miniatur|Französische Ausgabe von 1925
Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus (eigentlich: „Der Imperialismus als jüngste Etappe des Kapitalismus“) ist eine Schrift, die Wladimir Iljitsch Lenin 1916 in Zürich verfasste und die 1917 nach dem Sturz des Zaren in Russland veröffentlicht wurde. Deren Hauptaufgabe war es, „am Vorabend des ersten imperialistischen Weltkriegs, das Gesamtbild der kapitalistischen Weltwirtschaft in ihren internationalen Wechselbeziehungen“ darzustellen.Lenin: Vorwort zur französischen und deutschen Ausgabe. 6. Juli 1920 (unter Imperialismus und Kapitalismus zuerst in Nr. 18 der Zeitschrift Die Kommunistische Internationale veröffentlicht, im Okt. 1921 erschienen). In: W. I. Lenin: Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus. Gemeinverständlicher Abriß. 6. Auflage, Dietz Verlag, Berlin 1962, S. 7. Das Werk gilt als bedeutender und wirkmächtiger Beitrag zu den marxistischen Imperialismustheorien.
Zur Werkgeschichte Das Buch will sich auf unbestrittene Statistikdaten und Zeugnisse bürgerlicher Ökonomen stützen und war so geschrieben, dass die kaiserliche Zensur es als legal durchgehen lassen konnte. Aus diesem Grunde beschränkte es sich ursprünglich auch auf die rein ökonomische Analyse. Politisch kontroverse Stellungnahmen ergänzte Lenin erst mit dem Vorwort vom 6. Juli 1920; sie richten sich vornehmlich gegen das „Kautskyanertum“ (siehe auch Ultraimperialismus) innerhalb der Sozialdemokratie.Vgl. W. I. Lenin, Berlin 1962, S. 5–7
Lenins Vorarbeiten hatten schon in der zweiten Hälfte des Jahres 1915 in der Schweiz begonnen. Die Lektüre von 148 Büchern und 232 Beiträgen aus 49 verschiedenen Periodika wurden zu den „Heften zum Imperialismus“ verarbeitet. An Arbeiten, die ihm als Vorlagen dienten, nannte Lenin John Atkinson Hobsons Imperialismus (1902) und Das Finanzkapital von Rudolf Hilferding.
Geschrieben wurde das Werk zwischen Januar und Juni 1916. Zuerst veröffentlicht wurde es Mitte 1917 als Broschüre in Petrograd vom Verlag „Shisn i Snanije“. Das Vorwort zur französischen und deutschen Ausgabe von 1921 wurde erstmals in der Zeitschrift „Kommunistitscheski Internazional“ (Nr. 18) veröffentlicht. Ursprünglich lautete der deutsche Titel der Schrift „Der Imperialismus als jüngste Etappe des Kapitalismus“, was auch einer genaueren Übersetzung des russischen Originaltitels „Империализм, как новейший этап капитализма“ entspricht. Unter dieser Bezeichnung wurde das Werk in Deutschland bis 1926 veröffentlicht. Erst 1929 erhielt das Werk, in Anpassung an die stalinistische Doktrin, den heute allgemein gebräuchlichen Titel.
Der Imperialismusbegriff Im Anschluss an Marx’ materialistische Geschichtsauffassung stand für Lenin die Frage nach dem „ökonomischen Wesen des Imperialismus“ im Mittelpunkt der Analyse.
Lenin gab als Kurzdefinition, dass der Imperialismus das monopolistische Endstadium des Kapitalismus sei. Eine solche Definition enthalte die Hauptsache, denn auf der einen Seite sei das Finanzkapital das Bankkapital einiger weniger monopolistischer Großbanken, welches mit dem Kapital monopolistischer Industriellenverbände verschmolzen sei, und auf der anderen Seite sei die Aufteilung der Welt der Übergang von einer Kolonialpolitik, die sich ungehindert auf die noch von keiner kapitalistischen Macht eroberte Gebiete ausdehne, zu einer Kolonialpolitik der restlosen monopolistischen Beherrschung des gesamten Territoriums der dann unter Wenigen aufgeteilten Erde.
In seiner ausführlichen Begriffsbestimmung, die Lenin jedoch immer noch nicht für die vollständige Theorie hielt, führte er fünf Grundzüge an:
Konzentration der Produktion und des Kapitals, die eine so hohe Entwicklungsstufe erreicht hat, dass sie Monopole schafft, welche im Wirtschaftsleben die entscheidende Rolle spielen Verschmelzung des Bankkapitals mit dem Industriekapital und Entstehung einer Finanzoligarchie auf der Basis des Finanzkapitals der Bedeutungszuwachs des Kapitalexports im Verhältnis zum Warenexport die Ausbildung internationaler monopolistischer Kapitalistenverbände, die den Weltmarkt unter sich aufteilen die vollständige territoriale Aufteilung der Erde unter die kapitalistische Großmächte
Unmittelbaren Anlass für die imperialistischen Kriege bildet dabei das ebenfalls erstmals von Lenin formulierte Gesetz der Ungleichmäßigkeit der ökonomischen und politischen Entwicklung der kapitalistischen Länder.
