mini|Menschliches Auge mit oberem und unterem Augenlid sowie einer Oberlidfurche mini|Unvollständig geöffnetes Auge eines Graupapageis mit sichtbarem Ober- und Unterlid mini|Nickhaut eines Huhns

Ein Augenlid (von mittelhochdeutsch ougelit; Palpebra; ) ist eine Falte der Haut mit Muskeln, Drüsen und Bindegewebe, die das Auge schützt. Geschlossen stellen Oberlid (Palpebra superior) und Unterlid (Palpebra inferior) die vordere Begrenzung der Augenhöhle (Orbita) dar; die Öffnung zwischen beiden wird Lidspalte (lateinisch Rima palpebrarum) genannt. Diese endet schläfenseitig und nasenseitig sowohl bei geöffnetem wie bei geschlossenem Zustand im äußeren beziehungsweise inneren Lidwinkel oder Augenwinkel. Die Linie zwischen beiden Lidwinkeln wird als Lidachse bezeichnet.

Allgemein dienen die Augenlider dem mechanischen Schutz und der Feuchthaltung von Bindehaut und Hornhaut des Auges. Sie können den Augapfel vorne vollständig bedecken und halten dessen empfindliche Vorderabschnitte durch den Lidschlag mithilfe von Tränenflüssigkeit sauber und feucht. Aufbau und Struktur der Augenlider können sich je nach Spezies unterscheiden, auch verfügen nicht alle Arten von Schädeltieren über Augenlider. Bei einigen Arten ist zusätzlich unter den beiden Augenlidern eine bewegliche Nickhaut ausgebildet.

Einige für die Bewegung der Lider zuständige Muskeln gehören zur Gruppe der mimischen Gesichtsmuskulatur, was die wichtige Rolle der Augenlider bei der Bildung des Gesichtsausdrucks und der Mimik unterstreicht.

Funktion mini|Froschauge

Die Augenlider erfüllen zwei Hauptfunktionen. Sie dienen zum einen dem Schutz des Auges vor jedweder Form von Berührung, Fremdkörpern, Verletzungen und Licht sowie vor mechanischen, chemischen und anderweitigen schädlichen und ungewollten Einwirkungen. Das Schließen und Öffnen der Augenlider wird Lidschlag genannt, allgemein auch Blinzeln. Die Schließbewegung erfolgt dabei entweder willkürlich oder unwillkürlich über den Lidschlussreflex. Er schließt beim Eintritt entsprechender Reize die Augenlider vollständig (beim Menschen durchschnittlich innerhalb von etwa 300 Millisekunden), wobei seine Reizschwelle durch bestimmte Krankheiten herabgesetzt sein kann.Albert J. Augustin: Augenheilkunde. 3., komplett überarbeitete und erweiterte Auflage. Springer, Berlin u. a. 2007, ISBN 978-3-540-30454-8, S. 168. Das Schließen des Lides erfolgt dabei in der Regel schneller als das Öffnen. Zum anderen sorgt ein regelmäßiger Lidschlag dafür, dass die empfindliche Hornhaut (Kornea), die einen wesentlichen Anteil an der Lichtbrechung und somit an einem einwandfreien Sehvorgang hat, sowie der vordere Teil der Lederhaut (Sklera) jederzeit ausreichend mit Tränenflüssigkeit benetzt und damit vor dem Austrocknen bewahrt werden. Die Häufigkeit des Lidschlags beträgt beim Menschen etwa 10–12 Lidschläge pro Minute,Robert A. Moses (Hrsg.): Adler’s Physiology of the eye. Clinical application. 7th edition. Mosby, St. Louis MO u. a. 1981, ISBN 0-8016-3541-1, Kapitel 1, S. 1–15. wobei Frauen schneller und öfter blinzeln als Männer.Chiarella Sforza, Mario Rango, Domenico Galante, Nereo Bresolin, Virgilio F. Ferrario: Spontaneous blinking in healthy persons: an optoelectronic study of eyelid motion. In: Ophthalmic and Physiological Optics, Band 28, Nr. 4, Juli 2008, , S. 345–353, PMID 18565090, doi:10.1111/j.1475-1313.2008.00577.x.

Das Verschließen der Augenlider erfolgt synchron und findet in der Regel über das Zusammenwirken von Ober- und Unterlid statt. Ausnahmen hiervon bilden beispielsweise Kolibris und Papageien, bei denen lediglich das Oberlid für den Lidschluss zuständig ist. Bei Enten- und Hühnervögeln hingegen erfolgt das Schließen der Lider durch eine Bewegung des Unterlides nach oben.Wilfried Westheide, Reinhard Rieger (Hrsg.): Spezielle Zoologie. Teil 2: Wirbel- oder Schädeltiere. Spektrum, Akademischer Verlag, Heidelberg u. a. 2004, ISBN 3-8274-0307-3, S. 416.

Zu den weiteren Eigenschaften der Lider gehört, dass mit einigen Ausnahmen die Augenlider während des Schlafens geschlossen sind.

