mini|hochkant=1.10| St. Severin mini|hochkant=1.10| Immunitätstor St. Severin, um 1906 abgebrochen Das alte Kölner Kirchspiel St. Severin entstand in mittelalterlicher Zeit vor den südlichen Befestigungsanlagen der Stadt. Als Stiftsbezirk hatte es formal Bestand bis zu seiner Aufhebung durch die 1802 verordnete Säkularisation in der Franzosenzeit. Bis heute erhalten blieb im Volksmund die Bezeichnung der Pfarre St. Severin, das „Vringsveedel“ genannte Severinsviertel der Stadt.

Geschichte Schon im vierten Jahrhundert soll am heutigen Standort der Severinskirche ein kleines Oratorium in Ost-West-Ausrichtung erbaut worden sein. Es lag zu dieser Zeit inmitten eines vormals heidnisch, später auch für christliche Bestattungen genutzten Gräberfeldes. Sich der wachsenden Zahl ihrer Gläubigen anpassend, wuchs die Kirche im Lauf der Jahrhunderte zu einem größeren Gotteshaus heran. Das ursprünglich den Heiligen Kornelius und Cyprianus geweihte Kirchenbauwerk hatte sich bis zum 10. Jahrhundert zu einem dreischiffigen Bauwerk mit Querflügeln, einem Ostchor, einem Westbau sowie einer Confessio-Anlage mit einer Stollenkrypta, die eigens für das Grab des heiligen Severin erbaut wurde, gewandelt.

An der Kirche hatte sich schon in sehr früher Zeit ein Kollegienstift gebildet. Unter der Führung ihres Propstes gelangte das Chorherrenstift St. Severin zu erheblichem Grundbesitz. Hierzu hatten nicht zuletzt auch erhebliche Schenkungen an das Stift sowie verliehene Privilegien, wie die Befreiung von Steuern und sonstigen Abgaben (bis zur territorialen Eingliederung) beigetragen. Die Pröpste des Stiftes, die zugleich auf ihren Besitzungen auch Gerichtsherren waren, sind bis in das 10. Jahrhundert zurück bekannt und dokumentiert.Manfred Becker-Huberti, Günter A. Menne: Kölner Kirchen, die Kirchen der katholischen und evangelischen Gemeinden in Köln, S. 143Adam Wrede, Band III, S. 248

Vergleichbar mit anderen historischen Darstellungen von Stiftskirchen in der Kölner Alt- und Vorstadt, zum Beispiel St.Pantaleon (Stengekius 1625), St. Gereon (Mercator 1571) oder St. Maria im Kapitol mit dem erhaltenen Restmauerwerk des Dreikönigenpförtchens war auch St. Severin von einer mit Toren versehenen, die Curia, Kirche und den Kirchhof schützenden Mauer umgeben. Diese markierte und sicherte ihren Immunitätsbezirk. Ein erhaltenes Bild dokumentiert einen der ehemaligen Zugänge, der sich noch bis 1906 am östlich der Kirche gelegenen Platz „An der Eiche“ befand. Das Aquarell des Malers Jakob Scheiner zeigt den alten Platz des „Viertels“ mit einem der so genannten „Immunitätstore“, einem Eingang zum 1802 aufgehobenen Immunitätsbereich des Stiftes. mini|hochkant|Sarkophage auf dem Kirchhof Zu einem dieser alten Zugänge führte wohl die noch heute vorhandene immer noch auf den Kirchplatz zulaufende schmale Gasse „Im Ferkulum“. Herkunft und Geschichte dieser Bezeichnung mit dem lateinischen Ursprung „ferculum“ oder „fer(i)culum“ verweisen auf die römischen Anfänge des Viertels. Dies bestätigen auch die bei neuen Grabungen des 20. Jahrhunderts (1924, 1957) unter St. Severin geborgenen wertvollen Grabbeigaben aus frühchristlicher Zeit. Bei dem Begriff „Ferkulum“ handelt es sich um ein Tragegestell oder eine Trage, wie sie z. B. für die Götterbilder bei Prozessionen benutzt wurde. Das Gestell diente auch dem Transport von Trophäen bei Triumphen sowie dem Transportieren von Grabspenden oder der Totenasche.Langenscheids Handwörterbuch Lateinisch-Deutsch. Ebenfalls in: Langenscheids Großes Schulwörterbuch Lateinisch–Deutsch. (beide) Berlin 1971 (und neuere Auflagen). Ein während der Regentschaft Kaiser Karls des Großen erlassenes Dekret untersagte dann den Christen die Feuerbestattung.

