadt Veji gefallen sein; nur ein Junge habe überlebt, der Stammvater der späteren Fabier geworden sei (vgl. Kaeso Fabius Vibulanus). Heute gilt die Angabe Plutarchs als gesichert, dass Fabius der Urenkel des Quintus Fabius Maximus Rullianus,Plutarch, Fabius 1, 3; 24, 5; demnach ist die Angabe des Livius (30, 26, 7f.), dass Fabius der Enkel des Rullianus war, falsch (zum Beispiel Der Neue Pauly, Band 4, Sp. 372). Enkel des Quintus Fabius Maximus Gurges sowie Sohn des gleichnamigen, nicht besonders hervorgetretenen und im Amt verstorbenen Konsuls von 265 v. Chr. war. Sein Urgroßvater und Großvater hatten große militärische Erfolge für Rom erfochten und mehrfach die höchsten Staatsämter erreicht, so dass er beste Startbedingungen für eine erfolgreiche Ämterlaufbahn vorfand.

Beinamen

Bei vielen antiken Autoren (zum Beispiel Marcus Tullius Cicero) führt Fabius das Cognomen Maximus, das aber bereits sein Urgroßvater trug.Livius 30, 26, 7f. u. a. Der Beiname Verrucosus wird zuerst von Cicero überliefert und von Plutarch damit erklärt, dass Fabius eine kleine Warze über der Lippe gehabt habe.Cicero, Brutus 57; Plutarch, Fabius 1, 4 (mit Anführung des weiteren, erfundenen Cognomens Ovicula = „Schäfchen“ wegen seiner angeblichen Sanftmut in der Jugend); Livius und das Elogium erwähnen das Cognomen Verrucosus nicht. Das Prädikat Cunctator legte man ihm lange nach seinem Tod wegen seiner defensiven, aber gerade deshalb erfolgreichen Kriegsstrategie gegen Hannibal bei (siehe unten).

Frühe Laufbahn

Über die frühe Karriere des Fabius ist wenig bekannt, da die zweite Dekade des livianischen Werks nicht erhalten ist. Er muss aber als junger Mann schon am Ersten Punischen Krieg (264–241 v. Chr.) teilgenommen haben, auch wenn darüber keine Einzelheiten bekannt sind. Nach dem Zeugnis seines Elogiums war er zunächst zweimal Militärtribun, dann begann er seinen cursus honorum um 237 v. Chr. mit einer zweimaligen Quästur, wurde darauf kurulischer Ädil und trat unter Überspringung der Prätur sein erstes Konsulat 233 v. Chr. (zusammen mit Manius Pomponius Matho) an. Dabei durfte er wegen siegreicher Kriege gegen die Ligurer einen Triumph feiern.Fasti Capitolini; Triumphalfasten; Plutarch, Fabius 2, 1; u. a. Der von ihm daraufhin geweihte Tempel der Honos erfuhr durch Marcus Marcellus 208 v. Chr. eine erneute Weihung.Cicero, de natura deorum 2, 61. In Rom beschuldigte man Karthago, die Ligurer und Sarden zu den Unruhen angestachelt zu haben. Fabius sandte als Zeichen des Friedens bzw. Krieges einen Heroldsstab und einen Speer an die Punier, die aber die Römer aufforderten, selbst zu wählen, welche Beziehungen sie zu ihnen pflegen wollten.Gellius 10, 27, 3-5; Johannes Zonaras 8, 18. Verdächtig ist die Parallele dieser Erzählung mit jener von der späteren, 219 v. Chr. erfolgten Gesandtschaft an die Punier. Fabius trat auch den Ackerreformen des Gaius Flaminius entschieden entgegen und blieb auch später dessen erbitterter Gegner.Cicero, Cato 11.

Zum Zensor wurde Fabius 230 v. Chr. gewählt (zusammen mit Marcus Sempronius Tuditanus), zum zweiten Mal zum Konsul 228 v. Chr. (zusammen mit Spurius Carvilius Maximus Ruga).Fasti Capitolini; Elogium; u. a.