Über die Schutz- und Versorgungsfunktion hinaus spielen die Augenlider eine nicht unerhebliche Rolle für die Bildung des Gesichtsausdrucks und der Mimik. An ihnen lässt sich ein Eindruck über die momentane Verfassung und die Gesamtpersönlichkeit ableiten, kennzeichnen sie doch beispielsweise einen erschreckten oder ängstlichen Blick sowie den Ausdruck von Freude, Trauer oder Müdigkeit.Axenfeld, Pau: Lehrbuch und Atlas der Augenheilkunde. 1980, S. 145. Zudem können bei manchen Tieren Nickhaut und Lider sekundäre Signalfunktionen übernehmen.

Anatomie und Struktur mini|Histologischer Schnitt durch das obere menschliche Augenlid

Die Augenlider gehören zu den Anhangsorganen des Auges. Als paariges Organ bestehen sie aus einem häufig etwas größeren Oberlid (lateinisch Palpebra superior), das aus einer leicht gewölbten, bindegewebigen Platte, dem Tarsus, besteht und von der mit feinen Lanugohärchen besetzten Lidhaut bedeckt wird, und einem ähnlich wir das Oberlid aufgebauten Unterlid (Palpebra inferior).Detlef Kießling, Sabine Stannat: Anatomie am Lebenden. Verlag Jungjohann, Heidelberg 1981, ISBN 3-88454-104-8, S. 16. Zwischen beiden befindet sich die Lidspalte (Rima palpebrarum). Je im Lidwinkel (Angulus oculi oder Canthus) sind beide Augenlider (im lateralen spitzen Winkel, Angulus oculi lateralis, bzw. im abgerundeten medialen, mit dem Tränenwärzchen versehenen, Angulus oculi medialis) miteinander verbunden (Commissura palpebrarum) und über zwei Bänder, das Ligamentum palpebrae mediale und Ligamentum palpebrae laterale, auch mit dem medialen und lateralen Rand der Augenhöhle. Im inneren Lidwinkel befindet sich ein knötchenförmiges Gebilde, die Tränenkarunkel.

Bei den Schlangen, der Johannisechse und einigen Geckos sind die Lider zusammengewachsen und bilden eine der Hornhaut aufliegende durchsichtige Struktur, die als Brille bezeichnet und mit gehäutet wird.Winnie Achilles, Franz-Viktor Salomon: Anatomie der Reptilien. In: Franz-Viktor Salomon, Hans Geyer, Uwe Gille (Hrsg.): Anatomie für die Tiermedizin. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. Enke, Stuttgart u. a. 2008, ISBN 978-3-8304-1075-1, S. 836.

Knorpelfische verfügen zwar über Augenlider, jedoch sind diese mit wenigen Ausnahmen (z. B. bei Ammenhaien) nur eingeschränkt beweglich.Wilfried Westheide, Reinhard Rieger (Hrsg.): Spezielle Zoologie. Teil 2: Wirbel- oder Schädeltiere. Spektrum, Akademischer Verlag, Heidelberg u. a. 2004, ISBN 3-8274-0307-3, S. 210.

Aufbau Das Lid besteht aus zwei Blättern, einem äußeren und einem inneren. Dem äußeren Blatt liegt die Körperhaut auf, die aus mehrschichtigem Plattenepithel besteht. Des Weiteren sind der ringförmige Musculus orbicularis oculi sowie im Oberlid der zu ihm antagonistische Lidheber, der Musculus levator palpebrae superioris, dessen Bewegungsstrecke beim Menschen etwa 20 Millimeter beträgt, Bestandteile des äußeren Blattes. Auf Grund seiner besonderen Aufhängung am inneren und äußeren Lidband (Ligamentum palpebrale mediale et laterale) zieht sich der M. orbicularis oculi nicht wie andere Ringmuskel konzentrisch zusammen, sondern bewirkt lediglich einen Lidschluss, ohne dabei jedoch die Lidspalte zu verkürzen.

Das innere Blatt besteht aus dem bindegewebigen Septum orbitale, welches sich zwischen Periorbita und dem Tarsus palpebrae befindet, und dem Tarsus selbst. Dieser wird häufig fälschlicherweise als „Lidknorpel“ bezeichnet, ist jedoch kein Knorpel, sondern eine von straffen Kollagenfasern durchzogene Bindegewebsplatte.Karl Zilles, Bernhard Tillmann: Anatomie. Springer-Medizin, Heidelberg 2010, ISBN 978-3-540-69481-6, S. 676. Beim Menschen besitzt dieser eine Breite von rund 25 Millimetern, eine Dicke von etwa 1 Millimeter und eine Höhe zwischen 10 Millimetern im Oberlid und 5 Millimetern im Unterlid. In dieser Struktur setzt im Oberlid die Sehne des M. levator palpebrae superioris fächerartig an (Levatoraponeurose). Im inneren Blatt ist weitere glatte Muskulatur zum Öffnen und Regeln der unwillkürlichen Lidspaltenweite eingebettet, der Musculus tarsalis. Er teilt sich im Oberlid als M. tarsalis superior, im Unterlid als M. tarsalis inferior. Auf der Innenseite werden die Augenlider von der Bindehaut (Konjunktiva) überzogen.

