Die Fließwiese Ruhleben ist ein Verlandungsmoor in der Berliner Ortslage Ruhleben im Ortsteil Westend im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf nördlich des Olympiaparks und der Waldbühne.
Das 11,8 Hektar umfassende Feuchtgebiet ist seit 1959 als Naturschutzgebiet ausgewiesen, ferner Schutzgebiet der europäischen Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie und Bestandteil des länderübergreifenden Schutzgebietssystems Natura 2000. Es ist ein Teil der Stauch- und Endmoränenlandschaft der Murellenberge im Nordband des Teltowplateaus und der nördliche Ausläufer des Trockentals Murellenschlucht. Den ehemaligen See prägt ein Bestand an Wasserpflanzen, ein Schwarzerlenbiotop und der Amphibienreichtum – darunter ist insbesondere der streng geschützte Nördliche Kammmolch zu nennen, der der Fließwiese die Meldung als Natura-2000-Gebiet einbrachte. Aufgrund erheblich schwankender Wasserstände veränderte sich die Vegetation in der torfigen Senke immer wieder stark.
Lage Die langgestreckte Senke der Fließwiese weitet sich über rund einen Kilometer in einem leichten Bogen von einer schmalen Spitze unterhalb der Waldbühne von Südwest nach Nord auf, wo sie auf ihrer maximalen Breite von etwa 250 Metern durch den Hempelsteig begrenzt wird. Die Südspitze ist lediglich durch einen Waldweg von der Murellenschlucht getrennt. Auf der Westseite erheben sich die Murellenberge mit dem Friedhof Ruhleben und einem Übungsgelände der Berliner Polizei. Auf der Ostseite liegt die Siedlung Ruhleben und südlich davon der Olympiapark Berlin.
Den südlichen Teil der Ostseite begrenzt ein schmaler, unverbauter und bewaldeter Streifen des Teltownordbandes, der sich entlang des Brombeerweges nach Nordosten zum Naturdenkmal Murellenteich zieht. Die westliche Fortsetzung des Brombeerweges quert als einziger Weg die Fließwiese und schneidet ihren Südzipfel ab. Der Weg steigt auf der Westseite an und geht in den Denkzeichenweg (Denkzeichen zur Erinnerung an die Ermordeten der NS-Militärjustiz am Murellenberg) über, der oberhalb der Südspitze der Fließwiese den Hinrichtungsplatz erreicht und weiter durch die Murellenschlucht zu der Eissporthalle an der Glockenturmstraße führt. Ein weiterer Waldweg begleitet das rundum eingezäunte Naturschutzgebiet auf seinen beiden Längsseiten.
Geologie und Naturraum Die Fließwiese Ruhleben ist eine Schmelzwasserrinne der Weichseleiszeit und hat sich aus einem See zu einem Verlandungsmoor entwickelt.Naturschutz- und NATURA 2000-Gebiet Fließwiese Ruhleben. In: Senatsverwaltung […] (siehe Literatur) Sie bildet die nördliche Fortsetzung des Trockentals Murellenschlucht, einer ehemaligen Toteisrinne, die sich bis zu 30 Meter in die bis zu 62 Meter hohe Hügellandschaft der Murellenberge und des Schanzenwalds einschneidet. Geologisch gehören die Murellenberge zur Nordkante des Teltow, der nach Westen in der Havelniederung und nach Norden in dem Berliner Urstromtal, das heute von der Spree durchflossen wird, ausläuft. Einige Kilometer weiter nordöstlich im Bereich des heutigen Ruhwaldparks reicht das Teltownordband bis auf wenige Meter an die Spree heran. Im Bereich der Murellenberge haben die Gletscher die Schmelzwassersande aus der Vorstoßphase des Inlandeises kräftig gestaucht (gestört), sodass hier ein bewegtes Relief einer Stauch-/Endmoräne das Landschaftsbild bestimmt. Der nordwestliche Teil des Schanzenwalds gehört bereits zum Talsandbereich der Spreeniederung im Urstromtal.Naturschutzgebiet Murellenschlucht und Schanzenwald. In: Senatsverwaltung für Stadtentwicklung Berlin: natürlich Berlin! Naturschutz- und NATURA 2000-Gebiete in Berlin. Verlag Natur & Text, Berlin 2007, S. 120–123, ISBN 978-3-9810058-3-7. Die Fließwiese wird in der Naturraumeinheit D 12a (Ostdeutsches Tiefland, Mittelbrandenburgische Platten und Niederungen)Naturräumliche Gliederungsübersicht Deutschlands mit Haupteinheiten (altes und neues System) dem Brandenburg-Potsdamer Havelgebiet (Nr. 812) zugeordnet. (PDF; 110 kB) Redaktion: Ulrike Kielhorn & Manfred Schubert, Herausgeber: Berliner Landesarbeitsgemeinschaft Naturschutz e. V., Berlin 2000, S. 21. Der Zusammenhang des eiszeitlich geprägten Naturraums und seine Anbindung an den Grunewald und die Tiefwerder Wiesen ging durch den Stadtbau weitgehend verloren.
