Die Liebfrauenkirche in Worms war eine Stifts- und ist heute eine römisch-katholische Filialkirche. Sie ist die einzig erhaltene gotische Kirche in Worms.Spille: Denkmaltopographie, S. 58.
mini|330px|Liebfrauenkirche Worms – Ansicht von Südwesten mini|Mittelschiff mini|
Geografische Lage Die Liebfrauenkirche ist nach Osten ausgerichtet. Sie liegt nördlich der Altstadt von Worms, knapp innerhalb des zweiten, spätmittelalterlichen, aber außerhalb des hochmittelalterlichen inneren Mauerrings der Altstadt, an der Einmündung der Straße „Liebfrauenstift“ in den „Liebfrauenring“. Nachdem das Gelände der Stadterweiterung innerhalb des äußeren Mauerrings auch in der frühen Neuzeit nur in geringem Umfang bebaut wurde, steht die Kirche, obwohl im Wormser Stadtgebiet zentral gelegen, immer noch in einer großen Grünfläche. Die dort kultivierten Weingärten und ihr Wein, die Liebfrauenmilch, erhielten ihren Namen von der Kirche.
Geschichte Vorgängerbauten Über die Vorgängerbauten des heutigen Kirchengebäudes ist wenig bekannt. Systematische Archäologische Grabungen haben nicht stattgefunden. Beim Einbau einer Heizung 1963 wurden im Bereich des östlichen Langschiffes und der Vierung Fundamentreste eines Vorgängerbaus freigelegt, aber wohl nicht ausreichend dokumentiert.Decker, Keddigkeit, Schöbel: Worms, St. Maria. S. 872.
Aufgrund des anzunehmenden römischen Friedhofs an der Römischen Rheintalstraße nach MainzSpille: Denkmaltopographie, S. 12. wird eine spätantike, christliche Friedhofskapelle als Keimzelle des Standortes vermutet.Spille: Denkmaltopographie, S. 56. Tatsächliche archäologische Funde gibt es aber nur einige hundert Meter entfernt.
Die älteste erhaltene urkundliche Erwähnung des Vorgängerbaus, einer Maria geweihten Wallfahrtskapelle, die auch als „Altes Münster“ bezeichnet wurde, stammt erst aus der Gründungsurkunde des Kollegiatstifts vom 31. Oktober 1298. An diesem Tag wurde die Wallfahrtskapelle zu einer Stiftskirche für zwölf Kanoniker erhoben.So explizit Decker, Keddigkeit, Schöbel: Worms, St. Maria. S. 854, 871; eine ohne Quellenangabe behauptete Ersterwähnung von 1173 (Spille: Denkmaltopographie, S. 56) dürfte auf einer Verwechslung beruhen. Ablässe der Bischöfe von Würzburg, Speyer und Bamberg aus den Jahren 1276 und 1277 belegen den Baubeginn. Über das Aussehen dieses „Alten Münsters“ ist nichts bekannt.Decker, Keddigkeit, Schöbel: Worms, St. Maria. S. 871.
Die gotische Kirche mini|Inschrift am Nordwestpfeiler des Querhauses zum Abschluss der Bauarbeiten am 14. September 1465
Die Nachrichten aus der frühen Phase des Baus beruhen weitgehend auf der um 1500 entstandenen Kirschgartener ChronikBibliographische Angaben zur Chronica civitatis Wormatiensis (Kirschgartener Chronik) auf Bayerische Akademie der Wissenschaften (Hg.): Geschichtsquellen des deutschen Mittelalters., die der Prior des Klosters Kirschgarten, Johannes Heydekyn von Sonsbeck, verfasste. Darüber hinaus lassen Bauuntersuchungen Schlüsse zum Bauablauf zu. Über das ganze 14. Jahrhundert gibt es dann Belege, die Bautätigkeit an der Kirche bezeugen.
Schon in den 1270er Jahren war der Neubau der heute noch stehenden Kirche in einem fortgeschrittenen Stadium.Decker, Keddigkeit, Schöbel: Worms, St. Maria. S. 855. Anderer Ansicht: Glatz (1), S. 376, der „nach 1300“ annimmt. Zunächst wurden die östlichen Teile erstellt, die 1298, bei der Erhebung zur Stiftskirche, schon genutzt werden konnten.Decker, Keddigkeit, Schöbel: Worms, St. Maria. S. 882.Bei der Theorie, dass die Kirche im Westen begonnen und sich der Baufortschritt nach Osten entwickelt habe (so etwa Glatz (1), S. 376f), ergeben sich Probleme, die vermieden werden, wenn die neueren Annahmen von Decker, Keddigkeit, Schöbel (S. 882) zugrunde gelegt werden. Allerdings wird die gegenteilige Theorie weiter vertreten (vgl. Spille: Liebfrauenkirche Worms. S. 10).