Recht und Ordnung Hauptartikel: Kölner Gerichtswesen vom Mittelalter zur Neuzeit mini|hochkant|Kölner Schreinskarte 12./13. Jahrhundert Das aus der fränkischen Zeit überkommene Ding war zu dieser Zeit jedoch zur causae minores, einer freiwilligen Gerichtsbarkeit geringfügiger Schuldklagen, geworden. Das Pfarrgericht urteilte im Gegensatz zum Hohen Gericht in niederen Zivilrechtsfällen bei einem Streitwert bis zu 5 Schilling (wie später weitere Sondergerichte). Dies gab ihm den Namen Niedergericht. Es beurkundete, wie schon das fränkische Ding (Thing), gleichberechtigt mit dem Hohen Gericht Rechtsgeschäfte, die sein Territorium betrafen. Derartige Vorgänge (überwiegend Grundstücksgeschäfte) wurden in einem Schreinsbuch eingetragen.

Wie in den Sondergemeinden, den vor der alten Stadtmauer vorhandenen eigenen Gerichtsbezirken des südlichen Oversburg oder auch Ayrsbug (burgum superius) mit den zugehörigen Parochien St. Maria in Lyskirchen, St. Jacob und St. Johannis, fand die Rechtsprechung der Niederen Gerichtsbarkeit im Kirchspiel St. Severin weiterhin vor Ort statt. Die Entstehung des Gerichtssitzes ging hier mit hoher Wahrscheinlichkeit auf den dortigen Bezirk einer frühen Hundertschaft zurück. Nach Dresmann, Verweis auf: Ennen Geschichte der Stadt Köln, (Köln 1863–75), Band I. S, 167

Entwicklung des Kirchspiels mini|hochkant|Schrein des heiligen Severin mini|hochkant|St. Severin nach Mercator 1571 Das Kirchspiel in seinen Anfängen war eine kleine, dörflich geprägte Ansiedlung, wie sie sich seit karolingischer Zeit vor vielen größeren Städten Deutschlands entwickelt hatten.Klaus Dresmann, Seite 6 Verweis auf: Planitz, S. 217 Mit dem Heranwachsen von Kirche und Stift, letzteres wurde im Viertel zum größten Grundherren mit wachsenden Besitzungen in Köln und im Umland, wuchs auch die Kirchengemeinde.

Ursprüngliche Ausdehnung Eine Urkunde Erzbischof Wichfrids (924 bis 953) H. Keussen, Topographie der Stadt Köln im Mittelalter, Band I., S. 44, Verweis auf Lacomblet: V. J. 948, U. B. 1, 102 (Cardauns), Niederrhein. Annalen 26/37,314 – 347 beschrieb die ursprünglichen Grenzen des Kirchspiels St. Severin, dessen Grenzen in seinen Anfängen ein riesiges Gebiet umfassten.

Der Grenzverlauf, beginnend an der Hochpforte, dem Südtor der römischen Befestigung, ging durch die Severinstraße, verlief weiter über den späteren Perlengraben (der ähnlich einem Burggraben auf die Stadtmauer zulief), und wandte sich dann seitwärts durch die Schnurgasse in Richtung der ehemaligen Ansiedlung „Thiedenhoven“ (an der Grenze zur Gemarkung St. Pantaleon). Von dort zog sich der Grenzverlauf in Richtung Höningen, und führte weiter durch die Wälder von „Dierlo“ und „Junginvorst“ über den Forstweg an den Rhein. Diesem folgte er stromabwärts bis an den dort in den Rhein mündenden Duffesbach am Stadtgraben. Dann entlang des die Grenze zur Rheinvorstadt bildenden Sträßchens Filzengraben und schloss dieser folgend, in westlicher Richtung über die Straße Mühlenbach verlaufend an der Hochpforte ab.

Dieses Gebiet umschloss die ersten Bebauungen um St. Severin, die um die dem „Zint Jan“ geweihte Kirche vermutete Ansiedlung „Everich“ (später Overich, Oversburg), sowie die der später nicht wieder erwähnten Ansiedlung „Thiedenhoven“ weiter das Dörfchen „Nothausen“ am Rhein (um St. Maria Lyskirchen), die weiter südwestlich liegenden Hofstätten „Beina“ (später Beien oder Bayen) und, weit außerhalb des Kölner „Schweid“, die Ansiedlungen von Immendorf mit seiner ebenfalls dem heiligen Severin geweihten Kirche und den Weiler des heute zu Rondorf gehörenden kleinen Ortes Höningen. H. Keussen, Topographie der Stadt Köln im Mittelalter, Band I., S. 41 ff

Vorstädtische Ansiedlung Wegen der sich zunehmend in der Vorstadt ansiedelnden Menschen entstand der Pfarrbezirk St. Severin, der 1106 noch nicht vollständig in die Stadtbefestigung einbezogen war. Dies geschah dann im Zuge der letzten Erweiterung der Stadtmauer von 1180 bis 1259, die den „Sprengel“ als eine bis dahin privilegierte „Sondergemeinde“ der Stadt eingliederte.

Der Bereich des Kirchspiels grenzte im Nordwesten an den Bezirk des Stiftes St. Pantaleon und im Südosten, nach der Stadterweiterung von 1106, an den neu entstandenen Pfarrbezirk seiner ehemaligen Filialkirche „St. Jan“.

