mini|Beethoven-Porträt von Joseph Mähler aus dem Jahr 1804. mini|Andrei Rasumowski, Widmungsträger und Namensgeber der Quartette op. 59, auf einem Gemälde von Johann Baptist von Lampi.

Das Streichquartett Nr. 7 F-Dur op. 59,1 ist ein Streichquartett von Ludwig van Beethoven. Es entstand im Jahr 1806 als erstes der drei Quartette op. 59, der sogenannten Rasumowsky-Quartette. Diesen Beinamen erhielten die Quartette, die wegen ihres russischen Tones auch Russische Quartette genannt werden, nach ihrem Auftraggeber Andrei Kirillowitsch Rasumowski, einem Diplomaten, der ein wichtiger Beethoven-Förderer war.

Entstehung

Beethoven schrieb die Rasumowsky-Quartette in einer äußerst produktiven Phase. Zur Entstehungszeit der Quartette war Beethoven mit der Revision seiner Oper »Leonore« beschäftigt sowie der Komposition des 4. Klavierkonzerts, der 4. Sinfonie, des Violinkonzerts sowie der Coriolan-Ouvertüre. Die Konzentration Beethovens auf die Gattungen Sinfonie und Konzert in den Jahren 1800 bis 1804 (also zwischen der Komposition der op.-18-Quartette und des ersten Rasumowski-Quartetts) war – da Beethoven in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit ein gleichrangiger Komponist neben Joseph Haydn und Wolfgang Amadeus Mozart werden wollte – eine bewusste Entscheidung des Komponisten zu Ungunsten der Klaviersonate und auch des Streichquartetts.

Im Jahr 1805 bekam Beethoven vom russischen Botschafter am Wiener Hof, dem Diplomaten Andrei Kirillowitsch Rasumowski, einen Auftrag zur Komposition von Quartetten. Rasumowski war ein Verehrer von Joseph Haydn, ein Förderer von Quartettaufführungen, spielte selbst die zweite Violine in einem Streichquartett-Ensemble und löste im Jahre 1808 Fürst Felix von Lichnowsky als Protegée des Schuppanzigh-Quartetts ab.Lewis Lockwood: Beethoven: Seine Musik – Sein Leben. Metzler, 2009, S. 245 f. Es heißt, der Graf lebte „in Wien auf fürstlichem Fuße, Kunst und Wissenschaft aufmunternd, mit einer reichen Bibliothek und anderen Sammlungen sich umgebend, und von allen bewundert oder beneidet; welchen Vortheil aber dies den russischen Angelegenheiten brachte, ist eine andere Frage“.Alexander Wheelock Thayer: Ludwig van Beethovens Leben in 5 Bänden, 5 Bände deutsch bearbeitet von Hermann Deiters, revidiert von Hugo Riemann, 1866 ff. Nachdruck Hildesheim / New York 1970, Band 2, S. 547.

Erste Pläne zur Quartettkomposition hegte Beethoven bereits vorher; auch fanden bereits vor 1805 erste Verhandlungen statt. So schrieb Beethovens Bruder Kaspar Karl, der zeitweise für die Verhandlungen mit Beethovens Verlegern zuständig war, am 10. Oktober 1804 an den Verlag „Breitkopf & Härtel“: „Denn könnten Sie mir auch Ihre Meinung wegen Quartetten für Violin sagen, und wie hoch sie wohl 2 oder 3 annehmen können. Ich kann Ihnen diese zwar nicht gleich geben aber ich würde selbe für Sie bestimmen“.Ludwig van Beethoven: Briefwechsel. Gesamtausgabe, hrsg. von Sieghard Brandenburg, 7 Bände. München 1996–1998, Band 1, S. 225.

Beethoven dürfte zur Komposition neuer Quartette von Ignaz Schuppanzigh inspiriert worden sein, der für den Winter 1804/1805 öffentliche Kammermusikkonzerte in Wien plante. Schuppanzigh war der Leiter des Beethoven nahestehenden Schuppanzigh-Quartetts, das viele Quartettkompositionen des Komponisten uraufführte; er wurde von Beethoven regelmäßig mit dem Spitznamen „Falstaff“ bedacht.Gerd Indorf: Beethovens Streichquartette: Kulturgeschichtliche Aspekte und Werkinterpretation. 2. Auflage. Rombach, 2007, S. 242.

So schrieb Beethovens Bruder am 24. November 1804 an Breitkopf & Härtel: „Wegen der Quartette kann ich Ihnen noch nichts bestimmtes sagen, so bald als sie fertig sind werde ich Ihnen gleich schreiben“.Ludwig van Beethoven: Briefwechsel. Gesamtausgabe, hrsg. von Sieghard Brandenburg, 7 Bände. München 1996–1998, Band 1, S. 230. Doch konnte Beethoven – laut eigenhändiger Notiz auf dem Autographen von op. 59,1 – erst am 26. Mai 1806 mit der Komposition der Quartette beginnen, da er vorerst mit der Umarbeitung der „Leonore“ beschäftigt war. Vollendet wurden die Quartette im November 1806 (op. 59,1 bereits im Juli 1806).Lewis Lockwood: Beethoven: Seine Musik – Sein Leben. Metzler, 2009, S. 246 f. Unter den Quartettkompositionen Beethovens sind zu den Rasumowsky-Quartetten die wenigsten Skizzen überliefert.