Zum 31. Oktober 1298 gründete Bischof Bischof Emich I. Raugraf von BaumburgLaut der Kirschgartener Chronik (um 1500) des Johannes Heydekyn von Sonsbeck hatte Bischof Emich schon einige Jahre zuvor, als er selbst noch Dompropst war, hier eine Marienkapelle errichten lassen und mit mehreren Priesterpräbenden versehen., unterstützt von seinem Neffen, dem Dompropst und späteren Bischof Heinrich III. von Daun, hier ein Kollegiatstift mit zwölf Kanonikern.
Um 1280 entstand das südliche Seitenschiff. 1290 / 1300 folgte der untere Teil des Westwerks, der als Widerlager für die Gewölbe des Langschiffs benötigt wurde. Um 1320 schlossen die Seitenschiffe an das Westwerk an und der Bau des Mittelschiffs begann. 1350 waren die Schiffe eingewölbt. 1381 war das mit Figuren geschmückte Westportal vollendet und eine Bauinschrift aus dem gleichen Jahr berichtet vom Beginn der Arbeiten am Umgangschor. Hier wurden die ältesten Ostteile durch einen neuen, östlichen Abschluss der Kirche ersetzt und die Querhausfenster neu gestaltet. Im 15. Jahrhundert wurden die Freigeschosse der beiden Türme auf das Westwerk gestellt.
1450 bis 1465 entstanden die Maßwerkfenster. Zum Ende der Bauarbeiten wurde am nordwestlichen Querhauspfeiler eine noch erhaltenen Wandinschrift angebracht, die auf dem 14. September 1465 datiertWebseite zur Bauinschrift von 1465 auf Deutsche Inschriften online; abgerufen am 12. November 2023. – allerdings waren die Türme wohl noch nicht fertiggestellt. Während des Baus verlagerten sich Verantwortung und Finanzierung dafür zunehmen weg vom Bischof und hin zu Stadt und Zünften.
Eine Marienwallfahrt ist 1499 erstmals belegt, aber wahrscheinlich älter.Decker, Keddigkeit, Schöbel: Worms, St. Maria. S. 869. Ende des 15. Jahrhunderts wurde an die Südseite der Kirche ein zweigeschossiger Kreuzgang angebaut, in den eine Jodokuskapelle integriert war.Decker, Keddigkeit, Schöbel: Worms, St. Maria. S. 884.
Frühe Neuzeit
mini|Abgeplatzte Sandstein-Quader, Brandschaden von 1689 am Nordturm
Im Rahmen des Reichstags zu Worms (1495) besuchten Kaiser Maximilian I. und seine Gattin Bianca die Kirche.Decker, Keddigkeit, Schöbel: Worms, St. Maria. S. 857. Wegen des mit der Reformation im 16. Jahrhundert verbundenen Bildersturms wurde die Marienfigur 1565 ausgelagert.
Im Dreißigjährigen Krieg blieb die Liebfrauenkirche – im Gegensatz zur Pfarrkirche St. Amandus – relativ unbeschädigt und ein Teil der benachbarten Stiftsgebäude diente ab dem Ende der 1620er Jahre dem Kapuzinerorden in Worms als Niederlassung. Die Kapuziner erhielten die Jodokuskapelle im Kreuzgang als Konvents- und Klosterkirche zugewiesen.Decker, Keddigkeit, Schöbel: Worms, St. Maria. S. 859.
Im Pfälzischen Erbfolgekrieges brannten Truppen König Ludwigs XIV. die Stadt 1689 nieder. Auch die Liebfrauenkirche brannte aus, verlor ihr Dach, das Gewölbe stürzte ein und die Kirche verlor den südlichen Turmhelm. Infolge der Zerstörungen blieben dauerhaft statische Probleme, die endgültig erst in den 1960er Jahren behoben werden konnten.
Erst 15 Jahre nach der Zerstörung von 1689 begann der Wiederaufbau. Diese Arbeiten waren 1708 abgeschlossen. 1710 erhielt die Kirche eine barocke Orgel. Neu geweiht wurde die Kirche 1712.
