Soziale Marktwirtschaft ist ein gesellschafts- und wirtschaftspolitisches Leitbild mit dem Ziel, „auf der Basis der Wettbewerbswirtschaft die freie Initiative mit einem gerade durch die wirtschaftliche Leistung gesicherten sozialen Fortschritt zu verbinden“.Alfred Müller-Armack: Wirtschaftsordnung und Wirtschaftspolitik. Bern 1976, S. 245. Die Aussagekraft des Terminus soziale Marktwirtschaft wird unterschiedlich eingeordnet: Einerseits gilt er als etablierte Bezeichnung für die Wirtschaftsordnung der Bundesrepublik Deutschland, der Republik Österreich und der Schweiz,Hanns Abele: Handbuch der österreichischen Wirtschaftspolitik. Manz, 1982, ISBN 3-214-07050-9, S. 145. andererseits wird der Ausdruck je nach politischem Kontext, ähnlich der sozialpolitischen Idee vom Volksheim in Schweden, unterschiedlich interpretiertHans-Rudolf Peters: Wirtschaftspolitik. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, 2000, ISBN 3-486-25502-9, S. 47. und somit auch als (inhaltsleeres) politisches Schlagwort betrachtet.Avenir Suisse: Die falsch verstandene Soziale Marktwirtschaft. Kritik an Horst Friedrich Wünsches Buch «Ludwig Erhards Soziale Marktwirtschaft». Gerhard Schwaz, 16. Februar 2016, abgerufen am 26. März 2025.Grundtexte zur Sozialen Marktwirtschaft. Band 3, Marktwirtschaft als Aufgabe. Gustav-Fischer-Verlag, Stuttgart / New York 1994, ISBN 3-437-40331-1, S. 36.

Die Bezeichnung soziale Marktwirtschaft geht auf Alfred Müller-Armack zurück, der darin eine irenische Formel sah, deren Sinn darin bestehe, „das Prinzip der Freiheit auf dem Markt mit dem des sozialen Ausgleichs zu verbinden“.Alfred Müller-Armack: Wirtschaftsordnung und Wirtschaftspolitik. Bern 1976, S. 243. Das Konzept basiert auf Vorstellungen, die mit durchaus unterschiedlicher Akzentuierung schon in den 1930er und 1940er Jahren entwickelt wurden. Aus diesem geschichtlichen Hintergrund ragt der Ordoliberalismus heraus, insbesondere Walter Eucken, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2003. () Franz Böhm und Leonhard Miksch sowie Alexander Rüstow und Wilhelm Röpke als Vertreter eines soziologischen Liberalismus.Otto Schlecht: Grundlagen und Perspektiven der sozialen Marktwirtschaft. Mohr Siebeck, 1990, ISBN 3-16-145684-X, S. 12. Das Konzept „soziale Marktwirtschaft“ ist pragmatischer, etwa in der Konjunktur- und Sozialpolitik, als die ordoliberalen Vorstellungen, die sich ausschließlich auf die Wettbewerbsordnung konzentrieren.Sie war niemals eine „Reißbrettkonstruktion findiger Ökonomen“, sondern wurde von Beginn an bezogen auf die realen wirtschaftlichen Begebenheiten. (Bernhard Löffler: Soziale Marktwirtschaft und administrative Praxis. Steiner, Wiesbaden 2002, S. 85).

Die Bundesrepublik Deutschland und die DDR vereinbarten am 18. Mai 1990 eine Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion. In dem Staatsvertrag wurde die soziale Marktwirtschaft als gemeinsame Wirtschaftsordnung vereinbart.Vertrag über die Schaffung einer Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik (Staatsvertrag) vom 18. Mai 1990, Kapitel 1, Art. 1 Abs. 3 (Vertragstext).Otto Schlecht: Grundlagen und Perspektiven der sozialen Marktwirtschaft. Mohr Siebeck 1990, S. 182 ff. Angela Merkel warb 2009 während der damaligen Finanz- und Wirtschaftskrise in einer Rede vor dem Weltwirtschaftsforum für eine offene Weltwirtschaft, basierend auf Regeln der sozialen Marktwirtschaft. Sie habe Deutschland nach dem Krieg Wohlstand gebracht, sei der dritte Weg zwischen Kapitalismus und Staatswirtschaft. „Der Staat ist der Hüter der sozialen Ordnung, […] Wettbewerb braucht Augenmaß und soziale Verantwortung.“. Focus, 30. Januar 2009. Die Europäische Union strebt laut Vertrag von Lissabon eine „wettbewerbsfähige soziale Marktwirtschaft“ mit Vollbeschäftigung und sozialem Fortschritt an. Im internationalen Kontext wird die Wirtschaftsordnung bisweilen auch als Rheinischer Kapitalismus bezeichnet.Rocco Buttiglione: Einige Gedanken über das Rheinische Modell. In: Michael Spangenberger (Hrsg.): Rheinischer Kapitalismus und seine Quellen in der Katholischen Soziallehre. Aschendorff, Münster 2011, S. 141.

Begriff Entstehung Alfred Müller-Armack wählte diese Wortverbindung erstmals 1946 in seinem Werk Wirtschaftslenkung und Marktwirtschaft, das 1947 veröffentlicht wurde.Friedrun Quaas: Soziale Marktwirtschaft. Haupt Verlag, Bern 2000, S. 44. Er entwarf die Soziale Marktwirtschaft als „dritte Form“ neben rein liberaler Marktwirtschaft und staatlicher Wirtschaftslenkung. Für die Wirtschaftsordnung des vom Krieg zerstörten Deutschlands solle der Markt als „tragendes Gerüst“ in „eine bewusst gesteuerte, und zwar sozial gesteuerte Marktwirtschaft“ eingebettet sein.Alfred Müller-Armack: Wirtschaftslenkung und Marktwirtschaft. Hamburg 1947, S. 88. Den Versuch, „das Prinzip der Freiheit auf dem Markte mit dem des sozialen Ausgleichs zu verbinden“, bezeichnete Müller-Armack als „irenische Formel“.Alfred Müller-Armack: Soziale Marktwirtschaft. 1956, S. 390. Etwa zur gleichen Zeit verwendete der sozialdemokratische Ordoliberale Leonhard Miksch, der seit Anfang 1948 als Leiter des Referats für „Preiswirtschaftliche Grundsatzfragen und Betriebswirtschaft“ enger Mitarbeiter Erhards war, den Begriff soziale Marktwirtschaft lange vor Erhard.So Ende 1947 in der Fachzeitschrift „Der Wirtschaftsspiegel“ und im Januar 1948 in einer internen Denkschrift, „inder er die sprachliche Wende von der ‚freien‘ zur ‚sozialen‘ Marktwirtschaft vollzog“. Siehe Uwe Fuhrmann: Die Entstehung der „Sozialen Marktwirtschaft“ 1948/49. Eine Dispositivanalyse. UKV Verlagsgesellschaft, Konstanz und München 2017, S. 145. Eine öffentliche Verwendung des Begriffs ist laut Uwe Fuhrmann jedoch nicht vor Juni 1948 belegt.Uwe Fuhrmann: Die Entstehung der „Sozialen Marktwirtschaft“ 1948/49. Eine Dispositivanalyse. UKV Verlagsgesellschaft, Konstanz und München 2017, S. 26.

Verbreitung durch die CDU Zunächst wurde der Ausdruck kaum verwendet.Martin Wengeler: Tiefensemantik – Argumentationsmuster – Soziales Wissen: Erweiterung oder Abkehr von begriffsgeschichtlicher Forschung? In: Ernst Müller: Begriffsgeschichte im Umbruch? Band 2004 von Archiv für Begriffsgeschichte. Meiner Verlag, 2005, ISBN 3-7873-1693-0, S. 136.Karin Böke, Frank Liedtke, Martin Wengeler: Politische Leitvokabeln in der Adenauer-Ära. De Gruyter, 1996 (Sprache, Politik, Öffentlichkeit, Band 8), ISBN 3-11-014236-8, S. 396 ff. Die CDU beschloss am 3. Februar 1947 das Ahlener Programm; in diesem wurde der Kapitalismus abgelehnt. Erst durch das CDU-Programm für die Bundestagswahl am 14. August 1949 – die Düsseldorfer Leitsätze – wurde der Begriff einer größeren Öffentlichkeit bekannt. Das neue wirtschaftspolitische Schlagwort „Soziale Marktwirtschaft“, von der CDU als Gegenbegriff zu „unsoziale Planwirtschaft“ gesetzt, war anfangs umstritten. Von sozialdemokratischer und gewerkschaftlicher Seite, zum Teil aber auch vom Arbeitnehmer-Flügel der CDU, wurde die Wortverbindung als Euphemismus und als rein propagandistisches Schlagwort kritisiert. Von unternehmerischer und wirtschaftsliberaler Seite wurde befürchtet, das Attribut „sozial“ würde Erwartungen wecken, die dem wirtschaftlichen Fortschritt oder der deutschen Wettbewerbsfähigkeit entgegenstünden.Georg Stötzel, Martin Wengeler, Karin Böke: Kontroverse Begriffe: Geschichte des öffentlichen Sprachgebrauchs in der Bundesrepublik Deutschland. De Gruyter, 1995 (Sprache, Politik, Öffentlichkeit. Band 4), ISBN 3-11-014106-X, Stichwort „Soziale Marktwirtschaft“. Ludwig Erhard wurde nach der Bundestagswahl 1949 Wirtschaftsminister im Kabinett Adenauer I. Die Sprachkritik schmälerte nicht den politischen Erfolg des Schlagworts, mit dem vor allem in den 1950er Jahren Wahlkämpfe bestritten und gewonnen wurden. In Westdeutschland war der Begriff während der Ära Adenauer (1949 bis 1966) und während der Ära Kohl (1982 bis 1998) eine Richtschnur der Regierungspolitik.