Insgesamt kann man Fabius damit eine extrem steile Patrizierkarriere bescheinigen. So wurde er etwa entgegen dem allgemeinen Gesetz, dass ein Konsul erst nach zehn Jahren wieder in dieses Amt gewählt werden durfte, schon nach vier Jahren zum zweiten Mal Konsul. Auch dass er trotz mäßiger Erfolge gegen die Ligurer einen Triumph feiern durfte, war außergewöhnlich, mussten doch die meisten anderen gegen diesen Volksstamm kämpfenden römischen Feldherrn auf eine solche Ehre verzichten.Beck (s. Lit.), S. 83.

Die Fabier hatten schon früher gute Kontakte zu Griechenland gepflegt. Auch Fabius hatte wohl dementsprechend eine gute Ausbildung in griechischer Kultur erhalten und dürfte in den Jahren nach dem Ersten Punischen Krieg die Beziehungen zwischen Rom und der hellenistischen Welt noch vertieft haben. So könnte es auf seine Initiative zurückzuführen sein, dass in seinem zweiten Konsulat erstmals Römer an den Isthmischen Spielen teilnehmen durften.Beck, S. 83.

Das auf die Dauer von etwa sechs Monaten begrenzte Amt eines Diktators übte Fabius wahrscheinlich 221 v. Chr. zum ersten Mal aus.

Vorgeschichte und Beginn des Zweiten Punischen Kriegs

Als der karthagische Heerführer Hannibal die mit Rom verbündete spanische Stadt Sagunt nach achtmonatiger Belagerung 219 v. Chr. erobert hatte, soll Fabius laut einer sehr alten ÜberlieferungÜberliefert bei Silius Italicus (1, 676–694) und Cassius Dio (Fragment 55, 1–9; Johannes Zonaras 8, 22) als einflussreicher Sprecher einer Senatsgruppe gegen eine sofortige Kriegserklärung an die Punier eingetreten sein und zuerst diplomatische Schritte gefordert haben. Schon Polybios übte heftige Kritik an dieser Version, die von Friedrich Münzer für wahrscheinlich gehalten, von Hans Beck abgelehnt wird.Polybios 3, 20, 1ff.; Münzer (s. Lit.), Sp. 1817; Beck, S. 84. Vielleicht war er der Führer der daraufhin nach Karthago geschickten Gesandten, der den Puniern sagte, dass er ihnen Krieg oder Frieden bringen könne. Die Karthager aber erwiderten, die Wahl liege bei ihm und erhielten prompt von ihm die Kriegserklärung. Diese Erzählung wird im Elogium und von Plutarch nicht erwähnt, während sie von Polybios und Appian ohne Nennung von Namen vorgetragen wird.Polybios 3, 20, 6ff.; 3, 33, 1ff.; Appian, Iberika 13. Livius nennt den Gesandtschaftsführer Quintus Fabius ohne genauere Angaben, der Dichter Silius Italicus nennt ihn nur Fabius.Livius 21, 18, 1–14; Silius Italicus 2, 3–6 u. ö. Im Widerspruch dazu heißt er bei Cassius Dio Marcus Fabius; dieser Name kann sich nur auf Marcus Fabius Buteo beziehen.Cassius Dio, Fragment 55, 10; Johannes Zonaras 8, 22. Sowohl der hier behandelte Fabius als auch Marcus Fabius Buteo waren an Würde und Alter gleichermaßen für die Leitung dieser Gesandtschaft geeignet, so dass beide dafür in Betracht kommen. Anscheinend waren sich aber schon die antiken Autoren über seine Person im Unklaren, da offenbar einige bedeutende Senatoren nicht wollten, dass ihre damalige Haltung publik wurde und der erste römische Geschichtsschreiber Quintus Fabius Pictor aus Respekt vor diesen Wünschen ihre Rollen manchmal absichtlich nicht genau aufklärte.So Münzer, Sp. 1817f.