→ Siehe Hauptartikel: Murellenberge, Murellenschlucht und Schanzenwald
Entwicklung der Wasserstände und Flora mini|links|Die Fließwiese, nordöstlich der Morellenberge (heute: Murellenberge), mit ihrem Entwässerungsgraben zum ehemaligen Elsgraben auf einer Karte von 1842 (Ausschnitt)
Aus der Vertorfung von Seggen und Torfmoosen entwickelte sich der ehemalige See zum Verlandungsmoor. Zur Melioration wurde im 19. Jahrhundert in der Mitte der Fließwiese ein Längsgraben angelegt, der zum Elsgraben führte. Der bis 1886 schiffbare Elsgraben aus dem Jahr 1832 begrenzte das Feuchtgebiet im Norden und sollte Spandau bei Hochwasser schützen, indem er das Wasser der Spree bereits vor der Stadt zur Havel leitete. Zu dieser Zeit wurde der nördliche Teil des Verlandungsmoors als Wiese genutzt, während den höher gelegenen Südteil bis heute ein Bruchwald bestimmt.Fließwiese Ruhleben. In: Der Senator für Stadtentwicklung […] (siehe Literatur) Die Entwässerung ist seit der Zuschüttung des Elsgrabens und der Aufschüttung des Hempelsteigs im Jahr 1936 mit dem Aushub aus der Waldbühne unterbrochen. Bis in die 1950er Jahre wurde die zu dieser Zeit blumenreiche Feuchtwiese noch zum Teil landwirtschaftlich genutzt. In der Nordostecke bestand ein kleines Gehöft mit Obstbäumen, Gemüseäckern und einer Viehweide. Ziegenhalter gewannen Heu und Gras und die Anwohner nutzten die Bäume des Erlenbruchs als Brennholz.Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf Kiezspaziergang am 11. Mai 2002 mit Sozial- und Umweltstadträtin Martina Schmiedhofer: Vom S-Bhf Pichelsberg durch die Murellenschlucht bis zum U-Bhf Ruhleben Der Viehweide schloss sich ein weites Flachmoor mit geschlossenen Schilf- und Rohrkolbenbeständen an, das von einem Erlenbruch umgeben war.
In den folgenden Jahrzehnten veränderte sich der Wasserstand der Senke mehrfach. Zeitweise drohte nach einer Grundwasserabsenkung die Austrocknung und der zentrale Röhricht- und Moorbereich war in den 1970er Jahren großflächig von einem Birken- und Grauweidengebüsch überwachsen. In einer ausgeprägten Krautschicht dominierte Lanzettliches Reitgras, ergänzt von Sumpf-Blutauge, Sumpf-Haarstrang, Gilbweiderich, Blutweiderich, Moor-Labkraut und an offenen Stellen Land-Reitgras. Der Erlenbruch im Südteil war zu dieser Zeit von einer dichten Holunder-Strauchschicht unterwachsen. Gemeinsam mit Brombeeren, Kratzbeeren, Hopfen, Brennnesseln, Knoten-Braunwurz, Kleinem Springkraut und Frauenfarn bildete der Holunder eine fast undurchdringliche Strauch- und Krautschicht. Den Boden überzog eine fast geschlossene Moosdecke aus Katharinenmoos und Gewöhnlichem Sternmoos. Auf offenes Gelände angewiesene Vögel wie Rohrsänger, Grasmücke und Neuntöter verschwanden in diesen Jahren. Durch Rodung wurde 1976 versucht, den offenen Charakter der Fließwiese wiederherzustellen. Ende der 1980er Jahre hingegen stand das Wasser rund einen Meter über Flur und das Gebiet glich einem See. Seit 1994 ist der Röhrichtbereich fast ganzjährig überstaut. In diesem Jahr hatte das Wasserwerk Tiefwerder die Grundwasserentnahme verringert, sodass sich die oberen Grundwasserstockwerke auffüllten. Die insbesondere im Frühjahr anhaltend hohen Wasserstände führten zu einem Absterben fast aller Bäume im inneren Bereich.