Aus dem Umschlag des Oberlides am Fornix conjunctivae kann eine Oberlidfurche (Sulcus palpebralis superior)Anton Waldeyer: Anatomie des Menschen. 17., völlig überarbeitete Auflage. de Gruyter, Berlin u. a. 2003, ISBN 3-11-016561-9. entstehen, auch Deck-, Lid- oder Umschlagsfalte genannt. Sie bildet sich aus dem Ansatz der Levator-Aponeurose, die am Musculus orbicularis oculi unter der Haut ansetzt, und verläuft parallel zur Lidkante.Raveewan Choontanom: Das Fasanella-Servat Verfahren zur operativen Behandlung der Ptosis. (PDF; 2,7 MB) Münster 2006 (Münster, Universität, Dissertation, 2006). Ihr Fehlen deutet auf eine vermehrte subkutane Fetteinlagerung hin. Eine Furche unter dem Unterlid, die Unterlidfurche (lateinisch Sulcus infrapalpebralisHeinz Feneis: Anatomisches Lexikon der internationalen Nomenklatur. Mit Zeichnungen von Gerhard Spitzer. Thieme, Stuttgart 1970; 3. unveränderte Auflage unter dem Titel Anatomisches Bildwörterbuch der internationalen Nomenklatur ebenda 1972, ISBN 3-13-330103-9, S. 375. oder Sulcus palpebralis inferior), ist oft nur sehr gering, unauffällig und meist nur bei Blick nach unten ausgeprägt.

Bei Säugetieren sitzen an den Lidrändern die Wimpern (Cilia), bei Vögeln Borstenfedern (Setae). Sie unterstützen die Schutzfunktion der Augenlider, indem sie Staubpartikel und größere Fremdkörper vom Auge abhalten. Um die Wimpern gibt es mehrere Drüsen:HNO, Augenheilkunde, Dermatologie und Urologie für Pflegeberufe; Elmar Oestreicher; Seite 101 Moll-Drüsen (Glandulae ciliares), benannt nach dem deutschen Augenarzt Jakob Antonius Moll Zeis-Drüsen (Glandulae sebaceae), benannt nach dem deutschen Chirurgen Eduard Zeis Meibom-Drüsen oder Tarsaldrüsen (Glandulae tarsales),Albert J. Augustin: Augenheilkunde. 3., komplett überarbeitete und erweiterte Auflage. Springer, Berlin u. a. 2007, ISBN 978-3-540-30454-8, S. 169. benannt nach dem deutschen Arzt und Gelehrten Heinrich Meibom Meibom- und Zeis-Drüsen bilden als Talgdrüsen die sogenannte „Augenbutter“, ein Sekret, das ein Überlaufen der Tränenflüssigkeit über die Lidkante verhindert. Die am Morgen meist eingetrockneten gelblichen Sekretreste im inneren Lidwinkel werden beim Menschen umgangssprachlich als „Schlaf“ aus den Augen gerieben. Die Moll-Drüsen produzieren Schweiß.

Nickhaut

mini|hochkant=1.8|links|Nickhaut eines Maskenkiebitz

Eine zusätzliche Bindehautfalte im nasenseitigen Augenwinkel wird als Nickhaut (Plica semilunaris conjunctivae, Membrana nictitans) oder drittes Augenlid (Palpebra tertia) bezeichnet. Beim Menschen ist sie nur rudimentär vorhanden. Bei den übrigen Säugetieren ist sie von einem Knorpel gestützt und so groß, dass sie sich bei bestimmten Erkrankungen vor das gesamte Auge legen kann. Bei vielen anderen Wirbeltieren, z. B. Haien, Reptilien und vielen Vögeln, ist sie transparent und kann wie eine Schutzbrille vor das Auge geklappt werden. Bei Vögeln sind in die Nickhaut zwei Muskeln eingelagert, der Musculus quadratus membranae nictitantis und der Musculus pyramidalis membranae nictitantis. Sie ermöglichen einen aktiven Lidschlag der Nickhaut, der bei Vögeln eine größere Rolle für die Verteilung der Tränenflüssigkeit spielt als der der eigentlichen Lider. Beim Haushuhn vollführt die Nickhaut etwa 35 Lidschläge pro Minute.Franz-Viktor Salomon, Maria-Elisabeth Krautwald-Junghanns: Anatomie der Vögel. In: Franz-Viktor Salomon, Hans Geyer, Uwe Gille (Hrsg.): Anatomie für die Tiermedizin. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. Enke, Stuttgart u. a. 2008, ISBN 978-3-8304-1075-1, S. 806. Den Reptilien mit verwachsenen Lidern fehlt die Nickhaut.

Muskulatur Folgende Muskeln sind an der Bewegung der Augenlider beteiligt: