Burkhard Hennen (* 31. Mai 1946Jürgen Stock: MoersFestival-Gründer Hennen wird 70. In: Rheinische Post, 30. Mai 2016. in Oedt (Grefrath)Ulli Tückmantel: Geldern: „Wir sind jetzt Jazz!“ In: Rheinische Post, 29. Mai 2007.) ist ein ehemaliger Betreiber einer Kulturkneipe, Organisator von Jazz-Festivals und Jazz-Produzent. Hennen leitete seit 1972 34 Jahre lang das weltweit angesehene Internationale New Jazz Festival Moers am Niederrhein,Heinrich Oehmsen: Spießer müssen draußen bleiben. Ein Rückblick auf das New Jazz Festival Moers. In: Hamburger Abendblatt, 3. Juni 2004. ab 1993 auch Moers Festival genannt, das zu den bedeutendsten Jazzfestivals der Welt gezählt wurde.Norbert Ballhaus zitiert in: Manfred Lachniet: Spektakel zum Abschied. Neue Ruhr Zeitung, 16. Mai 2005.

Leben und Werk Hennen besuchte das Gymnasium Adolfinum Moers, wo er Chefredakteur der Schülerzeitung „Scheinwerfer“ war. Nach dem Abitur begann er ein Jurastudium an der Ruhr-Universität Bochum und widmete sich später hauptberuflich der Musik.Hartmut Boblitz: Lieber Burkhard. In: Programmheft, 25 Jahre Internationales New Jazz Moers Festival, Pfingsten 23.–27. Mai 1996, S. 59. Er nahm im Rahmen der 68er-Studentenbewegung an friedlichen Demonstrationen in Moers gegen die Springer-Presse und gegen das als autoritär kritisierte Schulsystem teil.Christian Schwerdtfeger: Die bewegte Röhre. In: Rheinische Post, 20. Juni 2007:„Schüler unternahmen eine Reise in die Vergangenheit. Im Moerser Stadtarchiv forschten sie nach Spuren der 68er-Bewegung in der Grafschaft.“Maximilian Böhm, Julian van Essen (Gymnasium in den Filder Benden): . In: Körber-Stiftung, 2007.

Die Röhre Um mit Gleichgesinnten für politische Diskussionen einen Raum zu haben, mietete er mit Freunden 1968 für 800 DM jährlich die leerstehende Lagerhalle einer ehemaligen Hutfabrik an, die bis zur Enteignung („Arisierung“) in der Zeit des Nationalsozialismus der jüdischen Familie Kahn gehört hatte.Anja Katzke: Moers: Der alte Geist der Röhre. In: Rheinische Post, 10. Oktober 2008, Interview mit Claudius Albustin, Pächter der Röhre. Die Miete überstieg jedoch das Budget der Jugendlichen, daher wollten sie durch den Betrieb einer Schankstätte die Unkosten ausgleichen. Ein Berater der örtlichen Sparkasse gewährte ihnen trotz fehlender Sicherheiten einen Kredit in Höhe von 10.000 DM für den Umbau.Dorothee Wolke: . In: Stattzeitung (Moers), 9. November 2003, Artikel-Kopie im Leserforum von Der Westen ab Abschnitt „Rückblick“. Am 11. Oktober 1968 eröffnete Hennen in Moers mit Reiner Lindemann und Poncho Schuhmacher eine Musik- und Kulturkneipe. Hennen und Lindemann kannten sich aus dem gemeinsamen Besuch des Adolfinums, Lindemann war damals Schülersprecher dieses Gymnasiums. Sie nannten das heute noch bestehende Lokal wegen seines langgezogenen Grundrisses Die Röhre. Der Untertitel „Lokal und Forum für kulturelle und politische Diskussion“ verwies ausdrücklich auf den politischen und emanzipatorischen Anspruch. Als Hintergrundmusik und bei Live-Musik-Abenden wurde dort Jazzmusik, vorzugsweise Free-Jazz gespielt.