Übernahme durch die SPD und breite Akzeptanz Die SPD vermied zunächst konsequent die Verwendung dieses Fahnenwortes und propagierte den Konkurrenzbegriff des „demokratischen Sozialismus“. 1949 sprach sie in ihrem Wahlaufruf sogar vom „sinnlosen Wort der sozialen Marktwirtschaft“.Wahlaufruf der SPD zur Bundestagswahl 1949 auf der Website der Friedrich-Ebert-Stiftung. Insbesondere mit dem Godesberger Programm von 1959 übernahm die SPD jedoch zunehmend Elemente der Sozialen Marktwirtschaft. Erst seit den 1990er Jahren verwendet auch die SPD den Ausdruck in ihren programmatischen Schriften.Martin Nonhoff: Hegemonieanalyse: Theorie, Methode und Forschungspraxis. In: Reiner Keller (Hrsg.): Handbuch sozialwissenschaftliche Diskursanalyse 2: Forschungspraxis. Band 2. 3., aktual. und erw. Auflage. VS Verlag, 2008, ISBN 978-3-531-15878-5, S. 327. Auch der Deutsche Gewerkschaftsbund verwendet ihn erst seit seinem Dresdner Grundsatzprogramm von 1996.Im Kapitel Ökonomie, Abschnitt 5. Markt und Staat, Mitbestimmung und Gestaltung heißt es: „Die soziale Marktwirtschaft hat einen hohen materiellen Wohlstand bewirkt. Die soziale Regulierung – vor allem durch die Gewerkschaften – hat gewährleistet, daß breite Bevölkerungsschichten an diesem Wohlstand teilhaben konnten. Aber auch die soziale Marktwirtschaft hat weder Massenarbeitslosigkeit noch Ressourcenverschwendung verhindert; auch sie hat soziale Gerechtigkeit nicht hergestellt.“ Eine positive Bezugnahme auf Soziale Marktwirtschaft ist seitdem über die politischen Grenzen hinweg weit verbreitet.

Bedeutungsspektrum Die breite gesellschaftliche Bezugnahme auf den Begriff Soziale Marktwirtschaft bedeutet jedoch keineswegs, dass sich alle darin einig sind, was unter Sozialer Marktwirtschaft zu verstehen sei.Martin Nonhoff: Politischer Diskurs und Hegemonie: das Projekt „Soziale Marktwirtschaft“. transcript Verlag, 2006, ISBN 3-89942-424-7, S. 10.

Viele wissenschaftliche und politische Publikationen gehen von einer eigentlichen Ursprungsbedeutung aus.Nonhoff, 2006, S. 45 f. Dabei wird oftmals auf die ideengeschichtlichen Ursprünge, die Währungsunion, die politisch/korporatistischen Reaktionen auf den Korea-Boom sowie auf die sozialpolitischen Weichenstellungen der 1950er Jahre Bezug genommen.Nonhoff, 2006, S. 13. Ebenso viele Publikationen gehen von einer Pluralität begründbarer Bedeutungen aus, die parallel und/oder in zeitlicher Abfolge bestehen, ohne dass eine eigentliche Bedeutung auszumachen sei. Zuletzt wird auch die Bewertung als Leerformel ohne eigentliche Bedeutung vertreten.

Autoren wie z. B. Knut Borchardt, Roland Sturm und Martin Nonhoff betonen den offenen, dynamischen Charakter einer Kompromissformel und argumentieren, dass sich „Soziale Marktwirtschaft“ nicht auf eine eigentliche Bedeutung reduzieren lasse. Vielmehr müsse sie als das sich stets weiter entwickelnde Ergebnis eines dynamischen Prozesses gedacht werden.Nonhoff, 2006, S. 46. Aufgrund der Pluralität der Ursprünge – Müller-Armacks ursprüngliche Konzeption in „Wirtschaftslenkung und Marktwirtschaft“, Erhards Vorstellungen und die der CDU in den Düsseldorfer Leitsätzen – sei eine definitive Ursprungsbegründung nicht möglich.Rudolf Walther: Exkurs: „Wirtschaftsliberalismus“ (Art. „Liberalismus“). In: Brunner, Conze, Koselleck: Geschichtliche Grundbegriffe. Band 3, Stuttgart 1982. Die möglichen Vorgänger der Konzeption der Sozialen Marktwirtschaft seien untereinander keineswegs deckungsgleich, sondern „voller Reibungspunkte und formidabler Gegensätze“.Nonhoff, 2006, S. 74. Demnach handele es sich bei „Sozialer Marktwirtschaft“ nicht bloß in ihrer heutigen Form, sondern auch nach ihrer ursprünglichen Interpretation um einen politischen und politisch interpretierten Begriff.Nonhoff, 2006, S. 45 f., 84.