Internierungslager in Indien dienten der britischen Kolonialverwaltung während beider Weltkriege zur Internierung von zivilen Staatsangehörigen der mit Großbritannien im Krieg befindlichen Nationen. Das waren in den meisten Fällen Deutsche. Die indischen Regierung nutze nach der Unabhängigkeit im Jahr 1947 ebenfalls Internierungslager.
Britische Kolonialzeit
Erster Weltkrieg Unmittelbar nachdem die Nachricht der Kriegserklärung Indien erreicht hatte (10. August), hatten sich alle feindlichen Ausländer (Enemy Aliens) täglich bei der Polizei zu melden.
Ahmednagar mini|Ludwig Zietz unterschreibt am 7. Dezember 1914 eine Postkarte aus Ahmednagar
In Ahmednagar (häufig auch: Ahmadnagar) wurden die deutschen Missionare aus Indien und die meisten aus Deutsch-Ostafrika verschleppten deutschen Zivilisten untergebracht.National Archives, Kew: Foreign Office: Prisoners of War and Aliens Department: General Correspondence from 1906 FO 383/277, FO 383/436
Das Lager war anfangs in die Sections A und B unter Militärverwaltung geteilt, Ende 1915 kam das Parole Camp unter ziviler Verwaltung dazu. Am 7. März 1917 befanden sich 1621 Personen, davon 452 Soldaten, meist Matrosen in Haft.Reports on British prison-camps in India and Burma, visited by the International Red Cross Committee in February, March and April, 1917; London (1917)
Lager A war mit über 1000 Personen in zwei baufälligen Kasernenblöcken überbelegt. Die Gebäude waren von Militärärzten als für Menschen unbewohnbar (medically condemned) erklärt worden. Viele Gefangene mussten in viel zu kleinen Armeezelten zu acht, dem Klima ausgeliefert, im Hof hausen. Essen gab es aus dem Kübel, 300 Gefangene teilten sich einen Wasserhahn. Später wurden für das Klima ungeeignete Wellblechbaracken errichtet. Bis 1917 gab es 130 Duschen (für 1500 Mann). Kontaktversuche zwischen den einzelnen Lagern und zur Außenwelt wurden bestraft.Hermann Gäbler: Rückblick auf schwere Tage. Aus: Evangelisch-lutherisches Missionsblatt, Leipzig 1917, Seite 42 bis 46 und Seite 53 bis 58.
Im B-Lager befanden sich bessergestellte Gefangene, wie Ingenieure, bemittelte Kaufleute, Schiffsoffiziere und Offiziere, die in Ostafrika gefangen genommen waren. Sie waren kaum bewacht, hatten Dienstboten aus dem Lager A und Ausgang in der Umgebung von 7 bis 21:30 Uhr. Die Hütten, in denen je 43 Mann hausten, maßen 50 × 20 m. Bett, Kasten und Stuhl wurden zur Verfügung gestellt, andere Gegenstände waren selbst zu zimmern. Bis 1917 wurde ein Wasserhahn in jede Hütte gelegt. Im Hospital mit fünf Krankensälen und Labor arbeiteten drei britische Ärzte und 19 deutsche Pfleger. Rekonvaleszenten wurden vereinzelt im Sommer nach Dagshai (bei Shimla) gesandt.
Das 1¼ Jahr nach Ausbruch des Krieges in einer Artilleriekaserne außerhalb der Stadt eingerichtete Parole Camp war besser eingerichtet, wurde jedoch nur für etwa 100 Ältere (ab 45, nach 1915 über 55 Jahre) und Missionare eingerichtet. Zur Jahreswende 1915 wurden 625 der Zivilisten auf der GolcondaDie Golconda wurde 1887–1888 von William Doxford & Sons, Sunderland, erbaut und nach der indischen Festungsstadt Golkonda benannt. Sie fuhr im Auftrag der indischen Regierung und wurde 1916 während der Rückfahrt nach Indien in der Nordsee durch eine Seemine zerstört. Dabei starben 19 Personen., die Calcutta am 17. November und Madras am 24. November verließ, über Holland repatriiert.Literatur: Kapitel: Reise auf der Golconda. In: Hermann Gäbler: Rückblick auf schwere Tage. Aus: Evangelisch-lutherisches Missionsblatt, Leipzig 1917, Seite 42 bis 46 und Seite 53 bis 58. - Else Gäbler: Unsere Kriegserlebnisse. In: Braunschweiger Volkskalender 1918. S. 31–41. – Vom Missionsfeld vertrieben. Ein Kriegserlebnis der Leipziger Mission. Herausgegeben von Missionsdirektor Carl Paul. Verlag der Evang.-luth. Mission, Leipzig 1916. Das Schiff war in Friedenszeiten für 100 Passagiere ausgelegt. Im April 1916 wurden wiederum mit diesem Schiff mehr als 500 Personen von Bombay aus repatriiert.Abschnitt nach: A. Hübener, Kriegsgefangen in Indien
Schikanen, Diebstahl von Rot-Kreuz-Paketen und willkürliche Disziplinarstrafen durch die Aufseher waren in beiden Lagern an der Tagesordnung. Die canteen wurde von einem Parsen betrieben, der sich ausgiebig bereicherte. Die Internierten wurden 1919 ausgewiesen und mit fünfjährigem Einreiseverbot belegt – etwas, das sich für einige protestantische Missionare im Zweiten Weltkrieg wiederholen sollte.