I. Konzentration der Produktion und Monopole Für Lenin stellt das ungeheure Wachstum der Industrie und der rasche Konzentrationsprozess der Produktion in Großbetrieben ein charakteristisches Merkmal des Kapitalismus dar. Dabei ist die Konzentration der Produktion viel stärker als die der Arbeiter; denn die Arbeit in den Großbetrieben ist weitaus produktiver als in den kleineren Produktionseinheiten.W. I. Lenin, Berlin 1962, S. 18 Die freie Konkurrenz erzeugt eine Konzentration der Produktion, und diese geht dann auf einer bestimmten Entwicklungsstufe in das Monopol über.W. I. Lenin, Berlin 1962, S. 22. „Die Folge ist ein gigantischer Fortschritt in der Vergesellschaftung der Produktion“, der auch den „Prozess der technischen Erfindung und Vervollkommnung“ umfasst.W. I. Lenin, Berlin 1962, S. 27 „Die Produktion wird vergesellschaftet, die Aneignung jedoch bleibt privat.“ Die gesellschaftlich geschaffenen und genutzten Produktivkräfte würden in der Hand weniger Kapitalisten bleiben und der produzierte Mehrwert wird von diesen angeeignet.W. I. Lenin, Berlin 1962, S. 28
Die Kartelle werden zu einer Grunderscheinung des Wirtschaftslebens. Große Teile desselben werden dadurch auf Dauer der Konkurrenz entzogen. Die Kartelle vereinbaren dann Verkaufsbedingungen, Zahlungsbedingungen, teilen Absatzgebiete untereinander auf, setzen Umsatzmengen und Preise für die Produkte fest und verteilen somit auch den Profit unter den Anbietern.W. I. Lenin, Berlin 1962, S. 24 Die freie Konkurrenz wird nur noch formal anerkannt; in Wirklichkeit bestehe ein Zwang, sich den Monopolverbänden zu unterwerfen, welche Zug um Zug für sich Rohstoffquellen und Absatzmärkte zu sichern suchen. Dazu dienen dann Maßnahmen wie Materialsperre; Sperrung der Arbeitskräfte; Sperre der Zufuhr; Sperre des Absatzes; Exklusivverträge mit den Abnehmern; planmäßige Preisunterbietung, um Außenseiter zu ruinieren; Sperrung des Kredits; Verrufserklärung.W. I. Lenin, Berlin 1962, S. 29
II. Die Banken und ihre neue Rolle
Ursprüngliche Funktion des Bankwesens war aber, brachliegendes Geldmittel zu sammeln und der Klasse der Kapitalisten zur Anlage in produktives Kapital verfügbar zu machen.W. I. Lenin, Berlin 1962, S. 33 Eine „Handvoll Monopolisten“ erhält über den Weg der Kreditvergabe die Möglichkeit, sich über die Geschäftslage der einzelnen Kapitalisten genau zu informieren, und deren Geschäftspolitik schließlich zu kontrollieren und zu bestimmen.W. I. Lenin, Berlin 1962, S. 38 Die Konzentration im Bankwesen verengt den Kreis möglicher Kreditgeber und verschärft dadurch die Abhängigkeit der Kreditnehmer.W. I. Lenin, Berlin 1962, S. 43 Es kommt zu einer „Personalunion“ der Banken mit den größten Industrie- und Handelsunternehmungen durch Aktienbesitz und Aufsichtsratsmandate.W. I. Lenin, Berlin 1962, S. 44 Einerseits gewinnen die Banken in der Bedeutung für die Wirtschaft einen universalen Charakter; andererseits verstärkt sich die Tendenz zur arbeitsteiligen Spezialisierung.W. I. Lenin, Berlin 1962, S. 45, 47 „Der alte Kampf zwischen Klein- und Großkapital wiederholt sich auf einer unvergleichlich höheren Entwicklungsstufe.“W. I. Lenin, Berlin 1962, S. 48
III. Finanzkapital und Finanzoligarchie „Der alte Kapitalismus hat sich überlebt.“W. I. Lenin, Berlin 1962, S. 49 In Ausweitung des Begriffs von HilferdingRudolf Hilferding: Das Finanzkapital. 1912. S. 335f schreibt Lenin:
Die sogenannte „Demokratisierung“ des Aktienbesitzes ist in Wirklichkeit nur eines der Mittel, die Macht der Finanzoligarchie zu vermehren; denn es genügt lediglich der Besitz eines Kontrollanteils, um als Mehrheitsaktionär die Entscheidungen zu bestimmen.W. I. Lenin, Berlin 1962, S. 52 Das „Beteiligungssystem“ ermöglicht zudem, straflos das Publikum zu schröpfen, denn dadurch kann man sich auf einfachste Art der gesetzlichen Verantwortung für dunkle oder schmutzige Geschäftspraktiken entziehen oder sich auch Geschäftsrisiken oder Verluste verschieben.W. I. Lenin, Berlin 1962, S. 53f