Obwohl Beethoven sich nicht völlig vom Adel loslösen konnte (von dem er immer noch finanziell abhängig war, wie die ab 1809 von Erzherzog Rudolph, Fürst Kinsky und Fürst Franz Joseph Maximilian von Lobkowitz gewährte Rente zeigt), suchte Beethoven zur Entstehungszeit der Quartette ein neues Publikum im Bürgertum, weil das bürgerliche Publikum besser vereinbar mit den gesellschaftspolitischen Ideen des Komponisten war.Gerd Indorf: Beethovens Streichquartette: Kulturgeschichtliche Aspekte und Werkinterpretation. 2. Auflage. Rombach, 2007, S. 240. Dafür sprechen auch die instrumentalen Ansprüche der Quartette, denen nur noch qualifizierte Berufsmusiker gerecht werden konnten.

In musikalischer Hinsicht erforschte Beethoven in den Rasumowsky-Quartetten »einen neuen Weg«,Carl Czerny: Erinnerungen aus meinem Leben, hrsg. von Walter Kolneder (= Collection d’études musicologiques, Bd. 46), Straßburg / Baden-Baden 1968, S. 43. den er in den Jahren 1802 bis 1805 in den Klaviersonaten op. 31 bis op. 57 („Appassionata“) vorbereitet hatte. Später sollte in den letzten Lebensjahren des Komponisten die Klaviersonate op. 111 den Weg für Beethovens letzte Quartette (die so genannten „späten Quartette“) ebnen.Gerd Indorf: Beethovens Streichquartette: Kulturgeschichtliche Aspekte und Werkinterpretation,. 2. Auflage. Rombach, 2007, S. 241.

Satzbezeichnungen

Satz: Allegro (F-Dur) Satz: Allegretto vivace e sempre scherzando (B-Dur) Satz: Adagio molto e mesto (f-Moll) Satz: Allegro. Thème Russe (F-Dur)

Zur Musik

Die „Rasumowsky“-Quartette sind derart gestaltet, dass das mittlere Quartett in Moll steht und von zwei Dur-Quartetten umrahmt wird („Rasumowsky-Quartette“: Nr. 7 in F-Dur, Nr. 8 in e-Moll, Nr. 9 in C-Dur). Dies sollte sich später bei den drei für den russischen Fürsten Nikolai Borissowitsch Golizyn komponierten Quartetten wiederholen (Golizyn-Quartette [deren Nummerierung nicht mit der Entstehungsreihenfolge übereinstimmt]: Nr. 12 in Es-Dur, Nr. 15 in a-moll, Nr. 13 in B-Dur).Gerd Indorf: Beethovens Streichquartette: Kulturgeschichtliche Aspekte und Werkinterpretation. 2. Auflage. Rombach, 2007, S. 384.Matthias Moosdorf: Ludwig van Beethoven. Die Streichquartette. 1. Auflage. Bärenreiter, 2007, S. 96.

Erster Satz

Der erste Satz wird von einem rollenden, kantablen Thema des Cellos eingeleitet, das sogleich erst von der Violine und dann von den restlichen Instrumenten beantwortet wird. Dieses Thema wird im Verlauf des Satzes bis in die Reprise hinein umfangreich variiert. In dieser Stelle findet sich eine Neuerung beispielsweise im Vergleich mit Beethovens Streichquartett Nr. 4 c-moll op. 18,4: Sowohl in op. 18,4 als auch in op. 59,1 finden sich in den Eingangssätzen Achtelbewegungen in den Hauptthemen der ersten Violine; in op. 18,4 passen sich die Harmonien der Melodie an, in op. 59,1 jedoch nicht.Gerd Indorf: Beethovens Streichquartette: Kulturgeschichtliche Aspekte und Werkinterpretation. 2. Auflage. Rombach, 2007, S. 246.

Im Vergleich zu Beethovens Quartetten op. 18 nimmt die Durchführung hier an Länge zu. Betrug beispielsweise das Taktverhältnis zwischen Exposition und Durchführung in op. 18,6, das in der Gruppe op. 18 die längste Durchführung hatte, noch 121 zu 83, so beträgt dies in op. 59,1 102 zu 151.Gerd Indorf: Beethovens Streichquartette: Kulturgeschichtliche Aspekte und Werkinterpretation. 2. Auflage. Rombach, 2007, S. 249.

Beethoven hatte den Satz von Anfang an ohne Wiederholung der Exposition konzipiert. Im späteren Verlauf der Kompositionsarbeiten wollte er die komplette Durchführung und Reprise wiederholt wissen, ließ diesen Plan aber kurz vor der Veröffentlichung des Quartetts wieder fallen.Lewis Lockwood: Beethoven: Seine Musik – Sein Leben. Metzler, 2009, S. 250.