Nach Streitigkeiten mit der Brauerei und Meinungsverschiedenheiten mit seinen Kollegen übernahm Hennen 1970 allein den Betrieb der Kulturkneipe. Lindemann beendete sein Jurastudium und wurde später Richter. 1972 vermietete Hennen den Schankbetrieb und konzentrierte sich auf die Organisation des Kulturprogramms. In den Anfangsjahren fanden in der Röhre bis zu 300 Veranstaltungen aller Art im Jahr statt.Anja Katzke: Moers. Offensive für die Kultur. In: Rheinische Post, 24. März 2007, Interview mit Claudius Albustin. An bekannten Künstlern traten unter anderem Kraftwerk, Hanns Dieter Hüsch, Franz Josef Degenhardt, Dieter Süverkrüp und Max von der Grün auf. Da der damalige Moerser Bürgermeister Albin Neuse seine Wohnung gegenüber der Röhre hatte und sich von dem Lärm in seiner Nachtruhe gestört fühlte, ließ er mehrere Kontrollen vom Ordnungsamt durchführen und versuchte, mehrere Auflagen zu erreichen (22 h Sperrstunde) und schließlich mit einem Gerichtsverfahren die Schließung durchzusetzen.Anja Katzke: Moers. Partner für Kulturschaffende. In: Rheinische Post, 5. Dezember 2007, Interview mit Hartmut Hohmann. Da sich in den fünf Jahren Verpachtung der Röhre die Drogenszene dort ausgebreitet hatte, erwog Hennen um 1977 eine Schließung des Lokals. Vorübergehend als Quartier 4 firmierend, wurde das Lokal mit dem Schriftsteller Gotthard Schmidt als Kneipier wieder unter dem alten Namen Die Röhre fortgeführt. Nach Schmidts Wegzug nach Berlin führten zunächst noch weitere Pächter die Röhre, bis sie schließlich an Hennens Mitarbeiter Markus Brinkmann längerfristig verpachtet werden konnte.

Die Röhre war noch zu Schmidts Zeit so sehr in Jazz-Kreisen als Auftrittsmöglichkeit begehrt, dass Hennen in den wenigen Monaten seiner Leitung Dutzende Angebote von internationalen Jazz-Gruppen erhielt, einfach „für Eintritt“ spielen zu dürfen. Der Eintrittspreis lag bei etwa zwei bis drei DM. Die Röhre bildete damals einen Anziehungspunkt für Interessierte am internationalen Neuen Jazz.

Jazz-Festival in Moers mini|Jazzfestival im Freizeitpark 1978 Vier Jahre nach der Eröffnung seiner Kulturgaststätte veranstaltete Hennen 1972 am langen Pfingstwochenende das erste deutsche Free-Jazz-Festival unter freiem Himmel im Hof des Moerser Schlosses vor etwa 800 Zuhörern. Bald konnte der Schlosshof die Zuschauer nicht mehr fassen. Daher verlegte er 1975 das Musikfest auf den Rasen des angrenzenden Moerser Freizeitparks. Bis 1970 war das Betreten des Rasens noch verboten gewesen.Rainer Gewinner: In: JazzMexx.com, 4. März 2005. Dort entstand eine jährlich anwachsende Zeltstadt von Campingurlaubern, die von immer mehr mobilen Händlern gesäumt wurden, welche Ethno-Schmuck und Hippie-Kleidung, exotisches Fastfood, später auch Piercing und Tattoos anboten. Entgegen der Ansicht mancher Journalisten schätzte Hennen grundsätzlich die Atmosphäre der Zeltstadt, die in den 1990er Jahren mehrere zehntausend Teilnehmer anziehen konnte. So äußerte er 1996 anlässlich des 25-jährigen Jubiläums des Festivals: „Das eigentliche Markenzeichen von Moers ist jedoch der Freigeist, die Toleranz und das Miteinander der Freunde und Fans, die sich vor allem in der Zeltstadt dokumentiert.“Burkhard Hennen: Moers 97 oder sonstwo? In: Programmheft, Pfingsten 23.–27. Mai 1996, S. 6

Eine erste ernsthafte Bestandskrise des Jazz-Festivals entstand 1982. Bis dahin hatte die Bevölkerung das Festival mehr oder weniger tolerant geduldet, und eine beträchtliche Anzahl von Moersern schätzte und liebte das Festival. Hennen äußerte sich dazu 1996: „Eines haben wir damals gespürt: als das Festival zu kippen drohte, erklärten die Moerser Bürger diesem Ereignis ihre Liebe. Allein die Flut der Leserbriefe an die Lokalpresse hätte mehrere Ausgaben gefüllt, die Loyalität der Moerser mit ihrem Festival war überwältigend und wir machten weiter, in Moers, trotz honoriger Angebote anderer Kommunen.“Burkhard Hennen: Moers 97 oder sonstwo? In: Programmheft, Pfingsten 23.–27. Mai 1996, S. 6.