IV. Der Kapitalexport Der Kapitalismus der freien Konkurrenz war gekennzeichnet durch den Warenexport; für den Kapitalismus unter der Herrschaft der Monopole ist der Kapitalexport kennzeichnend. Er dient zur Entlastung der fortgeschrittenen Länder von ihrem „Kapitalüberschuss“, der sich in die Kolonien und/oder rückständigen Länder ergießt, wo er letztlich wieder zur Förderung des Warenexports dient.W. I. Lenin, Berlin 1962, S. 66, 68, 70
V. Die Aufteilung der Welt unter die Kapitalistenverbände Der Weltmarkt ist längst geschaffen; es kommt so „ganz natürlich“ zu Abmachungen im Weltmaßstab, zur Aufteilung von Einflusssphären und zur Bildung von internationalen Kartellen.W. I. Lenin, Berlin 1962, S. 72 Dazu zwingen das Profitmotiv sowie das fortgeschrittene Niveau der Konzentration; ein anderes Kriterium als die Macht gibt es hierbei nicht.W. I. Lenin, Berlin 1962, S. 80
Lenin zitiert die Berliner Zeitschrift Die Bank:
VI. Die Aufteilung der Welt unter den Großmächte Die Kolonialpolitik hat die Besitzergreifung unbesetzter Landstriche auf diesem Planeten beendet; es kommt demnach nur Neuaufteilung in Frage.W. I. Lenin, Berlin 1962, S. 81 Imperialismus hat es schon immer gegeben; den Monopolen aber muss es um die Zusammenfassung der Rohstoffquellen in einer Hand gehen. Die imperialistische Vorrangstellung wird entscheidend für das internationale Machtgleichgewicht der europäischen und außereuropäischen Staatenwelt.W. I. Lenin, Berlin 1962, S. 93
VII. Der Imperialismus als besonderes Stadium des Kapitalismus Der Imperialismus ist für Lenin die Weiterentwicklung des Kapitalismus als Gesellschaftsformation sowie dessen Grundeigenschaften. Ökonomisch grundlegend hierfür ist die Ablösung der freien Konkurrenz durch die kapitalistischen Monopole. Lenin setzt sich hier mit den Imperialismus-Definitionen von Kautsky und Hobson auseinander, welche ihm beide zu kurz greifen.
VIII. Parasitismus und Fäulnis des Kapitalismus Jedes Monopol erzeugt „unvermeidlich die Tendenz zur Stagnation und Fäulnis“; denn es lässt bis zu einem gewissen Grad den Antrieb zum technischen und jedem anderen Fortschritt schwinden. Das Monopol hat sogar die Macht, diesen künstlich aufzuhalten.W. I. Lenin, Berlin 1962, S. 105f Die Schicht der Rentiers wächst gewaltig an; damit meint Lenin Personen, die vom „Kuponschneiden“ leben und deren Beruf der Müßiggang sei.
Der „Rentnerstaat“ widerspiegelt sich in den sozialpolitischen Verhältnissen dieser Länder wie in der Spaltung der Arbeiterbewegung in zwei Hauptströmungen. Die Erzielung von Monopolprofiten ermöglicht die „Bestechung“ der unteren Klassen in den Rentnerstaaten.W. I. Lenin, Berlin 1962, S. 108f Opportunismus und die imperialistische Ideologie dringen dadurch auch in der Arbeiterklasse ein.
Die Ausbeutung der gesamten Welt durch imperialistische Staaten wie seinerzeit Großbritannien begünstige die Verbürgerlichung eines Teils des dortigen Proletariats, indem sie von dem auf imperialistischer Vormachtstellung basierenden Extraprofit profitieren. Die Arbeiteraristokratie und Arbeiterführer würden von der Bourgeoisie gekauft oder zumindest bezahlt werden, was zu Erscheinungen wie Opportunismus in der Arbeiterbewegung führe. Kombiniert mit der imperialistischen Außen- und Militärpolitik komme in der Politik „Sozialchauvinismus“ auf, welcher kriegerische Auseinandersetzungen um die Durchsetzung der jeweiligen nationalen Machtpolitik wahrscheinlicher machen würde.W. I. Lenin, Berlin 1962, S. 114f.
IX. Kritik des Imperialismus