Während des Frühjahrs sind seither weite Teile der Wiese überschwemmt und der Wasserstand reicht beidseitig bis an den Querweg heran. Im Sommer und Herbst stehen in den meisten Jahren nur kleinere Flächen im Norden unter Wasser.NSG und NATURA 2000-Gebiet Fließwiese Ruhleben. Senatsverwaltung für Stadtentwicklung Natura 2000 kennzeichnet die Fließwiese als subneutrales (= pH-Wert zwischen 4,8 und 6,4), meso- bis eutrophes Verlandungsmoor mit großer Bedeutung für die Amphibienfauna und als Landlebensraum für hydrophile Arten.Natura 2000 FFH-Gebiete in Deutschland („Fließwiese Ruhleben“ in die Suchmaske geben)
Flora und Fauna mini|Gehölze und Röhricht im zentralen Nordteil bei hohem Wasserstand im April 2009 mini|Blühende Wasserminze
Die Beschreibung der Flora und Fauna der Fließwiese, die zu den artenreichsten Gebieten Berlins zählt, bezieht sich auf den Bestand der 2000er Jahre.
Pflanzen und Pflanzengesellschaften Die umgebenden Hänge der Murellenberge und des Teltownordbandes nehmen Kiefern- und Eichen ein, darunter einige an die 300 Jahre alte Exemplare. An einigen Stellen, insbesondere in der Nähe des Friedhofs Ruhleben, lockern in Berlin sehr selten gewordene trockenwarme Biotope mit Sandtrockenrasen den Wald auf.
Zentraler Nordteil Der Nordteil der Fließwiese, der rund 80 Prozent der Gesamtfläche einnimmt, ist in seinem Zentrum von Röhricht bestanden. Den Bestand dominiert Gemeines Schilf, vereinzelt unterbrochen von Breitblättrigem Rohrkolben, Wasser-Schwaden und Sumpf-Seggen. Ein unterschiedlich breiter Bruchwald aus Schwarz-Erlen umgibt die zentrale Fläche, dem punktuell Grauweidengebüsche, Schilfrohr sowie Sumpf- und Ufer-Seggen vorgelagert sind. Blutweiderich, der giftige Bittersüße Nachtschatten, Rotes Straußgras, Sumpffarn, Flatter-Binse und die nach der Bundesartenschutzverordnung als besonders geschützt eingestufte Sumpf-Schwertlilie bestimmen die Zonen zum Ufer hin. Im Sommer bedeckt die Kleine Wasserlinse mit ihren lediglich drei Millimeter großen und länglich-ovalen Schwimmblättern die verbliebene Wasserfläche wie einen schwimmenden Teppich.
Bruchwald im Südteil In diesem Teil der Fließwiese, den der Querweg vom zentralen Gebiet trennt, bestimmt ein kleinflächiger Traubenkirschen-Eschenwald den Uferrand. Der Bruchwald aus Schwarz-Erle und Gemeiner Esche genießt als bedrohtes Biotop besonderen Schutz. Die gut ausgebildete Krautschicht des nährstoffreichen Gebietes bilden aus der Familie der Süßgräser der bis zu zwei Meter hohe Riesen-Schwingel, Sumpf-Rispengras und die wintergrüne Rasen-Schmiele, die an Gewässerufern die Verlandungsprozesse fördert. Gelbblühende Echte Nelkenwurz aus der Familie der Rosengewächse, Zaunwinde, Sumpf-Segge, Große Brennnessel und Hopfen ergänzen die Krautschicht. Hinzu kommen drei Arzneipflanzen: das Pfennigkraut, das in mittelalterlichen Bauerngärten als Hustenmittel angepflanzt wurde; aus der Familie der Lippenblütler die Wasserminze, die im Mittelalter Verwendung gegen das Seitenstechen fand; und aus der gleichen Familie der Ufer-Wolfstrapp, dessen kurz vor der Blüte geerntete oberirdische Pflanzenteile zu Fertigpräparaten verarbeitet und noch heute bei einer Schilddrüsenüberfunktion gegen deren Begleiterscheinungen wie Nervosität und Herzrasen eingesetzt werden.Die Bestandsangaben sind entnommen: Naturschutz- und NATURA-2000 Gebiet Fließwiese Ruhleben. In: Senatsverwaltung […] (siehe Literatur); die Pflanzenbeschreibungen stammen aus den jeweiligen Wikipedia-Artikeln.
Tiere Große Bedeutung hat die Fließwiese Ruhleben als Laichgewässer von sieben Amphibienarten, die in ihrer Umgebung leben.
Amphibien mini|Männchen des Nördlichen Kammmolchs in Wassertracht mini|Knoblauchkröte mini|Adulte Teichralle