Diktatur 217 v. Chr.

Nachdem der Konsul Gaius Flaminius sein Leben in der für Rom verheerenden Schlacht am Trasimenischen See verloren hatte, befand sich die aufstrebende Weltmacht in einer tiefen Krise. In dieser Ausnahmesituation wählte das Volk Fabius zum Diktator, weil dies zur Stabilisierung der Lage nötig schien. Zwar hatten bisher nur Konsuln das Recht, einen Diktator zu ernennen, doch war der eine Konsul gefallen und der andere (Gnaeus Servilius Geminus) von Rom abgeschnitten, so dass Fabius’ Wahl (wie jene seines Magisters equitum Marcus Minucius Rufus) durch einen außerordentlichen Volksbeschluss notwendig wurde.Polybios 3, 87, 6-9; Livius 22, 8, 6. Von Livius22, 31, 8–11. angeführte staatsrechtliche Bedenken früherer Annalisten, dass Fabius wegen seiner Volkswahl nicht die vollen Kompetenzen eines Diktators erlangt haben könnte, sind völlig grundlos, spiegeln sich aber auch im Bericht des Plutarch und anderen Quellen wider. Auch dass der Reiteroberst nicht vom Diktator, sondern vom Volk bestellt wurde, widersprach schroff der Tradition. Nur Polybios macht sodann die richtige, durch eine 1862 aufgefundene Weihinschrift bestätigte Angabe, dass Fabius und Minucius einige Zeit nach ihrer Bestellung sogar ganz gleichgestellt wurden, indem sie als Diktatoren für denselben Zweck gewählt wurden – eine in der römischen Geschichte einmalige Verletzung des normalerweise geltenden Rechtes, die von allen jüngeren Quellen nicht angeführt wird.Polybios 3, 103, 4; . Insgesamt ist die vollständig vorliegende Darstellung des Polybios über die Diktatur des Fabius sehr glaubwürdig, während Livius und Plutarch nur einzelne markante Episoden daraus ausschmücken, aber nur wenig Neues oder Korrigierendes bringen.

Bevor Fabius in seinem neuen Amt des Diktators gegen Hannibal zu Felde zog, traf er in Rom einige den Krieg flankierende Maßnahmen. So ließ er die Stadtmauern der Hauptstadt verstärken,Livius 22, 8, 7. den Münzfuß zur Erhaltung des Staatsschatzes reduzieren,Plinius der Ältere, Naturgeschichte 33, 45. viele neue Rekruten zur Aufstockung der Heeresstärke aushebenPolybios 3, 88, 7f.; Livius 22, 11, 1ff. 12, 1f.; Plutarch, Fabius 4, 3; u. a. und insbesondere – in scharfer Abkehr der von dem gefallenen Konsul Flaminius getroffenen Maßnahmen – die Rückbesinnung auf die altrömische Religion fördern.Von Polybios (3, 88, 7) nur kurz gestreift, aber von Livius (22, 9, 7ff.) und Plutarch (Fabius 4, 4ff.) in großer Breite dargestellt. Durch genaue Befolgung religiöser Traditionen und Sühneopfer sollten die vermeintlich zornigen Götter besänftigt und so das Vertrauen der Römer in ihre Führer wiederhergestellt werden. Die Sibyllinischen Bücher wurden zu Rate gezogen und nach deren Weisungen ein Bittfest und ein Göttermahl veranstaltet. Den Schutz der Göttin Venus des Berges Eryx (Sizilien) rief Fabius an, indem er ihr die Weihung eines Tempels gelobte. Außerdem sollte eine „heilige Frühlingsspende“ (ver sacrum) durchgeführt werden, das heißt alle Produkte des nächsten Frühlings (zum Beispiel Jungtiere) sollten einer Gottheit geopfert werden, wenn sich in den kommenden fünf Jahren das Römische Reich gegen Karthago behaupten könnte.Livius 22, 10, 2–6.