Die Ansprache Hitlers vor den Oberbefehlshabern am 23. November 1939 war eine Rede Adolf Hitlers vor etwa 180 bis 200 Generälen und Offizieren der Wehrmacht, bei der er seine Absicht verkündete, den Westfeldzug zu beginnen. Eine Aufzeichnung der Rede wurde beim Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher als Schlüsseldokument verwendet (Dokument PS-789).Abdruck des Dokuments PS-789 in: Internationaler Militärgerichtshof Nürnberg (Hrsg.): Der Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militärgerichtshof (14. November 1945 bis 1. Oktober 1946). Nürnberg 1947, Band 26, S. 327 ff.

Vorgeschichte Am 3. September 1939 erklärten Frankreich und Großbritannien wegen des deutschen Überfalls auf Polen Deutschland den Krieg. Daraufhin kam es zum sogenannten Sitzkrieg, bei dem keine Seite größere militärische Handlungen durchführte. Am Tage der Kapitulation Polens rief Hitler die Oberbefehlshaber der drei Wehrmachtsteile in die Reichskanzlei und eröffnete ihnen, dass er noch in diesem Jahr im Westen zur Offensive übergehen wolle. Dies begründete er damit, dass die Zeit für den Gegner arbeite, der Ruhm durch den Überfall auf Polen ausgenutzt werden müsse, der sonst verblasse, sowie mit dem momentanen Rüstungsvorsprung und der Bedrohung des Ruhrgebietes.Franz Halder: Kriegstagebuch. Tägliche Aufzeichnungen des Chefs des Generalstabes des Heeres 1939–1942. Stuttgart 1962, Band 1, S. 86 ff. Am 22. Oktober hatte Hitler den Angriffstermin im Westen auf den 12. November 1939 festgelegt. Aufgrund der Wetterlage wurde der Angriff insgesamt 29-mal verschoben, bis er schließlich am 10. Mai 1940 stattfand. Am 9. Oktober 1939 verfasste Hitler eine 58-seitige Denkschrift zur Frage des Westfeldzuges und führte darin über das Kriegsziel aus:

Ablauf Wahrscheinlich am 21. November 1939 erging der Befehl an die Generalität, am Donnerstag, dem 23. November um 12 Uhr, in der Neuen Reichskanzlei zu einer Besprechung zu erscheinen.Der General Fedor von Bock notierte in seinem Tagebuch am 21. November: „Abends kommt der überraschende Befehl, dass der Führer am 23. alle Oberbefehlshaber und Kommandierenden Generale in Berlin sprechen will.“. Fedor von Bock: Zwischen Pflicht und Verweigerung, Das Kriegstagebuch. München/Berlin 1995, S. 202. Die Ansprache Hitlers dauerte eineinhalb Stunden und fand im KonferenzsaalSchreiben von Walther Nehring an Jacobsen vom 14. Dezember 1954. statt.

Anwesend waren die Oberbefehlshaber der drei Wehrmachtteile, der Heeresgruppen und Armeen, die Chefs der Luftflotten und die kommandierenden Generäle, die Chefs der Generalstäbe bis zu den Armeekorps, die entsprechenden Dienstgrade der Marine und Luftwaffe sowie mehrere Offiziere des OKW und des OKH.

Um 14:30 Uhr hielt Hitler noch eine zweite Ansprache nur an die Oberbefehlshaber der Heeresgruppen, Armeen und Korps.Franz Halder: Kriegstagebuch. Tägliche Aufzeichnungen des Chefs des Generalstabes des Heeres 1939–1942. Stuttgart 1962, Band 1, S. 131.

Am Abend nach der Rede äußerte Hitler gegenüber seinem Adjutanten Nicolaus von Below, dass er bereits im Frühjahr die Truppen für einen Angriff auf die Sowjetunion wieder frei haben wolle.Nicolaus von Below: Als Hitlers Adjutant. 1937–1945. Pour le Mérite, Selent 1999, ISBN 3-932381-07-6, S. 217.