Doch der zunehmende Müll und nächtliche Lärm, Haschisch-Rauchen und die körperliche Freizügigkeit der Festivalbesucher schürten auch Vorurteile und weckten bei einem Teil der Moerser und Moerserinnen Ängste um die eigenen Kinder.Thomas Meiser: Der Gral der Rockverächter. 2003 Dank des Engagements vieler Moerser Bürger und der Fürsprache des damals bekanntesten Jazzpublizisten Joachim-Ernst Berendt auf einer öffentlichen Sitzung des Stadtrates konnte das Festival unter Auflagen weiterhin stattfinden.

Eine Folge der Einigung war der Umzug der Bühne in die Moerser Eissporthalle ab 1983, die am südlichen Rand des Schlossparks liegt. Die akustische und architektonische Atmosphäre der Halle aus Sichtbeton mit Schalensitzen stieß zwar auf keine Gegenliebe, wurde aber wegen der Qualität der Musik hingenommen. 1985 nahm Hennen noch eine separate Musikreihe hinzu, die African Dance Night, die ebenfalls in der nun unbestuhlten Eissporthalle stattfand und am späten Pfingstsonntagabend begann. Das Repertoire ging weit über die Facetten der Jazz-Musik hinaus. Als Moderator und Programmgestalter konnte Hennen für die African Dance Night Francis Gay gewinnen, einen Musikredakteur des WDR und Kenner der afrikanischen Musikszene.

mini|Moerser Festivalzelt, 2004 Zu Pfingsten 1987 wechselte Hennen mit dem von ihm verantworteten Festival wieder zurück in den Freizeitpark, diesmal jedoch unter den Regenschutz des größten Zirkuszeltes in Europa.Holger Pauler: Pfingstfest für Existenzialisten. In: taz, 2. Juni 2006. Das Zelt verfügt über eine große Bühne und kann etwa 2.500 bis 3.000 Menschen aufnehmen.Lutz Debus und Holger Pauler: Moers hat die Pole-Position. In: taz, 18. März 2006, Interview mit Reiner Michalke. 1994 benannte Hennen das Festival nach anhaltender Pressekritik am zunehmenden Abweichen vom Jazz und längerer interner Debatte in «Moers Festival» um. Zur Begründung gab er an, dass das „jazz-typische Phänomen der Improvisation seit Jahrhunderten auch in anderen Musik-Kulturen … gepflegt wird“ und daher die Offenheit gegenüber anderen Musikstilen auch namentlich dokumentiert werden sollte.Burkhard Hennen: Moers 1994, in: Programmheft, Pfingsten, 20.–23. Mai 1994, S. 3.

Anfangs rechnete Hennen nicht damit, so lange Zeit das Festival gestalten zu können.Rainer Weichert: 25 Jahre Moers Festival, in: Programmheft, Pfingsten 23.–27. Mai 1996, S. 56. Doch je erfolgreicher, attraktiver und umsatzstärker auch für den Moerser Einzelhandel das Jazz-Festival geworden war, desto mehr meldeten nun die Geldgeber Stadt und WDR Ansprüche an und verlangten mehr Einfluss auf Hennens Programmgestaltung.

WDR Ein konstantes Merkmal im Verhältnis der Festival-Partner Hennen, Stadt Moers und WDR war eine fehlende Transparenz. Wenn die Zusammenarbeit gut funktionierte, bestand daran kein öffentliches Interesse. Bei Konflikten jedoch wurden das Publikum, die Öffentlichkeit und die Medien vor vollendete Tatsachen gestellt, die nur in Andeutungen erklärt wurden. Hennen vertraute dabei auf sein Ansehen und die Stadt verließ sich auf das weitgehende Schweigen der beiden regionalen Tageszeitungen dazu, so dass kaum jemand darüber informiert war, was wirklich vorgefallen war.