mini|Johannes Brahms um 1866 Ein deutsches Requiem nach Worten der Heiligen Schrift, op. 45, ist ein Werk des Komponisten Johannes Brahms für Sopran- und Bariton-Solo, Chor und Orchester. Es wurde zwischen 1865 und 1868 komponiert. In der endgültigen Fassung besteht es aus sieben Sätzen.

Gattung und Textauswahl Unter einem Requiem versteht man gemeinhin die Liturgie der Totenmesse der katholischen Kirche bzw. kirchenmusikalische Kompositionen zum Totengedenken. Der im evangelisch-lutherischen Hamburg groß gewordene Brahms orientierte sich bei der Auswahl seiner Texte nicht am traditionellen Kanon des Requiems als Totenmesse, sondern wählte aus Texten des Alten und Neuen Testamentes in der Fassung der Lutherbibel vor allem solche aus, in denen der Trost der Hinterbliebenen im Mittelpunkt steht. Brahms gestaltete sein Deutsches Requiem nicht als Trauermusik, sondern zum Trost derer, „die da Leid tragen“, also als eine von Ernst, Würde und Zuversicht getragene Musik für die Lebenden. Über den Text so Brahms selbst: „Was den Text betrifft, so will ich bekennen, dass ich recht gerne auch das ‚Deutsche‘ fortließe und einfach den ‚Menschen‘ setzte“. Weiter beteuerte er: „Ich habe meine Trauermusik vollendet als Seeligpreisung der Leidtragenden“. Damit unterscheidet sich das Werk fundamental von anderen Requiems, wie denen von Mozart oder Verdi.

Der kirchenmusikalischen Gattung des Requiems kann und soll das Werk deshalb nicht gerecht werden; von der Anlage – vor allem der Besetzung – her kann man es eher als Oratorium bezeichnen, wenn auch die dramatische Komponente fehlt. In der Textabfolge knüpft es am ehesten an die evangelische Motette früherer Zeiten an.

Besetzung Gesang: Solo-Sopran, Solo-Bariton und vierstimmiger Chor.

Orchester: zwei Flöten, Piccoloflöte, zwei Oboen, zwei Klarinetten in A und B, zwei Fagotte, Kontrafagott ad libitum, vier Hörner, zwei Trompeten, drei Posaunen, Tuba, Pauken, zwei Harfen (unisono), Streicher, Orgel ad libitum. – Diese Orgelstimme fehlt zwar in der Partitur des Erstdrucks, wurde dem Stimmensatz jedoch beigefügt. Sie stammt von Joh. Brahms selbst. Die Kontrafagott-Stimme wurde nach Brahms’ Anweisungen, die sich in seinem Handexemplar finden, herausgeschrieben und zunächst nur den Wiener Stimmen beigelegt, die er für seine Aufführungen verwendete. Im Erstdruck findet sich nirgends ein Hinweis darauf, erst die Partitur der Gesamtausgabe (ed. Eusebius Mandyczewski) fügte diese um 1927 hinzu.

Entstehungsgeschichte 1858 vertonte Johannes Brahms erstmals geistliche Texte (Ave Maria op. 12 und Begräbnisgesang op. 13). 1861 begann er dann mit der Zusammenstellung der Texte zu dem Requiem. Zunächst entstanden die Texte der Sätze I–IV; diese notierte Brahms auf der Rückseite des vierten Liedes seiner Magelonen-Romanzen op. 33. Ebenfalls 1861 komponierte er die ersten beiden Sätze. Nach dem Tod der Mutter 1865 scheint er die Arbeit an dem Werk wiederaufgenommen zu haben, im Frühjahr 1865 entstand der IV. Satz, diesen sandte Brahms als Klavierauszug an Clara Schumann. Satz III ist wohl während eines längeren Aufenthaltes bei dem Freund und Fotografen Julius Allgeyer in Karlsruhe entstanden, die Sätze VI und VII wohl im Sommer des Jahres 1866 in Lichtental (bei Baden-Baden) und/oder in Winterthur. Der heutige Satz V wurde erst im Mai 1868 komponiert und nach den ersten Aufführungen in das Werk eingefügt (Siehe Johannes Brahms und die Schweiz).

Ein Briefwechsel mit dem Verleger Jakob Melchior Rieter-Biedermann vom November 1867 belegt Brahms’ Absicht, das Requiem in Basel uraufführen zu wollen. Dorthin pflegte Brahms enge Kontakte mit dem Mäzen Friedrich Riggenbach-Stehlin, bei dessen Hauskonzerten er einige Sätze aus dem Requiem im Klavierauszug aufführte. Zur eigentlichen Uraufführung kam es jedoch nicht, Brahms bemerkte: „Die Basler sind von einer so unpraktischen Weitläufigkeit, dass das wohl nichts wird. Und ich wäre gar gerne zum Frühling in Ihre Gegend gegangen. Dagegen will man das Requiem in Bremen durchaus aufführen […]“