Inhalt Hitler begann mit der Aussage, er wolle den Anwesenden einen Einblick in seine Gedankenwelt geben und seine Entschlüsse mitteilen. Er eröffnete den Anwesenden, er schrecke nicht davor zurück, auch „brutale Entschlüsse“ zu fassen. Er betonte die Wichtigkeit der weltanschaulichen Erziehung des Volkes für den Krieg. Hitler bekannte, dass er sich lange darüber im Unklaren gewesen sei, ob er den Krieg im Westen oder im Osten eröffnen solle. In der Begründung des Entschlusses zum Krieg bezog er sich auf die nationalsozialistische Vorstellung des Lebensraums:

Zudem müsse man einer englisch-französischen Offensive gegen das Ruhrgebiet „zuvorkommen“, außerdem brauche man für den U-Boot- und Minenkrieg gegen England eine bessere Ausgangslage. Den Entschluss, Frankreich und England anzugreifen, verkündete er mit den Worten:

Die Wahl stehe zwischen „Sieg oder Vernichtung“. Ohne Angriff sei der Krieg nicht siegreich zu beenden. Er beschwor die Überlegenheit der Wehrmacht und der deutschen Rüstungsindustrie:

Und er endete mit den Worten:

Reaktion Am Abend nach der Rede bot der Oberbefehlshaber des Heeres Walther von Brauchitsch Hitler den Rücktritt an, was Hitler jedoch ablehnte.Jacobsen, Fall Gelb, S. 64. Quelle dort Nürnberger Dokument PS-3798. Vgl. auch Zeugenaussage von Franz Halder abgedruckt in: Library of Congress of the US: Trials of War Criminals Before the Nuernberg Military Tribunals. Volume 10, S. 858. online (PDF; 57,3 MB) Helmuth Groscurth notierte über die Rede in seinem Tagebuch:

Der General Fedor von Bock notierte in seinem Tagebuch:

Der General Hermann von Witzleben berichtete:

Überlieferungen der Rede Das Dokument PS-789 wurde in Flensburg bei den OKW-Akten von den Alliierten erbeutet und am 26. November 1945 als Beweismittel im Nürnberger Prozess eingebracht. Das Dokument besteht aus losen Blättern, ohne Datum, Unterschrift, Kopf und Geheimvermerk, wie bei Dokumenten sonst üblich.Hans-Günther Seraphim: Nachkriegsprozesse und zeitgeschichtliche Forschung. In: Mensch und Staat in Recht und Geschichte, Festschrift für Herbert Kraus. Kitzingen/Main 1954, S. 454.

Daneben gibt es drei weitere Nachschriften, zum einen eine Aufzeichnung in Stichworten vom Kommandeur des X. Armeekorps General Hansen (Nürnberger Dokument NOKW-482) vom 4. Dezember 1939, die Aufzeichnungen vom General Hermann Hoth (Nürnberger Dokument NOKW-2717) und eine Nachschrift vermutlich von Helmuth Groscurth,Diese ist gedruckt bei: Helmuth Groscurth: Tagebücher eines Abwehroffiziers. 1938–1940. Mit weiteren Dokumenten zur Militäropposition gegen Hitler (= Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte. Bd. 19, ). Hrsg.: Helmut Krausnick und Harold C. Deutsch. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1970, S. 414 ff. die sich im Militärarchiv Freiburg befindet. Alle vier Dokumente stimmen in ihren Gedankengängen im Wesentlichen überein, so dass der Text des Dokuments PS-789 als gesichert gilt.

Im Tagebuch von General Ritter von Leeb befindet sich eine kurze Skizzierung der ersten Rede und auch der zweiten, am Nachmittag gehaltenen.Georg Meyer (Hrsg.): Generalfeldmarschall Ritter von Leeb, Tagebuchaufzeichnungen und Lagebeurteilungen aus zwei Weltkriegen. Stuttgart 1976, S. 202 f.

Weiterhin existiert ein Tagebucheintrag vom 26. November 1939, des allerdings nicht anwesenden Generalstabsoffiziers Hans Meier-Welcker, der die Rede kurz skizziert.Militärgeschichtliches Forschungsamt (Hrsg.): Aufzeichnungen eines Generalstabsoffiziers 1939–1942. Freiburg 1982, S. 36 f. Dort heißt es über die Motive Hitlers:

Siehe auch Ansprache Hitlers vor den Oberbefehlshabern am 22. August 1939 zum Polenfeldzug Hitlers Rede vor den Oberbefehlshabern am 14. Juni 1941 zum Ostfeldzug

Literatur Hans-Adolf Jacobsen: Fall Gelb. Der Kampf um den deutschen Operationsplan zur Westoffensive 1940 (= Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Geschichte, Mainz. Bd. 16, ). Steiner, Wiesbaden 1957, S. 59 ff. (Quellenkritik) Hans-Adolf Jacobsen: 1939–1945. Der Zweite Weltkrieg in Chronik und Dokumenten. 6. Auflage. Wehr und Wissen Verlags-Gesellschaft, Darmstadt 1961, S. 133 ff. (Vollständiger Abdruck des Dokuments PS-789).

Weblinks Auszug aus der Rede beim NS-Archiv Skizze im Tagebuch Ritter von Leeb

Einzelnachweise

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