Weinanbau, Äcker und Hofstätten In diesem Gebiet lagen große Höfe der Kirchen und Klöster sowie Hofstätten reicher Familien. Sie waren mit ihren Äckern, Apfelgärten, Weingärten und der Viehzucht die Basis des Viertels und boten Vielen Arbeitsplätze. Ihre Produkte füllten überwiegend die Märkte der nahen Stadt. So waren im Jahr 1368 ein Malter Korn neun Mark, und ein Malter Weizen zehn Mark wert. Für ein Quart Wein zahlte man einen alten Groschen.Adolf Thomas, Verweis auf Annalen des Ver. für niederrh. Gesch. Heft 23, S. 46 ff. Die Hofstätten waren:

Der Fronhof von St. Severin, südlich der Kirche Kirchplatz/Severinstraße Der „Walravenhof“, an der Brunostraße Der Hof der „Kleingedank, genannt Mommersloch“ Severinstraße/An St. Magdalenen Der Hof „zer Schuren“, an St. Magdalenen Der Hof „Klein Benesis“ an der Ulrichgasse Der Hof „zum Dauwe“ vorher „zum Kojle“, am Ende der Severinstraße vor dem Katharinengraben Der Hof „Zum Hasen“ nördlich des Severinkirchplatzes Der Hof „zer Huven“ an der Seyengasse Der Hof der „Merzenich“ am Rand des Weinackers von „s. Erasmi“ Seit 1311 auch der „Bischofshof“ nördlich neben St. Bonifatius, den die Bürger ehrfürchtig als den „Hof unseres Herrn“ (der Erzbischof) bezeichneten Etwa ab 1335 der Hof der Kartäuser im westlichen Bereich des Kirchspiels

Bebauung und Straßen mini|hochkant|Torburg, Feldseite Die Bebauung vor der römischen Stadtmauer an der nach Süden führenden Fernstraße Neuss – Köln, Eigelstein, Hohe Straße, Severinstraße, Severinstorbug und am Judenbüchel (Anfang des 12. Jahrhunderts) vorbei nach Bonn, war bis zu den „Gräben“ (Perlen- und Katharinengraben) schon recht dicht und dehnte sich nun auch nach Süden aus. Für dieses Anwachsen der Gemeinde spricht der Bau einer zusätzlichen Pfarrkapelle des Stiftes St. Severin. Es ließ um 1190–1215 gegenüber der Stiftskirche die Kapelle St. Maria Magdalena erbauen.

Insgesamt blieb der Pfarrbezirk noch für lange Zeit ländlich geprägt. Eine zusammenhängende Bebauung entwickelte sich hauptsächlich in dem Bereich zwischen der anfänglich (12. Jahrhundert) „lata platea“ (Breite Straße) genannten Severinstraße mitsamt deren abzweigenden Gassen und Wegen bis zur Achterstraße.

mini|hochkant|Torburg, Schmitz Backes (rotes Haus) und Haus Balchem (alte Schmiede) Am südlichen Stadtausgang, an der in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts errichteten Severinstorburg, begann die Severinstraße. Die Straße, deren Name vom heiligen Severin, beziehungsweise von der nach ihm benannten Kirche, herrührt, wurde erstmals 1299 „platea s. Severini“ genannt und bezeichnete vorerst lediglich den Abschnitt vom Stadttor bis zu der Straße „Im Dau“, in welcher der Orden der Unbeschuhten Karmeliten 1614 ein Kloster gegründet hatte. Der weitere Verlauf hatte mehrere, im Zeitverlauf wechselnde Bezeichnungen. Adam Wrede, Band III, S. 247 In diesem Bereich und einigen abzweigenden Gassen verdichtete sich die Bebauung zu ersten Häuserzeilen. Es waren Privathäuser der wohlhabenden Bürger, Geschäftshäuser der Kaufleute und Handwerker, aber auch Herbergen und Schankhäuser, die zumeist in Tornähe standen. Werkstätten wie die der alten 1408 erwähnten Schmiede (heutiges Haus Balchem) Hermann Keussen: Topographie der Stadt Köln im Mittelalter S. 193 oder Häuser von Zunftangehörigen, wie die der Fassbinder, die durch den Weinanbau ihr Einkommen fanden, Sattler die das Zaumzeug der Zugtiere in der Landwirtschaft fertigten, oder die Häuser mit den Geschäften der Fleischer und Bäcker gesellten sich hinzu. So ist der Name des legendären Hauses „Schmitz Backes“ wahrscheinlich das auf der Severinstraße für das Jahr 1391 angegebene „Vlammenhuys“. Hermann Keussen: Topographie der Stadt Köln im Mittelalter, S. 193: „2 dom. sub 1tecto ante portam s. Severini secus plateam voc. ‚Vlammenhuys‘“.