Die ersten drei Sätze – mehr wollte man dem Publikum „nicht zumuten“ – wurden Anfang Dezember 1867 durch den Wiener Singverein in einem Konzert der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien uraufgeführt. Der Behauptung, die Aufführung habe einen „eklatanten Misserfolg“ erlebt, widerspricht ein Brief von Brahms’ Freund Joseph Joachim an seine Frau (1. Dezember 1867); dort ist die Rede davon, das Publikum habe „mit Theilnahme“ zugehört, „eine kompakte kleine Partei“ sogar „mit Weihe und Enthusiasmus“, während „einiges zischendes Gesindel […] den Sieg nicht erringen“ konnte. Der Beifall habe so lange angehalten, bis Brahms „vom Saal über die Treppe in’s Orchester“ gekommen sei. Ein Problem der Aufführung, die von Eduard Hanslick insgesamt durchaus positiv rezensiert wurde, war, dass der Paukist beim langen Orgelpunkt der Schlussfuge von Nr. 3 („Der Gerechten Seelen“) viel zu laut spielte.

Weitaus mehr Anklang fand die erstmalige Aufführung der vorläufig vollendeten Komposition: Das damals noch sechssätzige Werk wurde in seiner Gesamtheit erstmals am Karfreitag, dem 10. April 1868, im Bremer Dom unter der musikalischen Leitung von Brahms aufgeführt, nach Einstudierung durch den Bremer Domkapellmeister Carl Martin Reinthaler. Der bei diesem Konzert noch fehlende fünfte Satz wurde erst danach eingefügt. Das vollständige Werk erlebte am 18. Februar 1869 seine Uraufführung im Leipziger Gewandhaus durch den Gewandhauschor; allerdings hatte es am 3. Januar 1869 bereits eine private Aufführung der Klavierauszugversion mit kleinem Chor und Solisten in Dessau gegeben, wie Brahms von seinem Freund Adolf Schubring erfuhr.

Struktur Durch die Einfügung von Satz V ergibt sich eine symmetrische Struktur um den Satz IV, der die „lieblichen Wohnungen des Herrn“ beschreibt. Satz I und VII beginnen mit „Selig sind …“, wobei Satz I den Seligpreisungen der Bergpredigt entnommen ist, Satz VII der Offenbarung des Johannes. Auch musikalisch sind diese beiden – überwiegend verhaltenen – Sätze aufeinander bezogen, besonders am Ende. Die Sätze II und VI sind dramatisch konzipiert, Satz II betont die Vergänglichkeit („Denn alles Fleisch, es ist wie Gras“), Satz VI die Auferstehung („Siehe, ich sage euch ein Geheimnis“). Die Sätze III und V werden von einer Solostimme begonnen. In Satz III bittet der Bariton („Herr, lehre doch mich“), der Chor wiederholt mehrfach verallgemeinernd den Text. In Satz V dagegen singen die Sopranistin und der Chor unterschiedlichen Text, „Ihr habt nun Traurigkeit“ gegenüber „Ich will euch trösten“. Im ganzen Werk singen die Solisten, anders als zum Beispiel in barocken Oratorien, keine Arien, sondern sind Teil der Gesamtarchitektur. Fast alle Sätze – mit Ausnahme von IV und VII – beruhen auf einer Folge mehrerer Bibelworte, die jeweils sinnvoll von Leid und Trauer zum Trost führen. Das letzte Wort ist – wie das erste – „selig“.

Text und Musik Die folgende Tabelle listet innerhalb der Sätze die Zeilenanfänge für neuen Text. Wechsel in der biblischen Quelle bedingen oft auch einen Wechsel im Charakter der Musik, der durch Tonart, Tempo und Takt beschrieben wird. Der Chor singt vierstimmig, mit Ausnahme einiger Akkorde, und ist fast pausenlos Träger des Geschehens. Brahms fand für einige Sätze deutsche Beschreibungen für Tempo und Ausdruck, andere bezeichnete er mit üblichen italienischen Angaben.