Ob bei dieser Wiederherstellung im 18. Jahrhundert auch die Gewölbe bereits wieder eingebaut wurdenSo Decker, Keddigkeit, Schöbel: Worms, St. Maria. S. 871, 882; Glatz (1), S. 381; Böcher, Veith: Die Liebfrauenkirche. S. 7 („ein früher und im Barock sehr seltener Fall rücksichtsvoller Denkmalpflege“). oder ob das erst während der Restaurierung in den 1860er Jahren geschahSo W. Wagner: Mittheilungen aus Vereinen. In: Deutsche Bauzeitung. 19, 1885, S. 369 f. Die seitens von Glatz (1), S. 381, Anm. 36, für Bender (Die Liebfrauenkirche zu Worms, S. 55, Anm. 61) unterstellte entsprechende Ansicht findet sich dort nicht belegt. Ganz im Gegenteil nimmt auch Bender an (S. 56), dass die Gewölbe bereits Anfang des 18. Jahrhunderts wieder eingefügt wurden., dazu gibt es unterschiedliche Darstellungen. Dabei wurden die Mittelgewölbe, vermutlich um die Außenwände statisch zu entlasten gegenüber den mittelalterlichen Vorgängern etwa einen halben Meter tiefer angesetzt, wobei allerdings die gotischen Formen gewahrt wurden. Die erforderlichen neuen Kapitelle sind Laubwerkkapitelle und wurden in Gips ausgeführt. Die mittelalterlichen Kapitelle blieben im Dachraum über den Gewölben erhalten.
Am Ende des 18. Jahrhunderts soll der bauliche Zustand der Kirche erneut katastrophal gewesen sein.Decker, Keddigkeit, Schöbel: Worms, St. Maria. S. 860.
Neuzeit mini|Westfassade vor der letzten Renovierung (2004)
1802 wurden das Stift und die Amandus Pfarrei aufgehoben, die Kirche zunächst der St. Peters-Gemeinde (ehemals: Dom) zugeordnet und erst 1814 profaniert. Sie diente dann bis 1816 als Heumagazin.Decker, Keddigkeit, Schöbel: Worms, St. Maria. S. 860, 871. Infolge dieser Säkularisation wurden Kreuzgang und Jodokuskapelle zerstört und weitgehend abgetragen.Die westliche und südliche Außenmauer des Kreuzgangs und dessen Strebepfeiler sind auf eine Höhe von ca. 2 m erhalten und bilden heute eine Umfassungsmauer. Erst ab 1816 wurden in der Kirche wieder Gottesdienste gefeiert. Sie war nun der Pfarrei St. Martin zugeordnet. Unter deren Pfarrer Nikolaus ReußEr gilt als „Retter der Liebfrauenkirche“, wurde wegen seiner diesbezüglichen Verdienste zum Ehrenbürger von Worms ernannt und liegt in der Kirche begraben. wurde 1854 der Beschluss gefasst, die Kirche zu sanieren. Das Sanierungskonzept entwarf der Architekt und Mainzer Kreisbaumeister Ignaz Opfermann ab 1858. Die Arbeiten begannen im April 1860 mit der Außeninstandsetzung. Dem folgte bis 1862 die Sanierung des Chors und des Querschiffs.Speckert: Ignaz Opfermann. S. 13. Dabei wurde der alte Lettner abgetragen und das Material für den Bau der Chorschranken verwendet, die den Chorumgang und den Zentralraum des Chors voneinander trennen.Speckert: Ignaz Opfermann. S. 14. Ab 1862 folgte die Sanierung des Langhauses. Die Gewölbe wurden von Peter MuthSpeckert: Ignaz Opfermann. Anm. 82. blau mit goldenen Sternen ausgemalt, Pfeiler, Dienste und Gewölberippen erhielten Sandsteinfarbe. Fast alle Fenster wurden ersetzt. Die neuen stammen von Nikolaus Usinger, Ignaz Hirschvogel und Ignaz Neumair. Die Kirche erhielt insgesamt eine neugotische Innenausstattung. Im Westwerk wurde das Obergeschoss entfernt und ein großes Maßwerkfenster eingebaut. Auch der Dachreiter über der Vierung ist eine neugotische Zutat aus dieser Renovierung.Decker, Keddigkeit, Schöbel: Worms, St. Maria. S. 873. Nach dem Tod Opfermanns 1866 wurden die Arbeiten vom Kreisbaumeister des Kreises Worms abgeschlossen. Die Weihe der neuen Altäre fand am 6. September 1868 statt.Speckert, S. 14; Decker, Keddigkeit, Schöbel: Worms, St. Maria. S. 872. Anschließend wurde noch der seit der Stadtzerstörung von 1689 beschädigte Südturm restauriert und erhielt eine dem Nordturm entsprechende Spitze, Arbeiten, die 1882 abgeschlossen waren.W. Wagner: Mittheilungen aus Vereinen. In: Deutsche Bauzeitung. 19, 1885, S. 369 f; Decker, Keddigkeit, Schöbel: Worms, St. Maria. S. 872. Die Sakristei wurde 1905 angebaut.
Zum 1. Januar 1898 wurde Liebfrauen eigenständige Pfarrkirche. Eine Valentinus-Wallfahrt führt seit dem 19. Jahrhundert in die Liebfrauenkirche.Diese Wallfahrt führte ursprünglich in die aus dem 13. Jahrhundert stammende St. Sylvester- und Valentinuskapelle (Spille: Denkmaltopographie, S. 58). Seit 1928 gibt es wieder eine offizielle Marien-Wallfahrt.