Belgaum Die in Bombay verbliebenen Frauen wurden aufgefordert, sich bis 30. Oktober 1915 in Belgaum (Belagavi) einzufinden. Die Aussage der Bombay Times, die Kaserne sei gut ausgestattet, wurde von den Damen nicht geteilt, so gab es zunächst keine Betten.E. F.: Vor und nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges in Indien: Erinnerungen einer deutschen Frau. Im März 1917 waren 214 Deutsche und Österreicherinnen interniert. Lagerkommandant war der pensionierte Oberst M. A. Halliard. Das Lager war in zwei Sektionen, Alexandria und Victoria geteilt. Insassen hatten Ausgang in der näheren Umgebung bis 22 Uhr, morgens war Zählappell.
Katapahar In Katapahar befanden sich im März 1917 36 Zivilisten, die sich in der Umgebung tagsüber frei bewegen durften, sie hatten jedoch dreimal täglich zum Zählappell anzutreten.
Dyatalawa Im ceylonesischen Bergland wurde ein Lager, das bereits zur Unterbringung von Gefangenen der Burenkriege gedient hatte, wieder eingerichtet. Es wurde dann auch im Zweiten Weltkrieg wieder als solches genutzt.
Zweiter Weltkrieg Die rechtliche Grundlage der Internierung in Indien war zunächst der Registration of Foreigners Act von 1939 in Verbindung mit der gleichzeitig erlassenen Foreigners Order (auch als Foreigners Ordinance bezeichnet)The Foreigners Act, 1946. Universal Law Publishing, Delhi 2011, S. 1. als Durchführungsverordnung und mit der Enemy Foreigners Order von 1939. Von 1940 bis 1946 galt der Foreigners Act von 1940. Bereits am 4. September 1939 erfolgte die Verhaftung der Männer. Die deutschen Frauen wurden bei Kriegsausbruch nicht interniert, deren Verhaftung erfolgte im Sommer 1940. Die 150 in Britisch-Indien zurückgebliebenen deutschen Frauen und Kinder befanden sich in sieben Parolelagern (parole camp), die von den britischen Behörden, über das Land verteilt, angelegt wurden. Lager im eigentlichen Sinn waren nur Satara und Purandhar Fort. Die in Britisch-Indien internierten 756 deutschen Seeleute wurden im Juni 1941 nach Kanada verbracht (ins Camp 33).
Anfang Mai 1940 wurden die zahlreichen in Niederländisch-Indien lebenden Deutschen interniert. Den Frauen wurde erlaubt, nach Japan auszureisen, wo 1945 noch 700 lebten. Die Männer wurden Ende 1941 nach Indien verschleppt.
Am 20. Januar 1942 versenkten japanische Bomber das niederländische Schiff Van Imhoff, die Besatzung machte sich in den Rettungsbooten davon. derjenigen Opfer, die bereits 1914–1919 in Japan in Gefangenschaft gewesen waren Die zur Hilfe geeilte niederländische Bollogan weigerte sich, Deutsche zu retten, es kamen 411 um, 65 Überlebende gelangten zur Insel Nias.Burdick, Charles; The Expulsion of Germans from Japan 1947–1948; TAJS 4th SerHeekeren, C. van; Batavia Seint Berlyn; Den Haag 1967
Zu den in Indien Untergebrachten gehörten Alfred Leber und Heins von Have. In den Männerlagern wurde durch abgegrenzte Abteilungen Nationalsozialisten von ihren Gegnern getrennt.