Text Solo Tonart Tempo Takt Bibel I Datei:Johannes Brahms - Op.45 Ein Deutsches Requiem - (01) Selig sind, die da Leid tragen.ogg Selig sind, die da Leid tragen F-Dur Des-Dur Selig sind, die da Leid tragen F-Dur II Datei:Johannes Brahms - Op.45 Ein Deutsches Requiem - (02) Denn alles Fleisch, es ist wie Gras.ogg Denn alles Fleisch, es ist wie Gras b-Moll Langsam, marschmäßig So seid nun geduldig Ges-Dur Etwas bewegter Denn alles Fleisch, es ist wie Gras b-Moll Tempo I Aber des Herrn Wort bleibet in Ewigkeit B-Dur Un poco sostenuto Die Erlöseten des Herrn werden wiederkommen B-Dur Allegro non troppo ewige Freude B-Dur Tranquillo III Datei:Johannes Brahms - Op.45 Ein Deutsches Requiem - (03) Herr, lehre doch mich.ogg Herr, lehre doch mich Bar d-Moll Andante moderato Ach, wie gar nichts Bar F-Dur Ich hoffe auf dich D-Dur Der Gerechten Seelen sind in Gottes Hand D-Dur IV Datei:Johannes Brahms - Op.45 Ein Deutsches Requiem - (04) Wie lieblich sind deine Wohnungen.ogg Wie lieblich sind deine Wohnungen Es-Dur Mäßig bewegt und V Datei:Johannes Brahms - Op.45 Ein Deutsches Requiem - (05) Ihr habt nun Traurigkeit.ogg Ihr habt nun Traurigkeit Sop G-Dur Langsam Ich will euch trösten D-Dur Sehet mich an Sop B-Dur → H-Dur Ich will euch trösten H-Dur → D-Dur Ihr habt nun Traurigkeit Sop stark modulierend Ich will euch trösten G-Dur VI Datei:Johannes Brahms - Op.45 Ein Deutsches Requiem - (06) Denn wir haben hie keine bleibende Statt.ogg Denn wir haben hie keine bleibende Statt c-Moll Andante Siehe, ich sage euch ein Geheimnis Bar c-Moll → fis-Moll → c-Moll Denn es wird die Posaune schallen c-Moll Vivace Dann wird erfüllet werden Bar Der Tod ist verschlungen in den Sieg sehr stark modulierend Herr, du bist würdig C-Dur Allegro VII Datei:Johannes Brahms - Op.45 Ein Deutsches Requiem - (07) Selig sind die Toten.ogg Selig sind die Toten F-Dur Feierlich Ja, der Geist spricht, daß sie ruhen A-Dur Selig sind die Toten F-Dur

Musikalische Details Nr. Informationen AufnahmeDie Aufnahme wurde 2001 von The Holden Consort Orchestra and Choir eingespielt. 1 Chor: Selig sind, die da Leid tragen Tonart Taktart Bezeichnung F Ziemlich langsam und mit Ausdruck (Takt 1–158) 2 Chor: Denn alles Fleisch, es ist wie Gras Tonart Taktart Bezeichnung b Langsam, marschmäßig sempre legato mezza voce (Takt 1–43)sempre legato (Takt 43–74) Ges Etwas bewegter dolce espr. (Takt 74–126) b Tempo I (exakte Wdh. 1–74) B Un poco sostenuto (Takt 198–205) Allegro non troppo (Takt 206–302) tranquillo (Takt 303–337) 3 Bariton und Chor: Herr, lehre doch mich, dass ein Ende mit mir haben muss. Tonart Taktart Bezeichnung d Andante moderato (Takt 1–104) F (Takt 105–163) D (Takt 164–172) (Takt 173–208) 4 Chor: Wie lieblich sind deine Wohnungen, Herr Zebaoth Tonart Taktart Bezeichnung Es Mäßig bewegt (Takt 1–179) 5 Sopran: Ihr habt nun TraurigkeitChor: Ich will euch trösten Tonart Taktart Bezeichnung G Langsam (Takt 1–82) 6 Chor: Denn wir haben hie keine bleibende StattBariton: Siehe, ich sage euch ein Geheimnis Tonart Taktart Bezeichnung c Andante (Takt 1–31) fis (Takt 32–71) [ab Takt 68 accelerando] c (Takt 72–81) Vivace (Takt 82–207) C Allegro (Takt 208–349) 7 Chor: Selig sind die Toten Tonart Taktart BezeichnungF Feierlich (Takt 1–47) A (Takt 48–101) F (Takt 102–166)

Bearbeitungen Die sogenannte Londoner Fassung des Requiems ist eine Bearbeitung für Chor und Klavier. Zur Entstehung dieser Fassung existieren unterschiedliche Meinungen. Gemeinhin wird sie als eine eigenhändige Bearbeitung Brahms’ für die erste Aufführung des Werks in London 1871 bezeichnet. Neueren ForschungenMichael Struck: Requiem in wechselnden Gestalten – Werk-, Gebrauchs-, Phantom- und Aufführungsfassungen. In: Wolfgang Sandberger (Hrsg.): „Ich will euch trösten…“. Johannes Brahms – Ein deutsches Requiem. Symposion – Ausstellung – Katalog. Edition Text+Kritik, München 2012, S. 27–32. zufolge wurde für diese Aufführung ein bereits 1869 von Brahms selbst veröffentlichtes vierhändiges KlavierarrangementLeonard Van Camp: A Practical Guide for Performing, Teaching, and Singing the Brahms Requiem. Lawson-Gould Music Publishers, New York 2002, ISBN 0-7579-9859-3, S. 9 (). verwendet, das eigentlich für das heimische Musizieren ohne Chor vorgesehen war. Der Chorpart wurde hierfür nur teilweise aus den Klavierstimmen gestrichen.

Theodor Kirchner schrieb eine Fassung für Klavier solo. Robert Schaab schuf eine Konzertfassung für Orgel der Sätze IV („Wie lieblich sind deine Wohnungen“) und VI („Denn wir haben hie keine bleibende Statt“).