Die Ästhetik des ersten Satzes gab Anlass zur gelegentlichen Bezeichnung des ersten Rasumowski-Quartetts als „Eroica der Streichquartette“.Gerd Indorf: Beethovens Streichquartette: Kulturgeschichtliche Aspekte und Werkinterpretation. 2. Auflage. Rombach, 2007, S. 252 f.

Zweiter Satz

Der zweite Satz beginnt mit einem, erneut vom Cello vorgetragenen, trommelnden Thema, das von der Violine beantwortet wird. Dadurch wird das Thema des Satzes in seine zwei schlicht gestalteten Elemente, den Rhythmus und die Melodie, zerlegt. Dieses Wechselspiel zwischen Themenvortrag durch das Cello und Antwort der Violine bildet die Grundlage für den restlichen Satz. Das Seitenthema beginnt punktiert und setzt sich in einer auf- und dann absteigenden Melodie fort. Der Hauptthemenkomplex der Exposition enthält noch ein kantables Motiv, in dem bereits ansatzweise das Moll-Thema des dritten Satzes anklingt. Die in Takt 239 beginnende Reprise teilt den Satz in zwei Hälften, mit Exposition und Durchführung auf der einen Seite (238 Takte) und Reprise und Coda auf der anderen Seite (ebenfalls 238 Takte).Gerd Indorf: Beethovens Streichquartette: Kulturgeschichtliche Aspekte und Werkinterpretation. 2. Auflage. Rombach, 2007,c S. 256.

Auch hier dachte Beethoven daran, Durchführung und Reprise zu wiederholen, verzichtete dann aber auf eine Umsetzung dieser Idee.Lewis Lockwood: Beethoven: Seine Musik – Sein Leben. Metzler, 2009, S. 251.

Die Verlagerung des Scherzos in den zweiten Satz erinnert an das a-Moll-Scherzo im zweiten Satz von Beethovens Cellosonate op. 69.Lewis Lockwood: Beethoven: Seine Musik – Sein Leben. Metzler, 2009, S. 238.

Dritter Satz

Laut eigener Aussage wurde Beethoven zum ausdrucksstarken Adagio des dritten Satzes durch seine Betroffenheit über die Heirat seines Bruders Carl mit Johanna Reiss inspiriert (Beethoven hasste seine Schwägerin, mit der er später nach dem Tod seines Bruders jahrelang um das Sorgerecht für dessen Sohn Karl prozessierte). In diesem Sinne ist wohl seine Notiz von einem »Trauerweiden- oder Akazienbaum aufs Grab meines Bruders«Martin Gustav Nottebohm: Beethoveniana. Leipzig/Winterthur 1887, S. 83. zu verstehen.Gerd Indorf: Beethovens Streichquartette: Kulturgeschichtliche Aspekte und Werkinterpretation. 2. Auflage. Rombach, 2007, S. 262.

Ein Großteil des Satzes wird von Wehmut bestimmt, die selbst vom Aufbäumen vor dem Ende nur kurz unterbrochen wird. Nach einem kurzen Weiterklingen des Adagios leiten eine Violinkadenz und ein Triller zum Finalsatz über.

Vierter Satz

Das Cello beginnt den Finalsatz mit einem zaghaft tänzerischen Thema, das im Verlauf an Energie gewinnt. Dieses Thema stammt aus einem russischen Volkslied, das Beethoven möglicherweise aus Rasumowskis Bibliothek kannte. Bei diesem Lied handelt es sich um das erste Lied aus einer von Iwan Prach hergestellten Volksliedsammlung, die im Jahr 1790 in Sankt Petersburg erschien. Das Lied handelt vom durch die Mutter beklagten Leid eines Soldaten nach seiner Rückkehr aus dem Krieg und steht dementsprechend in der Tonart Moll und der Tempobezeichnung „Molto Andante“.Lewis Lockwood: Beethoven: Seine Musik – Sein Leben. Metzler, 2009, S. 249. Bei Beethoven jedoch nimmt das Thema des Liedes einen heiteren Verlauf.

Das Rondo bildet mit der Sonatenform eine Einheit. Die Coda enthält ein aus dem Thema des Finalsatzes abgeleitetes Fugato. Der Satz endet in einem ruppigen Fortissimo-Presto mit neun kadenzierenden Schlussakkord-Takten. Dies erinnert an die von Carl Czerny berichtete Eigenart Beethovens, nach einer Klavierimprovisation „meist in ein lautes Gelächter“ auszubrechen und „sich über die Gemütsbewegung der Hörer lustig“ zu machen, „die er ihnen verursacht hatte“.Carl Czerny: Erinnerungen aus meinem Leben, hrsg. von Walter Kolneder (= Collection d’études musicologiques, Bd. 46). Straßburg / Baden-Baden 1968, S. 45.

Wirkung