Finanzen Internierte der Class A (anfangs Selbstzahler, 3 Rs. pro Tag) durften monatlich über 250 Rs. eigenen Vermögens verfügen und Class B-Gefangene erhielten einen Verpflegungssatz von zunächst 50, ab 1941 80 Rs. Zusätzlich gab es 20 Rs. für den Einkauf im Lagerkiosk. (Preisbeispiele 1941: Päckchen Zigaretten (20) bis zu 0,3 Rupies, 50 Zigarren bis zu 2 Rs, Päckchen mit 100 g Tabak 2 Rs. 1 Dutzend Orangen oder Bananen 0,6 Rs, Seife 0,4 Rs, Rasiercreme 0,13 Rs, 1 Fl. Fruchtsaft 3 Rs.). Bedürftige Reichsdeutsche erhielten indirekt vom Reich über den Deutschen Orient Verein und die Schutzmacht ein Taschengeld von 10 RM (13 Rs.; 1 R. = 74–77 ₰), das quartalsweise ausgezahlt wurde. Im August 1942 hatten nachstehende Artikel folgende Preise: wollener Pullover 6,3 Rs., ein Tropenhelm 1,80 Rs., Hemd 5 Rs., Sandalen 6 Rs., ein Paar Socken 0,15 Rs. Durch kriegsbedingte Verknappung stiegen die Preise ab 1943 an. Die Internierten erhielten dieselben Verpflegungssätze wie die britischen Truppen in Britisch-Indien. Zudem gab es pro Tag 3½ Annas (17 ₰) zum Ankauf von Zusatznahrungsmitteln. In einigen Lagern zirkulierte ein spezielles Lagergeld.
Postsendungen waren als Interniertenpost gebührenfrei. Insassen durften wöchentlich zwei, der Zensur unterliegende, Briefe schreiben. Ab 1941 verlief der Austausch von Post einigermaßen reibungslos. Gegen Zahlung einer Gebühr in Deutschland war seit 1942 Luftpostverkehr ab Bagdad möglich. Pakete und „Liebesgaben“ – unter Vermittlung des Roten Kreuzes aus Deutschland – waren auch möglich.
Ahmednagar In Ahmednagar wurde im September 1939 wieder ein zentrales Lager (Central Internment Camp) für Männer eingerichtet. Nachdem die Internierungspolitik zunächst zu einigen Entlassungen geführt hatte, wurde mit dem Beginn des Entscheidungskampfes im Westen die Internierungspraxis verschärft.
Zu Kriegsbeginn wurden lediglich feindliche Männer hier zentral interniert, viele Frauen konnten noch im Frühjahr 1940 ins Deutsche Reich heimkehren. Für viele war das Central Internment Camp Durchgangsstation auf dem Weg nach Dehradun, oder, sofern sie Familien hatten, ab 1942 in die Parole Camps.
Die Unterbringung erfolgte in engen 8-Mann-Zelten oder in Baracken zu 56 Mann. Es gab zwei Sanitärbaracken mit je vier Duschen und 20 Waschbecken und eine Baracke mit 12 Badewannen, die einmal wöchentlich benutzt werden durften. Das Lagerspital wurde von inhaftierten Ärzten betrieben, der Zahnarzt war Italiener. Ende September 1940 waren hier 505 deutsche Staatsangehörige interniert. Es wurde eigenes Lagerpapiergeld verausgabt, in Nominalen von 1 Anna bis 10 Rupien. Es gab eine Bücherei, Fußball- und Tennisplätze. Die Insassen wurden am 23. Februar 1941 per LKW nach Deolali verlegt.
Fort Williams Im Ft. Williams von Calcutta wurden die Ankömmlinge in Class A (Selbstzahler, 3 Rs. per diem) und Class B (auf Staatskosten) geteilt. Sämtliche Deutsche entschieden sich für B. Lagerleiter, als Verbindungsmann zum Kommandanten, war ein Herr von Kamecke. Die Unterbringung erfolgte in 8-Mann-Zelten. Zur Körperreinigung gab es ein offenes Wasserloch. Morgens um 7 Uhr war Zählappell, bei der Internierte nach Nummer aufgerufen wurden.Rudolf Tauscher, Kriegserinnerungen Nachdem 1940 die Verwaltung der Lager vom Militär auf die Polizei übertragen wurde, erfolgte die Verlegung der meisten Männer nach Ahmadnagar.
Im Mai 1940 wurden kurzfristig 17 Frauen und 5 Kinder im Lager untergebracht, die im Juni nach Katapahar (südwestlich von Darjeeling) in primitive Bungalows verlegt wurden. Bis 1941 stieg die Zahl der dort Internierten auf 29 männliche Emigranten, 34 Frauen und 5 Kinder.
Dehradun Das Lager Premnagar von Dehradun wurde im September 1941 eröffnet, die Insassen von Deoli wurden im Oktober dorthin verlegt. Ende Oktober 1942 waren dort 765 Reichsdeutsche (das heißt pro-Nazi) interniert, die Zahl deutscher Insassen stieg bis Jahresende auf 2050 (ohne Juden).